Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum



Französische Barockmusik

bei den


«Resonanzen 2010»


17. & 18.01.2010


Konzerthaus, Wien
Homepage

Resonanzen «Flammen»
Wiener Konzerthaus

Glanz, Grazie und Ausdruckskraft

Von Bernhard Drobig / Fotos von fra bernardo


Seit Ihrer Gründung vor 18 Jahren erfreuen sich die «Resonanzen», das neuntägige Januar-Festival mit Musik zwischen Mittelalter und Barock im Wiener Konzerthaus, einer konstant hohen Beliebtheit. Hauptursache dafür ist die Attraktivität eines ausgewogenen Programmangebots, für das auch diesmal nicht nur Spitzenkünstler – unter anderen Véronique Gens, Ton Koopman, Jordi Savall und Hopkinson Smith – und bekannte Ensembles wie Mala Punica und die Capella della Pietà de’ Turchini aufgeboten wurden, sondern auch als leistungsstark anerkannte Ensembles, die in Wien debutierten: Gambe di Legno, Hamburger Ratsmusik, Concerto madrigalesco und La Chapelle Rhénane sowie in großer Besetzung Solisten, Chor und Orchester La Simphonie du Marais. Auch inhaltlich lockte wieder ein raritätenreiches Konzertangebot mit ebenso reizvollen wie aufschlussreichen Vergleichsmöglichkeiten: Da standen beispielsweise Abende mit vokaler und instrumentaler Formensprache des Trecento und Cinquecento solchen mit deutschsprachiger geistlicher Musik (Krieger, Schop / Schütz) gegenüber, oder erklangen zu Beginn und Ende des Festivals Muster spezifischer Musikpflege weiland konkurrierender Höfe, für Wien der Einakter ORFEO ED EURIDICE des heuer vor 350 Jahren geborenen Johann Joseph Fux als Beispiel einer Serenata zu Kaisers Geburtstag, für Frankreich dort entwickelte Motetten- und Musiktheaterformen. Und nimmt man gar Künstlergespräche, Vorkonzerte mit aufstrebenden jungen Musikern, nachgesetzte Filmaufführungen sowie einen kleinen Menuetttanzkurs hinzu, nicht zu vergessen die zweitägige Ausstellung von über siebzig internationalen Instrumentenbauern, schien wirklich alles Erdenkliche getan, den vielseitigen Interessen der Freunde Alter Musik weitgehend Rechnung zu tragen.

Vergrößerung in neuem FensterHier sei stellvertretend für die Anspruchshöhe aller Hauptkonzerte der Doppelauftritt von La Sinfonie du Marais angesprochen, ein gelungenes Plädoyer für Reichtum und Schönheit der in Wien bislang immer noch unterrepräsentierten französischen Barockmusik. Der international renommierte Barockflötenspezialist Hugo Reyne hatte dieses Solisten-, Chor- und Instrumentalensemble mit Sitz im westfranzösischen Departement La Vendée 1987 gegründet, um sich mit ihm auf der Grundlage eigener Forschungen vor allem, doch nicht ausschließlich, weniger beachteten Werken des heimischen Barockerbes zu widmen. Für den ersten Abend hatte er nun geistliche Musik aus der Zeit Ludwigs XIII. und des Sonnenkönigs im Gepäck, sein zweites Konzert widmete er den großen Antipoden des französischen Musiktheaters, Lully und Rameau.

Er begann mit einigen Bouzignac zugeschriebenen petits motets, die vordergründig betrachtet  den 1628 errungenen Sieg über die Hugenotten in La Rochelle reflektieren, bei genauerer Betrachtung sich aber als Zeugnisse eines bemerkenswert mutigen Aufbrechens der traditionell polyphonen Motettenstruktur erweisen, insofern die narrativen Texte durch kurze Fragen dramatisiert werden und mit wechselnden Kompositionsstrukturen und Stimmkombinationen eine zwar kleinteilige, aber gefühlsbestimmte Textauslotung Raum greift, die für Bouzignac bestimmend, doch ohne Nachfolge bleiben sollte.

Die einfühlsame Gestaltung dieser Qualität von Bouzignacs a capella-Kompositionen durch Hugo Reynes Choristen sensibilisierte trefflich für die nachfolgenden Beispiele von grands motets aus der Feder Charpentiers, Delalandes und Lullys. Für das doppelchörige «Jubilate Deo» mit der für die Violons du Roy charakteristischen Instrumentalbegleitung, entstanden anlässlich der Hochzeit Ludwigs XIV. und damit verbundener Friedenshoffnungen, hatte Lully Verse verschiedener enkomiastischer Psalmen verknüpft. Musikalisch verblüfft, dass er von der feierlich langsamen Einleitung an durchgehend keinen auftrumpfenden Jubel vertont, sondern die Texte zum einen sich aus imitativ anhebenden Soli über Verflechtungen im Ensemble hin zu homophonen Tutti mit doppelchöriger Hervorhebung bedeutsamer Worte entwickeln lässt, zum anderen sie für zwei längere melodisch anmutige Abschnitte dem Solosopran anvertraut und so die Exzeptionalität erfahrener Gottesgnade eher meditativ als exaltativ abbildet. Hugo Reyne sicherte diesen Charakter verinnerlichter Freude mit geschickt disponierter Dynamik, ohne dabei allfälliger agogischer Variation zu entraten.

Prachtvoller nahmen sich demgegenüber die beiden Te Deum-Vertonungen von Charpentier (1692) und Delalande (1700) aus, übrigens wie alle lateinischen Texte nicht in der für damals vermuteten französischen, sondern gängigen italienischen Aussprache vorgetragen. Beide Komponisten haben diese ihre grands motets nicht mehr in der bei Bouzignac wie Lully trotz aller Binnengliederung noch herrschenden Geschlossenheit konzipiert, sondern in gleichsam kantatenähnlichen Einzelsätzen. Dabei sind die vom ambrosianischen Lobgesang vorgegebenen Gedankenkreise nur unwesentlich anders getrennt, doch insbesondere in der Kombination Vokalsoli sehr unterschiedlich gestaltet. Während Charpentier nur wenige Soli, aber immer wieder neue, oft auch den Chor einbeziehende Stimmkombinationen vorsieht, im übrigen Trompeten suo loco für Akzente, Flöten für ausgedehnte Untermalungen und Violinfigurationen zur Verzierung einsetzt, vertraut Delalande seine Einzelsätze nur selten einem Duett an, lässt sie in der Regel von einem Solisten oder dem Chor gestalten und erzielt so bei verhaltenem Instrumentalprunk stärker ergreifende spirituelle Ausdruckswerte, was sich auch in den Finali zeigt, bei Charpentier eine eindrucksvolle Fuge, bei Delalande ein homophoner Chorsatz, der Gottvertrauen von stiller Hoffnung hin zu einem veritablen Freudentaumel steigert.

Alles in allem waren hier wie im ganzen Konzert subtile künstlerische Qualitäten gefragt, und überzeugte Hugo Reyne mit seinem, Überspitzungen wohltuend vermeidenden Ansatz ebenso vollauf wie seine Musiker mit Können und Begeisterung. Wer jedoch für die Leistungsstärke aller noch einer weiteren Bestätigung bedurfte, erhielt sie in der Zugabe, dem choralartigen, mystisch anmutenden Tutti der Einleitung zu Delalandes «De profundis», bei dessen Vortrag Vokal- und Instrumentalstimmen geradezu sphärisch wie in einer Orgelmixtur verschmolzen.

Vergrößerung in neuem Fenster Am Folgeabend gab Hugo Reyne mit den Seinen und der Starsopranistin Véronique Gens einen Querschnitt durch französisches Musiktheater, angefangen von Ballets aus der Frühzeit von Lullys Opernprivileg bis hin zu der mit Quinault entwickelten spezifischen Form der Tragédie en musique und ihrer fulminanten Weiterentwicklung durch Rameau. Natürlich fehlte es nicht an Glanz, Grazie und Schwung der vielfachen Orchester- und Chor-Varianten – eine besondere Delikatesse der Chor der vor Kälte bibbernden Völker aus ISIS –, das zentrale Erlebnis des Abends indes war Véronique Gens mit ihrer souveränen Beherrschung der für französische Barockoper so konstitutiven Deklamationskunst. Ob sie die Scham der verliebten Keuschheitsgöttin Diana vor sich selbst (LE TRIOMPHE DE L’AMOUR) oder die Qual und Todessehnsucht einer ihren toten Geliebten erblickenden Prinzessin aus AMADIS abbildete, jedes Rezitativwort war bei ihr zugleich gesprochene wie gesungene Emotion, jedes Air vollkommene Einheit von Poesie und Musik.  Vollends ihre Darstellung von Phädras unseliger Liebe zum Stiefsohn Hippolytos aus Rameaus erster Tragédie lyrique HIPPOLYTE ET ARICIE und deren Verzweiflung angesichts seines von ihr verschuldeten Endes machte Adel und Ausdruckstiefe französischer Opernsprache zwingend sinnfällig. Dass aber auch die von Rameau reichhaltig ausdifferenzierte und harmonisch kühne Instrumentalmusik ähnlich atemberaubender Brillanz nicht entbehrt, exemplifizierte Hugo Reyne mit zwei virtuosen Ouvertüren, in denen die Trennung der Elemente (ZAÏS) und der Aufstand der Giganten gegen die Götter des Olymp (NAÏS) eingefangen ist.  In der Tat, nachhaltiger konnte die Empfehlung französischer Barockoper und ihrer leistungsstarken Interpreten nicht ausfallen, zumal sie in der Zugabe, dem pfiffig mit Ureinwohnerlauten angereicherten Ohrwurm des Friedenstanzes aus LES INDES GALANTES noch eine weitere Steigerung erfuhr.

FAZIT

Vive la musique spirituelle, vive la musique théâtrale, vive la musique baroque de France!

Les Solistes du Marais
Le Choeur du Marais
La Simphonie du Marais

Hugo Reyne
Leitung

Werke von
Guillaume Bouzignac
Marc-Antoine Charpentier
Michel-Richard Delalande
Jean-Baptiste Lully
Jean-Philippe Rameau


Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Startseite E-Mail Impressum

© 2010 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de

- Fine -