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Musikfestspiele
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Festival Aix en Provence 2012

Written on Skin

Oper in drei Akten
Libretto von Martin Crimp
Musik von George Benjamin


In englischer Sprache mit französischen Übertiteln

Aufführungsdauer: 1h 40' (keine Pause)

Koproduktion des Festivals Aix-en-Provence mit der Nederlandse Opera Amsterdam, dem Théâtre du Capitole de Toulouse, dem Royal Opera House Covent Garden London und dem Teatro del Maggio Musicale Fiorentino
Uraufführung am 7. Juli 2012 im Grand Théâtre de Provence


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Festival Aix en Provence
(Homepage)

Ein Menschenherz zum Handgemalten

Von Roberto Becker / Foto von Pascal Victor / Artcomart

Nach der Uraufführung von Georges Benjamins Written on Skin im Grand Théâtre de Provence gab es begeisterte Ovationen für die exzellenten Interpreten und den Komponisten. Der war in diesem Falle sogar beides, denn Benjamin hob seine zweite Oper selbst am Pult des Mahler Chamber Orchestera aus der Taufe. Man darf also getrost von einer authentischen Interpretation ausgehen.


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Der Protector und seine junge Frau - eine glückliche Beziehung sieht anders aus

Dass es in diesem Stück, das auf einer mittelalterlichen provenzalischen Ballade basiert, ziemlich wüst zugeht und eine vom Ehemann in den Tod getriebene junge Frau vorher sogar das Herz ihres Geliebten verspeisen muss, erweist sich weniger als ein vordergründiger Schocker, sondern zielt eher auf den Schulterschluss mit anderen berühmten Grausamkeiten der Literatur- und Musikgeschichte. In Shakespeares Titus Andronicus ist der subtil eingesetzte Kannibalismus Teil einer großen Haupt- und Staatsaktion. Und Salome und der abgeschlagene Kopf des Jochanaan sind ja auch nicht ohne. Bei Benjamin und seinem Librettisten Martin Crimp ist dieses barbarische Abendmahl Teil eines Machtkampfes, bei dem eine „The Protector“ genannte Figur zum Inbegriff eines patriarchalischen Machtwahnes wird, der in der absoluten Unterwerfung der Frau an seiner Seite seine Erfüllung sieht. Etwas verstiegen wirkt diese Übertragung einer alten Überlieferung in ein Libretto durch die Rahmenhandlung. Es sind nämlich Engel, die diese Geschichte aus dem 13. Jahrhundert von heute aus erzählen.

Doch so verrückt wie das klingt, wenn man es liest, ist es in der Inszenierung der britischen Meisterregisseurin Katie Mitchell nicht. Dort ist es das Selbstverständlichste von der Welt. In dem atmosphärisch geheimnisvollen, wie selbst erzählenden Bühnenbild von Vicki Mortimer sind die Engel und die Menschen, die Gegenwart und die Vergangenheit auf sonderbare Weise vereint und doch in einem Widerspruch zueinander. Die Bühne ist, wie zuletzt bei der Inszenierung von Manfred Trojahns Orest in Amsterdam, zweigeteilt. Hier aber in doppelter Hinsicht. Denn sowohl zu ebener Erde, als auch im darüber liegenden Stockwerk gibt es einen technisch nüchternen mit Neonlicht ausgeleuchteten Bereich für die Engel, die hier wie das Hilfspersonal eines Theaters daherkommen. In wuselndem Eifer oder in slow motion verrichten sie die Arbeiten von Regieassistenten, Requisiteuren oder  Ankleidern.


Vergrößerung in neuem Fenster Unten Agnes und ihr Mann, oben "the boy" - das kann nicht lange gut gehen

Sie rahmen das eigentliche Geschehen und treiben es voran. Als einer der Engel wechselt Bejun Metha von der einen Rolle in die andere. Er gehört erst zu diesen Theaterengeln und wird dann zu jenem Maler, der im Stück „The Boy" heißt, das Buch malen soll, in Agnes die körperliche Leidenschaft weckt und erfüllt, wie es ihr viel älterer Mann nie vermochte, und der schließlich auf barbarische Weise dessen Rachegelüsten geopfert wird. Agnes freilich liefert selbst den Vorwand, in dem sie den Maler dazu bringt, ihre Leidenschaften auch aufs Pergament zu bannen.

Katie Mitchell evoziert dabei die Grausamkeiten nicht durch vordergründige Zutaten, sondern durch die Atmosphäre der Behausung, in der die eigentliche Geschichte auf der rechten Bühnenseite abläuft. Nimmt man diesen Ausschnitt für sich, dann ist er dem typischen Mitchell-Stil am nächsten. Es ist ein archaischer Raum zwischen Außen und Innen, daneben ein Wald von verdorrten Bäumen.


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Eine geteilte Welt - im Neonlicht die Gegenwart, im Halbdunkel die Vergangenheit

In einem spannenden Bogen bewegt sich die Geschichte so auf die finale Katastrophe zu. In der letzten der fünfzehn Szenen dann ist der archaische Wald auf der rechten Bühnenbildseite einem nüchternen Treppenhaus von heute gewichen. Agnes stürmt (verlangsamt in Zeitlupe) die Stufen hoch und alle anderen folgen ihr ebenso ausgebremst nach. Selbstmord ist hier nicht ein Akt der Verzweiflung, sondern die aufbegehrende Flucht in die Selbstbestimmung. Und während die Musik das tödliche Ende andeutet und sich dann langsam vom gerade noch Hörbaren ins Stille davon macht, senkt sich der Vorhang.


Vergrößerung in neuem Fenster Der Büchermaler bekommt Besuch

Die Musik die der Olivier Messiaen-Schüler Georges Benjamin geschrieben hat, setzt auf die Opulenz des großen Orchesters, liefert betörend einschmeichelnde Streicher- und warme Bläserklangflächen. Sie ist tonal und bemüht anzukommen. Die Gesangspartien sind vokale Steilvorlagen für die grandiosen Sängerdarsteller. Allen voran überzeugen die aus Kanada stammende Barbara Hannigan, die mit stimmlicher und darstellerische Intensität die herausfordernde Rolle der Agnès ausfüllt und der Counter Bejun Mehta als erster Engel bzw. dann vor allem als The Boy. Aber auch der souveräne Bariton Christopher Purves als Protector, Rebecca Jo Loeb als Marie (und zweiter Engel) und Allan Clayton als John (und dritter Engel) lassen keine Wünsche offen.


FAZIT

Diese Uraufführung ist der Höhepunkt dieses Festspieljahrgangs und ein Ereignis für die Welt der Oper. Hier ist eine schon vor langer Zeit ins Visier genommene Auftragsarbeit zu einem überzeugenden Resultat gekommen. Festivalchef Bernard Foccroulle kann darauf zu Recht stolz sein.






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Produktionsteam

Musikalische Leitung
George Benjamin

Inszenierung
Katie Mitchell

Bühne und Kostüme
Vicki Mortimer

Dramaturgie
Jon Clark



Mahler Chamber Orchestra


Solisten

The Protector
Christopher Purves

Agnès
Barbara Hannigan

Angel 1 – The Boy
Bejun Mehta

Angel 2 – Marie
Rebecca Jo Loeb

Angel 3 – John
Allan Clayton


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