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Tod als Erlösung
Von Thomas Molke / Fotos von Wilfried Hösl Mittlerweile 13 Jahre ist es her, dass Tristan und Isolde in der Inszenierung von Peter Konwitschny bei den Münchner Opernfestspielen seine Premiere erlebte, und während andernorts unabhängig von dem Erfolg einzelner Wagner-Produktionen die Inszenierungen nach fünf oder sechs Festspielzeiten vom Programm genommen werden, tut man in München gut daran, diese immer noch spannende und in der Deutung Weg weisende Inszenierung im Rahmen der Festspiele zu präsentieren. Ein Garant für ein ausverkauftes Haus ist sie allemal, besonders wenn sie mit so hochkarätigen Kräften wie Nina Stemme als Isolde, René Pape als König Marke und natürlich Kent Nagano am Dirigentenpult des Bayerischen Staatsorchesters aufwartet. So lässt sich guten Gewissens attestieren, dass Konwitschnys Umsetzung auch nach 13 Jahren noch keinen Staub angesetzt hat und dem Zuschauer noch einiges zu sagen hat. Isolde (Nina Stemme) macht Tristan (Ben Heppner) heftige Vorwürfe. Schon im Vorspiel macht Kent Nagano mit dem Bayerischen Staatsorchester deutlich, was musikalisch an diesem Abend zu erwarten ist. Mit großer Emphase und sehr nuancenreich entwickelt er mit den Musikern den sogenannten "Tristan-Akkord", der erst drei Aufzüge später seine überirdische Auflösung nach Isoldes Verklärung finden soll. Johannes Leiacker hat den Bühnenraum dabei auf eine kleinere Guckkastenbühne reduziert, die während des Vorspiels von einem roten Vorhang verdeckt wird, der dem Bühnenvorhang des Nationaltheaters nachempfunden ist. Was die abstrakten Zeichnungen, die im Stil an Joan Miró erinnern, auf dem Vorhang zu bedeuten haben, bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen. Nach dem Vorspiel wird das Deck eines großen weißen Schiffes sichtbar. Der hellblaue Vorhang im Hintergrund, der durch die Bewegung den Eindruck vermittelt, dass das Schiff wirklich fährt, symbolisiert zum einen den Horizont, zum anderen aber auch das Meer, über das das Schiff gleitet. Während sich Brangäne auf einer weißen Liege zu entspannen scheint und die vom jungen Seemann servierten Cocktails schlürft, sieht Isolde im weißen Hochzeitskleid mit kleinen roten Blumen und einem Schleier sehr starr ihrer ungewissen Zukunft entgegen. Verzweifelt klammert sie sich an einen Fellbeutel, in dem, wie sich später herausstellen wird, Brangäne die verschiedenen Zaubertränke aufbewahrt. Durch den Todestrank wollen Tristan (Ben Heppner) und Isolde (Nina Stemme) gemeinsam die Erlösung suchen. Dank der kleineren Guckkastenbühne kann das Bühnenbild einfach weitergezogen werden und so den Blick in Tristans Kabine freigeben. Warum Konwitschny Tristan sich, wie übrigens auch im dritten Aufzug, wenn er relativ siech Isoldes Ankunft entgegenfiebert, rasiert, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Vielleicht versucht er, zumindest im ersten Aufzug, sich abzulenken, da er ja Isolde meidet und ihr aufgrund seines schlechten Gewissens nicht begegnen möchte. Wenn es dann doch zu der unausweichlichen Zusammenkunft der beiden im ersten Aufzug kommt, macht Konwitschny in seiner psychologischen Deutung sehr schnell klar, dass beide einen Ausweg nur noch im gemeinsamen Tod sehen. Vor der Einnahme des vermeintlichen Todestrankes legen Isolde ihr weißes Hochzeitskleid und Tristan seinen Umhang und den Brustpanzer ab und erleben einen sehr innigen Moment, bevor sie mit dem Trank ihr Leben beenden wollen. Doch mit der Einnahme des Trankes verändert sich nicht nur die ganze Situation, sondern auch die Lichtstimmung. Der vorher noch hellblaue Vorhang verwandelt sich in nachtdunkles Blau. Mit der Liebe, die sich die beiden nun offen eingestehen, wird das Licht auf der Bühne dunkler, aber auch wärmer. Das nahende Kornwall schiebt sich als schwarzer Vorhang vor den dunkelblauen Hintergrund, und nachdem Kurwenal und Brangäne den beiden Liebenden wieder in ihre Kleidung geholfen haben, zerren sie sie gegen deren Willen in ein gleißendes helles Licht. König Marke (René Pape, Mitte) fühlt sich von Tristan (Ben Heppner, links) und Isolde (Nina Stemme) betrogen. Der zweite Aufzug zeigt einen auf einen halbrund angebrachten Vorhang aufgemalten Wald, wobei die Stämme in ein einheitliches Laubwerk übergehen, so dass die Bäume sich in den Wipfeln zu einer einheitlichen Baumkrone vermengen. Mitten in diesem Wipfel prangt ein angedeuteter schwarzer Mond. Isolde trägt über ihrem weißen Hochzeitskleid einen dunkelblauen Umhang, der mit den Farben auf der Rückwand nach der Einnahme des Liebestrankes korrespondiert. Beim Verlöschen der Fackel, wird eine Batterie Scheinwerfer aus dem Schnürboden heruntergelassen, der die ganze Szenerie in sehr warmes gelbes Licht taucht. Warum Tristan zu "O sink hernieder, Nacht der Liebe" ein gelbes Sofa mit Blümchenmuster auf die Bühne ziehen muss, erschließt sich nicht, zumal es die innige Liebesszene der beiden beinahe schon ironisch bricht. Vielleicht ist es aber auch Konwitschnys Absicht zu zeigen, dass die Liebe, die die beiden leben wollen, auf dieser Welt nicht möglich ist. So legen sie auch während ihrer Liebesszene ihre Kostüme ab und tragen darunter nur noch schwarze Gewänder, mit denen sie dann auch aus dem Bühnenbild treten und mit der Umrandung der Guckkastenbühne quasi eins werden. Ist dies also bereits der Übergang der beiden in eine andere Sphäre? Erfolglos kämpft Marke (René Pape) um Isoldes (Nina Stemme) Liebe. Zunächst einmal werden sie allerdings von König Marke und seinem Gefolge, das wie aus dem Nichts plötzlich zwischen den Bäumen auftaucht, entdeckt. Dabei geht auch das Licht im Zuschauersaal an. Was René Pape stimmlich als König Marke mit seinem großen Bass bietet, ist absolute Weltklasse und sicherlich eher selten auf der Bühne zu erleben. Mit überdeutlicher Diktion und sehr klarer Gesangslinie, lässt er den Zuhörer bei seiner Enttäuschung über Tristans Verrat regelrecht mitleiden. Einige Damen äußerten in der Pause, wenn auch scherzhaft, sogar, dass sie Isoldes Entscheidung, bei Tristan zu bleiben, bei einem solch großartigen Auftritt des Königs nicht ganz nachvollziehen könnten. Auch Marke tritt aus dem Bühnenbild und holt Tristan und Isolde wieder zurück ins Geschehen. Wie Pape absolut verzweifelt zwischen den beiden auf dem Sofa Platz nimmt, ihre Hände dabei ergreift und auf seine Knie drückt, geht regelrecht unter die Haut. Doch der Liebestrank ist stärker. Isolde tritt erneut aus der Guckkastenbühne, und Tristan ergreift Melots Schwert und rammt es sich in die Brust. Dabei schließt sich der Vorhang, während Isolde immer noch außerhalb des Geschehens steht. Im dritten Aufzug lässt Konwitschny Tristan, während er schwer verletzt auf Isoldes Ankunft wartet, seine Kindheitserinnerungen mit Hilfe eines Diaprojektors Revue passieren. Die Bühne zeigt einen hohen kahlen Raum, in dem sich nur ein Sessel, eine Heizung und eben besagter Diaprojektor befinden. Aus dem Schnürboden hängt eine Lampe herab. Auf der linken Seite befindet sich ein großes Fenster, auf der rechten eine Tür. Die Fotos zeigen Tristan als Junge am Strand und vermutlich Tristans Eltern vor seiner Geburt. Das Spiel der Englischhörner zaubert eine absolut bedrückende Atmosphäre, wobei Konwitschny zwei Musiker außerhalb der Guckkastenbühne auftreten und mit Tristan sogar interagieren lässt. Während Ben Heppner schon in den ersten beiden Aufzügen als Tristan nicht durchgängig überzeugen konnte und besonders in den Höhen seine Intonation nicht immer ganz sauber klang, scheint er nun im dritten Aufzug seine Kraftreserven ziemlich aufgebraucht zu haben. Nur mit Mühe stemmt er sich gegen das dramatisch aufspielende Orchester, und der Zuschauer bangt, ob er die Partie bis zu seinem letzten sehnsuchtsvoll gehauchten "Isolde" wirklich durchhält. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, Heppner als leicht indisponiert anzusagen. Das Publikum zollt ihm für seinen großen Einsatz dennoch herzlichen Applaus. Isolde tritt erneut mit dem blauen Umhang auf. Darunter trägt sie wie vorher ein schwarzes Gewand, so dass sie gemeinsam mit Tristan, der ebenfalls schwarz gekleidet ist, erneut die Guckkastenbühne verlässt, um ihre Liebe in einer anderen Sphäre zu suchen. Auf der Bühne gibt es in der Zwischenzeit ein regelrechtes Gemetzel, bei dem nur Brangäne und Marke als Überlebende zurückbleiben. Zu Isoldes Verklärung schließt sich dann der Vorhang, und während Nina Stemme mit sehr großen Bögen und klarer Diktion "Mild und leise" singt, kniet Heppner zärtlich vor ihr. Konwitschny macht in seiner Deutung klar, dass er in diesem Schluss musikalisch nichts Trauriges sieht, da Isolde und Tristan nur in eine andere Sphäre übergehen, in der sie ihre Liebe ohne Hindernisse ausleben können. Auch dass diese Sphäre schwarz ist, hat für ihn nichts Negatives. So lässt er Stemme und Heppner nach Isoldes letztem Ton regelrecht fröhlich ins Off verschwinden, während sich der Vorhang noch einmal öffnet und auf einer schwarzen Bühne zwei weiße Särge zeigt, an denen Marke und Brangäne um die beiden trauern. Neben den drei oben bereits genannten absoluten Stars des Abends ist aber auch den anderen Solisten größtenteils sehr hohes Festspielniveau zu attestieren. Ekaterina Gubanova überzeugt stimmlich und darstellerisch als Brangäne mit sehr dramatischem Mezzo, und auch Alan Held, der für Michael Volle als Kurwenal eingesprungen ist, glänzt mit großem Bariton und leidenschaftlichem Spiel. Francesco Petrozzis Tenor klingt in der Rolle des Melot allerdings ein wenig belegt. So gibt es am Ende lang anhaltenden Applaus für alle Beteiligten, bei René Pape, Nina Stemme und Kent Nagano gibt es stürmische Ovationen, und auch Peter Konwitschny lässt es sich nicht nehmen, sich nach 13 Jahren erneut der Publikumsbeurteilung zu stellen. Die vereinzelten Buhrufe im Publikum gehen dabei in allgemeiner Begeisterung und Bravorufen unter.
FAZIT Es bleibt zu hoffen, dass diese Inszenierung auch weiterhin Bestandteil der Münchner Opernfestspiele bleiben wird.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung Inszenierung Bühne und Kostüme Licht
Chöre
Dramaturgie
Bayerisches Staatsorchester Chor der Bayerischen Staatsoper Englischhorn Holztrompete
SolistenTristan
König Marke
Isolde
Kurwenal Melot Brangäne Ein Hirt Ein Steuermann Ein junger Seemann
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