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enfant

Tanzstück für 9 Tänzer, 3 Maschinen und 17 Kinder von Boris Charmatz / Musée de la danse

Aufführungsdauer: ca. 1h 10' (keine Pause)

Uraufführung: Festival d'Avignon 2011
Premiere in der Jahrhunderthalle Bochum am 18. August 2012
(rezensierte Aufführung: 19. August 2012)

Logo: Ruhrtriennale 2012

Kind und Maschine

von Stefan Schmöe

Eine Maschine, eine Art Kran, steht auf der Bühne und holt ein Seil ein, das dabei krachend aus seinen Verankerungen heraus gerissen wird. Mehrere regungslose Körper liegen herum, im Dunkel zunächst kaum zu erkennen. Einer der Körper ist an das Seil gebunden, wird irgendwann in die Höhe gezogen. Ein zweiter Körper an einem anderen Seil folgt später. Eine weitere Maschine wickelt eine Art Teppich auf, auch darauf liegt ein Körper, folgt den Bewegungen des Untergrunds, rollt wieder zurück. Man sieht nicht, wie die Maschinen gesteuert werden; sie arbeiten aber offenbar sehr präzise. Eine dritte Maschine ist rüttelndes Podest, auf das Körper abgelegt werden, sich in Ansätzen auch erheben (und kräftig durchgeschüttelt werden).


Vergrößerung in neuem Fenster Foto © Ariette Armella / Ruhrtriennale, 2012

Natürlich bleibt nicht aus, dass man bei diesen Bildern Leichen assoziiert (und solche Momente des Erschreckens durchziehen das gesamte etwa 70minütige Stück), vielmehr aber wirken die Tänzer wie Schlafende, auch wie sehr elastische Puppen, deren Glieder den von außen determinierten Bewegungen folgen – und in diesem Zustand der Bewegungslosigkeit recht agil wirken. Schlaf, Regungslosigkeit, damit auch mechanische, von außen (oder vom Unterbewusstsein?) gesteuerte Bewegungsabläufe, das ist ein Thema, mit dem sich der 1973 geborene französische Choreograph Boris Charmatz in diesem Stück (das 2011 beim Festival d'Avignon uraufgeführt wurde) beschäftigt. Musik braucht er dazu nicht; selbst der Dudelsack, mit dem die zweite Hälfte unterlegt ist, hat mehr geräuschhafte als melodische Qualitäten. Der von der Maschine gesteuerte und bestimmte Mensch - das bekommt im Ambiente der Bochumer Industriekultur natürlich einen anderen (oder einen zusätzlichen) Kontext als bei der Uraufführung vor dem mittelaterlichen Papstpalast in Avignon, passt daher nicht schlecht in das Profil der Ruhrtriennale, sollte aber auch nicht überbewertet werden. Es sind nicht Maschinen, wie sie einst Charlie Chaplin in Modern Times zerrädert haben (wobei man natürlich auch das mitdenken darf), sondern durchaus spielerische Apparate, bei denen nicht die Funktion (die sie ja im eigentlichen Sinn nicht haben) sondern die Möglichkeit von Bewegung im Vordergrund steht..


Vergrößerung in neuem Fenster Foto © Ariette Armella / Ruhrtriennale, 2012

Ist die beschriebene erste Szene aus Enfant („Kind“) eine Fortführung einer älteren Arbeit (dem „Maschinenstück“ régi von 2005), so liefert das zweite große Bild die entscheidende Variation: Die eben noch von den Maschinen gesteuerten Tänzerinnen und Tänzer tragen schlafende Kinder herein – und übernehmen nun die Rolle der Maschinen. Die Kinder werden getragen, durchaus fürsorglich, dann aber auch geworfen, herumgeschleudert, gezogen. Wie fast immer im Tanz geht es auch hier um Machtverhältnisse, und die Abläufe bewegen sich in einem Grenzbereich zwischen Zärtlichkeit, Spiel und Gewalt. Dabei bleibt Charmatz auf einer abstrakten Ebene, die kleinen Szenen (die parallel ablaufen) sind wie mitunter recht derbes Herumtollen, haben aber bestenfalls ansatzweise ein erzählendes Moment. Es gibt innerhalb der Szenen kaum Entwicklung – und wenn, dann wandelt sich die gesamte Atmosphäre. Schon gar nicht führt Charmatz sexuelle Übergriffe oder Pädophilie vor. Alle Tänzer (und auch die Kinder, etwa zwischen 6 und 9 Jahren alt und somit noch vorpubertär) tragen schwarze Hemden, schwarze Hosen, schwarze Schuhe – die Geschlechterzuordnung geht ein Stück weit verloren. Später ziehen sie sich einzelne Kleidungsteile aus. Natürlich stellen sich auch hier zwangsläufig die entsprechenden Assoziationen an Kindesmissbrauch, an Gewalt gegen Kinder ein; die Stärke von Enfant liegt darin, dass dieser Assoziationsraum mitgedacht, aber sehr offen ist.


Vergrößerung in neuem Fenster Foto © Ariette Armella / Ruhrtriennale, 2012

Im dritten Bild, dem mit Abstand kürzesten, drehen sich die Machtverhältnisse um: Die Kinder werden zu Akteuren, die Erwachsenen wechseln in den passiven Zustand. Eine bitterböse Schlusspointe – und eine apokalyptische Vision eines unendlichen Kreislaufs von Gewalt und Macht? Aufschlussreich war das Publikumsgespräch mit dem Choreographen im Anschluss an die Aufführung. Geplant war dieses Finale nämlich nicht, vielmehr haben die beteiligten Kinder während der Proben angefangen, die Rollen der Tänzer auszuprobieren. Charmatz hat wohl auch intuitiv erkannt, dass sich daraus ein starker formaler Schluss ergibt. Vielleicht sollte man dieses Ende weniger als chronologische Fortführung – die Kinder von heute als gewaltbereite Erwachsene von Morgen – sehen als vielmehr als Möglichkeit des Rollen- und Perspektivwechsels.


Vergrößerung in neuem Fenster Foto © Boris Brussey

Man spürt, dass mit Enfant nicht einfach ein „fertiges“ Kunstwerk von einem Festival zum nächsten importiert wird, sondern das die Arbeit gerade mit Kindern (die nur bedingt Rollen übernehmen, aber eben auch „Kind“ bleiben dürfen) bei aller Professionalität ein nicht abgeschlossener Prozess ist und das eben dieses Prozesshafte, nicht zuletzt das permanent und unbedingt erforderliche Vertrauen in den anderen, Teil der Choreographie ist. Seit 2009 leitet Boris Charmatz das „Centre choréografique national de Rennes et de Bretagne“, das er zu einem „Musée de la danse“, also zu einem Museum des Tanzes ausgebaut hat – ein offensichtlich sehr lebendiges Museum, von dessen Arbeitsatmosphäre einiges in enfant mitschwingt. Parallel veranstaltet Charmatz im Rahmen der Ruhrtriennale einen Workshop für Kinder (ganz konsequent zum Thema „Bewegungslosigkeit“), und auch im Publikum dieser (keineswegs leicht zu konsumierenden) Aufführung waren auffallend viele Kinder. Das ist in der Summe sehr herausforderndes junges Theater, mit dem sich die Ruhrtriennale da schmücken darf.


FAZIT

Starkes Gastspiel am Startwochenende dieser Triennale: Enfant ist ein faszinierendes und vielschichtiges Stück, das viele (auch sehr unterschiedliche) Assoziationen zulässt und nachwirkt.




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Produktionsteam

Choreographie
Boris Charmatz

Maschinen
Artefakt

Maschinen
Frédéric Vannieuwenhuyse

Maschinen
Alexandre Diaz

Licht
Yves Godin

Sound
Olivier Renouf

Assistenz
Julien Jeanne

Dudelsack
Erwan Keravec



Tänzer

Eleanor Bauer
Nuno Bizarro
Matthieu Burner
Olga Dukhovnaya
Julien Gallée-Ferré
Lénio Kaklea
Maud Le Pladec
Thierry Micouin
Mani A. Mungai

17 Kinder aus Rennes/Frankreich




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