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Henzes Gisela der Pollicino für Erwachsenevon Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Ursula Kaufmann und Paul Leclaire - Ruhrtriennale 2010
126 Meter lang ist die über 100 Jahre alte Maschinenhalle der Zeche Zweckel in Gladbeck. Passend zum Eisengewölbe der Halle hat sich der überwiegende Teil in einen italienischen Hochbahnsteig mit Schienen, Zuganzeigetafeln, Leuchtkasten für Fahrpläne, Wagenstandsanzeigern o.ä., mit Abfalleimer, Telefonhäuschen und Sitzgruppe verwandelt. Rechts, links und in der Mitte des vorderen Bühnenbereichs verbergen sich drei weitere Schauplätze hinter riesigen schwarzen Kuben: ein Zugabteil, eine mehr oder weniger nackte Theaterbühne, ein festlich gedeckter Tisch einer Trattoria. Ähnlich wie die ansteigende Zuschauertribüne befinden sie sich auf einer erhöhten Ebene. Die äußere Kubusfläche dient zugleich als Projektionsfläche für Landschaftsimpressionen im ersten Akt, die an die Italiensehnsüchte eines Jakob Philipp Hackert erinnern bzw. für die Traumcollagen im zweiten Akt. Das Orchester sitzt unterhalb des Publikums wie in einer Art Orchestergraben. Auch die Chortribüne am linken Bühnenrand ist in diese aufwendig installierte Raumkonstruktion mit verschiedenen Ebenen integriert, eine Bühnenlandschaft, die sich zu Beginn des zweiten Aktes mit stehendem Theaternebel und indirekter Beleuchtung in einen morgendlichen Herbstzauber am Bahnhof Oberhausen verwandelt.
Die Geschichte, bzw. Handlung der neuen Henze-Oper Gisela, ein Auftragswerk der Ruhr 2010 und der sächsischen Staatsoper Dresden, ist dagegen ein märchenhafter, eher schlicht humoriger Blick in die touristische Italien-Euphorie der 1950er-Jahre. Hanspeter Schluckebier will seiner Verlobten, der Kunststudentin Gisela Geldmeier aus Oberhausen, auf einer Reise nach Neapel trotz erster Differenzen einen Heiratsantrag machen, muss aber wutentbrannt feststellen, dass sich Gisela in den italienischen Reiseführer und Schauspieler Esposito Gennaro verliebt hat. Während Hanspeter seine Gisela mit einem luxuriös ausgerichteten Festessen zurückerobern will, hat Letztere Gennaro überredet, sie nach Oberhausen zu begleiten. Zurückgewiesen von Giselas Eltern verbringen die Beiden die Nacht auf dem Bahnsteig, wo Gisela von Glücks- und Angstträumen übermannt wird. Das Ende ist offen. Der abgelehnte Hanspeter kippt beschämt den Inhalt seines Rucksacks aus, Gennaro und Gisela feiern ihr Zusammensein unter einem Regen schwarzer Vulkanasche.
Das Libretto von Michael Kerstan und Christian Lehnert bedient auf der einen Seite geschlechtsspezifische und sozio-kulturelle Klischees z.B. wenn Gisela in ihrem aufreizenden, kleinen Schwarzen unterbewusst das erotische Abenteuer sucht, wenn Gennaro als lockiger Papagallo mit schwarzem Haar, weißer Hose und Jackett über entblößtem Oberkörper die gelockten, hervorquellenden Brusthaare fehlen allerdings leichtfüßig zu verführen weiß, wenn er beim Gedanken an Oberhausen das Verlassen seiner italienischen Mama beweint oder wenn deutsche Touristen Tschianti, Knotschi oder Schtratziatella-Eis bestellen.
Andererseits wird in den beiden Sonetten von Christian Lehnert kunstvoll und poetisch die Flüchtigkeit und Schönheit der Liebe besungen. Man erlebt die Handlung als volkstheatral derbe Commedia dell'Arte-Improvisation Pulcinellas missratene Hochzeit oder wird anhand der Spitzelfreunde Hanspeters in die beengte Atmosphäre des Nachkriegsdeutschlands versetzt. Die Unmöglichkeit künstlerischer und persönlicher Selbstverwirklichung hatte auch Hans Werner Henze 1953 veranlasst, den befreienden Schritt zu tun und nach Italien auszuwandern, zunächst an den Golf von Neapel und nach Neapel selbst.
Musikalisch werden diese Bezüge biographisch, zeit- und kulturgeschichtlich vertieft. Vor allem die dicht geführten a capella vorgetragenen Madrigale mit ihrem feinen, dissonanten Liniengespinst, aber auch die verschiedenen Orchesterfarben wie chinesische Gongs, Celesta, Vibraphon, Kontrafagott oder ein Cello in hoher Lage unterstreichen eine fremd und zugleich vertraut wirkende, sehr farbige, abwechslungsreich kombinierte Klanglichkeit, in der auch klangmalende, perkussive Prügelszenen nicht ausgespart bleiben.
Auf einen gesprochenen Prolog und eine kurze Orchestereinleitung folgt ein opernhaft gestalteter erster Akt mit Ensembleszenen, Arien, rezitativischen Dialogen, Terzett, instrumentalem Zwischenspiel etc. Ganz anders dagegen der zweite Akt, der mit dem lauten, donnernden Geräusch eines sich nähernden und entfernenden Güterzuges beginnt und ausgedehnte Momente der Stille hat. Giselas Traumsequenzen werden - unabhängig davon ob es sich um Märchenglück oder Albtraum handelt mit nähmaschinenbarockartig weiterlaufenden Bach-Bearbeitungen untermalt. Wie und in welchen Teilen die jungen Maestri Jobst Liebrecht (Berlin) und Gabriele Bonolis (Rom) den 84-jährigen Maestro unterstützt, an der Partitur von Gisela mitgearbeitet haben, wird im Programmheft nicht weiter ausgeführt.
Die Inszenierung Pierre Audis legt die Geschichte als Reise für Erlebnishungrige an. Behende werden Treppen gestiegen, Bahngleise überquert, Ebenen und Spielorte gewechselt, auch mal Bewegungen zu einem szenischen Ensemblebild eingefroren, sogar die Zuschauertribüne ist beim Rendezvous von Gisela und Gennaro einbezogen. Die Traumsequenzen im zweiten Akt werden zwar als vergoldeter Märchenkitsch bzw. immer schneller kreisender Totentanz real aufgegriffen und zugespitzt; der aus verschiedenen Fragmenten wie eine Collage zusammengesetzte Gesamtcharakter des Musiktheaterstücks kann durch solche Brücken jedoch nur ansatzweise aufgefangen werden.
Zusammen mit den Tänzern und Schauspielern der Folkwang Hochschule machen der Jugend-Kammerchor der Chorakademie Dortmund, die Gesangssolisten und das LandesJugendEnsemble für Neue Musik unter der Leitung Steven Sloanes sprechend, transparent und spielfreudig Musik, vor allem wenn man bedenkt, dass keiner der Mitwirkenden älter als 30 Jahre ist.
Bariton Michael Dahmen ist ein sich behäbig bewegender Student mit spießigen Allüren, der auch mal trotzig verbockt aufstampft. Der lyrisch bis in die tiefen Register geschmeidige, textverständlich artikulierende Tenor Fausto Reinhardt spielt und singt überzeugend den Tattoo tragenden Latin-Lover. Hanna Herfurtners lyrisch schlanker, warmer, leicht vibrierender Sopran stellt eine verletzliche, junge Frau dar, die sich - auf dem Weg zum Erwachsenwerden - mutig und zögerlich zugleich auf Glückssuche begibt.
Meisterlich ist die Darbietung des von Kopf bis Fuss in einheitlichem Outfit auftretenden Chores. Homogen, schlank und transparent im Klang, dynamisch im Ausdruck zelebrieren sie textverständlich den geschmeidigen Wechsel der chorischen Zusammensetzung der Stimmen. Sie übernehmen außerdem synchron zu Gesten und Bewegungen der Schauspieler die solistischen Gesangsparts der Touristen. Lob gebührt auch der gelungenen Tonabmischung.
Ein wie eine Collage zusammengestelltes, lehrreiches, bewegtes Musiktheater, das mehr junges Publikum benötigt.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Choreographie
Video
Licht
Sound Design
Dramaturgie
SolistenSänger: Gisela Geldmaier Hanna Herfurtner
Gennaro Esposito /
Hanspeter Schluckebier
Tänzer:
Tourist / Ed
Tourist / Dick
Tourist / Dan
Touristin
Tartagliana
Amorosa
Columbina / Gisela-Double
Il Dottore
Arlecchino / Konsul
Mezzetino / Gennaro-Double
Paliacco
Wirtin
Kellner
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- Fine -