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Vivo!

Ein Abend mit Anna Netrebko und Massimo Giordano


Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Konzert in der Jahrhunderthalle Bochum am 13. September 2009

Logo: Ruhrtriennale 2009

Hochglanzprodukt

von Stefan Schmöe / Fotos von Paul Leclaire

Zur Tradition der Ruhrtriennale gehört ein Konzert mit einem Großen der Gesangsszene, so haben sich u.a. Neil Shicoff, Cecilia Bartoli oder Vesselina Kasarova in der Bochumer Jahrhunderthalle die Ehre gegeben. In diesem Jahr ist Mega-Star Anna Netrebko geladen, und mit ihr zusammen der italienische Tenor Massimo Giordano. Dessen wichtigste Funktion ist es freilich, dies vorweg, Frau Netrebko anzuschmachten und in den Duetten, die allesamt ein kleines bisschen ausgespielt werden, einen eloquenten Partner abzugeben. Mit seinem lausbübischem Charme erinnert der jugendliche Lockenkopf sicher nicht zufällig an Rolando Villazón, an den er musikalisch allerdings nicht heranreicht. Sein Tenor verfügt über ein schönes und kraftvolles (wenn auch zu oft forciertes) Forte mit sicherer Höhe, bleibt im Piano und in der tieferen Lage aber recht blass. Insgesamt kein schlechter Sänger, aber zu einem richtig guten fehlt es seinem Nemorino (mit dem unverwüstlichen „Una furtiva lagrima“) an lyrisch-klanglicher Substanz, dem (hübsch forsch angegangenen) Rigoletto-Herzog an Zwischentönen, dem Bohéme-Rodolfo an Eleganz und Durchhaltevermögen für die langen Phrasen – und insgesamt an Stehvermögen für ein zwei-Stunden-Programm, das hörbar Spuren hinterlässt. Wie gesagt: Alles nicht schlecht, aber eben in einer anderen Liga als Anna Netrebko.


Vergrößerung in neuem Fenster L'elisier d'amore, halbszenisch: Anna Netrebko als Adina und Massimo Giordano als Nemorino
© Paul Leclaire

Die verfügt, was den leicht dunkel timbrierten, vollen und sinnlichen Klang betrifft, über eine Jahrhundertstimme, die auch im (leider zu selten eingesetzten) Pianissimo bis in den letzten Winkel der Jahrhunderthalle trägt. Mit kleinen Einschränkungen: Eine metallisch scharfe Beimischung vor allem im ersten Teil des Programms (eine Sache der Tagesform?) ist nicht immer angenehm, und in der ganz hohe Lage verliert die Stimme an Substanz und wird schrill. Neben dieser großartigen Stimme verfügt die Sängerin über eine enorme Präsenz und beherrscht jederzeit das Podium. Das ist nicht nur die attraktive Erscheinung (auch wenn sie nach ihrer Schwangerschaft nicht mehr so jugendlich wirkt), sondern auch kleine Gesten wie das mädchenhafte Zurückwerfen des Kopfes oder der kokette Augenaufschlag. dazu kommt Küsschen links, Küsschen rechts von Duettpartner Massimo – oder eben kein Küsschen, wenn die Adina aus dem Liebestrank sich dem entzieht. Dieses gestische Repertoire ist zwar weder umfangreich noch besonders originell, aber sehr wirkungsvoll, weil der „hier-bin-ich!“-Gestus mit jedem Ton, den sie singt, bestätigt wird. In dieser Hinsicht ist Anna Netrebko die vollendete Operettendiva, und mit Lehárs Giudetta bringt sie das in ihrer Zugabe auch auf den Punkt: „Meine Lippen, die küssen so heiß“. Sie müsste 'mal einen kompletten Lehár-Abend geben.

Bei allem berechtigten Jubel über die Stimme: Was die Nuancierung und die Textausgestaltung angeht, kann sie mit den großen Sängerinnen der Musikgeschichte (etwa einer Elisabeth Schwarzkopf) da nicht mithalten, und überhaupt (das zu schreiben ist inzwischen ja beinahe eine Plattitüde) halten die Interpretationen nicht das hohe Niveau, das die klangliche Seite vorgibt – wobei manches letztendlich natürlich Geschmackssache ist. Die Szene „Regnava nel silenzio“ der Lucia di Lammermoor klingt mir insgesamt zu leichtgewichtig, in den Koloraturen dagegen paradoxerweise fast zu schwer: Die fragilen Stimmungswechsel werden übersungen, da fehlt vielleicht der Mut zum Risiko. Auch die Gilda aus Rigoletto erscheint mir noch nicht ausgereift, teils mädchenhaft leicht, teils divenhaft schwer – beides hat seine Berechtigung, ist aber nicht stimmig austariert. Sehr schön gelingt das Duett Adina - Nemorino aus Donizettis Liebestrank („Caro elisier sei mio“), von beiden mit viel Spielwitz szenisch ausgedeutet – Massimo Giordano brilliert mit komödiantischer Überzeichnung, was Anna Netrebkos kokett-strenge Adina umso sinnlicher aufleuchten lässt. Und in der großen Begegnungsszene aus dem ersten Bohéme-Akt singt sie mit berückendem Wohlklang und höchster Intensität (er leider nicht), und momentweise ist das auch durch Wechsel der Klangfarben sehr schön interpretiert, aber eben nicht durchgängig – da ist manche Phrase „einfach nur schön“. Das ist sehr viel, aber nicht alles.


Vergrößerung in neuem Fenster La Bohème: Anna Netrebko als Mimi, Massimo Giordano als Rodolfo
© Paul Leclaire

Am Pult der Duisburger Philharmoniker steht Emmanuelle Villaume, der mit Anna Neterbko deren CD Souvenir eingespielt hat. Er setzt durchaus auf knallige Effekte, weshalb manches nach Wunschkonzert klingt (was es ja letztendlich auch ist), und zwar gefällig, aber auch etwas oberflächlich daher kommt. Viele Details sind plastisch herausgearbeitet und entwickeln große orchestrale Klangpracht; aber die scheinbar unbedeutenden Noten dazwischen werden lustlos heruntergespielt. Ganz reibungslos funktioniert auch die Kommunikation zwischen Sängern und Orchester nicht; schnelle und flexible Korrekturen bestätigen mehr das professionelle als das musikalische Niveau des Abends.

Und was hat das alles bei der Ruhrtriennale zu suchen? Das zahlungskräftige Publikum, möchte man meinen (das bei der letzten Zugabe, dem Traviata-Brindisi "Libiamo ne' lieti calici", nur mit knapper Not am Mitklatschen gehindert werden konnte). Erkennbare Bezüge zum Triennale-Kontext gibt es nicht, und im Programmheft beschwört ein Text von Catherine Clément die Welt der Opernhäuser zwischen Stuck, Gold und Plüsch („Durch die hohen Fenster sieht man bereits den Glanz aller Lüster.“), als wolle es die Industriearchitektur der Jahrhunderthalle verhöhnen. Sei's drum; einmal im Jahr darf sich ein Festival, das ansonsten so ganz anders ist, auch im Glanz großer Namen sonnen.


FAZIT

Keine Frage: Anna Netrebko ist eine Sängerin mit phänomenaler Stimme und großer Ausstrahlung, und darum ist ein solcher Auftritt ein Ereignis. Zur ganz großen Kunst dürften die Interpretationen ausgereifter sein.




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Anna Netrebko, Sopran
Massimo Giordano, Tenor

Duisburger Philharmoniker

Musikalische Leitung:
Emmanuel Villaume



Programm:

Charles Gounod:
aus Roméo et Juliette
Ouvertüre
Duett "Va! je t'ai pardonné ...
Nuit d'hyménee"

Giuseppe Verdi:
Ouvertüre zu Nabucco

Gaetano Donizetti:
aus Lucia di Lammermoor
Rezitativ und Arie der Lucia
"Regnava nel silenzio"

Gaetano Donizetti:
aus L'elisier d'amore
Arie des Nemorino
"Una furtiva lagrima"

Giuseppe Verdi:
aus Rigoletto
Duett Gilda / Duce
"Signor nè principe ...
È il sol dell'anima"

Gaetano Donizetti:
aus L'elisier d'amore
Duett Nemorino / Adina
"Caro elisier sei mio ...
Esulti pur la barbara"

Luigi Arditti:
Il bacio

Francesco Paolo Tosti:
L'alba separa dalla luce l'ombra

Giacomo Puccini:
aus Manon Lescaut:
Intermezzo sinfonico

Giacomo Puccini:
aus La Bohème:
Szene Rodolfo / Mimi (1. Akt)
"Che gelida manina"
"Si. Mi chiamamo Mimi"
"O soave fanciulla"


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