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Musikfestspiele
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Schwetzinger Festspiele

25. April bis 10. Juni 2008


Hybris/Niobe
Drama für Stimmen von Adriana Hölszky
Libretto von Yona Kim
Aufführungsdauer: 30 Min.
Premiere am 25. April 2008

Niobe, regina di Tebe
Dramma per musica in drei Akten
von Luigi Orlandi, Musik von Agostino Stefani
Aufführungsdauer: 3 St.
Premiere am 25. April 2008

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Schwetzinger Festspiele
(Homepage)

Niobe oder die Idee der Versteinerung


Von Maria Kostakeva

Ein echtes Fest war die Eröffnung der Schwetzinger Festspiele am 25. April im Rokokotheater, auf dem man sich gleichzeitig in zwei verschiedenen Realitäten und Zeiten erleben konnte. Die Idee, alte und neue Epoche miteinander zu verbinden, ist einer der Grundsteine dieses renommierten Musikfestivals, das vor mehr als einem halben Jahrhundert gegründet wurde. In einem Abend wurden die Barockoper Niobe, regina di Tebe des italienischen Komponisten Agustino Steffani (1654-1728) nach dem Libretto von Luigi Orlandi und das Vokaldrama für 36 Stimmen Hybris/Niobe von Adriana Hölzsky (1953) uraufgeführt: ein neues Stück und diese wieder entdeckte Oper, die auf der Bühne des Münchner Opernhaus 1688 entstand und für dieses Festival zum erstenmal vollständig ediert wurde. Zwischen beiden nun zum Leben erweckten Stücken liegt eine Zeitspanne von mehr als dreihundert Jahren. Stoff der beiden Werken ist die von Ovid im 6. Buch seiner Metamorphosen erzählte Geschichte über die mythische Königin Niobe, die für ihre Machtgier und ihren Hochmut mit dem Tod ihrer vierzehn Kindern bestraft wurde, wonach sie von unermäßlicher Trauer zur einer Statue versteinert wird.


Vergrößerung in neuem Fenster Niobe im Nebel des Grauens

Thema ist die Macht und ihre katastrophalen Folgen: Nach wilden Aktivitäten – Tod von unschuldigem Leben und Versteinerung. Diese Idee erklingt in der Stefanis Oper mit einer unerwarteten Aktualität. Man erlebt hier keine mythologischen Figuren, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, mit ihren psychologisch geladenen Situationen, mit ihren tragischen Schicksalen.


Vergrößerung in neuem Fenster Peter Kennel (Creonte), Maria Bengtsson (Niobe), Matjaz Robavs (Poliferno)

Die Idee des Fließenden wird in die Idee der Erstarrung verwandelt. Außer der Teufelfigur Poliferno, der das Böse in der Handlung steuert, gibt es in der Oper keine schwarz-weißen Figuren. Selbst die machtgierige Niobe agiert als eine liebende und leidende Frau und nicht als Lady Macbeth. Kein Opernheld ist auch Anfione, der freiwillig auf die Macht verzichtet, um sich der Harmonie der Sphären zu ergeben.


Vergrößerung in neuem Fenster Anfione Jacek Laszczkowski (Niobe)

Auch für den liebenden Tiberino ist der Weg zum Glück schmerzlich, denn er weiß seine Liebe nicht zu artikulieren. Die Musik, in welcher renaissancehafte Leichtigkeit und tiefe Tragik, Dramatik und Komik, Volkstümliches und Charakteristisches verbunden sind, schöpft nicht nur aus der Quelle des italienischen cantabile Stils und der französischen Tanzidiomen ihrer Zeit, sondern vor allem aus Monteverdis Musiktheater.

Anders bei Adriana Hölszky, die das Miobi-Motiv in ihrem Vokaldrama a capella für sechs Solisten und dreißigstimmigen (in vier Gruppen verteilten) Solistenchor in unsere Gegenwart projiziert. In einem Gespräch unmittelbar vor der Premiere spricht sie von dieser Maßlosigkeit, „die sich in unserer Zeit in allen Bereichern verbreitet, wo der Mensch alle Grenzen überschreitet und woher es kein Zurück mehr gibt, wenn man an die Naturkatastrophen denkt. “ („Ein wütendes Feuer in der entschlafenen Stadt frisst wie ein entfesseltes Untier... Die Wildnis kehrt zurück...“ (1. Chortext).

Das dreißigminütige Stück besteht aus fünf Szenen (Solisten) und vier darauf folgenden Katastrophen (Chor). Die Räumen der Solisten und des Chors, ähnlich wie bei ihrem vorletzten Stück Countdown (2007) sind getrennt. In der Mitte des Saals sind die sechs Solisten platziert, die als die bekannten Figuren (Niobe, Amphione, Clearte, Creonte, Nerea, Tiresia) aus der Oper Stefanis agieren; Um die Solisten herum sind die in vier Gruppen im Konzertraum verteilten 30 Chorsolisten, die die nach Jakob Lenz geschilderten Landplagen – Feuer, Hunger, Pest und Erdbeben - symbolisieren. Der Chor, der die Rolle eines imaginären Orchesters übernimmt, übt ganz verschiedene Funktionen aus – er reagiert auf das Geschehene, schildert die Umgebung, kommt in direkten Kontakt mit den Solisten. Jeder Chorsänger agiert auf drei Artikulationsebenen: Stimme, Fuß als Perkussionsinstrument und Hand als imaginäres Perkussions- und Blasinstrument prägen seine klangliche Aktionen. Die Hände wurden bei der Uraufführung durch die weißen Armmanschetten (auf der schwarzen Bekleidung) sehr attraktiv angedeutet. Die Solisten und der Chor sind nicht nur inhaltlich, sondern auch nach der Art des Singens, Sprechens und Geräuscherzeugens differenziert. Ursprung dieser eigenartigen Theatralisierung des Klanges ist das Vokale selbst, wovon die ganze Körpersprache bei Hölszky entsteht. In dem von Yona Kim geschaffenen Libretto werden Texte von Jakob Lenz, Ovid, Shakespeare und der Bibel montiert und kollagiert. Diese Texte werden aber - wie für Hölszkys Kompositionsverfahren charakteristisch - im Kompositionsmaterial integriert und in der ganzen Klanglichkeit zerstreut. Die den gesamten Fluss von zerstückelten Wörtern und Wortinhalten steuernden Schlüsselwörter sind dabei deutlich wahrzunehmen.

Das von der Überlagerung der simultanen Schichten entstehende komplexe Klangbild, das phänomenale Spektrum von Stimm-, Mund-, Fuß- und Körperaktionen, die enorme vokaltechnische Differenzierung, die Intensivierung des Solistisch-Fragmentarischen, die Pulverisierung des Textes in dem Vokalensemble, die Mischung von reinen Tönen und Geräuschen aus der urbanen und der Tierwelt als Stück klingende Natur – all dies sind Merkmale eines nach innen orientierten Kompositionsstils. Das, was die jüngsten Werke A. Hölszkys verwandt macht, ist die Idee der Katastrophe: nach der ohrenbetäubenden Explosion des Guten Gottes und der stillen Katastrophe in Countdawn versteinert die Zeit in Hibris/Niobe.

Über die hochkarätige Interpretation der beiden Stücke durch das SWR Vokalensemble unter der Leitung von Denis Comtet bei Hibris/Niobe und dem Baltazar-Neumann-Ensemble (Dirigent Thomas Hengelbrock, Regie Lukas Hemleb, Bühnenbild (Raimund Bauer), Choreographie Thomas Stache) bei Niobe, Regina di Tebe sollte man einzeln schreiben. In Rahmen dieser kurzen Besprechung ist es aber kaum möglich, alle wunderbaren solistischen Leistungen (an erster Stelle alle sechs Countertenöre in den beiden Kompositionen, Ruth Weber als Niobe bei Hölszky, Maria Bengtsson als Niobe und Ana Maria Labin als Manto bei Steffani seien stellvertretend genannt) zu erwähnen. Das gilt besonders für die Steffanis Oper, die stilistisch so vollkommen wirkt, stimmlich und instrumental so besetzt ist, dass man sich wirklich in der Barockepoche versetzen konnte, ohne zu vergessen, dass es um die Gegenwart geht. Dafür haben die moderne Choreographie, das Bühnenbild und die feinsinnige Inszenierung gesorgt.

Hybris/Niobe

Musikalische Leitung
Denis Comtet

Choreinstudierung
Denis Comtet und James Wood


Niobe, Königin (Sopran)
Ruth Weber

Amphione, König (Sopran-Counter)
Yosemeh Adjei

Clearte, Fürst (Alt-Counter)
Hagen Maqtzeit

Creonte, Landesfeind (Alt-/Mezzo-Counter)
Michael Hofmeister

Nerea, Amme (Alt/Mezzo)
Raminta Babickaité

Tiresia, Wahrsager (Bass-Bariton)
Timothy Sharp

30 solistische Stimmen: SWR Vokalensemble Stuttgart


Niobe, regina di Tebe

Musikalische Leitung
Thomas Hengelbrock

Regie
Lukas Hemleb

Bühne und Licht
Raimund Bauer

Kostüme
Andrea Schmidt-Futterer

Choreographie
Thomas Stache


Niobe
Maria Bengtsson

Anfione
Jacek Laszczkowski

Manto
Ana maria Labin

Creonte
Peter Kennel

Tiberino
Lothar Odinius

Clearte
Pascal Bertin

Nerea
Delphine Galou

Tiresia
Tobias Scharfenberger

Poliferno
Matjaz Robavs

Balthasar-Neumann-Ensemble


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