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Musikfestspiele
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Proserpina
Oper in einem Akt
von Joseph Martin Kraus
Text von Johan Henrik Kellgren
nach einer Skizze von Gustav III. von Schweden

Deutsch von Johannes Wiegand

Dauer der Vorstellung: ca 2 1/2 Stunden (eine Pause)

Premiere am 28. April 2006 im Rokokotheater zu Schwetzingen
Koproduktion der Schwetzinger Festspiele
mit dem Staatstheater Mainz
und den Wuppertaler Bühnen

Besuchte Vorstellung: 3. Mai 2006

Die Produktion wird von den Stadttheatern Mainz
und Wuppertal übernommen.


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Schwetzinger Festspiele
(Homepage)
Eine Entführung, die glimpflich ausgeht

Von Christoph Wurzel Fotos von Monika Rittershaus

So viel Glück hätte sich Mozart nur im Traum vorstellen können: kurzerhand den Auftrag für eine Oper zu erhalten und nach der ersten musikalischen Präsentation vor dem herrscherlichen Auftraggeber in einem Brief an die Eltern schreiben zu können: "Sogleich nach geendigter Musik unterhielt sich der König über eine Viertelstunde mit mir, machte mir erst ein recht artiges Kompliment, frug mich nach dem und jenem und maß mich mit seinen großen Augen von Kopf bis Fuß, und ich nach meiner alten löblichen Weise nahm mir die Freiheit, den großen Monarchen durch zu gaffen, und das hat ihm just wohlgefallen." Auch die Musik hat dem König gefallen und kurzerhand wurde der Briefschreiber mit dem Titel Kapellmeister und einem Salär von 300 Dukaten jährlich engagiert. Der Auftrag: außer Kompositionen zu liefern soll er sich dem Aufbau der Hofoper widmen und zu diesem Zweck zuerst einmal die europäischen Metropolen besuchen, die namhaftesten Komponisten der Zeit treffen und den dortigen Opernbetrieb kennen lernen.

Joseph Martin Kraus hatte dieses Glück und die Oper, die er als Examensgabe für seine Lebensstellung ablieferte und welche 1781 und privatissimum im Kreise der königlichen Familie eine halbszenische Aufführung erlebte, hieß in der schwedischen Originalsprache "Proserpin". Der König, der sich hier so mäzenatisch zeigte, war Gustav III. und hatte den Plot, eine Variante des mythologischen Stoffs von der Entführung der Proserpina höchstselbst entworfen. Später ist er sogar selbst zur Opernfigur geworden, in Verdis Maskenball fällt er einer privaten Intrige zum Opfer. Seine Bedeutung als Begründer der schwedischen Operntradition und andererseits seine Konflikte mit dem schwedischen Adel, die 1792 zu seiner Ermordung - also aus politischen Gründen - führten, sind eine eigene Geschichte. Dieses Attentat geschah tatsächlich auf einem Maskenball, wobei Kraus sogar Augenzeuge gewesen sein soll

Vergrößerung Halb zieht er sie, halb sinkt sie hin:
Entführung in die Unterwelt.

Höllenhunde:
Chor - links: Pluto (Nikolay Borchev) - liegend: Proserpina (Alexandra Coku)

Wesentlich für die musikalische Entwicklung von Joseph Martin Kraus dürfte gewesen sein, dass die hohe Wertschätzung der Opern Christoph Willibald Glucks in Stockholm zu jener Zeit den jungen Komponisten stark beeinflusst haben dürfte. Und eng am Vorbild Glucks orientiert ist hörbar auch die Musik zu Proserpina. Besonders zu spüren ist dies in der Gestaltung der Entführungsszene, die musikalische Ähnlichkeiten zur Furienszene in Glucks "Orfeo" aufweist. Bei Kraus steht zuerst eine kurze Idylle, in der Porserpina die Schönheit der Natur preist. Dann folgt eine dramatisch bewegte Entführungsmusik, in der der Chor der Höllengeister in absteigenden Linien den um Proserpina werbenden Pluto unterstützt. Es folgt ein düsterer Moll-Klagechor der Nymphen, der eindrucksvoll eine Trauerstimmung vor allem durch die Orchesterfärbung erzeugt.

So nahe Kraus auch der Gluckschen Diktion zu stehen scheint, so ist er doch auch unverkennbar am Mannheimer Stil geschult. In Mannheim hatte er noch als Gymnasiast erste musikalische Erfahrungen gesammelt. Hier schlägt musikalischer Sturm und Drang durch, mit jähen Wechseln in Dynamik und Agogik scheint er den Mannheimer Stil noch übertreffen zu wollen. Formal zeigt sich Kraus recht unorthodox, er war ein erklärter Gegner der Da-capo-Arie, seine Arien sind deutlich vom emotionalen Gehalt des Textes und der dramatischen Situation bestimmt. So kommt Kraus einer musikdramatischen Wahrhaftigkeit schon sehr nahe, wenn er für den Schäfer Atis, der Proserpina liebt, aber erkennen muss, dass sie nun mit Pluto in die Unterwelt verschwunden ist, eine lange Szene auskomponiert, in der dieser sich vor Verzweiflung in den Ätna stürzen will.

Verwandt mit Glucks "Orfeo" ist auch der Stoff der Handlung: Es ist die berühmte Geschichte um die Nymphe Proserpina, Tochter der Ceres und des Jupiter, die von Pluto in sein Schattenreich entführt wird und dort dann auch in "Liebesglück" , wie wir erfahren, mit ihm lebt. Angereichert ist dieser mythologische Kern mit einer Eifersuchtsgeschichte: eine andere Nymphe, Cyane, hat nämlich Pluto verraten, wo er Proserpina am besten erwischen kann, um ihren untreuen Geliebten Atis wiederzukommen, der nämlich nun Proserpina liebt. Auch Ceres alias Demeter spielt eine Rolle: sie beklagt den Verlust der Tochter so sehr, dass sich Jupiter erweicht, ein salomonisches Urteil zu sprechen, wonach Proserpina nämlich ein halbes Jahr in der Unterwelt verbringen soll und ein halbes Jahr auf der Erde leben darf. Immer wenn sie dann wiederkehrt, beginnt dort der Frühling zu erblühen.

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Der Deal der Götter:
Jupiter (weiß: Thomas Laske) und Pluto (schwarz: Nikolay Borchev)
vereinbaren gemeinsames Sorgerecht.

Auf die Bühne gelangte diese Oper erst 199 Jahre nach ihrer Entstehung 1980 im Schlosstheater in Drottnigholm. Nun hat "Proserpina" im Schwetzinger Rokokotheater anlässlich der diesjährigen Festspiele zu ersten Mal deutschen Boden betreten. Die Inszenierung besorgte Georges Delnon, noch Intendant in Mainz und ab der nächsten Spielzeit in gleicher Funktion in Basel. Auch für die Opernproduktionen in Schwetzingen wird er ab 2008 verantwortlich sein.

Vom Gegensatz von Schwarz und Weiß hat er sich leiten lassen für eine ansonsten unspektakuläre, bisweilen uninspirierte Inszenierung, in der zu viel stilisiert und zu wenig agiert wird. Allerdings macht das Libretto des schwedischen Hofdichters Kellgren es einem Regisseur auch nicht gerade leicht, denn die Handlung ist kaum dramaturgisch stringent angelegt, sondern besteht - hier noch ganz barock - eher aus Tableaus, Szenen ohne Entwicklung. Ein etwas weniger abstraktes Bühnenbild (die trichterförmigen Wandelemente verändern sich zu geschlossenen Räumen oder öffnen Gassen zur Seite hin) hätte dem ziemlich leblosen Spiel sicher mehr Atmosphäre verliehen. Einzig in der Entführungsszene kommt eine Spannung zustande, die man in den meisten Szenen vermisst. Dafür hat sich der Regisseur ein paar Gags erlaubt, die aber kaum beeindrucken können. So lässt er Jupiter am Schluss als Deus es machina mit einem Hubschrauber einfliegen, den man aber zum Glück nur brummen hört. Zu Gesicht bekommt man dagegen Ceres` verzweifelten Appell an die Mitwelt, ihr ihre Tochter zurückzugeben, den sie per TV-Botschaft verkündet.

Vergrößerung Medienspektakel:
Pressekonferenz der Göttin Ceres zur Entführung ihrer Tochter.
Buchsbäumchen: Chor / TV: Ceres (Johanna Stojkovic)

In den letzten Szenen kommt immerhin noch etwas Ironie ins Spiel, wenn sich die Götter wie alte Kumpels begrüßen. Und schöne Licht- und Schattenwirkungen gibt es. Die Kostüme sind dagegen eher geschmäcklerisch und etwas gewollt bedeutungsvoll. Die Nymphen tragen nach Art der Londoner Palastwache hohe Hauben aus Buchsbaumzweigen, wohl eine Anspielung an den barocken Schlossgarten um das Schwetzinger Schloss herum.

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Rokoko-Lichtspiele:
Ceres beklagt den Verlust ihrer Tochter (Johanna Stojkovic)

Die musikalische Realisierung hatte Christoph Spering übernommen und das von ihm gegründete und geleitete Neue Orchester mitgebracht, ein Originalklangensemble mit breitem Repertoire. Gut durchgearbeitet wurde die Partitur präsentiert, das differenzierte Klangbild war transparent zu hören, der Ton durchweg schlank und schön. Dabei schlug Spering mit seinem Orchester insgesamt aber eher moderate Töne an. Anders als durch Concerto Köln in den 2 begleitenden Konzerten mit Kraus-Sinfonien wurde weniger der stürmerisch-drängende Kraus betont als der Gluckianer. Schön kam dadurch jedoch der auch empfindsame Charakter in Kraus´ Musik zum Tragen. Der Chor hatte nicht immer die wünschenswerte Präzision, vor allem war der Text undeutlich artikuliert und schlecht verständlich.

Die Solisten konnten zumeist überzeugen. Die Frauenrollen schnitten dabei insgesamt gut ab: Eine lyrisch sanfte Proserpina sang Alexandra Coku mit jugendlicher Stimme. Als Ceres bewies Johanna Stojkovic Koloratursicherheit und Silvia Weiss sang die Partie der Cyane mit viel Gefühl. Die beiden Götter Pluto (Bass) und Jupiter (Tenor) waren gut besetzt mit Nikolay Borchev und Thomas Laske. Johannes Chum sang die Rolle des Atis mit etwas zu leichter Stimme und blieb im Ausdruck hinter den Möglichkeiten der Musik zurück. Als Mercurius hatte Thomas Jakobs nur ein paar Textzeilen, um grundsolide den Ratschluss des Olymp zu verkünden.


FAZIT

Wenn man bedenkt, dass auch namhafte Opernführer den Namen Joseph Martin Kraus nicht einmal erwähnen, dann ist hier von einer Entdeckung von Neuland im Bereich der Oper zu sprechen. Bald wird auch die zweite Oper von Kraus aus der Versenkung geholt. In Stuttgart soll Anfang Juli sein "Aeneas in Karthago" sogar uraufgeführt werden. Wagnersches Format soll diese Oper haben: 6 Akte mit 5 Stunden Dauer. Man darf sehr gespannt sein.

Die Schwetzinger Festspiele 2006


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christoph Spering

Inszenierung
Georges Delnon

Bühnenbild
Georges Delnon
Marie-Thérèse Jossen

Kostüme
Marie-Thérèse Jossen

Licht
Stefan Bauer

Video
Christoph Schödel

Dramaturgie
Klaus-Peter Kehr



Chorus Musicus Köln

Das Neue Orchester


Solisten

Proserpina, Tochter des Jupiter und der Ceres
Alexandra Coku

Ceres, Göttin der Fruchtbarkeit
Johanna Stojkovic

Cyane, eine Nymphe
Silvia Weiss

Atis, Cyanes Verlobter
Johannes Chum

Pluto, Gott der Unterwelt
Nikolay Borchev

Jupiter, Gott des Himmels
Thomas Laske

Mercurius, Götterbote
Thomas Jakobs




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