Alte Musik im
Grünen
Die
Stockstädter Musiktage feierten ihr 25-jähriges Bestehen
Von
Ingo
Negwer
Eine Mehrzwecksporthalle mit
Bühne dient als Konzertsaal, eine weitere Sporthalle, zum Schutz des
empfindlichen Bodens provisorisch mit Teppichboden ausgelegt,
beherbergt die Instrumenten- und Notenausstellung. Draußen, auf dem
grünen Rasen findet ein Jugendfußballspiel statt. - Wer zum ersten Mal
zu den Musiktagen nach Stockstadt am Rhein kommt, reibt sich verwundert
die Augen: Ein Festival für Alte Musik im Grünen, direkt am
Naturschutzgebiet Kühkopf gelegen. Eine eigene Website wird man im
Internet vergebens suchen, aber Eintrittskarten zu den Konzerten
bekommt man für zwölf Euro an der Abendkasse. Oder man ruft bei Familie
Becker an, um sich seine Tickets zu bestellen. Eine Postadresse gibt es
übrigens auch... Und das Programm der Stockstädter Musiktage kann sich
sehen lassen: Neben renommierten Namen, wie Dorothee Oberlinger und ihr
Ensemble 1700, oder dem Flanders Recorder Quartet, gaben sich in diesem
Jahr die Ensembles La Caccia und Red Priest, das Quadriga Consort,
Stefan Temmingh (Blockflöte) und Olga Watts (Cembalo) sowie das junge
Ensemble L'Ornamento in der kleinen südhessischen Gemeinde ein
musikalisches Stelldichein.
Zum 25. Male fand dieses
außergewöhnliche Festival der Alten Musik nun dank des unermüdlichen
Einsatzes von Eva und Wilhelm Becker statt. Zunächst versuchte man es
einmal in Darmstadt, dann schlug man für elf Jahre seine Zelte in
Rüsselsheim auf, ehe das Ehepaar Becker schließlich in seiner
Heimatgemeinde Stockstadt eine Heimat für die Musiktage gefunden
hatten. Hier haben sich die "Stockstädter Musiktage" inzwischen fest
etabliert. Das Publikum reist von nah und fern an, um die Konzerte in
der auch für die Alte-Musik-Szene außergewöhnlichen Atmosphäre zu
genießen. Auf dem Parkplatz vor dem Sportzentrum entdeckt man
Kfz-Kennzeichen aus ganz Deutschland. Auch aus dem europäischen Ausland
kommen Gäste. Zum Teil dienen Wohnmobile während der Musiktage als
Quartier.
Eva und Wilhelm Becker, André
Henrich
(Ensemble 1700)
(Foto: Ingo Negwer)
Bürgermeister Thomas Raschel
ehrte das Ehepaar Becker am Samstag Nachmittag unter tosendem Beifall
für sein langjähriges beeindruckendes Engagement, ehe Dorothee
Oberlinger und das Ensemble 1700 mit gewohnter Virtuosität und
Spielfreude das Publikum in den Bann der Musik von Georg Philipp
Telemann, Jean-Baptiste Forqueray, Giuseppe Sammartini und Arcangelo
Corelli zog. Dorothee Oberlinger und Lorenzo Cavasanti glänzten mit
makellosem Blockflötenspiel und bildeten in Sammartinis Sonata a due
flauti d-Moll op. 2/6 und Telemanns drittem Duo Es-Dur (original B-Dur)
ein homogenes Duo. Vittorio Ghielmi (Viola da Gamba), André Henrich
(Laute, Barockgitarre) und Alexander Puliaev (Cembalo) bildeten eine
versierte, an Klangfarben reiche Continuo-Gruppe. Ghielmi zeigte mit
drei Stücken aus der Feder des französischen Gambisten Jean-Baptiste
Forqueray auch als Solist seine außergewöhnliche Klasse. Die sechs
Arien der Partita Nr. 1 aus Telemanns "kleiner Cammer-Music", mit
alternierenden Solostimmen der Blockflöte (Oberlinger) und der
Diskantgambe (Ghielmi) interpretiert, bildete einen weiteren Höhepunkt
des Konzerts. Nach dem spritzig dargebotenen Concerto Nr. 4 D-Dur von
Corelli (in einer zeitgenössischen Bearbeitung für zwei Flöten und
Continuo) ließ es sich Dorothee Oberlinger nicht nehmen, sich
persönlich bei Eva und Wilhelm Becker mit einem großen Blumenstrauß zu
bedanken, ehe sich das Ensemble 1700 mit zwei Zugaben vom begeisterten
Publikum in der fast voll besetzten Altrheinhalle verabschiedete.
Ensemble
1700, v.l.n.r.: André
Henrich, Alexander Puliaev,
Dorothee Oberlinger, Lorenzo Cavasanti und
Vittorio Ghielmi
(Foto: Ingo Negwer)
Randbezirke der historischen Aufführungspraxis durchstreifte am Abend
das österreichische Quadriga Consort mit "Ship ahoy! Lieder von Wind,
Wasser und Gezeiten". In Arrangements seines Leiters und Cembalisten
Nikolaus Newerkla, die ihre Nähe zur aktuellen Folk- und Popmusik nicht
verleugnen konnten und wollten, bot das Ensemble traditionelle Musik
aus England, Irland und Schottland. Nikolaus Newerkla führte mit Witz
und Charme durch das kurzweilige Programm. Folkmusik, auf Kopien alter
Instrumente gespielt, lässt ihre Wurzeln in der Geschichte ahnen,
klingt aber vor allem - kompetent interpretiert - aufregend neu.
Elisabeth Kaplan sang die alten Seemannslieder und Balladen von
Piraten, Heimweh und verlorener Liebe mit schlichter Natürlichkeit.
Reels, Jigs und andere Instrumentalstücke der britischen Inseln setzten
schwungvolle Kontrastpunkte.
Piers Adams (Red Priest)
(Foto: Ingo Negwer)
Nicht allein dem
"Originalklang" der Barockmusik ist das englische Ensemble Red Priest
auf der Spur, sondern der "wahren Bedeutung" des Begriffs "Barock" -
dem Bizarren, Irregulären, dem "Stylus phantasticus" im
allerwörtlichsten Sinne. Und in der Tat: wer die in langen dunkelroten
Umhängen gekleideten Musiker, mit schwarzen Masken vor dem Gesicht, auf
der Bühne agieren sah, wird auch bei künftigen konventionellen
Aufführungen von Vivaldis Concerto "La Notte" stets an den
gespenstischen Auftritt von Red Priest erinnert. In den Tanzsätzen
englischer Masques traten skurile Figuren auf, spielten Hexen auf
quietschenden Geigen zum Tanz, schnitten Fratzen und fielen schließlich
in ein diabolisches Gelächter ein. Und doch zeigten sich die "dunklen
Seiten des Barock" auf höchstem musikalischen Niveau. Selten habe ich
das Recercada segunda über den Passamezzo moderno von Diego Ortiz in
einem solch atemberaubendem Tempo gehört. Das wunderschön dargebotene
Prelude aus Johann Sebastian Bachs Suite c-Moll für Violoncello hatte
Transparenz und Tiefe (Angela East). Piers Adams (Blockflöte) ließ
Jacob van Eycks "English Nightingale" nach Herzenslust jubilieren.
Julia Bichop (Violine) brillierte, von Howard Beach am Cembalo
begleitet, mit Giuseppe Tartinis "Teufelstrillersonate". Unter dem
Motto "Nightmare in Venice - a Baroque Fantasy" fügten sich die
vielgestaltigen musikalischen Bilder zu einer stimmigen Einheit. Den
Schlusspunkt bildete die bizarre "Fantasy on Corelli's La Folia", ein
Arrangement von Red Priest über Corellis berühmtes Stück, in dem die
uralte Folia-Melodie auf ihrem Weg über die hochvirtuose Barockmusik,
vorbei an orientalischen Anklänge bis hin zu Elementen der Jazz- und
Rockmusik eine wahre Odyssee durchlebte. Zum Schluss gab es stehende
Ovationen für ein beeindruckendes Konzert.
Red Priest, v.l.n.r.: Julia
Bishop, Howard Beach,
Piers Adams und Angela East
(Foto: Ingo Negwer)
Mit dem Konzert von Red
Priest ging mein diesjähriger, erster Besuch bei den Stockstädter
Musiktagen zuende. Ich habe ein beachtliches kleines Festival mit einer
besonderen familären Athmosphäre erlebt, das ich wärmstens empfehlen
kann. Fortsetzung folgt am 14.-16. Mai 2010. Der Termin gehört in den
Terminkalender eines jeden Freundes der Alten Musik!
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