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Leila und Madschnun

Theatralische Erzählung frei nach Nizami
Text von Albert Ostermaier
Musik von Samir Odeh-Tamimi



in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h (keine Pause)

Uraufführung in der Jahrhunderthalle Bochum am 20. August 2010
(rezensierte Aufführung: 22.08.2010)

Logo: Ruhrtriennale 2010

Krieg macht jegliche Poesie zunichte

von Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Paul Leclaire - Ruhrtriennale 2010

Welch großartige künstlerische Gesamtkunstwerke Komponisten und Librettisten in der Entwicklung der Oper vom Schauspiel mit musikalischen Einlagen bis zum Musikdrama hervorgebracht haben, welch einzigartige Feinabstimmung von Musik, Text, bewegten Bildern, Gesang und Schauspiel u.v.a.m. erforderlich sind, um die Wirkung eines solchen Gesamtkunstwerks zu entfalten, wird umso spürbarer, wenn heutige Kreationen, Uraufführungen sich an diesem ästhetischen Erbe messen lassen müssen.


Vergrößerung in neuem Fenster Madschnun (Hagen Matzeit)

Opern sind im islamischen Kulturkreis, dem das Ruhrtriennale-Festival 2010 seine diesjährige Suche nach „Urmomenten in Kunst und Spiritualität“ widmet, zwar unbekannt - nicht aber ihre Themen. Das berühmteste Liebespaar im islamischen Orient heißt „Leila und Madschnun“.

Die Geschichten, Anekdoten, Lieder und Gedichte über ihre Liebe und ihr Leiden, die der persische Dichter Nizami im 12. Jahrhundert sammelte und zu einem grandiosen Epos zusammenfügte, handeln von dem Beduinenjungen Qeis, der mit – für seine Umwelt - verstörender, provozierender Offenherzigkeit seine schon früh erfahrene, innige Liebe, sein Lebensglück Leila und ihre Schönheit besingt. Damit verstößt er gegen sozio-kulturelle Konventionen, gilt als verrückt, „madschnun“. Jegliches weitere Zusammensein, seine Liebeshoffnungen werden von Leilas Familie unterbunden. Madschnun verlässt Familie und Stamm, sucht die Einsamkeit und flieht mit all seiner dichterischen Sehnsucht nach der Geliebten in die Wüste, wo er als verrückter Dichter unter wilden Tieren haust. Mit „Hingabe, Trunkensein, Vertiefung des Lebens, Verrücktsein und schließlich Aufgabe seiner Selbst und Befreiung“ überwindet er zwar die weltliche Liebe nicht aber die unendliche Sehnsucht.


Vergrößerung in neuem Fenster Leila (Nadine Schwitter)

Der 1967 geborene, in München lebende Lyriker und Dramatiker Albert Ostermaier, der auch das Libretto für Sing für mich, Tod (Ruhrtriennale 2009) schrieb, konfrontiert in seiner Librettofassung den Mythos Madschnun mit heutigen Kriegsschauplätzen. Im Unterschied zu seinem Vorbild Madschnun hat sich der Soldat Salam nicht freiwillig in die Wüste begeben. Er gerät mit seiner Patrouille in einen Hinterhalt, wird angegriffen, tödlich verletzt und sehnt den Mythos transzendierender Liebe herbei.

Was folgt, ist überwiegend eine sich spiralartig wiederholende Aneinanderreihung von sprachlich aufgeladenen, schwerlastigen, dramatischen Monologen. Diese soldatischen Kriegserfahrungen, Hilferufe, Ängste, Traumata und Zweifel lassen die Abwesenheit von Transzendenz, Schicksal und Selbstbestimmung, von Poesie und Liebe – um nur einige faszinierende Themen des Madschnun-Mythos zu nennen - immer wieder spürbar werden. Epos-Szenen wie z.B. die Besuche des Vaters, die Kriege zwischen Freund Noufal und der Familie Leilas, die Begegnung Madschnuns mit der Bettlerin, der Tod des Vaters, des Ehemanns von Leila und ihr Tod werden zwar aufgegriffen und vermischen sich mit eingeschobenen Erinnerungen eines sterbenden Soldaten, sie sind aber all ihrer lebendigen, epischen Faszination beraubt.


Vergrößerung in neuem Fenster Leila (Nadine Schwitter) und Chor

Ähnlich expressiv wie Ostermaiers Sprache sind die oft melodramatischen, die Textbedeutung auf klanglicher Ebene wiederholenden Ausdrucksgesten, die der 1970 geborene, heute in Berlin lebende palästinensisch-israelische Komponist Samir Odeh-Tamimi zu dieser emotional aufgeladenen Kreation schrieb. Triller, Cluster, gestoßene Tonwiederholungen, Skalenläufe, Glissandi in wechselnden Orchesterklangfarben verdichten sich zu ohrenbetäubendem Chaos. Sie wiederholen die als Intro eingespielte, reale Kriegsklangkulisse von Bombenhagel, Maschinengewehrsalven, Schreien, Hubschraubergeräuschen, Blitzen.

An anderer Stelle begleiten z.B. peitschende Orchesterschläge effektvoll einen crescendierenden Hetzchor. Letzterer beginnt, das kindliche, in sich versunkene Liebespaar bedrohlich zu umkreisen. Seine Zischlaute verdichten sich zu einem Unisono-Schrei, während die beiden Liebenden auseinandergerissen werden. Wenn zu den Worten des Vaters „Heul nicht wie ein Weib“ zarte Streicherglissandi einsetzen, der rhythmische Spottchor in melodisches Tenorflöten-Lamento und anschließend in dissonante, ebenfalls von der Tenorflöte erklingende Schreie überführt wird, wenn sich Salam und Leila näherkommen, während aus der Stille ein Akkordeon-Bassklang haucht und von Chimes konterkariert wird, entsteht manchmal sogar ein poetisches, musikdramatisches Geflecht auf der Bühne, entfaltet die Musik auch sprachlich-dramatische Eigenständigkeit.

Wolfgang Gussmanns Bühnenbild mit gestrandetem Tanklaster, Wüstensand, verstreuten Reifen- und Autoteilen nutzt die Weite der Bochumer Jahrhunderthalle, um eindrucksvoll Leere und Einsamkeit spürbar werden zu lassen. Passend zur einzigen Gesangsrolle der Kreation zeichnet Regisseur Willy Decker den in ein weißes Sufigewand gekleideten Madschnun als religiöse Kunstfigur, die - den Blick himmelwärts gerichtet - prophetisch die Arme ausbreitet. Auch die übrigen Figuren ergehen sich symbolisch aufgeladenen Haltungen und Handlungen. Die Bilder wirken oft statisch. Bis auf wenige Szene findet keine Kommunikation statt.

Die Chormitglieder des ChorWerk Ruhr spielen und singen engagiert. Peter Rundel, der musikalische Leiter, weiß der modernen Komposition die verschiedensten Ausdrucksschattierungen zu entlocken, die virtuos und differenziert von den Solisten des Kammerensembles musikFabrik - insbesondere von Akkordeon, Tenorflöte, Trompete und Posaune – zum Klingen gebracht werden. Ebenso virtuos ist Hagen Matzeit als Madschnun, der bruchlos zwischen Alt- und Baritonregister wechselt sowie Aleksandar Radenkovic in der Sprechrolle des Soldaten Salam, der mühelos die Wortkaskaden und langen Monologe bewältigt.


FAZIT

Schwere Kost!




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Peter Rundel

Inszenierung
Willy Decker

Bühnenbild
Wolfgang Gussmann

Kostüme
Wolfgang Gussmann
Susana Mendoza

Licht
Andreas Grüter

Ton
Sandro Grizzo
Stefan Holtz

Dramaturgie / Regiemitarbeit
Tatjana Heiniger


Vokalensemble ChorWerk Ruhr

Instrumentalensemble musikFabrik


Solisten

Madschnun
Hagen Matzeit

Salam
Aleksandar Radenkovic

Leila
Nadine Schwitter

Madschnuns Vater
Michael Prelle

Leilas Mann
Daniel Rohr

Eine Bettlerin
Irene Kugler




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