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35. Händel-Festspiele
17.02.2012 - 26.02.2012

Giove in Argo

Opern-Pasticcio in drei Akten
Libretto nach Antonio Maria Lucchini
Musik von Georg Friedrich Händel

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 10' (eine Pause)

Konzertante Aufführung im Großen Haus des Badischen Staatstheaters am 25. Februar 2012

 

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Mythen- und Arien-Mix im Schäfer-Idyll

Von Thomas Molke


Im Barockzeitalter gab es kein Urheberrecht. So konnte man problemlos Arien anderer Komponisten für eigene Stücke verwenden. Diese weit verbreitete Praxis war aber nicht dem mangelnden Ideenreichtum zahlreicher Komponisten, sondern vielmehr dem Zeitdruck geschuldet, unter dem neue Werke entstehen mussten. Ähnlich muss es Georg Friedrich Händel ergangen sein, als er Ende der 30er Jahre in London kurzfristig eine Oper für drei Sopranistinnen komponieren sollte. Er erinnerte sich an eine Oper von Antonio Lotti, die er 1719 in Dresden gesehen hatte und deren Partitur er genauso im Gepäck nach London mitgenommen hatte wie den damaligen Starkastraten Senesino. Da er mangels Zeit keine neue Oper auf das Libretto von Antonio Maria Lucchini komponieren konnte, griff er einfach auf Arien seiner Opernproduktionen der letzten Jahre zurück, fügte auch noch zwei Arien des heute in Vergessenheit geratenen Francesco Araja ein, komponierte kurzerhand fünf neue Arien, die wahrscheinlich genau auf die damaligen Interpretinnen zugeschnitten waren, ergänzte neue Rezitative und fertig war das Opern-Pasticcio Giove in Argo.

Die Handlung erfüllt alle Klischees einer typischen Barockoper und vermengt mehrere antike Mythen. Iside ist nach dem Tod ihres Vaters Inachus, des Königs von Argos, aus Ägypten in die Heimat zurückgekehrt, um den Mörder ihres Vaters, Licaone, zu suchen. Jupiter verliebt sich in sie und naht ihr in der Gestalt des Schäfers Arete. Um sie verführen zu können, verspricht er ihr, Licaone zu töten. Kurz darauf trifft er jedoch auf Calisto, Licaones Tochter, die ebenfalls auf der Suche nach ihrem Vater ist und von Diana in den Kreis ihrer Nymphen aufgenommen wurde. Auch sie wird von dem Schäfer Arete heftig umworben, was bei Iside große Eifersucht hervorruft. Um die Verwirrung perfekt zu machen, taucht auch noch Osiris als Schäfer Erasto auf, um seine Geliebte Iside zu suchen. So kommt es zum Zerwürfnis zwischen Erasto und Iside, weil er der Geliebten Untreue vorwirft, und Calisto wird von Diana zum Tod verurteilt, weil die Göttin glaubt, dass die Nymphe ihr Keuschheitsgelübde gebrochen habe. Erst als Iside fast von einem Bären getötet wird, den Erasto erschlägt, und sie anschließend mit einem Pfeil den Mörder ihres Vaters, Licaone, tötet, greift Jupiter ein und gelobt Diana und Erasto, dass weder Calisto noch Iside ihre Unschuld verloren hätten und er sich mit beiden nur einen harmlosen Flirt erlaubt habe. So wird Calisto wieder in den Kreis der Nymphen aufgenommen, und Iside kann mit Osiris glücklich werden.

Neben den anspruchsvollen Solopartien weist die Oper auch zahlreiche Chorpassagen auf. Zur Zeit der Entstehung hatte nämlich bereits das Interesse an italienischer Oper in London etwas nachgelassen, so dass Händel mit seinen Oratorien hier mittlerweile größere Erfolge feiern konnte. Folglich fügte er die Chöre in die neue Oper ein, um zum einen das Interesse bei den Anhängern seiner Oratorien zu wecken und zum anderen seine Konkurrenz auszustechen. Das Vokalensemble Rastatt unter der Leitung von Holger Speck präsentiert sich in diesen Chorpassagen mit einem kräftigen homogenen Klang. Besonders eindrucksvoll gelingt der Abschluss des zweiten Aktes, in dem der Chor verkündet, dass Leben nicht ohne Liebe, Lieben nicht ohne Sehnsucht, Sehnsucht nicht ohne Leiden möglich ist. Drei Sopranistinnen und drei Countertenöre entwickeln sich in dieser Passage vom Sologesang zu einem wunderschönen Sextett, in das dann der komplette Chor mit einstimmt. Auch das Schäfer-Idyll in Arkadien wird vom Vokalensemble im Gesang deutlich versinnbildlicht.

Die größten Anforderungen stellt die Partitur an die drei Sopranistinnen, für die Händel das Werk komponiert hat. Ensemblemitglied Ina Schlingensiepen, die wohl kurzfristig für Stefania Dovhan die Partie der Diana übernommen hat, stattet die Göttin der Jagd mit warmem Sopran und sauberen Bögen in den Koloraturen aus. Die Beweglichkeit ihrer Stimme zeigt sich vor allem in ihrer Auftrittsarie im ersten Akt, wenn sie ihre Nymphen zur Jagd auf die Bestien und zum Kampf gegen die Liebe aufruft, und im zweiten Akt, wenn sie Calisto das Keuschheitsgelübde abnimmt. Warum die im Libretto abgedruckte Rachearie im dritten Akt weggelassen wird, in der sie der in Ungnade gefallenen Calisto die baldige Bestrafung androht, bleibt unklar.

Für die Partie der Iside konnte die Mezzosopranistin Amira Elmadfa vom Theater Kiel gewonnen werden. Elmadfa überzeugt mit warmer und weicher Tiefe. Dass sie mit ihrem Mezzo auch problemlos in dramatische Höhen aufsteigen kann, beweist sie vor allem im ersten Akt in der Arie "Taci e spera", in der sie Arete klarmacht, dass er erst sein Versprechen einhalten und Licaone töten müsse, bevor er sich weitere Hoffnungen bei ihr machen könne. Auch den Wahnsinn, dem Iside verfällt, interpretiert Elmadfa mit dramatischen Höhen.

Keine Unbekannte bei den Händel-Festspielen ist Kirsten Blaise, die bereits 2009 in Radamisto das Publikum begeisterte. Trotz konzertanter Aufführung bemüht sich Blaise, ihrem Gesang auch eine darstellerische Note zu geben. So spielt sie in ihrer ersten Arie Calistos Verzweiflung sehr innig und gestaltet die Partie mit hellem, fast zerbrechlich wirkendem Sopran. Große Begeisterung ruft ihre aus der Oper Alcina entnommene Arie "Tornami vagheggiar" im zweiten Akt hervor, in der sie Diana ihre Treue schwört. Mit scheinbarer Leichtigkeit bewegt sie sich durch die halsbrecherischen Koloraturen und lässt das Publikum regelrecht den Atem anhalten. Großartig gelingen ihr auch die zahlreichen Koloraturen und Verzierungen in der Gleichnisarie im dritten Akt, in der sich Calisto mit einem Schiff vergleicht, das verzweifelt versucht, im Sturm das Ufer zu erreichen.

Markus Brutscher glänzt als Arete mit kräftigem, beweglichem Tenor. So wirkt er glaubhaft, wenn er im ersten Akt seinen Nebenbuhler Erasto verspottet und ihm erklärt, dass Frauen nicht treu sein können. Im Flirt mit den beiden angebeteten Frauen bewegt er sich in Schwindel erregenden Läufen, die er sauber aussingt. Armin Kolarczyk hält als Erasto mit einem durchschlagenden Bariton dagegen, der zeigt, dass Osiris wesentlich bodenständiger als Jupiter ist. Wie wütend er werden kann, zeigt er vor allem im zweiten Akt, wenn er die der Untreue bezichtigte Iside mit drohender dunkler Stimmfärbung verflucht. Markus Flaig hat als Licaone leider nur eine Arie ganz zu Beginn der Oper, die er mit weichem Bass schon beinahe zu brav singt, so dass die Schwärze des Charakters nicht richtig herauskommt. In den folgenden Rezitativen gelingt es ihm aber, die Grausamkeit des Tyrannen in der Intonation herauszuarbeiten.

So gibt es lang anhaltenden Applaus für alle Beteiligten.

FAZIT

Musikalisch ist das Werk nahezu ein "Best Of" verschiedener Händel-Opern. Da es szenisch völlig verworren ist, scheint die konzertante Aufführung wohl die sinnvollste zu sein, weil man sich dann ganz und gar der Schönheit der Musik hingeben kann.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Holger Speck



Vocalensemble Rastatt

Deutsche Händel-Solisten


Solisten

Iside
Amira Elmadfa

Calisto
Kirsten Blaise

Diana
Ina Schlingensiepen

Arete
Markus Brutscher

Erasto
Armin Kolarczyk

Licaone
Markus Flaig


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