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Musikfestspiele
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musica viva festival
in München

vom 25.1. bis 15.2.2008
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Kunst und Experiment

Von Maria Kostakeva / Fotos: Astrid Ackermann

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So lautete das Motto des diesjährigen Festivals "Musica nova", das vom 25. Januar bis zum 15. Februar zum zehnten Mal unter der künstlerischen Leitung von Udo Zimmermann in München stattgefunden hat. Aus den gleichnamigen Konzertreihen, die vor 62 Jahren von Karl Amadeus Hartmann gegründet wurden, hat sich über drei Wochenenden erstreckendes internationales Forum entwickelt mit der Mitwirkung des Bayerischen Rundfunks, der auch die Konzerte übertragen hat. Im bunten, kontrastreichen Programm trafen sich ganz neue, experimentelle wie auch schon im Repertoire etablierte Werke von Komponisten verschiedener Stilrichtungen, Generationen und Nationalitäten.

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Adriana Hölszky
und Rüdiger Bohn

Außer dem Stammorchester des BR, das nicht nur als gesamter Klangkörper, sondern auch mit einzelne Solisten in verschiedenen Kammerkonzerten vertreten war, haben auch die Orchester des WDR, SWR und SR teilgenommen. Das breite Festivalpublikum konnte 11 Uraufführungen und mehrere deutsche Erstaufführungen in diversen Sälen und Konzertorten erleben. Bei meisten Konzerten waren die Karten längst ausverkauft und die Interessenten so zahlreich, dass die Organisatoren gezwungen waren, die Zuhörer schon am Eingang der Konzerte zu "bestempeln", so dass keiner mehr unerwartet zu den abgezählten Plätzen Zugang bekommen konnte. Manche Konzerte (wie das Kammerkonzert mit den Werken von Liza Kim, Kaja Saariaho, Bojidar Spassov, Rebecca Saunders und Gerhard Stäbler in der Villa Stuck am 10. Februar) mussten sogarzwei mal hintereinander wiederholt werden.

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Solch ein Konzert hat am 8. Februar unter dem Motto "Musik und Szene" in der Münchener Muffathalle mit zwei Uraufführungen stattgefunden. Die Bühnengestaltung der klanglichen Vorgänge ist eine weit verbreitete Tendenz in der Neuen Musik, die auch ihre Räumlichkeit produziert. So wurde die als Auftrag der Musica viva entstandene Komposition Countdown ("Szenisches Konzertstück") von der in Rumänien geborenen und schon längst etablierten Komponistin Adriana Hölszky auch auf das Theatralische bezogen. Ein Countertenor, acht Alphörner, vier Trompeten, vier Posaunen, vier Konzertflügel und acht Schlagzeuger mit jeweils bis zu 40 Percussion-Instrumenten wurden im auskomponierten Raumklangkonzept exponiert. Diese außergewöhnliche Besetzung sollte die Odyssee eines Obdachlosen durch die Obdachlosenwohnheime Österreichs klanglich gestalten. Als Grundlage dieses Vorhabens diente authentisches Material aus dem Tagebuch eines Obdachlosen mit dem Pseudonym Ver du Bois (Holzwurm), den die Autorin zufällig auf der Strasse getroffen hat.

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Daniel Gloger

Damit wird eine dunklere Seite des schönen, wohlhabenden Alpenlands beleuchtet, die von den Touristenklischees weit entfernt ist. Die acht Alphörner, die das idyllische Alpenleben symbolisieren, klingen durch die ungewöhnlichen Techniken (es wird darauf gekratzt, hineingesprochen oder -geatmet) total verfremdet. Dasselbe gilt für das ganze Instrumentarium, vor allem aber für den in der Saalmitte auf einem stark beleuchteten Podest agierenden Countertenor (den einmalige Daniel Gloger): Er stellt das psychische Leben eines Alkoholikers dar, der völlig isoliert und ausgeschlossen von der Außenwelt ist. Das phänomenale Spektrum von Stimm-, Mund-, Fuß- und Körperaktionen - wie immer bei den Vokalkompositionen Hölszkys - verkörpert den Mikrokosmos der Innenwelt. Auch der Text, der teilweise dekonstruiert ist, wird zur Landschaft innerlicher Aktionen. Um den Sänger im Kreis - aus dem Dunkeln heraus die Geschehnisse beobachtend - ist das Publikum in der Rolle eines Voyageurs postiert. Einen weiteren Kreis schließen die ein Quadrat bildenden vier Posaunen und vier Alphörner und am Rande des Saals wirken die acht Schlagzeuger, vier Trompete und vier weitere Alphörner. Ganz hinten, in den äußeren vier Ecken des Saals erklingen die vier Konzertflügel. Es gibt keine Kommunikation zwischen dem Countertenor, Publikum und den ihn umgebenden Instrumenten. Den einzigen Kontakt hat der Protagonist zum Dirigenten (Rüdiger Bohn), der den äußerst komplizierten, mehrdimensionalen Wanderklang steuert. "Countdown" heißt herunterzählen. Es ist eine stille Katastrophe: Die Weltteituhr ist abgeschafft. Nachher folgt die Weltleere.

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Im Gegensatz zu den philosophischen und sozialkritischen Anregungen bei dem ersten Stück, erweist sich die zweite Komposition Boxgesang, Zwölf Runden für einen Boxer, präparierte Sandsäcke, Sprechern und Instrumentalensemble von Michael Lentz und Uli Winters - wie schon vom Titel zu erwarten ist - als pures Unterhaltungsstück. Die professionelle Orientierung der beiden jungen Autoren ist nicht so leicht zu verdeutlichen. Der erste definiert sich als Lautpoet, der zweite als Objektkünstler und Performance Autor. Eigentlich ist der Protagonist weder Komponist noch Dichter, sondern ein professioneller Boxer, der die Konzertbühne als eine Boxarena für sein Training verwendet. Das, was vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte des Boxsport (pardon, der Musik) zu erleben war, war sein klingender Boxsack: durch die Verkabelung seiner Boxhandschuhe mit den hinter der Bühne postierten Instrumenten (Piccoloflöte, Bassklarinette, E-Gitarre und Schlagzeiginstrumente im Stil Heavy Metall) bekam jeder Schlag eine verschiedenartige akustische Prägung. Die beiden Autoren in der Rolle der Boxtrainer rannten um die Arena, gaben dem Boxer hektische Hinweise oder sprachen das Publikum an. Es gab auch einen dritten Performance Schauspieler, der mit einer atemberaubenden Körpersprache die Zeit der Performance artikulierte. Die musikalische Substanz war mehr als dünn, aber das Publikum zeigte sich zufrieden: Der Boxer war schließlich echt und seine klingenden Übungen haben ihm sicherlich Spaß gemacht. Kunst oder Experiment?




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Rezensierte Veranstaltung

Freitag, 8. Februar
20 Uhr, Muffathalle

"Musik und Szene"

Adriana Hölszky "Countdown"
Szenisches Konzertstück für
Countertenor, acht Alphörner,
vier Trompeten, vier Posaunen,
vier Konzerflügel und
acht Schlagzeuger
nach Texten von Ver du Bois (UA)

Michael Lentz/Uli Winters
"Boxgesang"
Zwölf Runden für einen Boxer,
präparierte Sandsäcke,
zwei Sprecher und
Instrumentalensemble (UA)

Countertenor: Daniel Gloger
Boxer: Tim Kerger
Sprecher: Michael Lentz, Uli Winters u.a.



Weitere Informationen

musica viva festival
www.musica.portal-le.de/



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