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Innsbrucker Festwochen der Alten Musik
10.08.2011 - 28.08.2011


Pimpinone oder
Die ungleiche Heirat

Intermezzo giocoso in drei Akten (TWV 21:15)
nach einem Libretto von Johann Philipp Praetorius
Musik von Georg Philipp Telemann

In deutscher und italienischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2 h (eine Pause)

Premiere im Spanischen Saal des Schlosses Ambras in Innsbruck am 21. August 2011




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Intermezzo als Geburtsstunde der komischen Oper

Von Thomas Molke / Fotos von Rupert Larl ( Innsbrucker Festwochen)


Landläufig heißt es, dass Pergolesis La serva padrona die Geburtsstunde der komischen Oper eingeleitet haben soll. Dass dies eigentlich schon acht Jahre früher und zwar im Hamburger Theater am Gänsemarkt geschah, versucht der Operndirektor der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Christoph von Bernuth, nun mit seiner Produktion von Georg Philipp Telemanns Pimpinone zu zeigen. Schließlich erzählt Telemann die gleiche Geschichte wie Pergolesi, und wie bei Pergolesis La serva padrona war auch Telemanns Pimpinone ursprünglich nur als ein Intermezzo gedacht. Am 27. September 1725 dirigierte Telemann nämlich im Hamburger Theater am Gänsemarkt Händels Opera seria Tamerlano und bot in den Pausen jeweils einen Akt seines neu komponierten Intermezzos. Intermezzi erfreuten sich im 18. Jahrhundert großer Beliebtheit, da das Publikum einerseits dadurch die mittlerweile aus der Opera seria verbannten komischen Szenen wenigstens zwischen den Akten der ernsten Oper präsentiert bekam und andererseits es in den Theatern der damaligen Zeit noch keine Foyers gab, in denen sich die Zuschauer während der für den Umbau des Bühnenbildes benötigten Pausen aufhalten konnten. So war man froh, wenn man während dieser Zeit durch ein heiteres Stück abgelenkt wurde. Die Besonderheit bei Telemanns Pimpinone mag gewesen sein, dass die beiden Pausen in Händels Tamerlano nicht ausreichten, um alle drei Akte des Intermezzos zu präsentieren, so dass Händels Oper im dritten Akt kurz vor dem Ende noch einmal unterbrochen wurde, damit auch das Intermezzo zu Ende erzählt werden konnte.

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Noch ist Pimpinone (Renato Girolami) ganz begeistert von dem scheinbar schüchternen Dienstmädchen Vespetta (Marie-Sophie Pollak).

Die Handlung über das gewitzte Dienstmädchen Vespetta, das zunächst froh ist, bei dem wesentlich älteren Pimpinone eine Stellung zu bekommen und dann durch ihre schlauen Verführungskünste zur Herrin im Haus und regelrechten Furie aufsteigt, bei der Pimpinone nichts mehr zu melden hat, geht zurück auf ein Libretto von Pietro Pariati, welches Tomaso Albinoni bereits 1708 erstmals vertonte. Telemann ließ die italienischen Rezitative von seinem Librettisten Johann Philipp Praetorius ins Deutsche übersetzen, fügte drei neu hinzugedichtete musikalische Nummern ein und behielt die bereits vorhandenen Arien und Duette in italienischer Originalsprache bei. Mit der sehr negativen Einstellung zur Ehe mag Telemann auf seine eigene persönliche Lage angespielt haben. Telemann war zu dieser Zeit nicht gerade glücklich mit seiner zweiten Ehefrau Maria Catharina verheiratet, die durch horrende Spielschulden und eine enorme Verschwendungssucht dazu führte, dass selbst das sehr gute Gehalt, was Telemann in Hamburg verdiente, nicht zum Begleichen der Schulden ausreichte. So mag bei Telemann bei aller Lächerlichkeit seiner Titelfigur doch ein gewisses Mitgefühl mit seinem Leid am Ende der Oper erkennbar sein und den Schmerz über seine eigene unglückliche Ehe ausdrücken.

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Aber die pfiffige Vespetta (Marie-Sophie Pollak) hat noch andere Eisen im Feuer.

Wieso die Inszenierung von Christoph von Bernuth als halbszenisch bezeichnet wird, mag schon fast nach falscher Bescheidenheit anmuten. Schließlich wird weder in der Darstellung durch die beiden Protagonisten, noch bei den Kostümen, die sehr klassisch gehalten sind, auf irgendetwas verzichtet. Die Bühne befindet sich auf einem kleinen Podest in der Mitte des Spanischen Saals, so dass die Zuschauer von drei Seiten auf das Geschehen blicken. Der Zuschauerraum wird mitbespielt, wenn beispielsweise Vespetta im zweiten Akt den sie heimlich verehrenden Briefträger empfängt, der sie, wie man in ihrem Koffer später feststellen wird, schon mit einer Vielzahl von Rosen beglückt hat, oder wenn sie sich im dritten Akt von einem Zuschauer, natürlich einem männlichen, die Knöpfe des Kleides schließen lässt. Auf dem Bühnenpodest befinden sich im ersten Aufzug kleine Buchsbäumchen, die andeuten sollen, dass die Szenerie auf der Straße stattfindet. Schließlich trifft Pimpinone dort auf das stellungslose Dienstmädchen und beschließt, sie als Zofe in sein Haus aufzunehmen. Im zweiten und dritten Akt deuten eine Truhe, ein Stuhl und das Bett an, dass man sich nun in Pimpinones Haus befindet. Mehr Bühnenbild und Kulisse ist nicht nötig, um die Geschichte zu erzählen, und viel mehr Kulisse wird es in der damaligen Aufführung als Intermezzo sicherlich auch nicht gegeben haben, wenn man von einem Bühnenprospekt absieht, der für den Umbau der Szenerie des Tamerlano herabgelassen worden sein dürfte. Aber dafür bieten die fein bemalten Wände des Spanischen Saals einen wunderbaren Hintergrund.

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Zunächst aber muss Vespetta (Marie-Sophie Pollak) einiges über sich ergehen lassen, um Pimpinone (Renato Girolami) das Eheversprechen abzuringen.

Musikalisch begleitet wird der Abend von einem Violin-Ensemble, das sich nach einer Sammlung von Renaissancemusik des englischen Komponisten Martin Peerson aus dem Jahr 1620 "Private Musicke" nennt und 1998 unter der Leitung von Pierre Pitzl gegründet wurde. Mit sehr viel Gespür für die Besonderheiten der Barockmusik führt Pitzl die fünf Streichinstrumente durch die Arien und Duette der Protagonisten und durchleuchtet so die klangliche Vielfalt der Musik. Selbst begleitet er die Rezitative Vespettas mit einer Barockgitarre, während die Rezitative Pimpinones vom Cembalo begleitet werden. Schon die unterschiedlichen Klangfarben von Barockgitarre und Cembalo zeigen, dass Vespetta und Pimpinone als Paar nicht zusammenpassen. Besonders artifiziell ist die Musik bei den in deutscher Sprache hinzugedichteten Nummern. In der ersten Arie Vespettas macht Marie-Sophie Pollack musikalisch den Unterschied zwischen einer feinen Dame und einem "gemeinen Weib" sehr deutlich. Während sie bei den Eigenschaften der ersteren mit zahlreichen Koloraturen jede einzelne Silbe verziert und damit Pimpinone betört, ist ihr Gesang bei der Beschreibung letzterer eher derb und folgt ohne jegliche Verzierung sehr simpel nur dem Melodienlauf. An dieser Stelle wird sehr deutlich, wofür sich jeder Mann entscheiden wird. Die weiteren hinzugedichteten Nummern sind zwei Duette am Ende des dritten Aktes, wenn Vespetta bereits ihr wahres Gesicht gezeigt hat. Während sich die beiden im ersten Duett noch wüst beschimpfen und Pimpinone den Kampf noch nicht aufgegeben hat, hat er im letzten Duett am Ende resigniert, und während Vespetta ihre überlegene Position am Ende in vollen Zügen auskostet, beschließt Pimpinone nur resigniert, stumm zu bleiben und das Gebaren seiner Gattin irgendwie auszuhalten.

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Dann erst hat Vespetta (Marie-Sophie Pollak) das Sagen und lässt Pimpinone (Renato Girolami) nach ihrer Pfeife tanzen.

Darstellerisch und gesanglich werden die Partien von Marie-Sophie Pollak und Renato Girolami glänzend ausgefüllt. Pollack, die bei dem Internationalen Gesangswettbewerb für Barockoper Pietro Antonio Cesti im Rahmen der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik im letzten Jahr mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurde, begeistert stimmlich mit glockenklarem Sopran und versteht es, mit ihrem reizenden Spiel so manchen Mann um den Verstand bringen. Girolami, der bereits im vergangenen Jahr in der Rolle des Uberto in La serva padrona überzeugte, stattet die Titelfigur mit einem kräftigen Bass aus und scheut nicht davor zurück, in der Bettszene mit Vespetta so unattraktiv zu wirken, dass man es der jungen Frau wirklich nicht verdenken kann, dass sie diesen alten Mann nur ausnutzen will. Bei allem Spott, dem er die Titelfigur mit seinem komödiantischen Spiel aussetzt, gelingt es Girolami dennoch, am Ende bei den Zuschauern Mitleid mit seiner Situation zu erwecken, auch wenn man konstatieren muss, dass er es bei so viel Dummheit eigentlich nicht anders verdient hat. So gelingt von Bernuth mit diesem spielfreudigen Duo und dem hervorragend aufgelegten Musiker-Ensemble ein sehr vergnüglicher Abend im Spanischen Saal, der konstatieren lässt, dass die Geburtsstunde der komischen Oper eigentlich wirklich acht Jahre vor Pergolesi in Hamburg am Gänsemarkttheater gewesen ist.

FAZIT

Ein durchweg vergnüglicher Abend mit einem spielfreudigen Ensemble. Schade, dass auch diese Produktion wie La Calisto nur zwei Mal im Rahmen der Festwochen zu erleben ist.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Pierre Pitzl

Regie und Konzept
Christoph von Bernuth



Private Musicke


Solisten

Vespetta
Marie-Sophie Pollak

Pimpinone
Renato Girolami


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