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Konzert in der Jahrhunderthalle       

Orchesterwerke von György Ligeti und  Dmitri Schostakowitsch


9. September 2012
Jahrhunderthalle Bochum        


Logo: Ruhrtriennale 2012

Orchesterwerke der Moderne    

von Ursula Decker-Bönniger



Ruhrtriennale, Halle 3 der Bochumer Jahrhunderthalle. Das war in diesem Jahr 2012 Anlass für Steven Sloane und die Bochumer Symphoniker, in einer großartigen Interpretation zwei eher selten zu hörende Werke der Moderne gegenüberzustellen: Atmosphères, György Ligetis 1961 komponiertes Werk für Orchester und die 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch.

"Alles steht ja völlig still; während der zu einer Ewigkeit zerdehnten neun Minuten, die das Stück dauert, geschieht überhaupt nichts." Zu dieser Negativkritik seines Werkes Atmosphères in einer deutschen Tageszeitung soll Ligeti bemerkt haben, dieser Kritiker habe als Einziger erfasst, was er tatsächlich komponiert habe.
Heute schockiert diese Musik Niemanden mehr. Im Gegenteil. Wir empfinden reduzierte Kompositionsmittel als schön und haben gelernt, unsere Wahrnehmung ganz auf die kleinsten Veränderungen und klangfarblichen Kreationen zu konzentrieren.

Ligeti, der 1956 seine Heimat Ungarn verließ und mit Karl-Heinz Stockhausen zunächst elektronische Werke komponierte, schrieb Atmosphères für traditionelles, großes Orchester ohne Schlagzeug. Stattdessen werden die Saiten eines Klaviers von zwei Schlagzeugern weich und ohne Ansatzgeräusche mit Jazzbesen, Tüchern oder Bürsten bespielt. Die Bläser- und Streicherstimmen des Riesenorchesters sind geteilt, sodass bis zu 70 Systeme übereinander notiert sind. Takte dienen der synchronen, nicht der Abstimmung. Dieses Werk kennt keinen Rhythmus und keine Melodie.
Steven Sloane, der sich im Ruhrhauptstadtjahr 2010 und während des jährlichen Festivals der Ruhrtriennale als Interpret Neuer Musik einen Namen gemacht hat, übernimmt die zeitliche Koordination und Austarierung der Klangfarbenabschnitte ohne Taktstock. Nie wird es laut. Sloane entfaltet die  akzentlosen Clusterflächen und transparenten Klangfarbenfluktuationen ganz aus dem Piano-Pianissimo heraus, sodass die verschiedenen Abschnitte fast unhörbar ineinander übergleiten. Während die Einen ein Crescendo gestalten, spielen Andere zur selben Zeit ein Decrescendo, ein Forte oder ein Pianissimo. Alles verschmilzt zu einer Art Raummusik, einem stehenden und zugleich wunderbar leicht hin und her bewegten Klangbild, das in Nichts auflöste.

Anschließend folgte Dmitri Schostakowitschs 7. Sinfonie. Anders als György Ligeti lehnte der sowjetische Komponist die ästhetische Grundhaltung der absoluten Musik ab. Er wollte seine Musik nicht nur als reine Darstellung musikalischer Gesetze und Schönheit verstanden wissen, sondern betonte immer wieder, wie wichtig ihm der menschliche, expressive Gehalt von Musik sei.
Die Leningrader ist aufgrund ihrer Rezeption, ihrer Entstehungszusammenhänge und nicht zuletzt aufgrund der ostinaten Trommelwirbel und des elfmal wiederholten Themas im 1. Satz - Schostakowitsch selbst nannte den Variationsabschnitt die Invasion - zum Symbol des Widerstandes geworden. Entstanden 1941 im von deutschen Soldaten eingeschlossenen und unter ständigem Beschuss liegenden Leningrad, wurde die Sinfonie in Kuibyschew vollendet und dort im März 1942 uraufgeführt - Schostakowitsch war im Oktober 1941 nach Kuibyschew evakuiert worden. Im selben Jahr wurde die Sinfonie nicht nur überall wo möglich in der damaligen Sowjetunion aufgeführt, sondern auch im verbündeten Westen, also England und den USA von namhaften Dirigenten als Kriegssymphonie aufgeführt.
Zugleich zogen Vertreter der Ästhetik des sozialen Realismus 1948 Schostakowitschs patriotische Haltung in Zweifel und nutzen vor allem besagten Formabschnitt für die Kampagnen gegen die Neue Musik.

Sloane präsentiert die Sinfonie mäßig schnell, sachlich, rückt die Struktur, die lyrischen, folkloristischen und rhythmischen Abschnitte des Werkes transparent in den Vordergrund. Selbst Fortissimo-Stellen klingen verhalten. Die Instrumentengruppen des im Vergleich zu Ligeti noch größer gewordenen Orchesterapparates der Bochumer Symphoniker spielen fantastisch homogen. Hinzu kommt eine transparente, metrisch-rhythmische Präzision vor allem in besagtem Formabschnitt, sodass sich wie von Geisterhand - wie bei Ravels Bolero - ein langsames, stufenloses Crescendo aufbaut und die facettenreiche Instrumentation der elfmaligen Wiederholung des Themas sowie die kontrastierenden Gegenstimmen ihre Wirkung voll entfalten.
Ein fantastischer Abend, für den sich die vollbesetzte Halle mit viel Applaus bedankte.








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Die Bochumer Symphoniker

Steven Sloane    
Dirigent




György Ligeti
Atmosphères für Orchester

Dmitri Schostakowitsch
Symphonie Nr. 7 C-Dur op. 60
Leningrader Symphonie

I.   Allegretto
II.  Moderato (poco allegretto)
III. Adagio
iV.  Allegro non troppo






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