Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Innsbrucker Festwochen der Alten Musik
08.08.2012 - 26.08.2012


La
Dirindina

Farsetta per musica in zwei Teilen
nach einem Libretto von Girolamo Gigli
Musik von Domenico Scarlatti

In italienischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 1 h 50' (eine Pause)

Premiere im Spanischen Saal im Schloss Ambras am 11. August 2012




Homepage

Satire über das Sängerleben

Von Thomas Molke / Fotos von Martin Vandory ( Innsbrucker Festwochen)


Zum  mittlerweile dritten Mal inszeniert der Operndirektor der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Christoph von Bernuth, im Spanischen Saal im Schloss Ambras ein Intermezzo, das zwar wegen eines fehlenden Bühnenbildes als halbszenische Aufführung ausgewiesen wird, einer vollwertigen szenischen Produktion jedoch eigentlich gleichzusetzen ist. In diesem Jahr ist die Wahl auf Domenico Scarlattis La Dirindina gefallen, eine Farsetta, die 1715 ursprünglich als Intermezzo zur Opera seria Ambleto geplant war, jedoch aufgrund der Intervention des zur damaligen Zeit recht einflussreichen Kastraten Francesco de Castris, der in dieser Farsetta seinen Berufsstand verunglimpft sah, von der Zensur verboten und durch ein harmloses Schäferspiel ersetzt wurde, was allerdings erst recht einen Theaterskandal heraufbeschwor, weil das Publikum das im Programmheft noch ausgewiesene Intermezzo einforderte. Der Librettist Girolami Gigli erwies sich in dieser Situation als sehr geschäftstüchtig, da er kurzerhand 500 Libretti des abgesetzten Stückes drucken ließ, die im Handumdrehen verkauft werden konnten.

Bild zum Vergrößern

Liscione (David Hansen) bei seiner Auftrittsarie

Dirindina ist eine junge, nicht gerade begabte Sängerin, die bei dem wesentlich älteren Musiklehrer Don Carissimo Gesangsunterricht nimmt. Während Don Carissimo nicht nur an Dirindinas stimmlicher Ausbildung interessiert ist, schwärmt diese eher für Liscione, einen erfolgreichen Kastraten, der an einem Liebesabenteuer mit der hübschen jungen Frau durchaus interessiert ist und ihr deshalb verspricht, sie auch mit mangelndem musikalischen Talent an die Oper nach Mailand zu bringen, da ihr bezauberndes Aussehen schon einen Erfolg auf der Bühne garantieren werde. Als Liscione mit ihr eine Szene der verlassenen Dido probt, in der diese beklagt, dass Aeneas sie "in guter Hoffnung" verlassen habe, und sie deshalb ihren einzigen Ausweg im Selbstmord sieht, hält Don Carissimo das Spiel für echt, glaubt, dass Liscione die junge Frau geschwängert habe, und versucht deshalb, die beiden gegen ihren Willen zu vermählen.

Bild zum Vergrößern

Die Mama Dirindona (Alessandro Baudino, links) ist immer dabei, wenn Dirindina (Marie-Sophie Pollak, Mitte) mit Don Carissimo (Stefano di Donato) übt.

Da das Intermezzo für einen eigenständigen Opernabend etwas kurz wäre, wurde für jeden Sänger eine weitere Bravourarie eingefügt, die die einzelnen Figuren jeweils recht treffend charakterisiert. So beginnt der Abend mit der Arie "Son qual nave che agitata", die Riccardo Broschi für seinen Bruder, den berühmten Kastraten Farinelli, in seine Oper Artaserse einfügte und die nach heutiger Auffassung den Beginn der unvergleichlichen Karriere des Starkastraten markierte. David Hansen nutzt als Liscione diese Arie, um zum einen in den halsbrecherischen Koloraturen die absolute Beweglichkeit seines einem Sopran in keiner Weise nachstehenden Countertenors unter Beweis zu stellen, zum anderen aber auch mit intensivem Spiel die Arroganz und Selbstverliebtheit des Kastraten zu persiflieren, indem er mit übertriebenen theatralischen Gesten den affektgeladenen Gesang karikiert oder ständig um seine äußere Erscheinung besorgt ist, wenn er permanent an seinem goldenen Helm mit dem schwarzen Federbusch herumspielt. Auch demonstriert er seine Überlegenheit gegenüber Don Carissimo, indem er, während dieser versucht, ihn als Dirigent zu leiten, klar macht, dass er weder von der Seite auftritt, auf der Carissimo ihn vermutet, noch in irgendeiner Weise den Anforderungen des Lehrers folgt. Auch das Duell mit dem Cembalo um die richtigen Melodiebögen entwickelt sich zu einem komischen Höhepunkt direkt zu Beginn des Abends.

Bild zum Vergrößern

Don Carissimo (Stefano di Donato) möchte mit Dirindina (Marie-Sophie Pollak) eigentlich etwas ganz anderes als Tonleitern üben.

Es folgen aus Charles Avisons Concerto Nr. 5 d-Moll nach einer Cembalo-Sonate von Domenico Scarlatti das Largo und Allegro, zu denen Stefano di Donato als Don Carissimo in eindrucksvollem Spiel seiner Verzweiflung darüber freien Lauf lässt, dass er dem Kastraten unterlegen ist, wo er doch seine eigene Gesangskunst für die wesentlich bessere hält. Dass er vergangenen Zeiten nachtrauert, macht er mit dem im Anschluss folgenden, recht altmodisch anmutenden Stück "Amarilli, mia bella" aus Giulio Caccinis Madrigal- und Ariensammlung Le nuove musiche deutlich, das di Donato allerdings ähnlich überzeichnet persifliert wie Hansen vorher die Farinelli-Arie. Im nun folgenden ersten Teil des Intermezzos zeigt sich di Donato einerseits sehr streng seiner jungen Schülerin gegenüber, wird allerdings aufgrund seiner albernen Verliebtheit von dieser in keiner Weise ernst genommen, so dass Dirindina mit Liscione am Ende des ersten Teils recht hemmungslos vor Don Carissimos Augen herumtollt.

Bild zum Vergrößern

Dabei hat Liscione (David Hansen) für Dirindina (Marie-Sophie Pollak) die viel überzeugenderen Argumente.

Marie-Sophie Pollak hat mit ihrem herrlichen Sopran die schwierige Aufgabe, Dirindina als eine stimmlich nicht gerade begabte Sängerin darzustellen. Auch sie beweist dabei großes komödiantisches Talent, was sie vor allem zu Beginn des zweiten Teils unter Beweis stellen kann, wenn sie unter Anweisung von Liscione "Se fedele tu m'adori", eine Kantate für Solostimme von Domenico Scarlatti, "übt". Mit welch übertriebenem Pathos sie das Wort "amor" zelebriert, nachdem Liscione ständig ihren Ausdruck kritisiert hat und sogar den musikalischen Leiter Alessandro De Marchi vom Cembalo vertrieben hat, da er scheinbar nicht in der Lage zu sein scheint, der Sopranistin den richtigen Ton zu vermitteln, zeigt, mit welcher Spielfreude Pollak dieses musikalische und schauspielerische Kabinettstückchen vollzieht. Im weiteren Verlauf wirkt sie beinahe überrascht, wenn sie bei den Koloraturen die Töne sauber trifft und sich gar nicht als so untalentiert erweist.

Als stumme Rolle hat Christoph von Bernuth Dirindona, Dirindinas Mutter, eingeführt, die zwar im Libretto im ersten Teil von Don Carissimo angesprochen wird, weil er sie anscheinend zu Hilfe geholt hat, um ihrer ungehorsamen Tochter im Spiel mit dem Kastraten Einhalt zu gebieten, allerdings sicherlich nicht während des ganzen Stückes über ihre Tochter wachend auf der Bühne anwesend ist. Alessandro Baudino erinnert optisch an eine Art Mamma Agata aus Donizettis Viva La Mamma und zeigt in seinem überwiegend stummen Spiel ebenfalls großes komödiantisches Talent, auch wenn Dirindonas Verhalten dramaturgisch nicht immer ganz nachvollziehbar ist. So wird zum Beispiel nicht klar, wieso die Mutter dem respektlosen Treiben ihrer Tochter tatenlos zusieht, da ihr eigentliches Interesse doch der Förderung der Karriere ihres Kindes dienen sollte. Zwar motiviert sie Dirindina zu ihren Stimmübungen und versucht Don Carissimo stets von der Begabung ihrer Tochter zu überzeugen, ihre Rolle im zweiten Teil, wenn Dirindina und Liscione Don Carissimo verspotten, wird allerdings nicht verständlich. Nichtsdestotrotz gelingt von Bernuth im Schluss-Terzett ein amüsantes Bild, wenn Liscione sich als Kapaun und Dirindina sich als Huhn bezeichnen, die zusammen kein Ei zustande bringen können, und der Vergleich mit heftigem Flügelschlag der Arme choreographiert wird, so dass nach dem frenetischen Applaus für alle Beteiligten das Schlussterzett noch einmal als Zugabe dargeboten wird, wobei bei dieser Zugabe allerdings Liscione und Dirindina nicht wie vorher durch Einwirken der Mutter den Musiklehrer küssen, sondern im Kuss doch noch zusammenfinden können.

FAZIT

Der Spanische Saal im Schloss Ambras erweist sich einmal mehr als hervorragende Kulisse für ein Intermezzo, das musikalisch und szenisch keine Wünsche offen lässt.


Weitere Rezensionen zu den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2012




Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alessandro De Marchi

Regie und Konzept
Christoph von Bernuth



Academia Montis Regalis

 


Solisten

Don Carissimo, alter Musiklehrer
Stefano di Donato

Dirindina, Sängerin
Marie-Sophie Pollak

Liscione, Kastrat
David Hansen

Dirindona, Dirindinas Mutter
Alessandro Baudino


Zur Homepage von den
Innsbrucker Festwochen
der Alten Musik




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum

© 2012 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -