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Hanjo  


Text und Musik von Toshio Hosokawa
Nach Hanjo, einem Nô-Spiel von Yukio Mishima
Aus dem Japanischen von Donald Keene    


in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 20'

Premiere in der Gebläsehalle, Landschaftspark Duisburg-Nord
am 29. September 2011

Logo: Ruhrtriennale 2011

Die Schönheit des unerfüllten Begehrens

von Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Paul Leclaire, Annette Jonak und Anne Lochmann   



Foto Gebläsehalle Gebläsehalle, Landschaftspark Duisburg-Nord (Foto:
© Annette Jonak, Anne Lochmann)

Es gibt eigentlich kein größeres Kompliment für ein Produktionsteam, als wenn der große Spannungsbogen auch am Ende fortlebt, die Aufführung bei konzentriertem Schweigen für einige Sekunden nachwirken kann. Wenn dann der Bann gebrochen scheint, wachsen Bravi und Applausi manchmal sogar zu begeistertem Jubel aus. So in etwa lässt sich die nachhaltige Wirkung beschreiben, die das Premierenpublikum bei der ersten Aufführung der zweiten Opernproduktion der diesjährigen Ruhrtriennale empfand. Gezeigt wird die Oper Hanjo des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa in einer Neuinszenierung des spanischen Regisseurs Calixto Bieito.
Spielstätte ist die eindrucksvolle, 1902 entstandene, ehemalige Gebläsehalle des Thyssen-Hüttenwerks, die in ihrer schmalen Form, den mit Backstein gemauerten Rundbogenfenstern und der kathedralähnlichen Deckenhöhe eher an einen Kirchenraum als an ein Industriedenkmal erinnert.

Hanjo ist ursprünglich der Name einer Kaiserin, die sich - aus Kummer über die vergangene Liebe ihres Kaisers - in einem Gedicht mit einem Fächer im Sommer vergleicht, der im Herbst weggeworfen wird. Hanjo ist nun Metapher für die Frau, die von einem Mann verlassen wird. In der "modernen", aus den 1950er Jahren stammende Hanjo-Fassung von Yukio Mishima, wird die Geschichte der Geisha Hanako erzählt, die sich Tag für Tag mit dem Fächer ihres Geliebten am Bahnhof einfindet, um ihm zu begegnen. Als sich beide trennen mussten, hatten sie als Versprechen des Wiedersehens ihre Fächer getauscht. Jitsuko, eine unverheiratete, verbitterte Künstlerin, "erlöst" die heruntergekommene, verwirrte Hanako aus ihrem Geisha-Dasein und verbirgt sie in ihrem Haus. Für sie ist Hanako Lebenselixier, Symbol von Schönheit und eigenem unerfüllten Begehren. Als der Geliebte schließlich aus einer Zeitung von Hanakos Bahnhofsbesuchen erfährt, sucht er sie auf, um sich mit ihr erneut zu verbinden. Es entsteht ein Machtkampf zwischen Jitsuko und Yoshio, den Hanako beendet, indem sie äußert, ihn nicht zu erkennen. Dabei bleibt es unklar, ob sie ihn in ihrer Traumwirklichkeit lebend wirklich nicht erkennt, oder ob sie Angst davor hat, die gewohnte Lebenssituation des Wartens aufzugeben.

Szenenfoto  Hanako (Kerstin Avemo), Foto: Paul Leclaire

Bezugnehmend auf die Tradition des japanischen Nô-Theaters hat Bühnenbildnerin Susanne Gschwender die weiß geschminkten Orchestermitglieder im hinteren Hallenraum wie auferstandene Geister in Bodenvertiefungen gesteckt und rechts und links eines kompletten, mit Schotterbett und Schwellen aufgebauten Schienenstranges verteilt. Ein umgestürzter Baum und weitere rechteckige, mal mit Requisiten, mal mit Wasser, mal mit Erde gefüllte, mal feuerlodernd aufleuchtende Bassins komplettieren die Natursymbolik des Bildes. Besonders assoziations- und fantasievoll ist das Kostüm von Hanako. Sie trägt ein bauschiges,  romantisch weißes Tutu, dessen Mieder den Fächer ihres Geliebten darstellt. Öffnet sie es und breitet die Arme aus, so erinnern die Tüllschichten an das Federkleid eines Vogels.

Bieito präsentiert kein bluttriefendes Gemetzel, keine Sexorgien. Gezeigt wird eine vertrocknete, ver-rückte Natur, in der Schnee schwarz vom Himmel kommt; der Konflikt zwischen Jitsuko und Yoshio wird musikalisch ausgetragen. Sie bezaubert mit schönen Koloraturen, spricht und zischt wie eine Schlange, er beeindruckt durch Lautstärke. Die schonungslose Direktheit der Bilder und Bewegungen, in denen der Regisseur die selbst verzehrenden Seelenzustände des unerfüllten Begehrens aufdeckt, faszinieren durch Raum-, Zeitlosigkeit und eine subtile Personenregie, die von körperlicher Bühnenpräsenz und Reduktion auf das Wesentliche lebt.

Vergrößerung in neuem Fenster Yoshio (Georg Nigl) gibt sich zu erkennen. (Foto: Paul Leclaire)

Ob sich Yoshio wie eine besiegte Raubkatze auf allen Vieren davon schleicht, um sich nach dem gescheiterten Wiedersehen im Wasserbecken qualvoll zu ertränken, ob sich Hanako langsam wie in Zeitlupe mit angsterfülltem, starren Blick und arthritischen Bewegungen dem Publikum nähert, vorsichtig tänzelt, wackelig balanciert, in sich versunken einen Fuss vor den nächsten setzt, in Tanzpose verharrt oder ihr Ohr lauschend auf die Schienen legt - in unermüdlichen Variationen des Wartens wird die seelische Innenwelt zur schonungslosen Realität. Am Ende beruhigt und liebkost Jitsuko ihr Alter Ego und kann sich erlöst die Pulsadern aufschlitzen. Beide schreiten langsam, sehr langsam ins Geisterreich zurück.

In der illustrierenden, assoziationsreichen Musiksprache Hosokawas scheinen sich europäische und japanische Musiktraditionen zu einer zarten, das Leise und die Stille bevorzugenden, poetischen Klangwelt zu verbinden.  Im Kammerorchester sind neben einem japanischen Glockeninstrument alle herkömmlichen Orchesterklangfarben vertreten. Reale, vom Tonband zugespielte z.B. Eisenbahngeräusche werden eingeflochten; zugleich scheinen die Instrumente nicht nur innere Seelen- sondern auch reale Geräuschwelten zu illustrieren.  Spielweisen wie Glissandi, mit viel Luft gehauchte Töne formen ein zartes, die Klangfarbenübergänge auskostendes, manchmal expressiv aufbrausendes, Klangfarbengewebe, das stillzustehen scheint. Nahtlos fügt sich die Stimme mit Sprechen, Gesang, im dramatischen Höhepunkt auch zischenden Lauten und einer an Schönberg erinnernden, fallenden, steigenden Sprechtonbewegung in das Klanggefüge ein.
Vergrößerung in neuem Fenster Hanako (Kirsten Avemo)  bewundert von Jitsuko Honda (Ursula Hesse von den Steinen), Foto: Paul Leclaire

Gesangs- und Instrumentalsolisten präsentieren unter der Leitung von Gerry Walker - er dirigiert vom linken Bühnenrand aus - einen bis zum Ende anhaltenden musikalischen Spannungsbogen. Ursula Hesse von den Steinen ist eine virtuose, klangvolle, tiefgründige Jitsuko, die bruchlos, homogen große Intervalle bzw. zwischen den Stimmregistern springt, verschiedenste dynamisch variierte Ausdruckarten der Stimme zum Klingen bringt sowie die Farbe der Konsonanten oder bspw. Papiergeräusche in den Gesang mit einzubeziehen weiß. Ebenso eindrucksvoll und virtuos ist Kerstin Avemo an ihrer Seite. Mit lyrischem, zerbrechlich schönem Stimmklang und packender Bühnenpäsenz gestaltet sie die traumverlorene Hanako. Auch Georg Nigl überzeugt mit lyrischem, hell timbriertem, klaren Bariton.


FAZIT

Ein sehens- und hörenswerte Neuinszenierung, die man demnächst bestimmt auch in der Berliner Staatsoper sehen und hören kann, deren besondere Reize aber gerade in der Duisburger Gebläsehalle zur Geltung kommt.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Garry Walker

Inszenierung
Calixto Bieito

Bühne
Susanne Gschwender

Kostüme
Anna Eiermann

Licht
Reinhard Taub  

Dramaturgie
Xavier Zuber 


Ensemble musikFabrik


Solisten

Hanako 
Kerstin Avemo  

Jitsuko Honda 
Ursula Hesse von den Steinen      

Yoshio 
Georg Nigl



 










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