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Salzburger Festspiele 2010

25. Juli - 30. August 2010



Er ist dann mal weg

Mit dieser Spielzeit ging bei den Salzburger Festspielen auch die Intendanz von Jürgen Flimm (vorzeitig) zu Ende

Von Joachim Lange

Dass es in den Jahren von 2007 bis 2010 unter der Intendanz von Jürgen Flimm bei den Salzburger Festspielen eine erkennbare Programm-Dramaturgie gab, will an deren Ende kein Beobachter so recht bezeugen. Eine Umfrage der österreichischen Agentur APA unter neun heimischen Kritikern fällt jedenfalls denkbar verheerend aus. Da reichen die Charakterisierungen von Beliebigkeit bei der Programmgestaltung bis hin zu Fehlbesetzung was den Intendanten betrifft. Dass es in den letzten Jahren immer ein Motto über dem Programm gab, ändert daran nichts. „Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie“ lautete es diesmal. Tragödienstoffe waren in der Tat auf dem Spielplan reichlich vertreten.

Im Vorfeld hatte die Festspielspitze sogar selbst noch eine Motto-Paraphrase beigesteuert: „Wo der Intendant und sein Schauspielchef zusammenstoßen, entsteht ….“ Tja was? Vor allem Reibungsverlust. Jedenfalls kein wirklich aufregendes Programm. Beinahe hätte Thomas Oberender nach dem öffentlich ausgetragenen Konflikt mit Jürgen Flimm das Handtuch als Schauspielchef geworfen. Doch wird er jetzt den vorzeitig nach Berlin auf den Chefposten der Staatsoper Unter den Linden wechselnden Flimm noch ein Jahr auf seinem Posten in Salzburg überdauern.


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Das aktuelle Leitungsteam der Festspiele:Thomas Oberender, Markus Hinterhäuser, Präsidentin Helga Rabl-Stadler, Intendant Jürgen Flimm, Kaufmännischer Direktor Gerbert Schwaighofer (Foto: Wolfgang Lienbacher)

Programmatisch aus der Affäre gezogen hat sich Oberender mit seinem Schauspielprogramm in diesem Jahr allerdings eher mit einem Startheater ohne Verstörungsgefahr für die Regietheaterverächter. Dabei hat sich Klaus Maria Brandauer als Ödipus in Peter Steins Ödipus auf Kolonos selbst übertroffen, Jossi Wieler mit einer Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle Angst ein psychologisches Kammerspiel geliefert und Sunnyi Melles schließlich als eine so faszinierende, wie alle Stückgrenzen sprengenden Phädra am Ende für ein fast schon fatales Racine-Missverständnis gesorgt.

Für Oberenders Finale im kommenden Jahr stehen die Zeichen günstiger. Da hat er an der Seite von Interimsintendant Markus Hinterhäuser mit dem angekündigten Doppel Faust von Nicolas Stemann und den Regisseuren Dimiter Gotscheff, Roland Schimmelpfennig und Thomas Ostermeier nicht nur gute Chancen, seine Bilanz deutlich aufzubessern, sondern auch dem designierten und ziemlich restaurationslustigen Nachfolger Sven Eric Bechtolf ein deutliches ästhetisches Statement zu hinterlassen!

Beim Schauspiel sind alle Produktionen mit anderen Bühnen gemeinsam produziert – die Exklusivität von Salzburg liegt hier lediglich in einem Recht der ersten Nacht. Ödipus auf Kolonos ging noch vor Beendigung der Festspiele an das Berliner Ensemble, Angst wird an die Kammerspiele nach München gehen und mit Phädra eröffnet Burgtheaterchef Matthias Hartmann im Wiener Akademietheater seine eigene Saison. Da auch der Nachwuchsregiewettwerb des Young Direktors Projekt mit keiner positiven Überraschung aufwarten konnte, blieb es eine Jubiläums-Pointe der 90. Salzburger Festspiele, dass ausgerechnet der Dauerbrenner Jedermann in seiner Überarbeitung durch Christian Stückl und neu besetzt mit Nicholas Ofczarek als Jedermann und Birgit Minichmayr als Buhlschaft zu den erfrischend positiven Schauspiel-Überraschungen gehörte! Doch das Schauspiel spielt in Salzburg ohnehin seit Jahren eine eher untergeordnete Rolle.


Vergrößerung in neuem Fenster Aufgefrischter Dauerbrenner Jedermann (Foto © Hermann und Clärchen Baus)

Den eigentlichen Glanz verbreiten die Opern, die denn auch der Festspielintendant neben seiner künstlerischen Gesamtverantwortung, die er auch für den Schauspiel- und den Konzertbereich letzten Endes trägt, separat betreut. Wirklich unumstritten und obendrein zum Glanzlicht der gesamten Intendantenjahre von Jürgen Flimm geriet dabei ausgerechnet die Uraufführung von Wolfgang Rihms Dionysos. Rihm war zudem der nun schon traditionelle "Kontinent" gewidmet, mit dem Markus Hinterhäuser die diesjährigen Konzertangebote in einen inneren Zusammenhang gebracht hat.

Quantitativ boten die Festspiele immerhin (mit Dionysos, Orfeo ed Euridice, Lulu und Elektra) vier Premieren, zwei Wiederaufnahmen (Don Giovanni, Romeo et Juliette) und mit Norma eine konzertante, eigens für die Königin des Belcanto Edita Gruberova angesetzte Oper. Vielversprechend war dabei die gewachsene szenische Dichte von Claus Guths Don Giovanni. Der wird mittlerweile nicht nur vom Publikum akzeptiert, ja gefeiert, sondern darf als Vorarbeit für den im nächsten Jahr geplanten Da Ponte-Zyklus gelten, der dann Die Hochzeit des Figaro, Don Giovanni und Cosi fan tutte szenisch aus einer Hand (allerdings mit unterschiedlichen Dirigenten) bieten wird.

Mit dem aktuellen Festspieljahrgang endet zugleich die Ära von Jürgen Flimm. Dass er zu Beginn gleichzeitig die RuhrTriennale und am Ende seinen neuen Berliner Opern-Job nebenherlaufen ließ, hat man ihm in Salzburg verübelt. Auf seinen vorzeitigen Ich-bin-dann-mal-weg-Abgang nach Berlin schlug ihm in Österreich denn auch ein War-er-eigentlich-wirklich-da? entgegen. Doch auch ohne österreichisches Ressentiment gegenüber der deutschen Theater-Allzweckwaffe und rheinischen Frohnatur bleibt es schon deshalb schwierig, die Ära Flimm zu bewerten, weil man Mühe hat, sie als solche wahrzunehmen.

In dem schmale Bändchen im Langpostkartenformat, mit dem Flimm seine Salzburger Jahre knapp Revue passieren lässt, fasst er gleich seine Arbeit als Regisseur, Schauspielchef und Intendant zusammen und nennt es „Das Salzburger Kapitel 1987-2010“. Begonnen hatte der Regisseur Flimm 1987 mit Ferdinand Raimunds Das Mädchen aus der Feenwelt oder der Bauer als Millionär. Es folgte 1989 Nestroys Das Mädl aus der Vorstadt oder ehrlich währt am längsten und 1991 Hofmansthals Der Schwierige. In der Oper gab es von ihm Monteverdis L'incoronazione di Popea gemeinsam mit Nicolaus Harnoncourt 1993, Henry Purcells King Arthur 2004 und Mozarts Lucio Silla 2006. Als Intendant inszenierte er Rossinis Moise et Pharao, die eigentlich geplante Lulu überließ er dann aber in diesem Jahr Vera Nemirova. Ein bleibendes Verdienst aus seiner Zeit als Schauspieldirektor von 2002 bis 2004 ist die Etablierung des Nachwuchswettbewerbes Young Directors Project.


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Ich bin dann mal weg: Jürgen Flimm (Foto: Doris Wild & Team)

Von den Festspielen aus gesehen und auf die Intendanz von Jürgen Flimm bezogen verbietet sich der Vergleich mit Gerard Mortiers Erneuerungsjahrzehnt schon des zeitlichen Unterschiedes wegen, vor allem aber wegen der Radikalität des Umbaus der Festspiele nach den Karajan-Jahrzehnten. Allein sein unmittelbarer Vorgänger im Amt, Peter Ruzicka, liefert einen Vergleichsmaßstab. Dass dem Komponisten als Festspielmanager, außer seinem Mozart-Großprojekt 2006, auch nicht alle programmatischen Blütenträume reiften, ändert nichts daran, dass Ruzickas Jahre mit zunehmendem zeitlichen Abstand immer glanzvoller werden. Einige seiner Rehabilitierungsbemühungen von Komponisten, die durch die Nazizeit und dann durch die Ignoranz einer dogmatischen Nachkriegsmoderne in Salzburg fehlten, gelangen immerhin. Mit solchem Nachruhm wird Flimm kaum rechnen können.

In den 16 Jahren seit ihrer Berufung und durch ihren geschickten Umgang mit dem jüngsten Finanz-Skandal bei den Osterfestspielen, mit der Politik und den Sponsoren ist Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler längst zum Gesicht und der Stimme der Festspiele avanciert. Und everybody's darling bei Publikum und Kritik ist sowieso Markus Hinterhäuser mit seiner klugen Konzertdramaturgie, die zu einer Erfolgsstory im Spagat von Festspielglanz und künstlerischem Anspruch wurde.

Von den Opernproduktionen unter Flimms Ägide dürften das Operndebüt von Andrea Breth mit Eugen Onegin (unter Daniel Barenboim) und das immerhin mit Verve gescheiterte Requiem für eine Metarmophose aus dem Jahre 2007, Jossi Wielers Rusalka und Claus Guths Don Giovanni aus dem Jahr 2008, vor allem aber Luigi Nonos Al gran sole carico d'amore und aus diesem Jahr ausgerechnet die Uraufführung von Rihms Dionysos (beides unter Ingo Metzmacher) als repertoiretauglicher Volltreffer in Erinnerung bleiben. In der letzten Dionysos-Vorstellung wurde sogar Gerard Mortier gesichtet, der ja mit seinen kritischen Kommentaren über das Nach-Mortier-Salzburg nie hinter dem Berg gehalten hat.
Mehr über den Tag hinaus wirkendes als ein gut aufgestelltes Opernhaus gab in Salzburg damit auch nicht. Aber eben auch nicht weniger. Dass Flimm selbst mehr Herausragendes unter den insgesamt 16 Inszenierungen ausmacht, ist ihm unbenommen. Eine strategische Linie – wie etwa bei Ruzicka – ist dennoch kaum zu erkennen.

Allein neue, hier noch nie gespielte Stücke (wie Haydns Armida, Berlioz' Benvenuto Cellini oder Händels Theodora) nach Salzburg zu holen oder mit mehr (Jonathan Meese im Dinoysos) oder weniger (Daniel Richter bei Blaubarts Burg und Lulu) Erfolg, bildende Künstler zur Oper zu verführen, das ist jedenfalls noch keine Strategie. Einen dezidiert konservativen Stardirigenten wie Riccardo Muti mit biederen Regieangeboten zu ködern (Dieter Dorn für Orfeo ed Euridice) oder für große Sänger-Namen die passenden Opern zu suchen schon eher. Wobei die Königin des Belcanto Edita Gruberova (neben eine phantastischen Joyce DiDonato als Adalgisa) natürlich als konzertante Norma faszinierte und es ein pures Vergnügen war, Anna Netrebko endlich als Juliette zwischen all dem Mantel und Degen Klamauk in Felsenreitschule zu hören und zu sehen.

Als Konzertchef will Markus Hinterhäuser im nächsten Jahr eine Art Resümee seiner musikalischen Kontinente ziehen und kann als Interimsintendant mit der Frau ohne Schatten einen großen Richard-Strauss-Opernabend bieten, den er mit der Sache Makropoulos, Verdis Macbeth sowie Mozarts Da Ponte-Zyklus ergänzt. Wie sich dieses Zwischenjahr für Salzburg im Einzelnen gestaltet, wird man am 10. November bei der Programmpräsentation erfahren.




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Publikationen:

Das Große Welttheater –
90 Jahre Salzburger Festspiele von A-Z,
Eine Enzyklopädie, Salzburg 2010

Jürgen Flimm:
Das Salzburger Kapitel 1987-2010
mit einem Interview von Andres Müry
müry salzmann, Salzburg-Wien, 2010
www.muerysalzmann.at


Jürgen Flimm:
Die gestürzte Pyramide
müry salzmann
Salzburg-Wien 2010
www.muerysalzmann.at



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