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Musikfestspiele
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Radamisto
Oper von Georg Friedrich Händel, HWV 12 a
Text von Niccolo Francesco Haym

Szenische Uraufführung der Erstfassung auf dem Kontinent

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere am 20.02.2008
Weitere Aufführung am 22., 24., 26. und 28.02.2008
im Opernhaus des Badischen Staatstheaters Karlsruhe


Homepage des Badischen Staatstheaters Karlsruhe

Badisches Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)

Karlsruhe auf neuen Pfaden? - Eine Annäherung an 1720

Von Gerhard Menzel / Fotos: Jaqueline Krause-Burberg

Mit "Radamisto", seiner ersten Opera seria (ohne komische Figuren und Einlagen), konnte Händel 1720 einen erfolgreichen Einstand in der Royal Academy of Music in London verzeichnen. Obwohl es im Laufe der Jahre zahlreiche szenische Aufführung des Werkes gab - u.a. in Göttingen (1993), Halle (2000) und Hamburg (2007) - wurde die Oper seither anscheinend nicht mehr in der Fassung der Uraufführung gespielt. Daher kündigte das Badische Staatstheater Karlsruhe an, die szenische Uraufführung dieser Fassung auf dem Kontinent präsentieren zu können. Und nicht nur das, sondern das auch in einer komplett "historisch" nachempfundenen Produktion - sowohl musikalisch, als auch szenisch. Diese Version bot sich dabei gerade deshalb an, weil von ihr noch ein Soufflierbuch mit wertvollen Regie-Hinweisen existiert und somit einen hervorragenden Einstieg in diese weit entfernte Theaterwelt ermöglicht.

Vergrößerung in neuem Fenster Tiridate (Patrick Henckens)
und Radamisto (Tamara Gura)

Wer hätte vor drei Jahren gedacht, dass das Experiment, die drei Akte von Händels "Lotario" in drei verschiedenen Inszenierungskonzepten aufführen zu lassen, solche Folgen für die Karlsruher Händel-Festspiele haben könnte (s. OMM-Bericht). Weder die Versetzung des Stücks in seine historische Handlungszeit, noch die Aktualisierung ins Heute konnten damals so überzeugen und fesseln, wie es die auf historische Erkenntnisse beruhende Inszenierung der Spezialistin für Renaissance- und Barocktanz sowie Expertin für barockes Theater Sigrid T'Hooft tat. Ihre Bemühungen, die Zustände der Entstehungs- und Aufführungszeit des Stückes und seiner Musik so weit wie möglich zu Rekonstruieren endeten dabei allerdings nicht in historisch korrekten Standbildern, sondern es gelang ihr, den Protagonisten zumindest so viel an darstellerischem Handwerkszeug zu vermitteln, dass in dem ausschließlich durch Kerzen beleuchteten, aufwändig hergerichteten optischen Ambiente ein barockes "Gesamtkunstwerk" von Musik, Ausstattung und kunstvoll stilisierter Gebärdensprache entstehen konnte. Und genau dieses Konzept begeisterte das Publikum. Dieses Jahr stand nun die Frage im Raum, ob diese Aufführungsart auch eine ganze, viereinhalbstündige Oper tragen würde.

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Zenobia (Delphine Galou)
und Radamisto (Tamara Gura)

Die Ergebnisse der über sechswöchigen, intensiven Probenzeit waren nach der Eröffnungspremiere der diesjährigen 32. Händel-Festspiele (zumindest überwiegend) als positiv zu bewerten. Prinzipiell stimmte der Weg, Musik und Szene zu einer gemeinsamen, intensiven Affektdarstellung zu verschmelzen. Dass es in dieser kurzen Zeit nicht allen Protagonisten gleich gut gelang, sich die wie eine Fremdsprache zu erlernende Gestik anzueignen, kann ihnen dabei nicht angelastet werden. Immerhin waren fast alle Rollen mit hauseigenen Ensemblemitgliedern besetzt, die so eine Art der Gestaltung zuvor niemals kennen gelernt haben.

Vergrößerung in neuem Fenster Zenobia (Delphine Galou)
und Radamisto (Tamara Gura)

Besonders schwer hatte es Tamara Gura in der Titelpartie des Radamisto. Nicht nur voll konzentriert auf die ungewohnte und völlig fremde Art der Körpersprache, musste sie sich auch mit der musikalisch schwierig zu gestaltenden Heldenrolle auseinandersetzten, was ihr im Laufe des Stücks aber immer besser gelang. Delphine Galou hatte es als Barockexpertin da wesentlich einfacher, sich in der Partie von Radamistos Gattin Zenobia deutlich zu profilieren und starke Akzente zu setzen. Der andere Gast, Patrick Henckens, wirkte in der Partie des Tiridate, eigentlich ein skrupelloser Gewaltherrscher, dagegen ziemlich blass und zu "harmlos".

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Polissena (Kirsten Blaise)

Als Tiridates ungeliebte und immer wieder gedemütigte Gattin, wurde die Polissena in Gestalt von Kirsten Blaise zur alles überragenden Interpretin dieser Produktion. Ihre hervorragenden vokalen und darstellerischen Qualitäten hatte sie bereits in den vergangenen Jahren als Arianna, Almira, Angelo und Cleopatra immer wieder unter Beweis gestellt. Dieses Jahr überzeugte sie zudem als einfühlsame Interpretin in alter, tradierter Schauspielkunst. Ihre intensive Zusammenarbeit mit Sigrid T'Hooft war in allen Momenten deutlich zu spüren. Gehandicapt war sie lediglich durch ihr mit unzähligen Metallplättchen (die wie Räder von Servierwagen aussahen) besetztes Gewand, das trotz zweier Schleppträgerinnen beim schreiten störende Kratzgeräusche verursachte.
Die beiden Frauen Zenobia und Polissena waren dadurch ‚die' dominierenden Figuren der Aufführung, sowohl sängerisch, wie darstellerisch. Auf diesem Niveau lässt sich der ins Heute geholte, auf historischen Erkenntnissen beruhende Aufführungsstil, der bei der musikalischen Wiedergabe von "Barockmusik" schon seit vielen Jahren "Standard" ist, auch auf die Szene übertragen.

Vergrößerung in neuem Fenster Zenobia (Delphine Galou)
und Fraarte (Berit Barfred Jensen)

Gute Ansätze waren auch bei der stimmlich quirligen Berit Barfred Jensen als Fraarte zu erkennen. Mika Kares als Farasmane und Ina Schlingensiepen als Tigrane komplettierten ein insgesamt ausgeglichenes und um darstellerische Korrektheit bemühtes Ensemble. Zudem hatte Sigrid T'Hooft die von Christian Floeren mit phantasievollen Landschafts- und Gartenprospekten liebe- und geschmackvoll gestaltete Bühne mit den damals üblichen Schleppträgerinnen, Hofdamen und Soldaten bevölkert, die ebenfalls zu diesem barocken Aufführungsstil gehören.

Den "richtigen" barocken Touch gab der gesamten Aufführung aber vor allem das Barocktanz-Ensemble ‚Corpo Barocco', das Regisseurin und Choreographin Sigrid T'Hooft aus Gent mitgebracht hatte. Dessen herrliche Kostüme glänzten besonders durch ihre Farbigkeit und Detailverliebtheit (vor allem die der von Schlangen geprägten Furien).

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Polissena (Kirsten Blaise)
mit Hofdamen

Die übrigen Kostüme mitsamt der üppigen Kopfbedeckungen waren von Stephan Dietrich so weit wie möglich auf der Grundlage von Entwürfen aus dem 18. Jahrhundert nachempfunden worden und wirkten - zumindest von weitem - durchaus authentisch. Allerdings verschwanden die reflexionsarmen und ausschließlich in schwarzen Tönen gehaltenen Gewänder der "Tiridate-Fraktion" meist im warmen Glanz der rund 400 Kerzen, die ohne sichtbares Flackern ein lebendiges Licht aus den gemalten Kulissen, entlang der Fußrampe und von den beiden riesigen Kerzenleuchtern über dem Orchester (das erleichternder Weise mit den gewohnten elektrischen Pultleuchten spielen durfte) die Szene erleuchteten.

Vergrößerung in neuem Fenster Fraarte (Berit Barfred Jensen),
Zenobia (Delphine Galou)
Farasmane (Mika Kares)

Nicht ganz so überzeugend wie die Szene war die musikalische Seite dieser Aufführung. Obwohl wie Sigrid T'Hooft ebenfalls ein Spezialist auf seinem Gebiet, gelang es Dirigent Peter van Heyghen mit den Deutschen Händel-Solisten nicht durchgehend, das erwartete Festspielniveau zu erreichen. Abgesehen von der katastrophal gespielten Solovioline gab es zwar einige schöne Instrumentalsoli, aber der Gesamtklang, die Präzision und der barocke "Drive" waren nicht besonders ausgeprägt und überzeugend. Das konnten auch die zwei, auf beide Seiten des Orchesters verteilten Generalbassgruppen, die ein sehr räumliches und variables Klangbild ermöglichten nicht wett machen.

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Radamisto (Tamara Gura)

Da Peter van Heyghen auch nicht vom Cembalo aus das Orchester leitete (was in diesem Fall auch sicherlich gut war) konnte sie Szene deutlich mehr "Authentizität" für sich beanspruchen als die Musik. In dieser Hinsicht kann in Karlsruhe noch viel von den Verantwortlichen der Händel-Festspielen in Göttingen gelernt werden, wo Nicholas McGegan sein Orchester seit über einem Jahrzehnt um die beiden Cembali herum gruppiert, von deren eines er die gesamte Aufführung leitet. Aber vielleicht kann diese Qualität auch in Karlsruhe einmal erreicht werden, wenn man den hier eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzt und parallel zum gewohnt "modernen" Aufführungsstil das gerade knospende Pflänzchen der "historischen Aufführungspraxis" weiterhin geduldig pflegt und sich entwickeln lässt.

Das Publikum war von dieser Produktion jedenfalls sichtlich begeistert, was die Verantwortlichen des Theaters und der Festspiele hoffentlich wohlwollend in ihre künftigen Pläne mit einbeziehen werden.


FAZIT

Mit dieser "Radamisto"-Produktion haben die Karlsruher Händel-Festspiele einen mühsamen, aber auch spannenden und letztendlich lohnenden Weg eingeschlagen, den es gut auszubauen und zu pflegen gilt.



Die Konzerte bei den 32. Händel-Festspielen in Karlsruhe

"Faszination der Bühne" - Ausstellung im Foyer des
Großen Hauses des Badischen Staatstheaters


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Peter Van Heyghen

Regie
Sigrid T'Hooft

Bühnenbild
Christian Floeren

Kostüme
Stephan Dietrich

Dramaturgie
Katrin Lorbeer



Deutsche Händel-Solisten



Solisten

Tiridate
Patrick Henckens

Fraarte
Berit Barfred Jensen

Polissena
Kirsten Blaise

Farasmane
Mika Kares

Radamisto
Tamara Gura

Zenobia
Delphine Galou

Tigrane
Ina Schlingensiepen


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Badischen Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)




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