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Musikfestspiele
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Salzburger Festspiele 2009

Così fan tutte
ossia La Scuola degli amanti

Dramma giocosa in zwei Akten
Text von Lorenzo Da Ponte
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart


Premiere im Haus für Mozart Salzburg am 30. Juli 2009
In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 30' (eine Pause)


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Salzburger Festspiele
(Homepage)

Aufbrechende Abgründe, eindringende Bäume

Von Joachim Lange / Foto von Salzburger Festspiele / © Monika Rittershaus

Wenn bei den Salzburger Festspielen ein neuer Mozart auf dem Programm steht, dann steht der von vornherein im Zentrum des Interesses. Als einer der Hausgötter haben seine Werke nicht nur einen Sonderbonus, sondern zogen immer auch die Creme der Sängergilde nach Salzburg. Als Claus Guth vor drei Jahren mit Figaros Hochzeit seinen Da Ponte –Zyklus begann, wurde daraus, via Netrebko- und Harnoncourt-Starfaktor, gleich noch ein gewaltiges Medienspektakel. Heute ist es fast schon selbstverständlich, dass da noch ein Livestream für das Internet dazukommt. Wobei man diesmal nicht so sehr auf die ganz großen Namen setzte, wenn man mal vom fabelhaften Bo Skovhus als Don Alfonso absieht. Mit Patricia Petibon als einer ziemlich abgebrüht jugendlichen Biker-Despina spielte und sang sich dieses dritte, das Spielmacher-Paar, insgesamt an die Spitze.


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oben: Bo Skovhus (Don Alfonso), unten: Isabel Leonard (Dorabella), Topi Lehtipuu (Ferrando), Miah Persson (Fiordiligi), Florian Boesch (Guglielmo)
© Monika Rittershaus

Miah Persson (Fiordiligi), Isabel Leonard (Dorabella) und ihre Männer Topi Lehtipuu (Ferrando) und Florian Boesch (Guglielmo) spielen überzeugend, blieben stimmlich aber doch hinter den in Salzburg vom Publikum ja teuer bezahlten Erwartungen zurück. Wobei Miah Persson auf eine leichte Beweglichkeit setzte, Isabel Leonard mit ihrem Timbre und Florian Boesch mit seiner angenehmen Kontinuität überzeugten, während Topi Lehtipuu doch etwas allzu oft unangenehm seine Grenzen erreichte. Ihrem Dirigenten Adam Fischer folgten die mozartversierten Wiener Philharmoniker federnd und geschmeidig, wenngleich Fischer doch auch wehmütige Erinnerungen an den aufregenden Figaro von Harnoncourt weckte, mit dem dieser Da Ponte-Zyklus begonnen hatte. Alles in Allem geht der Abend musikalisch in Ordnung – unter die ganz großen lässt er sich allerdings nicht rechnen.


Vergrößerung in neuem Fenster oben: Isabel Leonard (Dorabella), Miah Persson (Fiordiligi), unten: Bo Skovhus (Don Alfonso), Florian Boesch (Guglielmo), Topi Lehtipuu (Ferrando)
© Monika Rittershaus

Claus Guth gehört zu den präzisen Regisseuren, die sich gründlich überlegen, was sie tun. Das funktioniert zwar (wie bei manchen seiner Wagner-Inszenierungen) nicht immer. Doch mit Mozart hat er mehr Glück, auch wenn die bei Salzburg gerne mäkelnde heimische Kritik darauf zwischen Zurückhaltung und Unverständnis reagiert. Für diese neue Così gab es nach dem Ausflug in den düster abgründigen Don Giovanni-Wald des Vorjahres wieder einen (für Guth-Inszenierungen typischen) Innenraum mit Treppe. Das erinnerte aber nur entfernt an das magische Figaro-Treppenhaus. Guth und sein Bühnenbildner Christian Schmidt haben jetzt sozusagen die Summe aus den beiden anderen Da Ponte-Inszenierungen gezogen. Ohnehin von Mozarts Zeitgenossen und erst recht dem 19. Jahrhundert eher verschmäht, ist der Treuetest, dem die Männer ihre Frauen in dieser Oper unterziehen, natürlich alles andere als Lehrstück über die ach so trügerischen Frauenherzen. Es ist als tieflotendes Beziehungsexperiment, das die Frauen und die Männer Seiten in sich selbst kennenlernen lässt, von denen sie nichts ahnten, gerade in nachemanzipatorischen Zeiten die wohl modernste, gegenwärtigste Mozart-Oper. Folgerichtig ist sie auch in unserer Gegenwart angesiedelt. Da, wo in der besseren Gesellschaft die Putze eben mit dem Motor-Bike kommt und sich bei der Hausarbeit (na ja, so ungefähr jedenfalls) selbst mit den allgegenwärtigen Kopfhörern beschallt. Nach der Party in einer noblen, sparsam möblierten Stadtwohnung, mit großer Freitreppe zu einer Galerie, setzt der elegante Strippenzieher Alfonso eine Verwirrung der Gefühle in Gang.


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Bo Skovhus (Don Alfonso)
© Monika Rittershaus

Don Alfonso ist hier eine reale und eine magische Figur, schreitet auf einem der Videos mit den Flügeln des Engels durchs Bild, der bereits im Figaro für Verwirrung gesorgt hatte, kann mit seinem Atem das Feuer im Kamin entzünden, von der Treppe ins Nichts springen, Wände verschwinden lassen und die Figuren wie Marionetten bewegen. Er ist der Anstifter für eine kammerspielartige Reise ins Innere der Protagonisten, die den sichtbaren Aufmarsch des Chores ebenso überflüssig macht wie die klassische Verkleidung. Richtig verkleiden muss sich hier nämlich niemand, weil sich im Auge der Betrachterin von selbst jene Verkleidung einstellt, die sie zunächst bekämpft. Bei Guth geht es dabei ausgewogen zwischen den Geschlechtern zu, und doch bleibt er da, wo ganz offensichtlich auch die deklarierten Neigungen der Männer ins Wanken geraten, weil echtes Gefühl für die jeweils andere Partnerin ins Spiel kommt, eher zurückhaltend. Wie beim Schlussbild, hätte eine schärfere Akzentuierung durchaus in der Konsequenz seines Ansatzes gelegen.


Vergrößerung in neuem Fenster Florian Boesch (Guglielmo) Bo Skovhus (Don Alfonso), unten: Miah Persson (Fiordiligi), Topi Lehtipuu (Ferrando)
© Monika Rittershaus

Immerhin scheinen weder die Frauen noch die Männer in ihren Beziehungen unglücklich – haben sogar, wie auf eingespielten Videos zu sehen ist, viele schöne Erinnerungen. Daneben lauert offenbar aber noch etwas anderes. In der berühmten Felsenarie, in der Fiordiligi ihre Treue beschwört, schleicht sie mit einer Taschenlampe durch die dunkle Wohnung, so als wäre sie nächtlichen Einbrechern auf der Spur. Und die kommen ja tatsächlich. Aber nicht von außen, sondern aus ihrem Inneren. Fast zwangsläufig endet alles in einem Desaster, bei dem alle ziemlich betroffen, zusammen, aber doch jeder für sich allein, auf der Couch zurück bleiben.

Wenn die Ausgangs-Beziehungen der Paare durch den Partnertausch ins Wanken kommen, dann bricht in die kühl gestylte Welt jener Wald aus dem Don Giovanni ein, in dem der personifizierte Erotomane sein Leben ausgehaucht hatte. Besonders, wenn sich dabei die präzise Personenführung wie hier mit einer surreal poetischen Atmosphäre trifft, gewinnt der Abend seinen eigenen Reiz. Dass man das Abgründige aber nicht wieder einfangen kann, wenn die Tür einmal geöffnet ist, wird auf der Bühne evident. Als die Rückwand den unheimlichen Wald wieder verdeckte, blieben im Zimmer nämlich nicht nur ein Teil des Waldbodens, sondern auch zwei einsame Baumstämme wie ein Mahnmal des nicht Beherrschbaren, Anarchischen im bürgerlichen Wohnzimmer zurück.


FAZIT

Bei den Festspielen 2011 wird der Da Ponte–Zyklus von Claus Guth dann als Ganzes auf dem Programm stehen. Das kann, wenn es denn durch eine exzellente Sängerbesetzung abgesichert wird, durchaus zu einem Musiktheater Prunkstück mit tieferen Einsichten werden.






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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Adam Fischer

Inszenierung
Claus Guth

Bühne und Kostüme
Christian Schmidt

Licht
Olaf Winter

Video
Alex Buresch\br| Kai Ehlers

Choreographie
Ramses Sigl

Chöre
Thomas Lang

Dramaturgie
Andri Hardmeier



Konzertvereinigung
Wiener Staatsopernchor

Wiener Philharmoniker


Solisten

Fiordiligi
Miah Persson

Dorabella
Isabel Leonard

Ferrando
Topi Lehtipuu

Guglielmo
Florian Boesch

Despina
Patricia Petibon

Don Alfonso
Bo Skovhus


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