Von ganz
barock bis gar nicht
Von
Christoph
Wurzel / Fotos: Jacqueline Krause-Burberg (Ariodante / Radamisto)
und Hochschule Frankfurt
Auch
in
diesem
Jahr
gab
es ein Jubiläum für Georg Friedrich
Händel. Es galt seinen 325. Geburtstag zu feiern. Dem Badischen
Staatstheater Karlsruhe war dieser Anlass ein richtiges
Geburtstagsdinner wert. Eine musikalisch-kulinarische Soiree
bildete einen der Programmpunkte der diesjährigen
Händelfestspiele, die immer um Händels Geburtstag, den 23.
Februar herum stattfinden. Zugleich konnte man einige Jubiläen der
an den Festspielen beteiligten Institutionen feiern: 20 Jahre
Karlsruher Händel-Gesellschaft und 25 Jahre Internationale
Händel-Akademie. Letztere widmet sich mit ausgewiesenen Experten
parallel zu den Festspielen der Aufführungspraxis barocker
Musikwerke, insbesondere natürlich denen von Händel.
Ebenfalls seit 25 Jahren stellen die Deutschen Händel-Solisten das
hauseigene Festspielorchester, das an den rund 10 Festspieltagen
Konzerte in kleinerer und größerer Besetzung und eine Oper
bestreitet. So bildete das Festkonzert der Händel-Solisten auch in
diesem Jahr den Abschluss der Festspiele und setzte mit der
Feuerwerksmusik den fulminanten Schlusspunkt hinter die 33.
Festspielsaison. Zur Vielfalt des Programm gehörte in diesem Jahr
auch wieder das Symposium der Internationalen Händelakademie
(siehe Bericht) sowie eine fiktive „Begegnung der Herren Bach und
Händel“, beide in ihrem 62. Lebensjahr, wie sie der Schriftsteller
Paul Barz in eine Komödie gefasst hat.
Auf dem Feld der Oper war in Karlsruhe bei den diesjährigen
Festspielen eine Händel-Trias zu erleben, neben einem Gastspiel
(„Rinaldo“) der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in
Frankfurt zwei Eigenproduktionen des Staatstheaters: als
Novität „Ariodante“ und die Wiederaufnahme des „Radamisto“
aus dem letzten Jahr.
Authentisch barock:
Delphine Galou (Zenobia) und Berit Barfred Jansen (Fraarte) in Sigrid
T’ Hoofts Inszenierung des „Radamisto
Um
ein
Höchstmaß an historischer Authentizität ging es
in dieser Produktion, die 2009 mit großem Staunen und nicht
minder großem Erfolg Premiere hatte (siehe Bericht). Sigrid
T’Hofft, als Choreografin spezialisiert auf das historische
Musiktheater, hatte in akribischer Probenarbeit mit den
Sängerdarstellern die barocke Körpersprache so perfekt
einstudiert, dass sich trotz des sachlichen Karlsruher Zuschauerraums
aus Beton und Holz eine lebhafte Ahnung barocken
Bühnenspiels einstellte, zumal das Geschehen in den detailliert
ausgestalteten Landschafts- und Palastillusionen der
Kulissenbühne in das milde Licht Hunderter von Kerzen getaucht war
und alle Bewegungen der Darsteller in ihren üppigen Kostümen
sich gemessen und moderat vollzogen. So war es dem kreativen
Variantenreichtum dieser Aufführung zu danken, dass dieses
Experiment mindestens von der optischen Seite wieder ein faszinierendes
Erlebnis wurde. Für den orchestralen Part standen die Deutschen
Händel-Solisten zur Verfügung, die freilich mehr akademisch
als mitreißend musizierten. Der formell strengen
Bühnensprache konnte das Orchester recht wenig affektive
Spannung und Temperament entgegensetzen. Peter Van Heyghen dirigierte
solide, aber bedächtig. Gleichwohl entlockte er dem Orchester
stellenweise manch reizvolle Farbe. Aus dem Sängerensemble
ragten vor allem Delphine Galou in der Rolle der Zenobia und
Kirsten Blaise als Polinessa heraus, die beide mit lupenreinen Stimmen
und gestochener Koloraturkunst begeisterten.
Versuch einer Zauberoper: „Rinaldo“
in der Fassung der Hochschule für Musik
und Darstellende Kunst Frankfurt (Ensemble)
Auf Seiten der Sänger lag der entscheidende Vorzug der
Aufführung des „Rinaldo“ beim Gastspiel der Frankfurter Hochschule
für Musik und Darstellende Kunst. Die Hauptrollen waren mit jungen
Sängerinnen und Sängern besetzt, die beachtliche
Stimmqualitäten vorweisen konnten, wie der junge Countertenor
Niklas Romer in der Rolle des Kreuzritterführers Goffredo. Die
Altistin Anne Bierwirth bewies in der Titelpartie des tapferen Ritters
Rinaldo beachtliche technische Reife, an Ausdrucksintensität
gewann sie im Laufe der Aufführung hinzu. Völlig
überzeugen konnte die Mezzosopranistin Charlotte Quadt als
Eustazio. Die Rolle der leidenden Geliebten Rinaldos Almirena sang mit
bewundernswerter emotionaler Tiefe („Lascio ch’io pianga mia cruda
sorte“) die erst 21jährige Annika Gerhards. Auf der Seite der
heidnischen Barbaren war der Bassist Björn Bürger ein
beachtlicher Argante. Die Rolle der syrischen Königin Almira war
auf drei Sängerinnen aufgeteilt, was angesichts der Verwandlungen,
die dieser Figur durch ihre Zauberkraft möglich sind, sinnvoll
erscheint, wegen der unterschiedlichen stimmlichen Qualitäten der
Sängerinnen sich aber als ungünstig erwies. Die Sängerin
der Arie „Ah! Crudel“ im 2. Akt konnte hier noch am meisten für
sich einnehmen.
Stichwort Zauberoper: Mit „Rinaldo“ bereitete Händel 1711
(übrigens einen Tag nach seinem 26. Geburtstag) seinen Einstieg in
das Londoner Opernleben vor und errang damit am Haymarket Theatre einen
solchen Erfolg, dass er seinen Dienst in Hannover ganz quittierte und
ein Jahr später für immer nach England übersiedelte.
Alle Raffinessen barocker Bühnenkunst lassen Libretto und Musik
dieser Oper erahnen. Auch mit den Mitteln des heutigen Theaters
ließe sich vielerlei Bühnenzauber denken, selbst wenn bei
einem Hochschulensemble nicht gleich die Professionalität der oben
beschriebenen „Radamisto“-Produktion zu erwarten ist. Dass aber diese
Regie so hilflos mit dem szenisch schwierigen, aber doch dankbaren
Sujet dieser Oper umging, legt doch die entscheidende Frage nahe, warum
gerade „Rinaldo“? Mit der szenischen Umsetzung (Regie: Stefan Bastians
und Bühnenbild: Klasse rosalie) hatte sich die Hochschultruppe
beträchtlich übernommen. Die krampfhafte Aktualisierung
(Irak?-Krieg) war kaum sinnstiftend und blieb an der Oberfläche
stecken. Die szenischen Mittel waren nicht konzentriert, parallele
Balletteinlagen (die Tänzerinnen und Tänzer tanzten
allerdings großartig!) störten mächtig den ohnehin
spärlich entwickelten Handlungsfluss. Auf- und Abgänge waren
regelrecht schlampig gearbeitet. Wahllose Anachronismen (Bepinseln
einer Betonstele) und viel Rangelei trugen zur Erhellung der Handlung
nur wenig bei. Das ausgesprochen hässliche Bühnenbild aus
schief hängenden Plastikvorhängen, nackten Pappkartons und
rollenden Untersetzern ließ eher an eine Laienspielschar denken.
Einfach nur ärgerlich, dass so guten jungen Sängerinnen und
Sängern kein besseres Podium geboten werden konnte, um ihre
vorhandenen Qualitäten seriös zu zeigen. Leider war auch das
Orchester nicht gänzlich auf der Höhe der zu erwartenden
Kunst. Fausto Nardi bemühte sich zwar mit viel dirigentischer
Verve Schwung in das Hochschulorchester zu bringen. An zu vielen
Stellen aber herrschte rhythmisch Verwirrung und auch die Intonation
ließ zu wünschen übrig.
Lebendiger
Charakter:
Der intrigante Polinesso (Ewa Wolak, rechts) und die ihm ergebene
Dalinda (Diana Tomsche) in „Ariodante“
Auch „Ariodante“ ist eine Ritteroper und wenn auch Zauber in ihr keine
Rolle spielt, so ist doch Täuschung ihr Thema. Die mit dem
väterlichen Segen des Königs geschlossene Herzensverbindung
des Ritters Ariodante (Franco Fagioli mit atemberaubend sicherer
Koloraturtechnik und stimmschönem Counter-Sopran) mit der
Prinzessin Ginevra (in Gestalt der kristallklar singenden und
berührend ausdrucksstarken Kirsten Blaise) wird von dem
Höfling Polinesso (gesungen von Ewa Wolak mit gesättigt
runder Altstimme) derart nachhaltig gestört, dass das Liebespaar
an seine existentiellen Grenzen geführt wird. Händels
Libretto ist dramaturgisch schlüssig und für die Gattung der
opera seria außergewöhnlich lebensnah. Denn die
Täuschung besteht darin, dass der gutgläubige Ariodante
allein seinem Augenschein traut und den von Polinesso inszenierten
scheinbaren Treuebruch seiner Braut blindlings für wahr hält.
Aus Verzweiflung versucht er sich ins Meer zu stürzen und Ginevra,
die allein aufgrund der Verleumdung sogar von ihrem Vater
verstoßen wird, träumt beklemmend ihren eigenen Untergang
herbei – hier in der Inszenierung als überaus starkes Bild einer
Kreuzigung zum Schluss des 2. Akts.
Ihr
Albtraum
endet am Kreuz:
Kirsten
Blaise
als Ginevra (Mitte),
Bernhard Berchtold (Lurcanio, vorne links)
und Mika Kares (König, vorne rechts),
Benito Marcelino (Benedetto, hinten links)
und Barbara de Koy (Odoardo. hinten rechts)
Regisseur Peer Boysen machte das Thema Schein und Wirklichkeit
zur Grundidee seiner Inszenierung. So wurde es möglich, hinter die
Kulissen des Geschehens zu blicken, indem der Handlungsraum
(Königspalast mit entsprechenden Zimmern) wie eine Puppenstube auf
der Drehbühne von allen Seiten einsehbar und der Blick auch in den
Hintergrund der Geschehnisse freigegeben wurde. Zudem wirkten die
beiden Dienerrollen, die hier als Mönche erschienen, wie
Reflexionsflächen für die Emotionen der Figuren. So wurde die
Konstruktion der Handlung als (böses) Spiel im Spiel
sinnfällig vor Augen geführt. Mit zahlreichen Anspielungen,
Zitaten und ironischen Brechungen wurde ein schieres Feuerwerk
szenischer Mittel entfacht und die Kostüme erzählten auf ihre
eigene Weise die Geschichte mit. Die allzu lenkbare Dalinda trug das
biedere Karokostüm einer englischen Gouvernante und der
idealistisch liebende Edelmann Lurcanio ein verschwenderisch
schmuckvolles Barockkleid. Als mephistofelischer Fädenzieher
geisterte Polinesso im roten Reifrockkostüm durch die Kulissen.
Viel Aufmerksamkeit hatte Boysen der psychologischen Charakterisierung
seiner Figuren gewidmet und die Sängerdarsteller agierten die
Rollen überzeugend aus. Der erhöhte Orchesterraum war ins
Geschehen mit einbezogen, so konnten Musik und Handlung zu einem Ganzen
verschmelzen. Geschickt jonglierte Boysen gleichermaßen mit den
Mitteln der barocken wie der modernen Bühnensprache und schaffte
ein beeindruckend ausgewogenes Spannungsgeflecht. Am Schluss wurde nach
dem Motto „und wenn sie nicht gestorben sind...“ die Geschichte so
augenzwinkernd wie desillusionierend weiter erzählt. Ein
glückliches Ende jedenfalls war dabei vor allem den Protagnonisten
„in Wirklichkeit“ nicht gegönnt.
Musikalisch stach diese Produktion zu allererst durch die
phänomenalen Sängerleistungen hervor. Hier war ein Ensemble
versammelt, das man für Händelgesang sonst lange suchen
müsste. Neben den drei Hauptrollen war Bernhard Berchtold
mit seiner elegant geführten und balsamisch weichen
Tenorstimme eine wichtige Stütze der Aufführung. Mika
Kares sang den wankelmütigen König mit sonorem,
klangschönem Bass und Diana Tomsche die leichtgläubige
Dienerin Dalinda mit nicht allzu großer, aber lyrischer Stimme.
Am Pult war Michael Hofstetter bereits zum 5. Mal Gastdirigent einer
Produktion der Händel-Festspiele. Unter seiner zupackenden Leitung
wuchsen die um einige Spezialisten ergänzten Musikerinnen und
Musiker der Badischen Staatskapelle über sich hinaus, brachten ein
kerniges und farbenreiches Klangbild hervor und ließen die
affektive Rhetorik der Musik dabei durchaus aufleuchten.
FAZIT
Diese Händel-Trias
fächerte ein interessantes Spektrum möglicher
Bühnenrealisierung auf: eine auf vordergründige
Aktualisierung setzende Interpretation des „Rinaldo“, die aber schon
aufgrund handwerklicher Unzulänglichkeiten scheiterte, ein ganz in
historisch authentischer Ästhetik schwelgender „Radamisto“, dem
man aufgrund der souveränen Beherrschung der Bühnenmittel
Modellcharakter zusprechen kann und ein „Ariodante“, der phantasievoll
und geschickt zwischen den Welten pendelt und gerade in der Balance aus
Ironie und tieferer Bedeutung stark berührend wirkt. An
Sängerleistungen war Hervorragendes zu erleben und ebenfalls, dass
barocker Orchesterklang auch von unterschiedlichen Ansätzen aus
überzeugen kann.
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Produktionsteams
Ariodante
In italienischer Sprache
mit deutschen Übertiteln
Dauer: ca 3 ½ Stunden – eine Pause
Premiere bei den Händel- Festspielen 2010
am 19. Februar 2010.
Rezensierte Aufführung am 26. Februar 2010.
Musikalische Leitung
Michael Hofstetter
Inszenierung / Ausstattung
Peer Boysen
Choreografie
Benito Marcelino
Licht
Gerd Meier
Dramaturgie
Annabelle Köhler
Solisten
König von Schottland
Mika Kares
Ginevra, dessen Tochter
Kirsten Blaise
Ariodante, ein Ritter
Franco Fagioli
Lurcanio, dessen Bruder
Bernhard Berchtold
Dalinda, Ginevras Hofdame
Diana Tomsche
Polinesso, Herzog von Albany
Ewa Wolak
Odoardo, Geistlicher des Königs
Barbara de Koy
Benedetto, Geistlicher des Königs
Benito Marcelino
Badische Staatskapelle
Rinaldo
In italienischer Sprache
mit deutschen Übertiteln
Dauer: ca 3 ¼ Stunden – eine Pause
Premiere am 25. Oktober 2009
im Theater Rüsselsheim
Aufführung bei den Händel- Festspielen 2010
am 24. Februar 2010
Musikalische Leitung
Fausto Nardi
Inszenierung
Stefan Bastians
Bühnenbild und Kostüme
Klasse rosalie
(Hochschule für Gestaltung Offenbach)
Dramaturgie
Verena Noll
Choreografie
Katharina Wiedenhofer
/ Victoria Söntgen
Solisten
Goffredo, General des christlichen Heeres
Nicolas Romer
Almirena, seine Tochter, Verlobte Rinaldos
Annika Gerhards
Rinaldo, christlicher Kriegsheld
Anne Bierwirth
Eustazio, Goffredos Bruder
Charlotte Quadt
Argante, König von Jerusalem,
Geliebter der Armida
Björn Bürger
Armida, Königin von Damaskus
und Zauberin
Fabienne Grüning
Anna Lucia Leone
Franziska Tiedtke
Ein christlicher Magier
Amadeu Gois
Donna
Désirée Hall
Sirenen
Anne-Christine Evers
Yunhye Kim
Lisa Rothländer
Herold
Sebastian Kohlhepp
Poet
Marvin Gauger
Sprecher
Robert Oschmann
Tänzer
Yun Ke
Maki Nakao
Sarah Schmidt
Robin Rohrmann
Ramon John
Orchester des Instituts für
Historische Aufführungspraxis
der Hochschule für Musik und
Darstellende Kunst Frankfurt am Main
Eine Produktion der Hochschule
für Musik und Darstellende Kunst
Frankfurt am Main
Radamisto
In italienischer Sprache
mit deutschen Übertiteln
Dauer: ca 3 ¼ Stunden – eine Pause
Premiere am 19. Februar 2009.
Wiederaufnahme am 25. Februar 2010.
Rezensierte Aufführung am 27. Februar 2010
Musikalische Leitung
Peter van Heyghen
Inszenierung und Choreografie
Sigrid T’Hooft
Bühnenbild
Christian Floeren
Kostüme
Stephan Dietrich
Dramaturgie
Katrin Lorbeer
Solisten
Farasmane, König von Thrakien,
Radamistos und Polissenas Vater
Mika Kares
Radamisto
Tamara Gura
Zenobia, seine Frau
Delphine Galou
Tiridate, König von Armenien
Patrick Henckens
Polissena, seine Frau
Kirsten Blaise
Fraarte, Tiridates Bruder
Berit Barfred Jensen
Tigrane, Fürst von Pontus,
Tiridates Bundesgenosse
Ina Schlingensiepen
Ballett
Corpo Barocco, Gent
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