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Rossini in Wildbad
Belcanto Opera Festival
07.07.2011 - 17.07.2011


Ser Marcantonio

Dramma giocoso in zwei Akten
Libretto von Angelo Anelli
Musik von Stefano Pavesi


In italienischer Sprache mit deutschen und italienischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 45' (eine Pause)

Premiere im Königlichen Kurtheater in Bad Wildbad am 07. Juli 2011
(rezensierte Aufführung: 16.07.2011)




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Don Pasquales Vorgänger

Von Thomas Molke / Fotos von Patrick Pfeiffer


Nahezu 30 Jahre lang gehörte Stefano Pavesis Ser Marcantonio zu den erfolgreichsten komischen italienischen Opern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die nicht mit dem Auftauchen Rossinis in Italien von der Bildfläche verschwanden. Diese Oper wurde auch gerne immer dann von den Theatern in den Spielplan aufgenommen, wenn ein neues Werk zu floppen drohte, um mit Pavesis erfolgreicher Oper die Spielzeit dann doch noch mit Gewinn abzuschließen. Dies änderte sich erst, als Donizetti im Herbst 1842 den Plan fasste, diesen Stoff unter dem Titel Don Pasquale zu aktualisieren und durch zeitgemäßere Charaktere Pavesis Variante, die in der Figurenzeichnung doch noch eher dem 18. Jahrhundert behaftet war, in die Archive verbannte. Grund genug für das Rossini-Festival in Bad Wildbad, das stets bemüht ist, auch Rossinis Zeitgenossen wieder ins Zentrum der Betrachtung zu rücken, eben diesen Ser Marcantonio dem Publikum zu präsentieren. Seit der Wiedereröffnung des Königlichen Kurtheaters im Jahr 2005 stellte diese Produktion auch die erste Oper mit Chor in dem kleinen Theater dar, bei dessen Renovierung zunächst geplant war, den Orchestergraben zur Vergrößerung des Zuschauerraums einzuebnen, weil man der Meinung war, dass das Theater für Opernaufführungen zu klein sei. Nun konnte man erneut das Gegenteil beweisen.

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Bettina (Loriana Castellano, 3. von links) spielt für Ser Marcantonio (Marco Filippo Romano, Mitte) das brave Frauchen (von links: Medoro (Timur Bekbosunov), Lisetta (Svetlana Smolentseva), Tobia (Matteo D'Apolito), Pasquino (Massimiliano Silvestri) und Dorina (Silvia Beltrami)).

Die Unterschiede zu Donizettis Don Pasquale bestehen vor allem in der Figurenkonstellation. Bei Pavesi hat der alter Ser Marcantonio, der sich mit einer jungen Frau zu vermählen gedenkt, einen Neffen (Medoro) und eine Nichte (Dorina), die bei einer Hochzeit ihres Onkels beide um ihr Erbe gebracht werden könnten, aber nicht intelligent genug sind, einen Plan dagegen auszuhecken. Hier kommen nun ihre Verlobten, die Geschwister Tobia und Bettina, ins Spiel. Tobia hat die Idee, seine lebenslustige Schwester Bettina als scheues, fleißiges Mädchen dem Alten zur Ehe anzupreisen, und lässt Marcantonio einen Kontrakt unterschreiben, der ihn bei Nichteinhaltung des Eheversprechens verpflichtet, 80.000 Franken als Strafe an Bettina zu zahlen. Da sich Bettina nach Unterzeichnung des Kontraktes alles andere als scheu und fleißig zeigt, muss Marcantonio schließlich erkennen, dass man ihn hereingelegt hat. So steht er am Ende ohne Vermögen da, während Tobia seine Dorina und Bettina ihren Medoro heiraten kann.

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Bettina (Loriana Castellano) tanzt Ser Marcantonio (Marco Filippo Romano) auf der Nase herum.

Das Regieteam um Antonio Petris verlegt das Bühnengeschehen in die Gegenwart und, um dort Dienstboten auch noch realistisch darstellen zu lassen, in das monarchistische Großbritannien. So prangt in Marcantonios Wohnung ein großes Bild von Queen Elizabeth II. an der Wand, seine Lektüre besteht aus einem königlichen Bildband, und als Wolldecke auf seinem alten braunen Ledersessel fungiert eine britische Flagge. Die optische Vorstellung, die Marcantonio von seiner zukünftigen Gattin hat, entspricht mit dem grau-blauen Kostüm eher der Garderobe der sittsamen Queen. Ganz anders präsentiert sich Bettina. Als Inhaberin einer Modeboutique tritt sie als selbstbewusste, schicke Frau auf, die sich zur Täuschung Marcantonios zwischenzeitlich in eine graue Maus verwandelt, um anschließend mit zahlreichen mondänen Kostümen ihren exquisiten Modegeschmack zur Schau zu stellen. Da ist es schon verwunderlich, dass ihr Herz so sehr für Medoro brennen soll, der nämlich nicht viel intelligenter als sein Onkel wirkt und sehr lange benötigt, um das eigentliche Spiel zu durchschauen. Ob die lange blonde Strähne, die ihm ins Gesicht hängt, seinen leicht einfältigen Charakter ausdrücken soll, bleibt Interpretationssache. Ähnlich verhält es sich bei Dorina. Was Tobia an diesem leicht jungfernhaft wirkenden Backfisch findet, ist fraglich. Vielleicht ist es wirklich nur die Aussicht auf die ausstehende Mitgift, die Tobias Verhalten motiviert.

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Fingiertes Duell zwischen Medoro (Timur Bekbosunov, links) und Tobia (Matteo D'Apolito, rechts). Dorina (Silvia Beltrami, Mitte) und Lisetta (Svetlana Smolentseva, rechts daneben) versuchen zu schlichten.

Matteo D'Apolito kommt in diesem Stück als Tobia die Rolle des Drahtziehers zu. Tobia ist vergleichbar mit Figaro aus dem Barbiere, nur mit dem Unterschied, dass Tobia im Gegensatz zu Figaro stets die Kontrolle behält und Herr der Lage bleibt, ohne dass ein Almaviva das angerichtete Chaos wieder in Ordnung bringen muss. Mit kräftigem Bass und großer Spielfreude gestaltet D'Apolito diese Rolle. Die Haare zu einem Irokesenkamm gegelt, mimt er mit Schalk im Nacken diese zentrale Figur. Marco Filippo Romano steht ihm in der Titelrolle in nichts nach. Mit großer Beweglichkeit gestaltet er den verbohrten Alten, der allen Warnungen zum Trotz stur an seinem Vorhaben festhält, bist er seinen Fehler zu spät erkennen muss. Loriana Castellano glänzt in der Rolle der Bettina. Mit sehr beweglichen Koloraturen und wohl-timbriertem Mezzo bewältigt sie die diversen für die damalige Starsängerin Elisabetta Gafforini komponierten Arien und Kavatinen. Besonders erwähnenswert ist die Kavatine zu Beginn des zweiten Aktes, in der sie je nach vorgestellter Mode in eine venezianische Canzone oder französische Arie verfällt. Auch Castellano ist eine ausgezeichnete Bühnenpräsenz zu attestieren.

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Happy End für alle außer Ser Marcantonio (Marco Filippo Romano, links mit der Puppe im Arm) (dahinter: der Herrenchor, daneben von links: Pasquino (Massimiliano Silvestri), Tobia (Matteo D'Apolito), Medoro (Timor Bekbosunov), Bettina (Loriana Castellano) und Dorina (Silvia Beltrami)).

Silvia Beltrami überzeugt mit kräftigem Mezzo als Dorina, wobei ihre Mimik die Figur vielleicht ein bisschen stärker karikiert, als es vom Libretto vorgesehen ist. So zeichnet Beltrami zwar einen sehr komischen Charakter, ist aber als Braut für Tobia nicht ganz ernst zu nehmen. Timur Bekbosunov gestaltet Medoro mit recht kräftigem Tenor, hat aber in den Höhen einige Probleme. An manchen Stellen klingt seine Stimme noch nicht reif genug. Svetlana Smolentseva und Massimiliano Silvestri gefallen als Dienerpaar Lisetta und Pasquino. Eine besondere Rolle fällt in dieser Oper auch dem Herrenchor zu. Als im Programmheft ausgewiesene Freunde von Ser Marcantonio treten sie stets mit Bilderrahmen wie eine Ahnengalerie auf. So scheinen sie als Vorfahren Marcantonio vor seinem Fehler zu warnen. Im zweiten Akt stellen sie dann auch noch die Handwerker, Schneider und Blumenhändler dar, die das Haus nach Bettinas Vorstellungen umgestalten sollen. Der Camerata Bach Chor Posen unter der Leitung von Tomasz Potkowski ist stimmlich und darstellerisch diesen Anforderungen sehr gut gewachsen und überzeugt wie das restliche Ensemble durch die große Spielfreude.

Abgerundet wird die hohe musikalische Leistung durch das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim unter der Leitung von Massimo Spadano. Mit sehr großer Finesse durchleuchtet er mit dem Orchester die Vielschichtigkeit der Partitur und zeigt, warum es so wertvoll ist, diesen musikalischen Schatz dem Vergessen zu entreißen und wieder in das Bewusstsein des Opernpublikums zu holen. So gibt es am Ende langen und verdienten Applaus für alle Beteiligten.


FAZIT

Pavesis Vorgänger zu Donizettis Don Pasquale wird zwar sicherlich nicht die Bühnen der Welt zurückerobern können, aber es bleibt zu hoffen, dass diesem Werk auf den Spielplänen der Opernbühnen doch wenigstens ab und zu die ihm gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wird..






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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Massimo Spadano

Regie
Antonio Petris

Bühne
Anton Lukas

Kostüme
Claudia Möbius

Licht
Kai Luczak

Choreinstudierung
Tomasz Potkowski



Camerata Bach Chor Posen

Südwestdeutsches
Kammerorchester Pforzheim




Solisten

Ser Marcantonio
Marco Filippo Romano

Medoro
Timur Bekbosunov

Dorina
Silvia Beltrami

Lisetta
Svetlana Smolentseva

Pasquino
Massimiliano Silvestri

Bettina
Loriana Castellano

Tobia
Matteo D'Apolito

 


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