Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musikfestspiele
Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Indexseite E-mail Impressum



Pitié! Erbarme dich!

Kreation von Alain Platel (Konzept und Regie) und Fabrizio Cassol (Musik)
nach der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach


Aufführungsdauer: ca. 2h (keine Pause)

Eine Koproduktion der RuhrTriennale mit Les Ballets C. de la B., Théâtre de la Ville (Paris), TorinoDanza und Le Grand Théâtre de Luxembourg
Uraufführung in der Jahrhunderthalle Bochum am 2. September 2008
(rezensierte Aufführung: 4. September 2008)

Logo: RUHRtriennale 2008

„Jede Geburt ein Todesurteil“

von Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Ursula Kaufmann

Unter der sichtbaren Bühnentechnik der Jahrhunderthalle, den Eisenträgern und Schienen der alten Brückenkräne hängen Felle geschlachteter, großer Huftiere. Auf der Bühne sind ein senkrecht und ein waagerecht stehender Quader aus Holz aufgestellt. Der eine dient später dem sterbenden Jesus als Turm, von dem aus er die hebräisch-aramäischen Worte „Eli, Eli, lama asabthani“ (Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!) in die Zuschauermenge ruft, eigentlich singt, schreit unter Auskostung der Dissonanzreibung des Sekundintervalls - anklagend und auffordernd zugleich. Der andere Holzquader dient als Podest für das 8 Musiker umfassende Ensemble mit den Klangfarben Flöte, Trompete, Saxophon, Schlagzeug bzw. Djembé, Violine, Violoncello, Akkordeon und E-Bass. An diese Holzwand ziehen sich auch die Tänzer zurück, wenn sie unsicher, von Pausen durchsetzt und abgewandt von Publikum und Bühnengeschehen Versatzstücke, Zitate aus den letzten Lebensäußerungen von zum Tode Verurteilten wie „I love you“ oder „I didn't kill him“ ins Mikro hauchen, flüstern. Dazu bewegen sich die Tänzer wie ausgezehrte, in den letzten Zuckungen liegende, den Mund zum Schrei geöffnete Giacometti-Figuren .


Vergrößerung in neuem Fenster Alberto Giacometti: Cat

„Pitié“ (französisch für Mitleid, Erbarmen) heißt die RuhrTriennale-Kreation 2008 von Alain Platel, Fabrizo Cassol und Les Ballets C de la B. Es ist ein wahrlich kantiger Block, ein wirrer, vielseitiger Deleuze - „bloc de sensations“ (ein Block aus Gefühlen, Empfindungen), - eine mutig bekennende, oft Ekel, Abscheu oder Mitleid erregende, intime Collage zu Themen wie Leid, Leiden und Passion. Die figürlichen, bildlichen und sinnbildlichen Momente der Matthäuspassion Johann Sebastian Bachs, das kunstvolle, geordnete Gefüge aus Instrumentalstimmen, Doppelchören, Chorälen, Rezitativen und Arien mögen eine Art Ideengeber gewesen sein, übriggeblieben sind vor allem die den „Gestus edlen Schmerzes“ tragenden Klageweisen. Bis auf Eingangs- und Schlusschor tauchen sie neu geordnet wie melodische Erinnerungsfetzen auf – abgesehen von dem Instrument Stimme jedoch aller Bachschen Klangsinnlichkeit beraubt. Den klagenden Töchtern des Eingangchores fehlen z.B. das besinnliche und doch tänzerische Dreiertakt-Wiegen, die schwermütige Sarabande-Bewegung des Schlusschores, der gezupfte Lamentobass der Arie „Erbarme dich“.


Vergrößerung in neuem Fenster

Fabrizio Cassol, der sein Kompositionstalent und die spürbare Improvisationsleidenschaft durch zahlreiche Studienreisen nach Indien, Afrika und Kuba ergänzte, überzeugt in seiner musikalischen Auseinandersetzung mit Bachs Matthäuspassion vor allem in den Momenten, wo Entwicklungen von Alt zu Neu aufgezeigt werden, sich z.B. die Grenzen von Musik und Sprache vermischen, die Übergänge von Koloratur und Aufruf, Schrei fließend werden - eindrucksvoll interpretiert von Claron Mc Fadden (Sopran) und Magic Malik (Flöte und Gesang).


Vergrößerung in neuem Fenster

Auch Platels Choreographien wirken wie Transformationen barocker Affektdarstellung von Passion, Schmerz und Geißelung. Die Tänzer gehen dabei in virtuosen Verrenkungen bis an die Schmerzgrenzen ihrer Expressivität. Einige Szenen wirken wie flüchtige Standbilder, große hochdramatische Enthüllungen eines Caravaggio, Giordano oder Delacroix, wo ein tödlich verwundeter mit letzter Kraft zur personifizierten Freiheit aufblickt, andere präsentieren die stilisierte Wirklichkeitserfahrung eines Alberto Giacometti oder zeigen solistische Figuren des Break bzw. Modern Dance. Am Ende ist man sprachlos von dem zweistündigen, ununterbrochenen Marathon der Gefühle, der intimen Momente körperlicher Öffnung und Entleerung wie die Männer auf dem alten Foto, „die auf beiden Seiten eines Weges sitzen und kacken“.


FAZIT

„Der Mensch leidet mehr als dass er genießt“. (Alain Platel)




Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Konzept, Regie
Alain Platel

Musik
Fabrizio Cassol

Bühne
Peter De Blieck

Kostüme
Claudine Grinwis Plaat Stultjes

Licht
Carlo Bourguignon

Ton
Caroline Wagner
Michel Andina

Dramaturgie
Hildegard De Vuyst

Musikdramaturgie
Kaat de Windt


Ensemble Aka Moon

Les Ballets C. de la B.


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Sopran
Claron Mc Fadden* /
Laura Claycomb /
Melissa Givens

Mezzosopran / Alt
Christina Zavalloni* /
Maribeth Diggle /
Monica Brett-Crowther

Countertenor
Serge Kakudji

Sänger / Flöte
Magic Malik

Tänzer
Magic Malik Quan Bui Ngoc
Louis-Clément Da Costa
Mathieu Desseigne Ravel
Lisi Estaràs
Emile Josse
Juliana Neves
Hyo Seung Ye
Romeu Runa
Elie Tass
Rosalba Torres Guerrero




Homepage
der Ruhrtriennale


weitere Berichte von der
Ruhrtriennale 2008


weitere Berichte von der
Ruhrtriennale 2005 - 2007
(Intendant: Jürgen Flimm)


Berichte von der
Ruhrtriennale 2002 - 2004
(Intendant: Gerald Mortier)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Festspiel-Indexseite E-mail Impressum

© 2008 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -