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LA PORNOGRAPHIE DES ÂMES
(Die Pornografie der Seelen)
Dave St-Pierre, Montreal

tanzhaus nrw, Düsseldorf
20. November 2008


INTERNATIONALES TANZFESTIVAL
NRW 2008

(Homepage)
Nackt bis auf die Seele

Von Tanja Römmer-Collmann
Fotos: Internationales Tanzfestival NRW 2008, Tanztheater 3 Wochen mit Pina Bausch

Der Einzelne vereinsamt inmitten der Masse. Kommunikation findet nur noch über den Anrufbeantworter statt. Das ist ein Leitmotiv der Tanzproduktion Die Pornografie der Seelen (La Pornographie des Âmes) von Dave St-Pierre, dem Choreografen, der in seiner Heimat Kanada als der "junge Wilde" gilt. Am Donnerstag, 20. November, gastierten die Kanadier mit dem Tanz- und Theaterstück im Tanzhaus NRW in Düsseldorf - eine Veranstaltung im Rahmen des Internationalen Tanzfestivals NRW 2008.

Vor der Aufführung ist die Spannung im Publikum spürbar: Vollkommen nackte Tänzerinnen und Tänzer sind angekündigt. Wie wird das sein? Ja und dann..... ist das viel weniger spektakulär als vermutet, gänzlich unaufgeregt. Sieben Männer und zehn Frauen joggen auf der Bühne. Sie tragen Cargohosen und Tanktops, Joggingkleidung, Sweater. Nicht im Pulk joggen die jungen Leute zwischen 20 und 30 Jahren, sondern jeder für sich. Von links nach rechts laufen sie, Wende und wieder zurück - hin und her, hin und her. Das einzige Geräusch sind die nackten Füße, die über den Boden tapsen, schlappen, schlagen und hüpfen. Langsam geht der Atem schneller, lauter. Der ein oder andere tritt kurz seitlich aus, streift sich das T-Shirt ab. Die erste Hose fällt. Das Tempo zieht an. Die Läufer keuchen, sie schwitzen jetzt. Nach und nach entledigen sie sich auch der Unterwäsche. Wer war zuerst nackt? Keiner kann es sagen. Die Nacktheit erscheint als völlig natürliche Folge der körperlichen Anstrengung durch das Laufen. Sensationell ist anders.


Vergrößerung in neuem Fenster Wimmernd und weinend windet sich eine Tänzerin in ihrem eigenen (Kunst-)Blut - Gewalt und Einsamkeit sind die großen Themen in Pornografie der Seelen
© Eugnie-Beaudry

Nachdem die Kanadier die Nacktheit dermaßen unprovokant eingeführt haben, können sie nun vor den Zuschauern damit arbeiten. Bewegungslos stehen die Nackten da und ziehen die Blicke konzentriert auf sich. Ein kaum merkliches Frösteln lässt die Körper erzittern. Musik der Isländerin Björk weht wie Kälte über die Bühne. Das große Frieren setzt ein. Die Tänzer zittern, bibbern, krampfen vor Frost. Was als unmerkliches Frösteln begann, endet im epileptische Züge annehmenden vielfachen Kältetod. Pornografie der Seelen: Die zuckenden, in ihrer Nacktheit völlig schutzlosen Körper scheinen eins zu eins die dazugehörigen Seelen abzubilden. Näher kann man der Darstellung der Seele auf der Bühne wohl kaum kommen.

Nicht immer geht es so existenziell zu. Die Tänzer nutzen die Nacktheit auch zum leichten, humorigen Spiel mit dem Körper. So führt einer der Tänzer im Scheinwerferlicht Muskel für Muskel seine Gesäßbacken vor, entwickelt ein eigenständiges Ballett allein mit diesem Körperteil. Mut beweist eine fettleibige Tänzerin, die zu Tschaikowskys Schwanensee das Publikum mit einem wohl selbstironischen, aber doch so anmutigen Tanz überrascht, wie ihn wohl die wenigsten ihr zugetraut hätten. Allerdings wirkt die Anwesenheit der einzig korpulenten Tänzerin bei den ansonsten durchweg sportlich wohlgeformten Körpern ein wenig aufgesetzt.

Immer wieder kehren die Tänzer zu dem Motiv der Einsamkeit inmitten der Masse zurück: Rückenschwimmer ziehen ihre Bahnen, einer ertrinkt unbemerkt von den anderen - in dieser Szene sind übrigens alle angezogen. Das World Trade Center stürzt ein, Paare werden auseinandergerissen und der jeweils Hinterbliebene trauert, obwohl von anderen Trauernden umgeben, doch mutterseelenallein um den Toten. In einer Disko tanzen die - bekleideten Besucher - jeder für sich, während eine Nackte - vielleicht eine Animiertänzerin - mit Hilfe von überdimensionierten Wunderkerzen buchstäblich vor den Augen aller abbrennt. Einer der Begleittexte bringt es auf den Punkt: "Ich habe Angst, anders zu sein, und ich habe Angst, genauso zu sein. ... Am meisten Angst aber habe ich, nicht geliebt zu werden." ("I am afraid to be different and I am afraid to be the same. .... But most of all I am afraid not to be loved.")

An der Grenze zur Erträglichkeit bewegen sich Szenen, in denen die Tänzer physische Gewalt thematisieren. Eine nackte, mit Blut besudelte Frau windet sich in Schmerzen, minutenlang wimmert und weint sie. Hinter der Bühne findet eine Vergewaltigung statt, deren beklommene Zuhörer die Zuschauer im völlig abgedunkelten Saal werden. Die Truppe fängt diese extremen Irritationen durch unvermittelt einsetzende, spielerische und humorvolle Szenen ab.

Musik von der Klassik bis zu zeitgenössischem Rock und Pop, französische und englische Texte, Videoprojektionen und das lockere Auftreten der Truppe vor der Aufführung - sie verteilen Süßigkeiten im Publikum - sowie ihre ungezwungene Präsenz in der Pause tragen zur Kurzweiligkeit des Abends bei.

Bleibend ist wohl weniger der Eindruck großer tänzerischer Ästhetik als vielmehr die immer wiederkehrende Kraftanstrengung, mit der die Tänzer aus der Bewegungslosigkeit ihren gesamten Körper in zitternde Anspannung bringen und dabei die Bandbreite menschlichen Muskelspiels eindrucksvoll vorführen.

Der abschließende Text von Yves Reynaud über das zwiespältige Verhältnis zwischen Schauspielern und Publikum - erstere sich nach Applaus sehnend, letzteres auf der Suche nach Befriedigung seines Voyeurismus - entlässt die Zuschauer mit einem leicht schalen Beigeschmack, der so gar nicht zum Rest des Abends passt.




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La Pornographie des Âmes


Choreografie
Dave St-Pierre

Regie-Assistenz
Benoît Bisaillon

Technik und Lichtdesign
Alexandre Pilon-Guay

Generalmanagement
George Skalkogiannis



Uraufführung des
Stückes: 2004


Texte:
Rodrigo Garcia,
Yves Reynaud,
Juan Pedro Guetierrez,
Abdulah Sidran,
Cyril Collard,
Julie Carrier,
Dave St-Pierrre


Musik:
Jeanne Moreau,
Björk, Arvo Pärt,
Tschaikowsky,
Bach, Verdi, Chopin,
Cold Play, Rob Zombie,
Nina Simone,
Goran Bregovic,
Olivia Newton-John,
Demon, Mosque Blue,
Maria Callas,
Arianne Moffat,
Josh Wink


Darsteller:
u.a. Erik Robidoux,
Enrica Boucher,
Eugenie Beaudry,
Geneviève Bélanger




Eine Koproduktion von:
Conseil des Arts du
Canada, Conseil des Arts
et des Lettres du Québec,
L'Agora de la danse,
Tangente, Ministère de
la Culture et des
Communications du Québec
und Ministère des
Relations Internationales






Da capo al Fine

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