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Musikfest Berlin 2012

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Nikolai Lugansky, Klavier
Marek Janowski, Dirigent

Werke von Henze und Rachmaninow

13. September 2012 in der Philharmonie

Berliner Festspiele
Musikfest Berlin

(Homepage)  

Pro und contra Revolution

Von Christoph Wurzel

Nicht ganz so nahtlos wie die anderen Konzerte fügte sich auf den ersten Blick dieses Programm in das Musikfest-Thema „Amerika“ ein. Wenn man einmal davon absieht, dass Sergej Rachmaninow das 3. Klavierkonzert für seine erste Konzerttournee in die Vereinigten Staaten 1909 geschrieben hat, so hat es ansonsten gar nichts Amerikanisches an sich. Wie auch - fühlte sich Rachmaninow doch als in tiefster Seele russischer Musiker. Und nachdem er als Gutsbesitzer in den Wirren der russischen Revolution schließlich nach Amerika ins Exil geflohen war, war er dort, von Heimweh zermürbt, gleich doppelt ein verlorener Romantiker und gänzlich unberührt von neuen Einflüssen. Trennen ihn doch Welten  etwa von dem nur ein Jahr jüngeren Charles Ives! Dennoch, das 3. Klavierkonzert gehört nicht nur zu seinen bekanntesten, sondern auch zu seinen schönsten Werken, immerhin geadelt durch Gustav Mahler, der es mit dem Komponisten am Klavier im Januar 1910 in der Carnegie Hall aufführte und heftig gelobt haben soll. Im Konzert des RSB war Nikolai Lugansky der Solist und erwies sich mit seinem eleganten und unprätentiösen Stil als Glücksfall für die weit gespannten Ausdrucksmöglichkeiten dieses Werks. Sein brillanter Anschlag verzauberte die Lyrismen des Werks ebenso wie er gehörige Glut für das furiose Finale entfachte. Lugansky gehört zu den Perfektionisten im besten Sinne, sympathisch ohne den Habitus von Tastenlöwen, die gerade bei Rachmanimow glauben, den Flügel durchpflügen zu müssen. Aber auch Marek Janowski sorgte am Pult für eine angemessen dosierte Emphase, die das Werk musikalisch atmen ließ, statt es im Klangrausch totzuschlagen.

Noch mehr war beim ersten Werk des Abends solch ein Dirigent gefragt, der kühlen Kopf bewahrt und einen Überblick in musikalischen Strukturen behält, die beim bloßen Hören chaotisch anzumuten scheinen. Henzes Sechste Sinfonie ist eine solche Musik: ein Gemälde heterogenster Formen und Klänge, das freilich in seiner Wirkung schier überwältigt. Merkwürdig ist schon die Form des Werks, die Henze selbst als ein Scheitern seiner sinfonischen Bemühungen, quasi als Negation der Gattung „Sinfonie“ bezeichnet. Das Werk wird dominiert von der meist antagonistischen Zwiesprache zweier (in der Neufassung von 1994) umfassend besetzter Orchester. Es gibt keine motivischen Entwicklungen oder Korrespondenzen. Selten aber einmal, dass ein Publikum so aufmerksam lauscht, wie an diesem Abend. Und was ließ das großartige RSB nicht alles hören in diesen gut 40 Minuten angespannt disparater Musik! Henze verlangt die abenteuerlichsten Spieltechniken bis hin zur Geräuschmusik. Vertraute mischen sich mit verfremdeten Klängen, plötzliche Ausbrüche durchfahren den Raum, dann fällt das musikalische Geschehen wieder in ätherische Zartheit zurück. Mächtige Cluster wölben sich auf, solistische Pointillismen werden getupft. Eine Musik entfaltet sich, die große Assoziationsräume eröffnet. Wäre da nicht die Geschichte, man würde diese Musik kaum mit einer Revolution assoziieren. Dennoch, Henze komponierte seine Sechste Sinfonie für Cuba als Hymne auf die revolutionären Veränderungen, die zur Zeit der Uraufführung 1969 gerade zehn Jahre andauerten.

Henze hatte sich im Laufe der sechziger Jahre den antikolonialen und antiimperialen Bewegungen der weltweiten Linken verbunden gefühlt und auch mit seinen Werken in den politischen Diskurs eingemischt. Zum Skandal war ein Jahr zuvor die Aufführung des Che Guevara gewidmeten Oratoriums Das Floß der Medusa geworden, dessen Uraufführung mitsamt Radioübertragung in Hamburg wegen heftiger Proteste abgebrochen werden musste. In seiner Cubanischen Sinfonie nun nimmt Henze politisch nicht explizit Stellung, sondern es ist der Charakter der Musik, den er selbst als Kampf bezeichnet und deren Puls, den er als Puls eines sich befreienden Volkes begreift. Kaum merklich für den unkundigen Hörer gibt es nur an zwei Stellen Andeutungen politischer Art. Da werden in kurzen Zitaten Liedfragmente in die Musik eingebaut, die auf vietnamesische und griechische (es war die Zeit des Obristenregimes) Befreiungsbewegungen deuten. In beiden Fällen werden die zarten Lyrismen der Lieder, die von Gitarre, Flöte und Banjo vorgetragen werden, vom Tutti des Orchesters brutal niedergemacht. Im dritten Teil der Sinfonie muten Passagen wie karibische Freudentänze an, sicherlich Ausdruck der Sympathie mit dem cubanischen Volk.

Konnte man 1969 vielleicht noch mit enthusiastischer Hoffnung nach Cuba blicken, so wurde, das muss der Ehrlichkeit halber erwähnt werden, auch Henze vom weiteren Fortgang der dortigen Entwicklung enttäuscht. Dennoch bleibt das Werk ein exemplarisches Beispiel der kreativen Kraft seines Komponisten und dafür, welche  Verführung zum Hören von moderner Musik ausgehen kann. In das Konzept „Amerika“ fügte sich das Werk durch seinen Kontext auf eine besonders subtile Weise ein.

Fazit

Ein großartiges Konzert, bei dem es auch etwas für das Organ zwischen den Ohren zu tun gab.

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Das Programm



 

Hans Werner Henze
Sinfonie Nr. 6 für zwei
Orchester

Sergej Rachmaninow

Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll
Op. 30


Nikolai Lugansky,
Klavier
Rundfunk-Sinfonieorchester
Berlin

Dirigent: Marek Janowski








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