Traumes Bruder
Von Roberto Becker
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Foto von Elisabeth Carrechio
Beim Musikfestival in Aix-en-Provence ist die gehobene, musikalisch niveauvolle, szenisch nicht allzu verstörende Opernunterhaltung für ein internationales Publikum angesagt, das gerne Oper mit jenem provenzalischen Urlaubs-Charme verbindet, den die Stadt verströmt. Gleichwohl gehört auch hier eine Uraufführung längst zum guten Ton. Die wird natürlich koproduziert; muss also für eine Tournee geeignet sein. Brüssel gehört für Bernard Foccoroulle, der dort Intendant war, bevor er 2007 Stephane Lissner auf dem Chefposten des Opern- und Musikfestivals in Aix-en-Provence nachfolgte, ganz selbstverständlich zu den natürlichen Partnern. Das aktuelle Auftragswerk könnte man zudem beinahe noch der seit Lissner programmatischen Nachwuchsförderung zuordnen, der sich das Festival mit einer eigenen Akademie für junge Künstler verschrieben hat.
Der 1975 in Mailand geborene Oscar Bianchi ist zwar kein Nachwuchs im eigentlichen Sinne aber Thanks to my Eyes ist seine erste Oper. Seine Musik setzt auf einen sinnlich satten, der Sprache dienenden und sich vor allem aber geheimnisvoll gebenden Orchesterklang. Damit bleibt er fast die ganzen 75 Minuten, die er für die 24 Szenen benötigt, auf einem emotionalen Niveau, ohne allzu sehr auf dramatische Steigerungen oder eine markante musikalische Charakterisierung seiner Figuren zu setzen. Ariose Bögen und Kantilenen bis hin zu Koloraturen hält er für seine Protagonisten immerhin bereit.
Die blonde junge Frau von der Sonnenfinsternis geblendet
Nun hat es ja neue Musik im Repertoire ohnehin schwer, wenn sich aber die Story bewusst von jedem Bezug zur Gegenwart oder einem subversiven Spiel mit der Vergangenheit abwendet und auf eine intellektuell etwas karge traumdeutelnde Psychologisierung setzt, wie das wortreiche englischsprachige Libretto, das Joël Pommerat aus einem eigenen Stück geschneidert hat, dann fördert das nicht gerade die Chancen, über eine Festivalfußnote mit Alibiverdacht hinauszukommen. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes, der noch bei seinen alten Eltern und mit der Legende lebt, dass sein Vater der größte komische Schauspieler der Welt war. Die Versuche des Vaters, ihm seine Kunst beizubringen, hatte ein zwiespältiges Ergebnis. Beim Versuch des Jungen, sie vorzuführen hat nämlich niemand gelacht. Doch bekommt er fortan von einem geheimnisvollen langhaarigen Mann nicht nur Fanpost von Verehrerinnen, sondern wird auch von einer jungen Frau in der Nacht besucht, die ihm ihre Tanzkünste vorführt. Mit einer anderen jungen Frau beobachtet er tagsüber an einer Klippe eine Sonnenfinsternis, die diese Frau schließlich blendet. Am Ende sind beide Frauen verschwunden, aber er erhält einen Brief, der ihm offenbart, dass an der angeblichen Karriere seines Vaters kein wahres Wort ist. Das bleibt auch in der Szenenaufteilung und dem Wechsel zwischen Monologen und Dialogen so vage und im intellektuellen und symbolistischen Halbdunkel, wie es in der Zusammenfassung klingt.
Das Zauberkostüm des Vaters
Der Librettist Joël Pommerat hat die Inszenierung im charmanten Théâtre du Jeu de Paume, in der Altstadt von Aix-en-Provence, selbst besorgt und für seine Intentionen maßgeschneidert. Mehr als einen schiefergrau ausgeschlagenen Kasten mit gelegentlich geheimnisvoll aufflackerndem Hintergrund braucht er nicht. Das glitzernde Kostüm, das der Vater bei seinen Auftritten angeblich trug und das die Mutter für den Sohn aufbewahrt und pflegt, ist der einzige farbliche Lichtblick. Der nahezu ekstatische Tanz der jungen Frau in der Nacht ist der dramatische Höhepunkt einer allzu gleichförmig im ausgestellten Einheitsgrau verdämmernden Inszenierung.
Vater und Sohn sprachlos
Die Sänger immerhin haben genügend vokale Vorgaben, um ihr Können zu präsentieren. Herausragend ist dabei die Intensität, mit der sich Hagen Matzeit die zentrale Figur des Aymar anverwandelt. Auch die beiden geheimnisvollen, realen oder vielleicht nur eingebildeten, Frauen, Keren Motseri und Fflur Wyn, schmücken ihre Partien mit traumschönen ariosen Aufschwüngen und Koloratursicherheit. Während Brian Bannatyne-Scott als Vater und Anne Rotger als Mutter das Ensemble komplettieren. Auch Franck Ollu und das Ensemble Moderne im Graben stellen sich rückhaltlos in den Dienst dieses Experimentes.
FAZIT
Die international koproduzierte Uraufführung des aktuellen Jahrgangs der Festspiele in Aix-en-Provence mag als Talentprobe eines Komponisten durchgehen verglichen mit den zahlreichen überzeugenden Uraufführungen der zu Ende gehenden Spielzeit ist Thanks to my Eyes doch eher beliebige Meterware.
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