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Musikfestspiele
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26.
Tage Alter Musik in Regensburg

21. bis 24. Mai 2010




Tage Alter Musik Regensburg
(Homepage)

Regensburg zu Pfingsten - Ein Mekka der Alten Musik

Von Ingo Negwer

Zum 26. Mal fanden am Pfingstwochenende die Tage Alter Musik Regensburg statt. Und wieder besuchten mehrere Tausend Musikfreunde die vierzehn Konzerte mit Musik vom Mittelalter bis zur Klassik. Wie schon in den zurückliegenden Jahren zählten an diesem sonnigen Wochenende die Eintrittskarten des Festivals wohl zu den begehrtesten Objekten in der Donaustadt. Es gab kaum ein Konzert, das nicht bis auf den letzten Platz ausgebucht war.

Auftakt mit Schubert und Beethoven

Einer guten Tradition folgend, eröffneten die Regensburger Domspatzen unter Domkapellmeister Roland Büchner auch die Tage Alter Musik 2010. Begleitet wurden sie von der Akademie für Alte Musik Berlin. Als Solisten fungierten Monika Mauch (Sopran), Ulrike Mayer (Alt), Michael Mogl (Tenor) und Benjamin Appl (Bass). Eher selten gehörte geistliche Werke von Franz Schubert bildeten den ersten Teil des Programms: das festliche Magnificat C-Dur D 486 für Chor, Soli und Orchester, "Totus in corde langueo" D 136 für Sopran, Klarinette und Orchester sowie das Salve Regina A-Dur D 676 für Sopran und Streicher. Monika Mauch sang das einer Opernarie gleiche Offertorium "Totus in corde langueo" mit brillanten Kolloraturen und konnte auch im andachtsvollen Salve Regina mit ihrem makellosen Sopran überzeugen. Die Regensburger Domspatzen und die Akademie beschlossen den ersten Teil mit dem eindringlich düsteren Stabat Mater g-Moll D 175 für Chor und Orchester.

Nach der Pause erklang als Hauptwerk des Eröffnungskonzerts die Große Messe C-Dur op. 86 von Ludwig van Beethoven. Die Regensburger Domspatzen zeigten sich wieder einmal als bestens disponierter Chor. Und die Akademie für Alte Musik Berlin setzte mit beherztem Spiel die orchestralen Akzente in einem Werk, das die Errungenschaften seines Schöpfers auf dem Gebiet der Sinfonie unverkennbar widerspiegelt. Monika Mauch ließ auch hier als Sopransolistin keine Wünsche offen; ihr stand Ulrike Mayer (Alt) ebenbürtig zur Seite. Von besonderem Reiz war die Besetzung der Männerstimmen mit jungen Solisten, die selbst ihre musikalischen Wurzeln bei den Domspatzen haben. Der Tenor Michael Mogl (er studiert seit Herbst 2007 bei Christoph Pregardien in Köln) und der Bariton Benjamin Appl (ebenfalls noch Gesangstudent) komplettierten mit jugendlich schlanken Stimmen das Solistenquartett.

Das Schweizer Ensemble La Morra bot im anschließenden Nachtkonzert geistliche Musik aus der Übergangszeit vom Mittelalter zur Renaissance. Im Zentrum standen Werke nordeuropäischer Komponisten: John Dunstable, Guillaume Dufay, Johannes Ockeghem und Josquin des Prez waren die prominenten Vertreter, aber auch die Musik von Nicolaus de Radom, Walter Frye und Johannes Tourout - wohl eher nur den Fachleuten ein Begriff - ließ aufhorchen. Die sensiblen, quasi fragilen Klänge kamen in der Minoritenkirche schön zur Geltung. Eve Kopli, Hanna Järveläinen, Dan Dunkelblum und Giovanni Cantarini bildeten im Großen und Ganzen ein sehr ausgewogenes Vokalensemble. Im Zusammenwirken mit Blockflöte (Corina Marti), Lauten (Michal Gondko) und Viole d'arco (Tore Eketorp und Elizabeth Rumsey) trugen sie die polyphonen Miniaturen aus einer uns fernen Epoche in ebenso stilsicheren wie abwechslungsreichen Interpretationen vor. Dass Zuhörer und Interpreten bei aller Klangschönheit den rauen Alltag der Gegenwart nicht ganz hinter sich lassen konnten (wie im Programmheft gewünscht), lag eher an der unbeheizten Minoritenkirche, die zu mitternächtlicher Stunde die Anwesenden auf eine harte Probe stellte und den Klimawandel tatsächlich für einen Moment vergessen ließ...

Johann Sebastian Bach kammermusikalisch und konzertant

Paolo Pandolfi und Mitzi Meyerson setzten am Samstag den Konzertreigen mit Barockmusik für Viola da Gamba und Cembalo fort. Zum Auftakt erklang Johann Sebastian Bachs Sonate g-Moll BWV 1029, ein ganz am italienischen Vorbild orientiertes Werk. Pandolfi und Meyerson gestalteten die Ecksätze als hochvirtuose, galante Konversation zwischen den beiden Instrumenten. Im zweiten Satz (Adagio) ließ Pandolfi seine Gambe quasi eine ins Unendliche strebende Kantilene singen. Der italienische Gambist, zurzeit sicherlich einer der herausragenden Vertreter seines Fachs, pflegt ein extrovertiertes Spiel mit großen dynamischen Kontrasten. Er beherrscht die ganze Palette des musikalischen Ausdrucks nahezu perfekt. Mit seiner Interpretation von Stücken Carl Friedrich Abels aus dem so genannten "Drexel"-Manuskript zog er mit seinem sensiblen Instrument die Zuhörer förmlich in seinen Bann. Mitzi Meyerson eröffnete anschließend die so ganz andere Welt des französischen Barock und zeigte sich am Beispiel von Jean-Henri d'Angleberts Suite g-Moll für Cembalo als versierte Sachwalterin dieses Repertoires. Musik von Marin Marais - ein Prélude aus dem 3. Buch der Pièces de Viole und "Le Labyrinthe", eine kuriose Programmmusik aus der Suite d'un Goût Etranger (4. Buch der Pièces de Viole ) - bildete den Abschluss einer eindrucksvollen Matinée, in der Paolo Pandolfi und Mitzi Meyerson die Messlatte für den weiteren Festivalverlauf sehr hoch legten.

In Frankreich haben sich in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe hervorragender Originalklangensembles gebildet, die insbesondere als kompetente Sachwalter deutscher Barockmusik auf sich aufmerksam gemacht haben. Man denke nur an Café Zimmermann (2007 bei den Tagen Alter Musik Regensburg) oder Le Concert Français (2008). Nun präsentierten sich Gli Incogniti, 2006 von der Geigerin Amandine Beyer gegründet, in der St.-Oswald-Kirche mit Werken von Antonio Vivaldi und Johann Sebastian Bach. "Die Unbekannten" werden sich mit ihrem transparenten, bestens aufeinander abgestimmten Ensembleklang, wie er u. a. in Vivaldis Concerto C-Dur RV 114 zu hören war, sicher bald einen Namen machen. Ihr kontrolliertes und dennoch stets vitales Spiel ist insbesondere für die Musik Bachs geradezu ideal. Im Violinkonzert a-Moll BWV 1041 sowie im Violinkonzert g-Moll (nach dem Klavierkonzert f-moll rekonstruiert) bestach Amandine Beyer mit klangschönem, delikatem Ton. Auch Anna Fontana überzeugte als Solistin im Cembalokonzert d-Moll BWV 1052. Antonio Vivaldis beliebtes Flötenkonzert "La Notte" wurde von Gli Incogniti als eine von Traumbildern geprägte Nacht tonmalerisch und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Manuel Granatiero (Traversflöte) füllte mit nuanciertem, perlendem Spiel die Solistenrolle hier ebenso souverän, wie im Concerto F-Dur "La Tempesta di mare" RV 433.

"Die Kunst der Fuge" im neuen Licht

Der Samstagabend gehörte noch einmal der Akademie für Alte Musik Berlin, die im Neuhaussaal Johann Sebastian Bachs "Die Kunst der Fuge" in einer Konzeption von Stephan Mai und Bernhard Forck aufführte. Es ist inzwischen sicherlich unstrittig, dass Bach sein monumentales kontrapunktisches Spätwerk für ein Tasteninstrument komponierte. Nichtsdestotrotz bedarf es einer gehörigen Portion Enthusiasmus für satztechnische Kunststücke und Spitzfindigkeiten, um einer circa anderthalbstündigen Aufführung des Gesamtwerks auf einem Cembalo oder einer Orgel beizuwohnen. Ob Bach überhaupt an eine zyklische Aufführung gedacht hatte, mag zudem dahin gestellt sein. Insofern ist die in Regensburg umgesetzte Idee eine reizvolle Alternative, die sechzehn Fugen und vier Kanons in verschiedenen Instrumentalkombinationen zu spielen. Vom Cembalo solo (Raphael Alpermann) über Streichquartett oder Bläserensemble bis hin zum großen Orchester variierten die Besetzungen - im verdunkelten Saal jeweils lichttechnisch hervorgehoben. Durch die klangliche Abwechslung und transparente Stimmführung erleichterte die Akademie für Alte Musik den Zugang zur "Kunst der Fuge", die in ihrer schon Mitte des 18. Jahrhunderts als archaisch angesehenen Struktur als Bachs musikalisches Testament und zugleich als Abgesang auf eine musikgeschichtliche Epoche erfahrbar wurde.

Den Pfingstsonntag begrüßte die Capella de la Torre mit Instrumentalmusik des 16. und 17. Jahrhunderts in der Minoritenkirche. Das Bläserensemble aus Deutschland erweckt das Repertoire der Stadtpfeiferkapellen, die vom Mittelalter bis zum Barock eine wesentliche Stütze des Musiklebens in ganz Europa darstellten, zu neuem Leben. Doppelrohrblattinstrumente, wie Schalmei, Dulzian und Pommer bilden den Schwerpunkt des von Katharina Bäuml geleiteten Ensembles; darüber hinaus sorgen Zink (William Dongois), Posaune (Detlev Reimers) und Laute (Johannes Vogt) für ein farbiges Klangspektrum. Perkussionsinstrumente wie Trommeln und Kastagnetten heben den Tanzcharakter dieser Musik hervor.

In mehrfacher Hinsicht "exotisch" war der Auftritt des Ensembles Anima am Nachmittag im historischen Reichssaal. Zum einen stammt das 1989 gegründete Ensemble aus Brasilien, zum anderen bestand das Programm "Donzela Guerreira - Warren Maiden - Die kriegerische Jungfrau" aus einer Mischung traditioneller brasilianischer und europäisch mittelalterlicher Musik. Neudeutsch nennt man Letzteres cross over - die zurzeit weit verbreitete Tendenz, möglichst alles mit allem zu kombinieren, um zu einem mehr oder weniger überzeugenden Ergebnis zu kommen. Dem Ensemble Anima gelang eine interessante, weitgehend gelungene Synthese aus Musik des Kaxinauá-Stamms, Gesängen der Hildegard von Bingen, brasilianischen Trommeln, "Rosas das Rosas" von Alfons X. El Sabio, der mündlich überlieferten "Romance da Donzela Guerreira", der Estampie Belicha aus dem 14. Jahrhundert u.v.m. Das Ergebnis war eine musikalische "Ethno-Collage" mit dem Motiv der kriegerischen Jungfrau als zentralem Bindeglied. Trotz (oder gerade wegen) des - in den mythologischen, historischen und psychoanalytischen Mottenkisten grabenden - sehr ausführlichen Begleittextes des Programmhefts ließ die Deutschlandpremiere von Aninma manchen Zuhörer nach gut einer Stunde doch etwas irritiert zurück...

Frischer Wind für Händel aus Prag

Konventioneller, nämlich mit einem Oratorium von Georg Friedrich Händel, wurde das Festival am Abend fortgesetzt. Dennoch gehört die Aufführung von "La Resurrezione" durch Collegium 1704 und Collegium Vocale 1704 unter der Leitung von Václav Luks zu den glanzvollsten Ereignissen der Tage Alter Musik Regensburg 2010 und wird sicherlich nicht nur mir lange in Erinnerung bleiben. Händel schrieb das Werk während seines Italienaufenthalts. 1708 wurde es unter der Leitung von Arcangelo Corelli in Rom uraufgeführt. "La Resurrezione" ist ein überschwängliches Jugendwerk, hochvirtuos und mit kontrastreichen Affektwechseln sehr publikumswirksam komponiert. Der junge Maestro Händel misst seine Kräfte auf dem ihm noch neuen Terrain der italienischen Oper (Die war zu jener Zeit in Rom zwar verboten, aber man hatte in Form des geistlichen Oratoriums einen kurzweiligen Ersatz gefunden). Der Chor hat nur eine Nebenrolle inne, während die Solisten mit brillanten Arien geradezu überhäuft werden.

Die durchweg selbst noch sehr jungen Musikerinnen und Musiker der Regensburger Aufführung nahmen sich des Händelschen Jugendwerks mit viel Elan und Spielfreude an. Hana Blazíková rang als mit virtuosen Kolloraturen gewappneter Engel mit Lucifero, der von Tobias Berndt mit überzeugend dunklem Bass gegeben wurde. Katerina Kneziková (Sopran) war kurzfristig für die erkrankte Céline Scheen als Maddalena eingesprungen und konnte in dieser tragenden Hauptrolle vollauf überzeugen, etwa in der anrührenden Trauer der Arie "Ferma l'ali, e sui miei lumi non volar". Ihr ebenbürtig zur Seite stand Jana Levicová (Alt) als Cleofe. Jaroslav Brezina sang die Partie des San Giovanni mit gleichfalls makellosem Tenor. Das Prager Collegium 1704, nach 2003 zum zweiten Mal bei den Tagen Alter Musik zu Gast, legte Zeugnis davon ab, dass es inzwischen zu Recht zu den besten europäischen Barockorchestern zählt. Das Publikum feierte die herausragenden Leistungen der Akteure mit lang anhaltenden stehenden Ovationen; Solisten, Chor und Orchester bedankten sich mit einem Da Capo des Schlusschores.

Mit Musik portugiesischer Komponisten des Frühbarock begann der letzte Festivaltag. A Corte Musical aus der Schweiz präsentierte im historischen Reichssaal das außergewöhnliche Repertoire, in dem sich polyphone Kunstmusik und Folklore der iberischen Halbinsel zu einer faszinierenden Synthese vereinen. Das musikalische Spektrum reichte von melancholischen Gesängen, wie Padre José de Anchietas "Mira el Malo" bis hin zu tänzerischen Variationen über die allseits bekannten "Folias" von Manuel Machado.

Auch die diesjährigen Tage Alter Musik Regensburg boten wieder eine Fülle an interessanten Konzertangeboten, wie zum Beispiel die beiden Nachtkonzerte von Graindelavoix mit Musik des Marienkults aus dem frühen 16. Jahrhundert und vom Ensemble Plus Ultra, das in bester englischer Vokaltradition zusammen mit His Majestys Sagbutts and Cornetts die "Missa Super flumina Babylonis" von Francisco Guerrero aufführte. Tasto solo aus Spanien widmete sich der deutschen spätmittelalterlichen Musik für Tasteninstrumente und die renommierte niederländische Formation Musica ad Rhenum demonstrierte, dass man auch ohne Werke von Johann Sebastian Bach ein exzellentes Konzert mit hochkarätiger Kammermusik des 18. Jahrhunderts gestalten kann. Jed Wentz (Traversflöte), Igor Ruhadze (Violine), Cassandra Luckhardt (Viola da Gamba), Job ter Haar (Violoncello) und Michael Borgstede (Cembalo) legten mit nuancenreicher Tongestaltung, perfekter Abstimmung und kontrollierter Klangschönheit ein überzeugendes Plädoyer für Georg Philipp Telemann, Georg Friedrich Händel, Michel Blavet und François Couperin ab.

Mit Musik der Wiener Klassik hatten die Tage Alter Musik begonnen, mit den späten Sinfonien von Wolfgang Amadeus Mozart schloss sich am Montagabend der Konzertreigen. Anima Eterna Brugge, unter der Leitung seines Dirigenten Jos van Immerseel inzwischen quasi ein Stammgast in Regensburg, nahm sich der beliebten Sinfonien Nr. 39 Es-Dur und Nr. 40 g-Moll lustvoll musizierend an. Mit stürmischen Tempi, transparentem, aber nie trockenem Spiel, dem nur gelegentlich die Präzision fehlte, demonstrierten die Belgier einmal mehr, dass man Altbekanntem mit Originalinstrumenten und in historischer Aufführungspraxis so manche neue, reizvolle Facette abgewinnen kann. Zudem ist der klassizistische Neuhaussaal im Regensburger Stadttheater ein nahezu idealer Raum für diese Musik (wenngleich dort nun niemand mehr frieren musste...). Nach der Pause brannte Anima Eterna Brugge in Gestalt der "Jupiter"-Sinfonie Nr. 41 C-Dur ein wahres kontrapunktisches Feuerwerk ab, ehe die Tage Alter Musik Regensburg um 22.15 Uhr mit stürmischem Applaus für alle Akteure zu Ende gingen.


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Da capo al Fine

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