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Rossini Opera Festival

Pesaro
10.08.2011 - 23. 08.2011


Mosè in Egitto

Azione tragico-sacra in drei Akten
Libretto von Andrea Leone Tottola
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit italienischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 55' (eine Pause)

Premiere in der Adriatic Arena in Pesaro am 11. August 2011
(rezensierte Aufführung: 17.08.2011)


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Rossini Opera Festival

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Göttliche Plagen als Terrorakte

Von Thomas Molke / Fotos vom Rossini Opera Festival (studio amati bacciardi)


Im Neapel des frühen 19. Jahrhunderts war die Zeitspanne, in der man in den Theatern Opern aufführen konnte relativ beschränkt, so dass es für die weltlichen Werke nur die ziemlich kurze Zeit von Weihnachten bis Karneval gab. In der folgenden Fastenzeit musste man sich religiösen Themen widmen. Diese Beschränkung mag ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass Rossini sich 1818 ebenfalls eines biblischen Stoffes annahm, um mit diesem Trick das kirchliche Verbot zu umgehen, und mit seinem Mosè in Egitto einen Stoff des alten Testamentes vertonte, der damals wie heute mit der Teilung des Roten Meers und der anschließenden Überflutung der Ägypter die technischen Möglichkeiten eines jeden Opernhauses an seine Grenzen führen dürfte. Auch wenn dieses Werk 1827 für die Pariser Oper unter dem Titel Mo
Ôse et Pharaon umgearbeitet wurde und seitdem gern zu einer bloßen Vorstufe der großen französischen Oper degradiert wird, setzt das Rossini Opera Festival in Pesaro - wie schon Bad Wildbad im Jahr 2006 - alles daran, dieses oft unterschätzte, musikalisch aber gewaltige Opus zu rehabilitieren.

Als Aufführungsort hat man die Adriatic Arena gewählt, eine Mehrzweckhalle, deren bühnentechnische Möglichkeiten die des Teatro Rossini an Bühnengröße und Bespielbarkeit des Zuschauerraums übertreffen. So laufen bereits während der Introduktion verletzte Männer und Frauen auf der Suche nach ihren Angehörigen durch das Publikum und halten den Zuschauern Fotos der vermissten Personen hin. Auch Faraone stürmt am Ende der Oper mit dem Oberpriester Mambre und seinen Soldaten unter lautem Getöse durch die Halle auf die Bühne, um die ausziehenden Hebräer aufzuhalten. Musikalisch besonders ergreifend wird der Zuschauerraum genutzt, wenn die Herren des Chors auf der rechten Seite und die Damen auf der linken Seite in dem Jubelchor "Voci di giubilo" das Ende der totalen Finsternis besingen.

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Faraone (Alex Esposito) ist nicht bereit, die Hebräer ziehen zu lassen.

Szenisch ist die Frage, wie man die alttestamentarische Geschichte um die Plagen, die Gott über die Ägypter kommen lässt, da diese nicht gewillt sind, die Hebräer ziehen zu lassen, in der heutigen Zeit überhaupt umsetzen soll. Das Regieteam um Graham Vick wählt den wahrscheinlich einzig gangbaren Weg, die Geschichte in die heutige Zeit zu übertragen und die Auseinandersetzung zwischen Ägyptern und Hebräern als Konflikt  religiöser Fanatiker darzustellen. Dabei gelangen die Hebräer nicht in die eigentliche Opferrolle, sondern verursachen die von Gott verhängten Strafen als Sprachrohr des Allmächtigen selbst. So verfügen Mosè und Aronne unterhalb des Palastes über eine Schaltzentrale, in der Krieger zu Selbstmordattentätern ausgebildet werden, und allzu oft setzt sich Mosè mit seinen Predigten vor einer Kamera in Szene, um so Botschaften an seine Anhänger zu schicken. Dabei verwundert es nicht, dass er optisch ein wenig an Osama bin Laden erinnert. Doch die Ägypter sind keineswegs positiver gezeichnet. Mit offener Gewalt verbreiten schwarz gekleidete Soldaten mit Maschinenpistolen Angst und Schrecken, nehmen mutmaßliche Terroristen gefangen und foltern sie, so dass man vor dem durchaus aktuellen Problem steht, in diesem Konflikt überhaupt einen Hauptschuldigen auszumachen.

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Mosè (Riccardo Zanellato) beschwört sein Volk (schräg links hinter ihm: Elcia (Sonia Ganassi) mit Chor und Statisterie).

Das Bühnenbild von Stuart Nunn ist dabei sehr aufwändig und detailverliebt gestaltet. Über zwei Ebenen erstrecken sich im Zentrum der Bühne die Reste eines prunkvollen Palastes, der mit rotem Teppich über dem Marmorboden an einem vergoldeten Geländer nach oben führt. Doch dieser Prunk trügt, zeigen doch die abgebrochene Treppe in der zweiten Etage und ein angebautes Gerüst auf der linken Bühnenseite, dass dieser Palast wohl Opfer eines Anschlags geworden ist und nun mehr schlecht als recht geschützt werden muss. Deshalb ist er von einer riesigen grauen Mauer mit Stacheldraht umgeben, womit angedeutet werden soll, dass es für die Hebräer aus diesem Gebiet kein Entrinnen gibt. Unter dem Palast, also im Untergrund, arbeiten die Hebräer an ihrer Befreiung, während auf der rechten Bühnenseite in zwei Ebenen ein leicht zerstörtes Gebäude angedeutet wird, in dem zum einen die hebräischen Frauen religiöse Rituale vollziehen, zum anderen Mosè seine Botschaften an sein Volk sendet. Auf der linken Bühnenseite wird in mehreren Ebenen ein ebenfalls zerstörtes Gebäude der Ägypter gezeigt. Rechts und links im Zuschauerraum prangt jeweils ein gewaltiges Portrait Faraones mit seiner Gattin Amaltea, das den Eindruck der ungebrochenen Macht der Ägypter vermitteln soll.

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Eine Liebe ohne Zukunft: Osiride (Dmitry Korchak) und Elcia (Sonia Ganassi).

Für die einzelnen Plagen, die das ägyptische Volk heimsuchen, findet Graham Vick recht fantasievolle Deutungen. Bei der totalen Finsternis zu Beginn der Oper ist zunächst einmal die Lichtregie von Giuseppe di Iorio gefragt, der mit grellem kalten Licht im Zuschauerraum das Gefühl vermittelt, dass die Bühne eigentlich im Dunkeln liegt. Das zurückkehrende Tageslicht in Form eines gewaltigen Kronleuchters erscheinen zu lassen, der aus dem Bühnenboden auftaucht, ist Geschmackssache. Da gleichzeitig auch weitere Lampen auf der Bühne angehen, könnte man den Eindruck gewinnen, dass Mosè und seine Anhänger zuvor nur die Stromleitungen gekappt hätten. Bewegend inszeniert ist jedenfalls, wie die suchenden Menschen die vermissten Personen zum Teil wiederfinden, was den großen Jubel am Ende der zweiten Szene motiviert. Den Feuerregen am Ende des ersten Aktes inszeniert Vick als Sprengstoffgürtel, die die Hebräer tragen und deren Bereitschaft zur Zündung durch eine grelle rote Lampe am Gürtel angezeigt wird. Auch an dieser Stelle reicht die bloße Bedrohung aus, Faraone zu dem Entschluss zu bringen, die Hebräer nun doch endlich ziehen zu lassen. Anders allerdings gestaltet sich die Tötung der männlichen Erstgeborenen. Während Osiride, der Sohn Faraones, auf dem Thron von dem herabstürzenden Kronleuchter erschlagen wird, werden für die Vernichtung der anderen Erstgeborenen wohl chemische Waffen eingesetzt, da einige Mütter versuchen, ihre Kinder mit Gasmasken vor dem Tod zu schützen. Die größte Herausforderung einer jeden Inszenierung bleibt natürliche die Teilung des Roten Meeres. Vick lässt dazu Teile der Mauer, die den Palast umgeben, herab, auf denen die Hebräer in einem großartig inszenierten Bild die Flucht antreten. Doch schon nahen die Ägypter durch den Zuschauerraum. Wie die Soldaten mit ihren Maschinenpistolen durch die Reihen stürmen, macht ihre Gewaltbereitschaft sehr deutlich. Was würde es da bringen, wenn sich die Mauer wieder schließt? Gar nichts, und deswegen öffnet sich ein weiterer Teil der Mauer und zeigt einen riesigen Panzer, von dem die Soldaten, Faraone und Mambre niedergestreckt werden.

Zu den relativ friedlichen Klängen der Musik, nachdem sich das Meer über den Ägyptern geschlossen hat, schafft Vick noch ein besonders bewegendes, wenn auch desillusionierendes Bild. Ein kleiner Junge, der das Massaker überlebt hat, veranlasst einen Soldaten, aus dem Panzer zu steigen, um ihn zu retten. Doch während der Soldat in den Palast steigt, legt der Junge sich, wie er es gelernt hat, einen Sprengstoffgürtel um, verbirgt ihn unter seinem Gewand und geht langsam auf den Soldaten zu, der ihm freundlich ein Kaugummi anbietet. In diesem Moment verlöscht das Licht und lässt dem Publikum damit doch die Hoffnung, dass der Junge den Sprengstoff nicht zündet.

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Eindrucksvolles Schlussbild: Ein Soldat bietet einem ägyptischen Jungen die Rettung an (Statisterie).

Musikalisch bewegt sich die Inszenierung auf sehr hohem Niveau. Die Stars des Abends sind Alex Esposito als Faraone, Sonia Ganassi als Elcia und der Chor unter der Leitung von Lorenzo Fratini. Esposito reißt das Publikum mit seinem profunden Bass, der eine hervorragend klare Diktion aufweist, zu regelrechten Begeisterungsstürmen hin. Sonia Ganassi glänzt als Hebräerin Elcia, die verbotener Weise mit dem Sohn Faraones liiert ist, mit sehr warmem Mezzo, der auch in den Höhen noch über eine enorme Strahlkraft verfügt. Der Chor hat in dieser Oper Gewaltiges zu leisten und präsentiert sich sehr homogen mit enormem Volumen, so dass man sich diese Oper fast für eine Freilichtaufführung in der Arena di Verona wünschen könnte. Dmitry Korchak verfügt als Osiride über einen sehr kräftigen Tenor, der jedoch in den Höhen ein wenig an Strahlkraft einbüßt und etwas wackelt. Yijie Shi hingegen vermag als Mosès Bruder Aronne mit auch in den Höhen noch sehr geschmeidigem und nie gequetschtem Tenor zu überzeugen. Riccardo Zanellato bewältigt die Titelpartie ebenfalls mit sehr kräftigem Bass. Vor allem im Gebet des dritten Aktes überzeugt er mit Shi, Ganassi und dem Chor. Olga Senderskaya stattet Amaltea mit einem sehr weichen Sopran aus, der die Güte der Figur unterstreicht. Auch Chiara Amarù als Aronnes Schwester Amenofi und Enea Scala als Oberpriester Mambre überzeugen in den beiden kleineren Rollen mit sehr schönen Stimmen. Roberto Abbado gelingt es, mit dem Orchester des Teatro Comunale di Bologna Rossinis Musik zum Strahlen zu bringen und zu zeigen, dass der berühmte Pesarese auch monumentale Musik komponieren konnte, die weit von der Leichtigkeit eines Barbiere entfernt ist.

FAZIT

Musikalisch und szenisch großes Theater in der Adriatic Arena, was hoffen lässt, dass es in den kommenden Jahren eine Wiederaufnahme dieser aufwändigen Produktion geben wird.

Weitere Rezensionen zu dem Rossini Opera Festival 2011



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Roberto Abbado

Regie
Graham Vick

Bühne und Kostüme
Stuart Nunn

Licht
Giuseppe Di Iorio

Chorleitung
Lorenzo Fratini



Chor und Orchester des
Teatro Comunale di
Bologna


Solisten

Faraone
Alex Esposito

Amaltea
Olga Senderskaya

Osiride
Dmitry Korchak

Elcia
Sonia Ganassi

Mambre
Enea Scala

Mosè
Riccardo Zanellato

Aronne
Yijie Shi

Amenofi
Chiara Amarù

 


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