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Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
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Die Abgründe der SinnlichkeitVon Stefan Schmöe / Fotos von Karl Forster
Unter dem Motto Sinn & Sinnlichkeit stellen die Bregenzer Festspiele 2009 den polnischen Komponisten Karol Szymanowski (1882 1937) in den Mittelpunkt mit einer Werkschau in den Symphoniekonzerten, vor allem aber mit dessen Oper Krol Roger, die eben den Konflikt zwischen Sinn (Verstand) und Sinnlichkeit zum Thema hat. Da fordert ein junger Hirte (der sich später als Gott Dionysos entpuppt) im Reich des mittelalterlichen Königs Roger mit seinem Sinnlichkeitskult die strenge Kirche heraus und verführt schließlich alle zu einem orgiastischen Fest, bis nur noch König Roger einsam zurück bleibt.
Keinen Sinn für Sinnlichkeit: Die Kirche, geometrisch streng arrangiert, fordert den Tod des Hirten.
Mit gleich drei Neuproduktionen innerhalb kurzer Zeit außer in Bregenz noch in Bonn und Paris erfährt Oper die Anerkennung, die diesem lange unterschätzten Meisterwerk von suggestiver Klangpracht zusteht, werden aber auch die Probleme (nicht nur der höchst anspruchsvollen, allerdings in allen Produktionen überzeugenden Rollenbesetzungen wegen) deutlich. In Paris hat Krysztof Warlikowski reichlich diffus den Hirten als Vertreter eines sexuellen Hedonismus einen Kult von Jugendwahn errichten lassen, in Bonn hat Hans Hollmann mit Blick auf die Homosexualität des Komponisten eine psychotherapeutisch grundierte Coming-Out-Geschichte erzählt. In Bregenz widersetzt sich Festspielintendant und Regisseur David Pountney solchen Konkretisierungen und belässt das Drama auf einer abstrakteren, allgemeineren Ebene. Insbesondere nimmt er die scheinbar dominierende sexuelle Deutungsebene zurück. So ist Königin Roxane, die als erste dem Hirten verfällt, ist ein glatzköpfiges androgynes Wesen (Olga Pasichnych verleiht ihr entrückt lyrische, gleichwohl substanzvolle Töne).
Störfaktor in Rot: Der Hirte (Will Hartmann)
Der Hirt selbst erscheint wie eine antike Statue, den Körper vollständig mit Goldbronze überdeckt (Kostüme: Marie-Jeanne Lecca), eine höchst lebendige Statue allerdings. Will Hartmann beweist mit glänzendem, höhensicherem Tenor nicht nur stimmlich hohe Agilität, sondern bewegt sich tänzerisch leicht über die bühnenfüllende Treppe (Bühnenbild: Raimund Bauer), bringt die geometrisch strenge Aufstellung der ganz in Schwarz gekleideten Kirchenvertreter durcheinander. Ordnung und Unordnung ist eines der Grundprinzipien der Inszenierung. Auch spielen Pountney und sein Ausstatterteam mit Farben; gegen das zunächst dominante Schwarz gewinnt mehr und mehr die Farbe Rot die Überhand. Das ist schlüssig und bietet schöne Bilder, scheint aber auch allzu vorhersehbar.
Die andere Seite des Sinnlichkeitskultes: Statist mit Tieropfer
Die eigentliche Überraschung folgt im dritten Akt, dem Dionysosfest, bei dem Pountney das Geschehen kippen lässt. Hier wandelt sich das orgiastische Fest zu einem blutigen Opferritual, sichtbar gemacht daran, dass die Statisten blutüberströmte Tierschädel hereintragen. Da zeichnet sich ein archaischer Kult ab, der das Rauschhafte der Sinnlichkeit in eine Katastrophe verwandelt. Mit solchen Bildern gelingt es dem Intendanten-Regisseur, dem Festspielmotto Sinn und Sinnlichkeit eine tiefere Bedeutung zu verleihen, es szenisch zu hinterfragen und über einen werbewirksamen Slogan hinaus zum allgemeingültigen Thema zu machen. Am Ende steht der kollektive Selbstmord der Volksmenge, die sich mit Schlachtermessern ersticht. König Roger bleibt allein zurück, durchaus in der Pose des Triumphators. Scott Hendricks steht die mörderische Titelpartie kraftvoll und tonschön durch; kein heldenbaritonaler Haudrauf, sondern ein klug und nuanciert gestaltend und immer auf die musikalische Linie bedacht.
Großes Finale: König Roger (Scott Hendricks) betet das appollinische Sonnenlicht an
Einer konkreten Interpretation verweigern sich diese Bilder, lassen viel Raum für Assoziationen. Das kommt der insgesamt glänzenden musikalischen Umsetzung entgegen. Die Sänger werden durch das umsichtige, nie auftrumpfende Dirigat von Mark Elder sanft getragen, müssen nicht forcieren und können so einen lyrischen Grundton beibehalten was dramatische Spitzen nicht ausschließt. Der Orchesterpart (die Wiener Symphoniker spielen auf hohem Niveau) ist sehr zurückgenommen, eine differenziert farbenprächtige Grundierung für den Gesang. Neben den schon erwähnten exzellent besetzten Hauptpartien fällt allein der etwas matte John Graham-Hall als königlicher Berater Endrisi ab. Glänzend dagegen die Chöre die Camerata Silesia aus Katowice und der Polnische Rundfunkchor Krakau bestechen durch enorme Präsenz der Einzelstimmen bei gleichzeitiger großer klanglicher Homogenität; ausgezeichnet singt auch der Kinderchor der Musikhauptschule Bregenz.
Die Bregenzer Festspiele haben mit diesem ästhetisch strengen König Roger - nicht zuletzt im Kontrast zur populären Aida auf der Seebühne (unsere Rezension) ein nicht ganz leichtes, gleichwohl bildmächtiges Werk von hoher Suggestivkraft szenisch wie musikalisch glanzvoll gemeistert. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
ProduktionsteamMusikalische LeitungMark Elder
Regie
Bühne
Kostüme
Choreographie
Licht
Video
Kinderchor
Solisten
Roger
Roxane
Edrisi
Der Hirte
Der Erzbischof
Die Diakonissin
Solosopran
Solotenor
weiterer Bericht von den Bregenzer Festspielen 2009: Aida auf der Seebühne
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