Die
Schönheit des unerfüllten Begehrens
von
Ursula
Decker-Bönniger / Fotos von Paul
Leclaire, Annette Jonak und Anne Lochmann
Gebläsehalle, Landschaftspark Duisburg-Nord (Foto: © Annette Jonak, Anne Lochmann)
Es
gibt eigentlich kein größeres Kompliment für ein
Produktionsteam, als
wenn der große Spannungsbogen auch am Ende fortlebt, die
Aufführung bei
konzentriertem Schweigen für einige Sekunden nachwirken kann. Wenn
dann
der Bann gebrochen scheint, wachsen Bravi und Applausi manchmal sogar
zu begeistertem Jubel aus. So in etwa lässt sich die nachhaltige Wirkung beschreiben, die das
Premierenpublikum bei der ersten Aufführung der zweiten
Opernproduktion
der diesjährigen Ruhrtriennale empfand. Gezeigt wird die Oper Hanjo des
japanischen Komponisten Toshio Hosokawa in einer Neuinszenierung des
spanischen Regisseurs Calixto Bieito.
Spielstätte ist die eindrucksvolle, 1902 entstandene, ehemalige
Gebläsehalle des Thyssen-Hüttenwerks, die in ihrer schmalen
Form, den
mit Backstein gemauerten Rundbogenfenstern und der
kathedralähnlichen
Deckenhöhe eher an einen Kirchenraum als an ein Industriedenkmal
erinnert.
Hanjo
ist ursprünglich der Name einer Kaiserin, die sich - aus Kummer
über
die vergangene Liebe ihres Kaisers - in einem Gedicht mit einem
Fächer
im Sommer vergleicht, der im Herbst weggeworfen wird. Hanjo ist nun
Metapher für die Frau, die von einem Mann verlassen wird. In der "modernen", aus den
1950er Jahren stammende Hanjo-Fassung von
Yukio Mishima, wird die Geschichte der Geisha Hanako
erzählt, die
sich Tag für Tag mit dem Fächer ihres Geliebten am Bahnhof
einfindet,
um ihm zu begegnen. Als sich beide trennen mussten, hatten sie als
Versprechen des Wiedersehens ihre Fächer getauscht. Jitsuko,
eine
unverheiratete, verbitterte Künstlerin, "erlöst" die
heruntergekommene,
verwirrte Hanako aus ihrem Geisha-Dasein und verbirgt sie in ihrem
Haus. Für sie ist Hanako Lebenselixier, Symbol von Schönheit
und
eigenem unerfüllten Begehren. Als der Geliebte schließlich
aus einer
Zeitung von Hanakos Bahnhofsbesuchen erfährt, sucht er sie auf, um
sich
mit ihr erneut zu verbinden. Es entsteht ein Machtkampf zwischen
Jitsuko und Yoshio, den Hanako beendet, indem sie äußert,
ihn nicht zu
erkennen. Dabei bleibt es unklar, ob sie ihn in ihrer Traumwirklichkeit
lebend wirklich nicht erkennt, oder ob sie Angst davor hat, die
gewohnte Lebenssituation des Wartens aufzugeben.
Hanako (Kerstin Avemo), Foto: Paul Leclaire
Bezugnehmend
auf die Tradition des japanischen Nô-Theaters hat
Bühnenbildnerin
Susanne Gschwender die weiß geschminkten Orchestermitglieder im
hinteren Hallenraum wie auferstandene Geister in Bodenvertiefungen
gesteckt und rechts und links eines kompletten, mit Schotterbett und
Schwellen aufgebauten Schienenstranges verteilt. Ein umgestürzter
Baum
und weitere rechteckige, mal mit Requisiten, mal mit Wasser, mal mit
Erde gefüllte, mal feuerlodernd aufleuchtende Bassins
komplettieren die
Natursymbolik des Bildes. Besonders
assoziations- und fantasievoll ist das Kostüm von Hanako. Sie
trägt ein
bauschiges, romantisch weißes Tutu, dessen Mieder den
Fächer ihres
Geliebten darstellt. Öffnet sie es und breitet die Arme aus, so
erinnern die Tüllschichten an das Federkleid eines Vogels.
Bieito
präsentiert kein bluttriefendes Gemetzel, keine Sexorgien. Gezeigt
wird
eine vertrocknete, ver-rückte Natur, in der Schnee schwarz vom
Himmel
kommt; der Konflikt zwischen Jitsuko und Yoshio wird musikalisch
ausgetragen. Sie bezaubert mit schönen Koloraturen, spricht und
zischt
wie eine Schlange, er beeindruckt durch Lautstärke. Die schonungslose Direktheit der Bilder und Bewegungen, in denen der
Regisseur die selbst verzehrenden Seelenzustände des
unerfüllten
Begehrens aufdeckt, faszinieren durch Raum-, Zeitlosigkeit und eine
subtile Personenregie, die von körperlicher
Bühnenpräsenz und Reduktion
auf das Wesentliche lebt.
Yoshio (Georg Nigl) gibt sich zu
erkennen. (Foto: Paul Leclaire)
Ob
sich Yoshio wie eine besiegte Raubkatze auf allen Vieren davon
schleicht, um sich nach dem gescheiterten Wiedersehen im Wasserbecken
qualvoll zu ertränken, ob sich Hanako langsam wie in Zeitlupe mit
angsterfülltem, starren Blick und arthritischen Bewegungen dem
Publikum
nähert, vorsichtig tänzelt, wackelig balanciert, in sich
versunken
einen Fuss vor den nächsten setzt, in Tanzpose verharrt oder ihr
Ohr
lauschend auf die Schienen legt - in unermüdlichen Variationen des
Wartens wird die seelische Innenwelt zur schonungslosen Realität.
Am
Ende beruhigt und liebkost Jitsuko ihr Alter Ego und kann sich
erlöst
die Pulsadern aufschlitzen. Beide schreiten langsam, sehr langsam ins
Geisterreich zurück.
In der illustrierenden,
assoziationsreichen Musiksprache Hosokawas scheinen sich
europäische und japanische Musiktraditionen zu einer zarten, das
Leise und die Stille bevorzugenden, poetischen Klangwelt zu
verbinden. Im Kammerorchester sind neben einem japanischen
Glockeninstrument alle herkömmlichen Orchesterklangfarben
vertreten. Reale, vom Tonband zugespielte z.B. Eisenbahngeräusche
werden eingeflochten; zugleich scheinen die Instrumente nicht nur
innere Seelen- sondern auch reale Geräuschwelten zu
illustrieren. Spielweisen wie Glissandi, mit viel Luft gehauchte
Töne formen ein zartes, die Klangfarbenübergänge
auskostendes, manchmal expressiv aufbrausendes, Klangfarbengewebe, das
stillzustehen scheint. Nahtlos fügt sich die Stimme mit Sprechen,
Gesang, im dramatischen Höhepunkt auch zischenden Lauten und einer
an Schönberg erinnernden, fallenden, steigenden Sprechtonbewegung
in das Klanggefüge ein.
Hanako (Kirsten Avemo) bewundert von Jitsuko Honda (Ursula Hesse
von den Steinen), Foto: Paul Leclaire
Gesangs-
und Instrumentalsolisten präsentieren unter der Leitung von Gerry
Walker - er dirigiert vom linken Bühnenrand aus - einen bis zum
Ende
anhaltenden musikalischen Spannungsbogen. Ursula Hesse von den Steinen
ist eine virtuose, klangvolle, tiefgründige Jitsuko, die bruchlos,
homogen große Intervalle bzw. zwischen den Stimmregistern
springt,
verschiedenste dynamisch variierte Ausdruckarten der Stimme zum Klingen
bringt sowie die Farbe der Konsonanten oder bspw. Papiergeräusche
in
den Gesang mit einzubeziehen weiß. Ebenso eindrucksvoll und
virtuos ist
Kerstin Avemo an ihrer Seite. Mit lyrischem, zerbrechlich schönem
Stimmklang und packender Bühnenpäsenz gestaltet sie die
traumverlorene
Hanako. Auch Georg Nigl überzeugt mit lyrischem, hell timbriertem,
klaren Bariton.
FAZIT
Ein
sehens- und hörenswerte Neuinszenierung, die man demnächst
bestimmt
auch in der Berliner Staatsoper sehen und hören kann, deren
besondere
Reize aber gerade in der Duisburger Gebläsehalle zur Geltung kommt.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Garry Walker
Inszenierung
Calixto Bieito
Bühne
Susanne Gschwender
Kostüme
Anna Eiermann
Licht
Reinhard Taub
Dramaturgie
Xavier Zuber
Ensemble musikFabrik
Solisten
Hanako
Kerstin Avemo
Jitsuko Honda
Ursula Hesse von den
Steinen
Yoshio
Georg Nigl
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