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Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
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Jede Geburt ein Todesurteilvon Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Ursula Kaufmann
Unter der sichtbaren Bühnentechnik der Jahrhunderthalle, den Eisenträgern und Schienen der alten Brückenkräne hängen Felle geschlachteter, großer Huftiere. Auf der Bühne sind ein senkrecht und ein waagerecht stehender Quader aus Holz aufgestellt. Der eine dient später dem sterbenden Jesus als Turm, von dem aus er die hebräisch-aramäischen Worte Eli, Eli, lama asabthani (Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!) in die Zuschauermenge ruft, eigentlich singt, schreit unter Auskostung der Dissonanzreibung des Sekundintervalls - anklagend und auffordernd zugleich. Der andere Holzquader dient als Podest für das 8 Musiker umfassende Ensemble mit den Klangfarben Flöte, Trompete, Saxophon, Schlagzeug bzw. Djembé, Violine, Violoncello, Akkordeon und E-Bass. An diese Holzwand ziehen sich auch die Tänzer zurück, wenn sie unsicher, von Pausen durchsetzt und abgewandt von Publikum und Bühnengeschehen Versatzstücke, Zitate aus den letzten Lebensäußerungen von zum Tode Verurteilten wie I love you oder I didn't kill him ins Mikro hauchen, flüstern. Dazu bewegen sich die Tänzer wie ausgezehrte, in den letzten Zuckungen liegende, den Mund zum Schrei geöffnete Giacometti-Figuren .
Pitié (französisch für Mitleid, Erbarmen) heißt die RuhrTriennale-Kreation 2008 von Alain Platel, Fabrizo Cassol und Les Ballets C de la B. Es ist ein wahrlich kantiger Block, ein wirrer, vielseitiger Deleuze - bloc de sensations (ein Block aus Gefühlen, Empfindungen), - eine mutig bekennende, oft Ekel, Abscheu oder Mitleid erregende, intime Collage zu Themen wie Leid, Leiden und Passion. Die figürlichen, bildlichen und sinnbildlichen Momente der Matthäuspassion Johann Sebastian Bachs, das kunstvolle, geordnete Gefüge aus Instrumentalstimmen, Doppelchören, Chorälen, Rezitativen und Arien mögen eine Art Ideengeber gewesen sein, übriggeblieben sind vor allem die den Gestus edlen Schmerzes tragenden Klageweisen. Bis auf Eingangs- und Schlusschor tauchen sie neu geordnet wie melodische Erinnerungsfetzen auf abgesehen von dem Instrument Stimme jedoch aller Bachschen Klangsinnlichkeit beraubt. Den klagenden Töchtern des Eingangchores fehlen z.B. das besinnliche und doch tänzerische Dreiertakt-Wiegen, die schwermütige Sarabande-Bewegung des Schlusschores, der gezupfte Lamentobass der Arie Erbarme dich.
Fabrizio Cassol, der sein Kompositionstalent und die spürbare Improvisationsleidenschaft durch zahlreiche Studienreisen nach Indien, Afrika und Kuba ergänzte, überzeugt in seiner musikalischen Auseinandersetzung mit Bachs Matthäuspassion vor allem in den Momenten, wo Entwicklungen von Alt zu Neu aufgezeigt werden, sich z.B. die Grenzen von Musik und Sprache vermischen, die Übergänge von Koloratur und Aufruf, Schrei fließend werden - eindrucksvoll interpretiert von Claron Mc Fadden (Sopran) und Magic Malik (Flöte und Gesang).
Auch Platels Choreographien wirken wie Transformationen barocker Affektdarstellung von Passion, Schmerz und Geißelung. Die Tänzer gehen dabei in virtuosen Verrenkungen bis an die Schmerzgrenzen ihrer Expressivität. Einige Szenen wirken wie flüchtige Standbilder, große hochdramatische Enthüllungen eines Caravaggio, Giordano oder Delacroix, wo ein tödlich verwundeter mit letzter Kraft zur personifizierten Freiheit aufblickt, andere präsentieren die stilisierte Wirklichkeitserfahrung eines Alberto Giacometti oder zeigen solistische Figuren des Break bzw. Modern Dance. Am Ende ist man sprachlos von dem zweistündigen, ununterbrochenen Marathon der Gefühle, der intimen Momente körperlicher Öffnung und Entleerung wie die Männer auf dem alten Foto, die auf beiden Seiten eines Weges sitzen und kacken.
Der Mensch leidet mehr als dass er genießt. (Alain Platel)
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Produktionsteam
Konzept, Regie
Musik
Bühne
Kostüme
Licht
Ton
Dramaturgie
Musikdramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten AufführungSopran Claron Mc Fadden* / Laura Claycomb / Melissa Givens
Mezzosopran / Alt
Maribeth Diggle / Monica Brett-Crowther
Countertenor
Sänger / Flöte
Tänzer
Louis-Clément Da Costa Mathieu Desseigne Ravel Lisi Estaràs Emile Josse Juliana Neves Hyo Seung Ye Romeu Runa Elie Tass Rosalba Torres Guerrero Homepage der Ruhrtriennale weitere Berichte von der Ruhrtriennale 2008 weitere Berichte von der Ruhrtriennale 2005 - 2007 (Intendant: Jürgen Flimm) Berichte von der Ruhrtriennale 2002 - 2004 (Intendant: Gerald Mortier) |
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