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Musikfestspiele
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Bregenzer Festspiele 2009

Krol Roger (König Roger)

Oper in drei Akten
Text von Karol Szymanowski und Jaroslaw Iwaszkiewicz
Musik von Karol Szymanowski

in polnischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 1 h 30' (keine Pause)

Koproduktion mit dem Gran Teatre del Liceu, Barcelona
Premiere im Festspielhaus Bregenz am 23. Juli 2009
(rezensierte Aufführung: 3. August 2009)

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Bregenzer Festspiele
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Die Abgründe der Sinnlichkeit

Von Stefan Schmöe / Fotos von Karl Forster

Unter dem Motto „Sinn & Sinnlichkeit“ stellen die Bregenzer Festspiele 2009 den polnischen Komponisten Karol Szymanowski (1882 – 1937) in den Mittelpunkt – mit einer Werkschau in den Symphoniekonzerten, vor allem aber mit dessen Oper Krol Roger, die eben den Konflikt zwischen Sinn (Verstand) und Sinnlichkeit zum Thema hat. Da fordert ein junger Hirte (der sich später als Gott Dionysos entpuppt) im Reich des mittelalterlichen Königs Roger mit seinem Sinnlichkeitskult die strenge Kirche heraus und verführt schließlich alle zu einem orgiastischen Fest, bis nur noch König Roger einsam zurück bleibt.


Vergrößerung in neuem Fenster Keinen Sinn für Sinnlichkeit: Die Kirche, geometrisch streng arrangiert, fordert den Tod des Hirten.

Mit gleich drei Neuproduktionen innerhalb kurzer Zeit – außer in Bregenz noch in Bonn und Paris – erfährt Oper die Anerkennung, die diesem lange unterschätzten Meisterwerk von suggestiver Klangpracht zusteht, werden aber auch die Probleme (nicht nur der höchst anspruchsvollen, allerdings in allen Produktionen überzeugenden Rollenbesetzungen wegen) deutlich. In Paris hat Krysztof Warlikowski reichlich diffus den Hirten als Vertreter eines sexuellen Hedonismus einen Kult von Jugendwahn errichten lassen, in Bonn hat Hans Hollmann mit Blick auf die Homosexualität des Komponisten eine psychotherapeutisch grundierte Coming-Out-Geschichte erzählt. In Bregenz widersetzt sich Festspielintendant und Regisseur David Pountney solchen Konkretisierungen und belässt das Drama auf einer abstrakteren, allgemeineren Ebene. Insbesondere nimmt er die scheinbar dominierende sexuelle Deutungsebene zurück. So ist Königin Roxane, die als erste dem Hirten verfällt, ist ein glatzköpfiges androgynes Wesen (Olga Pasichnych verleiht ihr entrückt lyrische, gleichwohl substanzvolle Töne).


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Störfaktor in Rot: Der Hirte (Will Hartmann)

Der Hirt selbst erscheint wie eine antike Statue, den Körper vollständig mit Goldbronze überdeckt (Kostüme: Marie-Jeanne Lecca), eine höchst lebendige Statue allerdings. Will Hartmann beweist mit glänzendem, höhensicherem Tenor nicht nur stimmlich hohe Agilität, sondern bewegt sich tänzerisch leicht über die bühnenfüllende Treppe (Bühnenbild: Raimund Bauer), bringt die geometrisch strenge Aufstellung der ganz in Schwarz gekleideten Kirchenvertreter durcheinander. Ordnung und Unordnung ist eines der Grundprinzipien der Inszenierung. Auch spielen Pountney und sein Ausstatterteam mit Farben; gegen das zunächst dominante Schwarz gewinnt mehr und mehr die Farbe Rot die Überhand. Das ist schlüssig und bietet schöne Bilder, scheint aber auch allzu vorhersehbar.


Vergrößerung in neuem Fenster Die andere Seite des Sinnlichkeitskultes: Statist mit Tieropfer

Die eigentliche Überraschung folgt im dritten Akt, dem Dionysosfest, bei dem Pountney das Geschehen kippen lässt. Hier wandelt sich das orgiastische Fest zu einem blutigen Opferritual, sichtbar gemacht daran, dass die Statisten blutüberströmte Tierschädel hereintragen. Da zeichnet sich ein archaischer Kult ab, der das Rauschhafte der Sinnlichkeit in eine Katastrophe verwandelt. Mit solchen Bildern gelingt es dem Intendanten-Regisseur, dem Festspielmotto „Sinn und Sinnlichkeit“ eine tiefere Bedeutung zu verleihen, es szenisch zu hinterfragen und über einen werbewirksamen Slogan hinaus zum allgemeingültigen Thema zu machen. Am Ende steht der kollektive Selbstmord der Volksmenge, die sich mit Schlachtermessern ersticht. König Roger bleibt allein zurück, durchaus in der Pose des Triumphators. Scott Hendricks steht die mörderische Titelpartie kraftvoll und tonschön durch; kein heldenbaritonaler Haudrauf, sondern ein klug und nuanciert gestaltend und immer auf die musikalische Linie bedacht.


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Großes Finale: König Roger (Scott Hendricks) betet das appollinische Sonnenlicht an

Einer konkreten Interpretation verweigern sich diese Bilder, lassen viel Raum für Assoziationen. Das kommt der insgesamt glänzenden musikalischen Umsetzung entgegen. Die Sänger werden durch das umsichtige, nie auftrumpfende Dirigat von Mark Elder sanft getragen, müssen nicht forcieren und können so einen lyrischen Grundton beibehalten – was dramatische Spitzen nicht ausschließt. Der Orchesterpart (die Wiener Symphoniker spielen auf hohem Niveau) ist sehr zurückgenommen, eine differenziert farbenprächtige Grundierung für den Gesang. Neben den schon erwähnten exzellent besetzten Hauptpartien fällt allein der etwas matte John Graham-Hall als königlicher Berater Endrisi ab. Glänzend dagegen die Chöre – die Camerata Silesia aus Katowice und der Polnische Rundfunkchor Krakau bestechen durch enorme Präsenz der Einzelstimmen bei gleichzeitiger großer klanglicher Homogenität; ausgezeichnet singt auch der Kinderchor der Musikhauptschule Bregenz.


FAZIT

Die Bregenzer Festspiele haben mit diesem ästhetisch strengen König Roger - nicht zuletzt im Kontrast zur populären Aida auf der Seebühne (unsere Rezension) – ein nicht ganz leichtes, gleichwohl bildmächtiges Werk von hoher Suggestivkraft szenisch wie musikalisch glanzvoll gemeistert.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Mark Elder

Regie
David Pountney

Bühne
Raimund Bauer

Kostüme
Marie-Jeanne Lecca

Choreographie
Beate Vollack

Licht
Fabrice Kebour

Video
Gilles Papain

Kinderchor
Wolfgang Schwendinger



Sängerensemble "Camerata
Silesia", Katowice

Polnischer Rundfunkchor Krakau

Kinderchor der
Musikhauptschule Bregenz

Ein Tanzensemble

Wiener Symphoniker


Solisten

Roger
Scott Hendricks

Roxane
Olga Pasichnyk

Edrisi
John Graham-Hall

Der Hirte
Will Hartmann

Der Erzbischof
Sorin Coliban

Die Diakonissin
Liubov Sokolova

Solosopran
Justyna Dyla

Solotenor
Mariusz Stefanski


weiterer Bericht von den
Bregenzer Festspielen 2009:
Aida auf der Seebühne


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Bregenzer Festspielen
(Homepage)




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