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Musikfestspiele
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Bregenzer Festspiele 2012
André Chénier

Dramma di ambiente storico in vier Akten
Text von Luigi Illica
Musik von Umberto Giordano

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h  (keine Pause)

Wiederaufnahme-Premiere auf der Seebühne am 19. Juli 2012 (Produktion von 2011)
(rezensierte Aufführung vom 5. August 2012)


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Bregenzer Festspiele
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Revolutionsstimmung am See

Von Christoph Wurzel / Fotos von Babette Karner und Karl Forster

Bei den Festspielen Bregenz wird das Spiel auf dem See wesentlich durch drei Faktoren bestimmt: ein zugkräftiges Werk, ein spektakuläres Bühnenbild und gutes Wetter. Die ersten beiden sind auch in diesem Jahr wieder garantiert, der Letztere in diesem unsteten Sommer nicht unbedingt. Hat man aber Glück, so ist ein unvergessliches Opernerlebnis zu erwarten. Am Abend der rezensierten Vorstellung lag der See ungewöhnlich ruhig da, Gewitterwolken hatten sich verzogen, ein lauer Sommerabend ließ dann auch rund 7000 Besucher einen fesselnden Opernabend genießen.

Mit Umberto Giordanos André Chénier hatte die Intendanz  ein Werk gewählt, das wohl auf keiner anderen Bühne besser wirken könnte als hier: Eine rührende Liebesgeschichte, ausladende Massenszenen, politischer Zündstoff und ein zugleich tragischer wie heroischer Schluss sind in diesem Stück auf spannende 2 Stunden verdichtet. Luigi Illica, der auch das meisterliche Tosca-Libretto für Puccini verfasste, hat hier wiederum eine extrem wirkungsvolle Opernhandlung entworfen, zu der Umberto Giordano eine effektvolle Musik geschrieben hat. Neben den obligatorischen großen Arien für die Protagonisten machen in dieser Oper die eingebauten Lieder der Französischen Revolution die durchschlagende Wirkung aus. Diese Musik wirkt unmittelbar und eignet sich für ein Großereignis wie das Spiel auf der Bregenzer Seebühne ganz exzellent.

Das Spektakulärste aber überhaupt ist auch bei dieser Produktion wieder das Bühnenbild, besser die Skulptur auf dem See, die als Bühne für die Opernhandlung dient. Es lehnt sich eng an  Jacques-Louis Davids Gemälde des ermordeten Revolutionsführers Jean Paul Marat an, der 1793 einem Attentat in seiner Badewanne zum Opfer fiel. In einer begeisterten Ode auf die Täterin Charlotte Corday hatte der historische André Chénier dieses Attentat als Sieg der Tugend über die Verbrechen der jakobinischen Terrorherrschaft gefeiert. Und auch in der Oper wird Chénier als ein Idealist gezeigt, der sich nach anfänglicher Begeisterung für die Ziele der Revolution von ihr abgewendet hat. So ist der Torso des ermordeten Marat für diese Inszenierung das Symbol des Aufstiegs und des Scheiterns der Ideale der Französischen Revolution.

Zugleich bietet die Installation mit einem halben Dutzend Spielflächen aber auch zahlreiche Möglichkeiten für spektakuläre Szenenarrangements zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Ein aufgeschlagenen Buch bietet Platz für Chéniers Dichterkammer und später das Straßencafé, auf der  unteren Fläche spielt die Eingansszene im Schloss Coingny, wo der Adel trotz sich abzeichnender Revolution sein dekadentes Fest feiert. Auf dem noch verhüllten Kopf und im Spiegel führen Artisten fulminante Luftakrobatik vor. Dort werden auch später die ersten Opfer der Revolution gehängt.   Über die Treppen marschiert das revoltierende Volk angeführt vom rebellischen Diener Gérard  dann gegen seine Unterdrücker. Nach dem ersten Akt verschiebt sich die vordere Fläche nach rechts und wird zum Saal des Wohlfahrtsauschusses, der den denunzierten Chénier zum Tode verurteilt. Auf dem Wasser schließlich rudert in einem Nachen wie Charon ruhig der Tod. Er ist es auch, der anfangs langsam über den seitlichen Ponton die Bühne betritt und mit einer gespenstischen Geste, drei Schlägen mit seiner Sense auf den Boden der Bühne, das ganze Operngeschehen eröffnet.

Keith Warner hat auf diesen einzigartigen Spielflächen die Handlung konzentriert und anschaulich verdeutlicht. Erstaunlich, wie viel subtile Charakterisierung ihm durch geschickte Bewegungsregie angesichts dieser Dimensionen gelungen ist. Die raffinierte Beleuchtungsregie von Davy Cunningham trägt noch das Ihrige dazu bei. Abwechselnd oder auch simultan richtet sich der Focus immer wieder neu aus.  Atemberaubend ist die Wirkung der zwischen dem 1. und 2. Akt eingefügten Revolutionsszene mit  der elektronisch verfremdeten Musik. Die Szene im Café erhält ihre Spannung durch den über dem Geschehen lauernden Spitzel. Auf den Stufen inmitten des Kopfes hangeln sich wie Spinnen die Agenten des Terrorregimes empor und überziehen symbolisch riesige Bücher mit dem Netz der Zensur. In der Schlussszene wird eine Figur in den Spiegelrahmen hinaufgefahren und fliegt durch einen Wasservorhang dem Himmel, ihrer Freiheit, entgegen. Es ist die eigentlich zur Hinrichtung bestimmte Idia Legray, an deren Stelle Chéniers Geliebte Maddalena freiwillig mit ihm aufs Schafott steigt. So erhalten der Tod und die Liebe des Dichters und Maddalenas symbolisch ihren  Sinn.

Die Bedingungen für Sängerinnen und Sänger sind  Open Air zweifellos erschwert, daher gibt es in Bregenz auch eine Mehrfachbesetzung, aber sämtlich Spitzenkräfte im internationalen Opernbetrieb. An diesem Abend war ein großartiges Ensemble zu erleben mit Zoran Todorovich als emphatischem Chénier mit leichter Höhe und metallischem Glanz. Sein Gegenspieler Gérard war mit dem kraftvollen Bariton Scott Hendricks glänzend besetzt, die von beiden begehrte Maddalena sang Adina Nitescu mit großer Verve.
Das Orchester spielt in Bregenz im nahen Festspielhaus, auf Bildschirmen werden dem Publikum Dirigent und einzelne Instrumentalisten gezeigt. Die Koordination zwischen dem Orchester und den Sängern war an diesem Abend perfekt, sodass die Aufführung auch musikalisch nichts zu wünschen übrig ließ. Unter der Leitung von Ulf Schirmer holte das Orchester der Wiener Symphoniker aus Giordanos Partitur alle Dramatik und Farbigkeit heraus, die sie hergibt. So war der Abend auch musikalisch ein spannendes Erlebnis.


FAZIT

Wenn Oper ein Faszinosum sein kann, dann ist es diese Produktion auf jedem Fall. Für das nächste Jahr ist Mozarts Zauberflöte angekündigt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Ulf Schirmer*
Enrico Calesso

Inszenierung
Keith Warner

Bühnenbild
David Fielding

Kostüme
Constance Hoffman

Choreografie
Lynne Page

Chorleitung
Lukas Vasilek

Licht
Davy Cuningham

Akustik

Wolfgang Fritz



Acrobatic Performers
Aerial Acrobatic Performers
Aerial Riggers
Design: AiRealistic

Statisterie der Bregenzer Festspiele

Prager Philharmonischer Chor

Bregenzer Festspielchor

Wiener Symphoniker


Solisten

André Chénier, ein Dichter
Zoran Todorovich*
Arnold Rawls
Héctor Sandoval

Carlo Gérard, ein Diener
Scott Hendricks*
John Lundgren
Lester Lynch

Maddalena di Coingny
Adina Nitescu*
Tatiana Serjan
María José Siri

Bersi, eine Mulattin
Kendall Gladen*
Krysty Swann

Gräfin Coigny / Madelon, eine alte Frau
Fredrika Brillembourg*
Rosalind Plowright

Pietro Fléville, ein Romancier /
Dumas, Präsident des Wohlfahrtsausschusses

Tobias Hächler

Der Abt / Ein Dichter
Christian Drescher

Incredibile, Spitzel
Peter Marsh*
Peter Bronder

Roucher, Freund Chéniers
David Scott

Schmidt, Kerkermeister

Wieland Satter

Haushofmeister /
Fouquier Tinville,  öffentlicher Ankläger

Richard Angas

Mathieu, gen. Populus, ein Sansculotte
Giulio Mastrototaro*
Adrian Clarke

* Abendbesetzung


Weitere Informationen
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(Homepage)




Da capo al Fine

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