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Musikfestspiele
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Salzburger Festspiele 2011

Die Frau ohne Schatten
Oper in drei Akten
Text von Hugo von Hofmannsthal
Musik von Richard Strauss


In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4 h 35' (zwei Pausen)


Premiere am 29. Juli 2011 im Großen Festspielhaus
(rezensierte Aufführung: 4. August 2011)

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Salzburger Festspiele
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Grandiose Märchenoper ohne Märchen

Von Stefan Schmöe / Fotos von den Salzburger Festspielen, © Monika Rittershaus

"Übermächte sind im Spiel!" Wenn da am Ende des zweiten Aufzugs die Wiener Philharmoniker alle Geisterwelten entfesseln und das Große Festspielhaus in seinen Grundfesten erschüttern, dann braucht es wahrlich weder Märchenkulisse noch Bühnenzauber. Mit solcher Wucht und unerhörter Farbigkeit, aber immer stringent im Wechsel der (Klang-)Welten, dirigiert Christian Thielemann diese Partitur, wie es bisher wohl kaum zu hören war. Da klingt viel Debussy mit, dann wird die schneidende Schärfe des Bergschen Wozzeck vorweg genommen, die tänzerische Extase der Elektra steht neben dem fließenden Charme der Arabella und manchmal auch der Rosenkavalier-Süße. Strauss selbst hat die Frau ohne Schatten als „letzte romantische Oper" bezeichnet, hat ihr das Gewicht eines „Hauptwerks" aufgehalst – wie genial vielschichtig er dabei die kompositorischen Mittel seiner Zeit einsetzt, das wird hier frappierend deutlich hörbar. Thielemanns Dirigat und das zupackende, keineswegs „glatte", sondern oft aufgeraut scharfe und manchmal fast überpointierte Spiel der ungeheuer facettenreich aufspielenden brillanten Wiener Philharmoniker sind ein Festspielereignis allerersten Ranges. Das Märchen, das in dieser Produktion auf der Bühne vorenthalten wird, entsteht beim Hören im Kopf.

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Die Kaiserin (Anne Schwanewilms)

Der Verzicht auf ein szenisches Pendant erweist sich als Glücksfall. Regisseur Christoph Loy gelingt das Kunststück, über weite Strecken hinter die Musik zurück zu treten und ganz auf diese zu fokussieren – und trotzdem die Regie-Zügel fest in der Hand zu halten. Der Kunstgriff, ganz auf die etwas verquere Märchenhandlung zu verzichten, mag zunächst ebenso irritieren wie die vor das Stück geschobene Rahmenhandlung: Was man auf der Bühne sieht, sind die Aufnahmen zu einer Schallplatteneinspielung der Frau ohne Schatten. Loy knüpft an Karl Böhms Studioaufnahme von 1955 an, als in ungeheizten Räumen der Nachkriegszeit die junge Leonie Rysanek in der Rolle der Kaiserin auf die Star-Riege der 40er-Jahre traf. Man sieht in dieser Inszenierung die gesamte Handlung wie durch die Augen der jungen Sängerin, die hier die Kaiserin darzustellen hat – und im Laufe des Stücks von der etwas naiven Newcomerin zu einer ihrer eigenen (gesellschaftlichen) Rolle bewusst werden Diva wird. Der Schatten, bei Hofmannsthal und Strauss zunächst unmittelbares Symbol für Mutterschaft (was dem späteren Frauenbild der Nazis unangenehm nahe kommt), ist hier Symbol für historisches Bewusstsein und die Übernahme persönlicher Verantwortung: Die Auseinandersetzung mit der Frau ohne Schatten wird für die Sängerin so zum Verwandlungsprozess, parallel zur Entwicklung der Feen-Kaiserin, die durch ihre Bereitschaft, mit den Menschen mitzuleiden, zu ihrem Schatten findet.


Vergrößerung in neuem Fenster Die Amme (Michaela Kaune)

Das allein wäre als tragender Konstrukt für die Inszenierung vielleicht etwas dünn. Loy und sein Bühnenbildner Johannes Leiacker gehen aber noch weiter und verlegen den Ort der Handlung in die Wiener Sofiensäle (tatsächlich fand die Platteneinspielung, auf die Loy anspielt, im Großen Saal des Musikvereins statt – das alles ist im lesenswerten Programmheft vermerkt). In den Sofiensälen, wo später Georg Solti seine legendäre Einspielung von Wagners Ring des Nibelungen aufnahm und die also auch ihre Aura als "Studio" haben, fand aber nicht nur Konzert und Kabarett statt, sondern auch die Gründung der österreichischen NSDAP, und hier hatten sich zur Deportation bestimmte Juden zu versammeln. Auf diese Ambivalenz des historischen Ortes spielt Loy konkret an. In einer Traumsequenz „sieht" die Kaiserin-Sängerin Menschen mit Koffern, da werden Kinder mit gesenkten Köpfen durch den Raum getrieben. Loy inszeniert das unaufdringlich und wie nebenbei, er denunziert nicht, aber der Stachel sitzt. Gleich seiner Kaiserin führt er so auch sein Publikum durch einen Wandlungsprozess. Das Kunstwerk (und damit ist natürlich auch der Kerngedanke der Salzburger Festspiele selbst betroffen) wird in seiner Rezeption in einen historischen Kontext gesetzt. Weil das nicht der geschichtliche Rahmen der Frau ohne Schatten ist, die während des Ersten Weltkriegs entstand, weist der Deutungsansatz über die Oper hinaus, hinterfragt die Opern-Kunst als solche.

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Ensemble

Loy ist dabei kein Stückzertrümmerer, der die Oper dekonstruieren will. Vielmehr kristallisiert er die Konflikte der Handlung sehr genau heraus, beschreibt sie aus bürgerlicher, nicht aus kleinbürgerlicher Perspektive. Der Streit zwischen dem Färber Barak und seiner Frau (die der Kaiserin ihren Schatten abtreten will) ist hier der Konflikt eines Sängerehepaares, das sich auseinander gelebt hat. Weil Loy das Kammerspiel hinter der großen Oper sichtbar macht und sehr genau in den kleinen Gesten gearbeitet hat, bekommt man alles zu sehen, was die Frau ohne Schatten jenseits der 1001-Nacht-Fassade zu bieten hat, und das viel genauer als in anderen Inszenierungen. Auch zeichnet die kluge Beleuchtung (Stefan Bolliger) wirkungsvoll nach, was Das Textbuch an Effekten vorgibt. So steht das sehr "intellektuelle" Regiekonzept nicht gegen die Musik, sondern ergänzt diese kongenial. Streiten lässt sich am ehesten über das Finale, das Loy unter den Weihnachtsbaum verlegt, derweil die Sängerknaben im Matrosendress brav ins Publikum stieren. Für Loy ist die Oper mit der Wandlung der Kaiserin zu Ende, der Rest ist Zugabe (wofür der affirmativ aufgesetzte Jubelschluss freilich gute Argumente liefert) – und die wird als böse Schlusspointe etwas übergewichtig inszeniert. Unmut im Publikum („wie scheußlich"). Thomas Bernhard hätte wohl seine Freude an solcher Festspielverderberei gehabt.


Vergrößerung in neuem Fenster Happy End? Färberin (Evelyn Herlitzius) und und Barak (Wolfgang Koch)

Die durchweg guten Sängerdarsteller tragen das Konzept nicht zuletzt durch ihr sehr genaues, einsatzfreudiges Spiel. Anne Schwanewilms als Kaiserin besticht durch ihre leuchtende, wandlungsfähige Stimme, die im ersten Aufzug noch ätherisch entrückt, dann zunehmend „vermenschlicht“ und bodenständiger wird. Ganz ungefährdet ist sie bei den hochdramatischen Aufschwüngen nicht (was ihr ein paar – angesichts der Gesamtleistung unverdiente - „Buhs“ einbrachte). Sängerfreundlich wird man Thielemanns auf üppige Klangpracht ausgelegtes und darin wenig kompromissbereites Dirigat auch nicht nennen wollen, auch wenn er durchaus darauf bedacht ist, sein Ensemble in den Gesamtklang einzubetten. Stephen Gould kommt mit klangschönem, (fast) immer weich geführtem Heldentenor sehr ordentlich dagegen an, da muss man in der Historie schon lange suchen, um einen vergleichbar souveränen Kaiser zu finden. Manuela Schuster als zwielichtige Amme hat nicht unbedingt eine Riesenstimme (und gerade sie trifft häufig auf orchestrale Elementargewalten); mit äußerst prägnater Diktion und kluger Phrasierung macht sie dennoch ein packendes Rollenportrait. Evelyn Herlitzius als Färbersfrau besticht einmal mehr durch phänomenale Bühnenpräsenz, die sie auch in den Passagen trägt, wo die hochdramatische Stimme lyrischer und wärmer sein dürfte, und Wolfgang Koch ist ein sonorer und warmer, gleichzeitig auch stimmlich entschlossen zupackender Barak.

Auch in den kleineren Partien hat die Aufführung hohes Niveau: Thomas Johannes Mayer steigert sich nach etwas mattem Beginn zu einem markanten Geisterboten; Christina Landshammer ist ein leuchtender Hüter der Tempelschwelle, Rachel Frenkel ein markanter Falke. Markus Brück, Steven Humes und Andreas Conrad bringen die missgebildeten Brüder Baraks szenisch wie musikalisch auf den Punkt. Ganz ausgezeichnet singen die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und der Kinderchor der Salzburger Festspiele. Bei den unsichtbaren Chören – wie auch bei den Musikern der Bühnenmusik – haben Loy und Thielemann offenbar sehr genau ausgehört, von wo gesungen und gespielt wird, denn es ergeben sich immer wieder berückend schöne Raumklangwirkungen.


FAZIT

Thielemanns Dirigat (und was die Wiener Philharmoniker daraus machen) ist ein Theaterwunder – und erhält in der klugen Regie von Christoph Loy alle nötigen Freiheiten. Ein mit kleinen Abstrichen festspielreifes Sängerensemble gibt’s auch noch.






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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christian Thielemann

Inszenierung
Christof Loy

Bühne
Johannes Leiacker

Kostüme
Ursula Renzenbrink

Licht
Stefan Bolliger

Choreographische Mitarbeit
Thomas Wilhelm

Chöre
Thomas Lang

Dramaturgie
Thomas Jonigk



Konzertvereinigung
Wiener Staatsopernchor

Salzburger Festspiele Kinderchor

Mitglieder der
Angelika Prokopp Sommerakademie
der Wiener Philharmoniker,
Bühnenmusik Wiener Philharmoniker


Solisten

Der Kaiser
Stephen Gould

Die Kaiserin
Anne Schwanewilms

Die Amme
Michaela Schuster

Barak der Färber
Wolfgang Koch

Sein Weib
Evelyn Herlitzius

Der Einäugige
Markus Brück

Der Einarmige
Steven Humes

Der Bucklige
Andreas Conrad

Der Geisterbote
Thomas Johannes Mayer

Die Stimme des Falken
Rachel Frenkel

Erscheinung eines Jünglings
Peter Sonn

Ein Hüter der Schwelle des Tempels
Christina Landshamer

Eine Stimme von oben
Maria Radner

Erste Dienerin
Christina Landshamer

Zweite Dienerin
Lenneke Ruiten

Dritte Dienerin
Martina Mikelic

Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Hanna Herfurtner

Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Christina Landshamer

Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Lenneke Ruiten

Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Rachel Frenkel

Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Martina Mikelic

Solostimmen / Stimmen der Ungeborenen
Maria Radner

Schauspieler
Albin Frahamer
Daniel Heck
Christina Kantsel
Philipp Kranjc
Paul Krook
Vivien Löschner
Liliya Markina
Sabine Muhar
Christoph Quest
Julia Rath
Andrea Schalk
Hans Dylan Schneeweiss
Barbara Spitz
Marena Weller
Peter Wurzer

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