Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Internationale Händel-Festspiele Göttingen
17.05.2012 - 28.05.2012

Amadigi di Gaula

Oper in drei Akten (HWV 11)
Libretto von einem unbekannten Bearbeiter nach der lyrischen Tragödie Amadis de Grèce von Antoine Houdar de la Motte
Musik von Georg Friedrich Händel

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 25' (eine Pause)

Premiere im Deutschen Theater Göttingen am 18. Mai 2012
(rezensierte Aufführung am 19.05.2012)

 

 

Homepage

 

 

Hehrer Ritter im Schottenkaro

Von Thomas Molke / Fotos von Theodoro da Silva

Die Geschichten um den hehren Ritter Amadis von Gallien haben lange den europäischen Büchermarkt beherrscht, bevor eine auch noch heute bekannten Parodie der erfolgreichen Romanserie den Todesstoß versetzte, indem sie den Ritterroman als Gattung ins Lächerliche zog: Miguel de Cervantes' Don Quijote. Erst Ende des 17. Jahrhunderts erlebte Amadis seine Wiedergeburt auf der Opernbühne, als Jean Baptiste Lully auf persönliche Anregung Ludwigs XIV. die literarische Vorlage von Garcí Rodriguez de Montalvo vertonte. 15 Jahre später wurden in einer Komposition von André Cardinal Destouches aus Amadis ein griechischer Ritter, aus der angebeteten Oriane die Prinzessin Niquée von Theben und aus den bösen Zauberern Arcalus und Arcabonne ein Prinz von Thrakien, der mit Amadis um die Gunst der schönen Niquée buhlt, und die mächtige Zauberin Melisse. Der Librettist Antoine Houdar de la Motte orientierte sich bei dieser Fassung am 9. Buch von Feliciano de Silva, einer Ergänzung der ursprünglich von Montalvo verfassten vier Bücher. Diese Version stellt die Grundlage für Händels 1715 komponierte Oper dar, wobei der Ritter wieder in einen gallischen Helden umgewandelt und Niquée wieder durch die populärere Oriana ersetzt wurde.

Bild zum Vergrößern

Amadigi (Mareike Braun) inmitten der Furien (Corpo Barocco)

Die Handlung enthält die für die barocke opera seria typischen Gefühlsverstrickungen und unerwarteten Wendungen. Der gallische Ritter Amadigi wird mit seinem Freund Dardano, einem Prinzen aus Thrakien, im magischen Garten der Zauberin Melissa gefangen gehalten, weil diese erhofft, die Liebe des jungen Ritters zu gewinnen. Doch Amadigi ist auf der Suche nach Oriana, die auch von Melissa entführt worden ist. Dardano, der Oriana ebenfalls liebt, entwickelt sich dabei zu seinem Rivalen. Diesen Umstand nutzt Melissa, indem sie Amadigi durch ein Trugbild glauben lässt, dass Oriana ihn mit Dardano betrüge. Des Weiteren verleiht sie Dardano Amadigis Gestalt, um Amadigi die Geliebte in den Armen des Nebenbuhlers vorfinden und im Zweikampf töten zu lassen. Doch auch mit diesem Schachzug kann sie nicht Orianas und Amadigis Liebe zueinander trüben. Als sie versucht, die beiden zu töten, vermag sie nicht, das Schwert gegen die Liebenden zu erheben, und tötet sich selbst. In einem Wolkenwagen schwebt Orianas Onkel, der Zauberer Orgando, herab, um den Liebenden das Ende der Prüfungen zu verkünden und sie miteinander zu vereinen.

Bild zum Vergrößern

Amadigi (Mareike Braun, vorne) will das Feuer durchschreiten, um Oriana zu retten. Dardano (Markéta Cukrová, hinten) blickt skeptisch.

Barockspezialistin Sigrid T'Hooft legt bei ihrer Inszenierung wie schon bei dem 2009 bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe mit riesigem Erfolg präsentierten Radamisto den Schwerpunkt auf barocke Gestik. Unterstützt werden die Bewegungen vom Corpo Barocco, einem Ensemble für Barocktanz, das in der Inszenierung zum einen als Dämonen und Furien in Melissas Zaubergarten, zum anderen als Höflinge und Edelfrauen fungiert. Stephan Dietrich hat für die Tänzer fantasievolle Kostüme entworfen, die sie mit Flammen- oder Schlangenhaaren als bedrohliche Höllengeister erscheinen lassen. Die Zauberwelt Melissas ist dabei im dunklen Blau gehalten, was sich in der Farbe der Kostüme widerspiegelt. Melissa selbst wirkt mit ihrem aufwendigen rot-blauen Kostüm und dem Flammenkranz wie eine Königin der Nacht. Amadigi trägt ein Barockkostüm mit rotem Schottenmuster als Anspielung darauf, dass Amadigi nach dem Ursprung der Sage von einem schottischen Ritter aufgezogen worden ist. Dazu passt auch die Sarabande im ersten Akt, die Corpo Barocco als verzauberte Ritter und Damen nach Orianas erster Befreiung zu folkloristisch anmutenden Klängen tanzt. Amadigis aufwendiger Kopfschmuck erinnert stark an die Kopfbedeckung des Helden in Radamisto. Leichte blaue Farbtupfer auf Amadigis Kostüm deuten an, dass Melissa versucht, Macht über den Ritter zu gewinnen. Keinen Einfluss besitzt sie über Oriana, was sich auch in deren reinem hellen Kostüm ohne jeglichen Blauton ausdrückt.

Bild zum Vergrößern

Oriana (Stefanie True, vorne) lässt sich nicht von Melissa (Judith Gauthier, hinten) einschüchtern.

Auch für die Bühne findet Dietrich faszinierende Bilder, die zwar nicht so historisch angelegt sind wie die Kostüme und die Bewegungen, aber dennoch im harmonischen Einklang mit der Inszenierung stehen. Dunkelblaue kreisrunde Bögen, die die Bühne umrahmen, deuten das Zauberreich als eine Höhle an, in der Melissa ihr Unwesen treibt. Die Furien können dabei durch Klappen aus dem Bühnenboden quasi aus den Tiefen der Unterwelt emporsteigen und am Ende auch die tote Zauberin in die Unterwelt hinabziehen. Das Feuer, das den Turm umgibt, in dem Oriana zu Beginn gefangen gehalten wird, wird durch gemalte Flammen dargestellt, die durch die geschickte Lichteinstellung von Heinz Kasper regelrecht zu flackern scheinen. Amadigi durchschreitet die Flammen, indem er die Feuerelemente einfach umklappt. Auch die Säulenhalle im Turm, in dem sich Oriana befindet, ist von Dietrich mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Einen weiteren Coup landet er mit dem Springbrunnen zu Beginn des zweiten Aktes. Silberne herabhängende Fäden und das Rauschen des Wassers lassen die Illusion eines funktionstüchtigen Brunnens entstehen, der bei der Uraufführung 1715 einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Bild zum Vergrößern

Melissa (Judith Gauthier) ruft die Mächte der Finsternis zu Hilfe.

Das durchweg junge Solistinnen-Ensemble wird darstellerisch und gesanglich den Anforderungen der einzelnen Partien in vollem Maße gerecht. Markéta Cukrová begeistert mit kräftigem Mezzo als unglücklich liebender Dardano. Höhepunkte sind ihre Arie "Agitato il cor mi sento" im ersten Akt, in der Dardano erkennt, dass Amadigi sein Rivale um die Gunst Orianas ist und die Cukrová mit beweglichen Koloraturen ausstattet, und ihre Verzweiflungsarie "Pena tiranna" im zweiten Akt, in der der thrakische Prinz die Hoffnung auf Oriana aufgegeben hat und die stark an die berühmte Arie "Lascia ch'io pianga" aus Rinaldo erinnert. Judith Gauthier stattet die böse Zauberin Melissa mit Furcht einflößenden Koloraturen aus, wenn sie am Ende des zweiten Aktes mit "Desterò dall'empia Dite" die Mächte der Unterwelt ruft, um Amadigi und Oriana zu quälen, oder wenn sie mit "Vanne lungi dal mio petto" im dritten Akt versucht, ihre Liebe zu Amadigi aus ihrem Herzen zu vertreiben. Bei dem Tod der Zauberin zeigt sich Gauthier sehr wandlungsfähig, indem sie mit bewegenden zarten Tönen von Amadigi Abschied nimmt. Stefanie True stellt mit ihrem weichen Sopran als Oriana einen gelungenen Kontrast zu der bösen Zauberin dar. Berührend setzt True die Arie "Dolce vita del mio petto" zu Beginn des dritten Aktes an, wenn sie ihre Bereitschaft verkündet, für den Geliebten Amadigi in den Tod zu gehen. In der Auseinandersetzung mit Melissa im zweiten Akt zeigt True allerdings darstellerisch und stimmlich in der Arie "Ch'io lasci mai d'amare", dass sie der Zauberin durchaus die Stirn bieten kann, wenn sie Melissas Drohungen verspottet.

Mareike Braun stattet die Titelpartie mit wohl timbriertem Mezzo aus, der sowohl in den Tiefen über genügend Volumen als auch in den Höhen über enorme Durchschlagskraft verfügt. Als Höhepunkte sind hier "O rendetemi il mio bene" am Ende des ersten Aktes zu nennen, wenn Braun in inniger Klage über den Verlust der geliebten Oriana trauert, "Sussurrate, onde vezzose" zu Beginn des zweiten Aktes, eine Arie, die lautmalerisch das Rauschen des Wassers übernimmt und von Braun einfühlsam zart intoniert wird, und Amadigis Abschlussarie "Sento la gioia", in der Braun mit beweglichen Koloraturen und scheinbarer Leichtigkeit das wiedergewonnene Glück preist. Dass Johanna Neß als Zauberer Orgando am Ende der Oper wirklich in einem Wolkenwagen aus dem Schnürboden herabgelassen wird, grenzt zwar schon fast an Kitsch, passt sich aber gut an das märchenhafte Konzept an. Schade ist nur, dass der Gag mit dem Wolkenwagen bereits bei Dardano vorweggenommen worden ist, wenn er kurz zuvor von Melissa aus der Hölle gerufen wurde. Hätte man ihn da nicht lieber wie die Furien aus dem Bühnenboden auftreten lassen sollen?

Das FestspielOrchester Göttingen unter der Leitung von Andrew Parrott rundet in gewohnter Qualität den Abend musikalisch ab. So gibt es am Ende tosenden, begeisterten Applaus für eine Inszenierung, die zeigt, dass Barockoper auch ohne modernes Regietheater zu faszinieren versteht und keineswegs langweilig und verstaubt wirkt.

FAZIT

Sigrid T'Hooft hat erneut bewiesen, welch faszinierenden Zugang sie zu Barockopern findet. Auch wenn man vielleicht Barockopern nicht nur noch in diesem Stil sehen möchte, sollte man - vielleicht auch gerade für Einsteiger - auf eine derartige Inszenierung keineswegs verzichten.

Weitere Rezensionen zu den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen 2012

 

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Andrew Parrott

Regie und Choreographie
Sigrid T'Hooft

Bühnenbild und Kostüme
Stephan Dietrich

Licht
Heinz Kasper



Corpo Barocco

FestspielOrchester Göttingen

 

Solisten

Amadigi
Mareike Braun

Oriana
Stefanie True

Melissa
Judith Gauthier

Dardano
Markéta Cukrová

Orgando
Johanna Neß

Chor Tenor
Florian Lohmann

Chor Bass
Jason Steigerwalt

 

Weitere
Informationen

erhalten Sie unter
Händel-Festspiele Göttingen
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum

© 2012 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -