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Rossini Opera Festival

Pesaro
10.08.2011 - 23. 08.2011


Adelaide di Borgogna

Dramma per musica in zwei Akten
Libretto von Giovanni Federico Schmidt
Musik von Gioachino Rossini

In italienischer Sprache mit italienischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 40' (eine Pause)

Premiere im Teatro Rossini in Pesaro am 10. August 2011
(rezensierte Aufführung: 19.08.2011)


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Rossini Opera Festival

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Der Kampf mit Regenschirmen

Von Thomas Molke / Fotos vom Rossini Opera Festival (studio amati bacciardi)


Rossinis Adelaide di Borgogna gehört nicht nur zu den eher unbekannten Werken des Pesaresen und wird in den meisten Opernführern nicht einmal namentlich erwähnt, sondern wird auch von dem Rossini-Biographen Giuseppe Radiciotti als seine schlechteste Opera seria bezeichnet, da die Musik absolut banal sei und in vielerlei Hinsicht der dramatischen Handlung widerspreche. Rossini selbst scheint dazu bei weitem eine andere Meinung gehabt zu haben, schrieb er doch noch eine Woche vor der Uraufführung in Rom im Dezember 1817 an seine Mutter, dass er bei der anstehenden Premiere ein sehr gutes Gefühl habe. Auch nach dem geringen Erfolg der Uraufführung übernahm er für seine 1819 für Venedig komponierte Oper Edoardo e Cristina einen großen Teil der Musik des ersten Aktes nahezu ohne irgendwelche Änderungen, was nahelegt, Radiciotttis Urteil von 1927 durchaus zu hinterfragen. Jetzt gibt es in Pesaro nach einer konzertanten Aufführung 1978 in London und einer szenischen Realisierung beim Festival della Valle d'Italia 1984 in Martina Franca nun zum dritten Mal seit dem frühzeitigen Verschwinden des Werkes von den Spielplänen in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Möglichkeit, sich eine eigene Meinung zu dieser Opernrarität zu bilden.

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Adelaide (Jessica Pratt) setzt alle Hoffnung auf Ottone.

Die Handlung der Oper geht auf die Mitte des zehnten Jahrhunderts zurück, als der Sachsenkönig Otto I. das zu der Zeit unabhängige italienische Königreich dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nationen eingemeindete. Nach dem Tod des jungen Königs Lotario hat Berengario die Herrschaft über Italien übernommen und möchte seinen Machtanspruch durch die Hochzeit seines Sohnes Adelberto mit der Königswitwe Adelaide di Borgogna festigen. Doch Adelaide lehnt eine Eheschließung ab, da Berengario unter dem Verdacht steht, den Tod Lotarios verschuldet zu haben, flieht auf die Burg Canossa und ruft Otto zur Hilfe. Als Gegenleistung verspricht sie ihm ihre Hand und das italienische Königreich. Während Berengario Otto bei einem unerwarteten Angriff zunächst in die Flucht schlagen und Adelaide als Geisel nehmen kann, gelingt es Otto im Gegenzug, Berengario gefangen zu nehmen. Otto bietet ihm die Freiheit, wenn Adelaide freigelassen wird. Doch Berengario und Adelberto lehnen dieses Angebot ab, Adelberto, weil er nicht auf die Geliebte verzichten will, und Berengario, weil er seinen Machtanspruch auf den italienischen Thron nicht aufgeben will. Berengarios Frau Eurice hingegen lässt Adelaide aus Adelbertos Lager fliehen, um ihren Ehemann zu retten. Obwohl Otto daraufhin bereit ist, Adelaides Bitten nachzukommen und Berengario die Herrschaft über Italien zu hinterlassen, greift dieser nach seiner Freilassung Otto erneut an, wird allerdings vernichtend geschlagen. So gewinnt Otto nicht nur Adelaide zur Frau, sondern wird auch noch neuer Herrscher über Italien.

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Berengario (Nicola Ulivieri, Mitte links) und Adelberto (Bogdan Mihai, Mitte) verhindern zunächst die Hochzeit zwischen Adelaide (Jessica Pratt) und Ottone (Daniela Barcellona, Mitte rechts) (im Hintergrund: der Chor der Soldaten).

Bei den zahlreichen Orts- und Szenenwechseln der Handlung stellt sich für jeden Regisseur die Frage, wie ein solches Stück umgesetzt werden soll, ohne den musikalischen Fluss durch ständige Umbauten zu unterbrechen. Pier' Alli, der auch das Bühnenbild, die Kostüme und die Lichtregie selbst entworfen hat, entschließt sich, auf aufwändige Bühnenbilder zu verzichten und größtenteils nur mit Projektionen zu arbeiten. Auf einer großen Leinwand im Bühnenhintergrund gelingen ihm dabei teils sehr faszinierende, teils etwas verwirrende Bilder. Mit unterschiedlichen Videosequenzen, die in einer Art Schachbrettmuster auf der Leinwand simultan ablaufen, neigt er auch dazu, die Szenen mit Bildern ein wenig zu überfrachten und die Aufmerksamkeit von den Figuren abzulenken. Während der Ouvertüre sieht man eine riesengroße Krone auf der Leinwand, an die näher herangezoomt wird, bis sie sich allmählich in die Burg Canossa verwandelt. In der ersten Szene zerfällt dann dieses Bild in zahlreiche kleine Bilder, die marschierende Soldaten und verschiedene Bereiche der Burg zeigen. Bei dieser ganzen Aktion in den Videoprojektionen wirkt die Handlung auf der Bühne beinahe statisch. Warum es in Ottos Feldlager im zweiten und späteren Bildern auf der Leinwand ständig regnet und der ganze Boden von einer riesigen Pfütze bedeckt ist, erschließt sich nicht eindeutig. Soll damit die Nähe des Lagers zum Gardasee ausgedrückt werden oder damit nur die im zweiten Akt mit Regenschirmen statt Waffen patrouillierenden Soldaten motiviert werden? Das bleibt der Fantasie des Publikums überlassen. Überhaupt wird die Bedeutung der Regenschirme, die im zweiten Akt in surrealen Bildern über den Soldatenköpfen auf der Projektion schweben nicht klar, da auch durch den Kampf mit den Regenschirmen der Ernst der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Berengarios und Ottos Soldaten verharmlost wird.

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Ottone (Daniela Barcellona) nimmt Abschied von Adelaide (Jessica Pratt), um gegen Berengario in den Kampf zu ziehen.

Sehr detailverliebt gelingt Alli der Blick in Adelaides Gemächer. Auf die Leinwand wird eine Marmorwand projiziert, in der sich der aus dem Schnürboden herabgelassene Lüster zu spiegeln scheint. Mit den ebenfalls sehr historisch anmutenden Kostümen wirkt diese Sequenz sehr klassisch inszeniert und steht im Gegensatz zu den oben erwähnten surrealen Bildern und zahlreichen Videoeinspielungen. Den zweiten Akt beginnt Alli eher symbolträchtig. Adelaides Gefangennahme spiegelt sich in einer Frauengestalt in einem Vogelkäfig, einem Bild, das den Mittelpunkt der auf die Leinwand projizierten Burg bildet. Wenn Adelaide in der ersten Szene des zweiten Aktes die Bühne betritt, trägt sie einen solchen Käfig bei sich, um zu zeigen, dass sie für die Männer nur eine eingenommene Trophäe ist. Sehr märchenhaft wirkt das Schlussbild mit der Kutsche, der der siegreiche Otto entsteigt, um über einen ausgerollten roten Teppich die Bühne zu betreten. Auch hier tauchen wieder zahlreiche Schirme auf, die aber mangels Regen auch als Schutz vor der Sonne interpretiert werden können. Bei einer so reichen Bilderflut geht die Aktion der Darsteller auf der Bühne nahezu unter, so dass der Vortrag der Arien häufig an heutzutage verpöntes Rampensingen erinnert..

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Glückliches Ende für zwei Liebende: Ottone (Daniela Barcellona) und Adelaide (Jessica Pratt).

Verteidigend ist aber dazu zu sagen, dass Rossinis Musik in dieser Oper hervorragende Stimmakrobaten erfordert, deren Gesang auch nicht durch unnötige Regiemätzchen beeinträchtigt werden sollte. Allen voran ist Publikumsliebling Daniela Barcellona zu nennen, die mit voluminösem Mezzo die Rolle des Ottone mit perfekten Koloraturen einem Herrscher gebührend ausfüllt. Schon in ihrer ersten Kavatine "Soffri la tua sventura", in der Ottone beschließt, Adelaide vor Berengario zu schützen, reißt Barcellona die Zuschauer zu nicht enden wollenden Beifallsstürmen hin. Jessica Pratt glänzt als Titelfigur mit einem sehr lyrischen, beweglichen Sopran, der besonders in den Piano-Stellen zu bewegen vermag. Ihr Duett mit Barcellona "Mi dai corona e vita", in dem sich Ottone und Adelaide gegenseitig ihre Liebe versichern, stellt im harmonischen Einklang der beiden Stimmen einen weiteren Höhepunkt des ersten Aktes dar. Auch Adelaides Gebet kurz vor Ende des zweiten Aktes, wenn Ottone erneut gegen Berengario in den Kampf zieht, zeigt in Pratts Gestaltung, dass der Vorwurf der Banalität für diese Musik keineswegs zutreffend ist. Nicola Ulivieri reiht sich als Bösewicht Berengario mit einem sehr schwarzen Bass hervorragend in das von Pratt und Barcellona vorgegebene hohe Niveau ein. Bogdan Mihai meistert die sehr anspruchsvolle Tenorpartie des Adelberto in den Höhen sehr sauber und scheinbar ohne Probleme. Nur in der Mittellage hat seine Stimme eine etwas ungewöhnliche Färbung und wirkt ein bisschen belegt. Dennoch lässt er mit Barcellona, Pratt und Ulivieri diesen Abend zu einem Festival der Stimmen werden.

In den kleineren Rollen überzeugt vor allem Francesca Pierpaoli als Iroldo mit sehr warmem Mezzo. Jeannette Fischer klingt als Eurice in den Höhen ein wenig angestrengt. Ihre Arie im zweiten Akt "Si, si, mi svena", in der sie beschließt, gegen den Willen ihres Sohnes Adelaide freizulassen, um Berengario zu retten, bewältigt sie aber mit sehr schönem Sopran. Auch Clemente Antonio Daliotti gefällt mit seinem Tenor in der kleinen Rolle des Ernesto. Sehr homogen und klanggewaltig zeigt sich der Chor unter der Leitung von Lorenzo Fratini. Mit leichten Unsicherheiten im Blech, aber ansonsten sehr mitreißend gestaltet das Orchester des Teatro Comunale di Bologna unter der Leitung von Dmitri Jurowski Rossinis Rarität und rundet den Abend zu einem weiteren Belcanto-Höhepunkt der diesjährigen Festspielsaison ab.

FAZIT

Rossinis Adelaide di Borgogna wird zwar sicherlich nicht in die erste Liga der Belcanto-Opern aufsteigen, hat aber musikalisch durchaus eine gewisse Beachtung verdient. Allis Inszenierung trägt dazu bei, dieses Werk in einer gewissen Ursprünglichkeit kennen zu lernen.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Dmitri Jurowski

Regie, Ausstattung, Licht
und Videoprojektion
Pier' Alli

Chorleitung
Lorenzo Fratini

 



Chor und Orchester des
Teatro Comunale di
Bologna

 




Solisten

Ottone
Daniela Barcellona

Adelaide
Jessica Pratt

Berengario
Nicola Ulivieri

Adelberto
Bogdan Mihai

Eurice
Jeannette Fischer

Iroldo
Francesca Pierpaoli

Ernesto
Clemente Antonio Daliotti

 


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