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Die Soldaten

Oper in vier Akten von Bernd Alois Zimmermann
Libretto vom Komponisten
nach dem gleichnamigen Schauspiel von Jakob Michael Reinhold Lenz


Aufführungsdauer: ca. 2h 20' (eine Pause)

Premiere in der Jahrhunderthalle Bochum am 5. Oktober 2006
(rezensierte Aufführung: 7. Oktober 2006)

Logo: RUHRtriennale 2006

Die überzeitliche Katastrophe der Menschheit

von Stefan Schmöe / Fotos von Clärchen und Matthias Baus

Zeit: gestern, heute und morgen“ hat Bernd Alois Zimmermann lapidar am Beginn des Librettos angegeben. Der historische Kontext ist unwesentlich; die Gewalt, der alle Personen unentrinnbar ausgesetzt sind, ist nicht an irgendeine konkret datierbare Situation gebunden. An dem 1775 von Jakob Lenz verfassten gleichnamigen Drama, das Zimmermann zum Libretto seiner Oper zusammenzog, faszinierte ihn das Überzeitliche: „Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit werden vertauschbar“. Der in diesem Zusammenhang von Zimmermann eingeführte Begriff „Kugelgestalt der Zeit“ ist viel zitiert worden, aber in seiner Unbestimmtheit nicht unbedingt hilfreich. David Pountneys Inszenierung für die Bochumer Jahrhunderthalle verwendet als Grundmodell einen linearen Zeitstrahl, einen gigantischen Laufsteg, auf dessen beiden Seiten (und auch auf einer Tribüne darüber) das Publikum sitzt – und vermittels einer aufwendigen Mechanik hin- und her bewegt wird. So wird sinnbildlich ein Vorwärts und Rückwärts in Ort und Zeit „erfahrbar“ im doppelten Wortsinn.


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Vater-Tochter-Konflikt: Wesener (Frode Olson) und Marie (Claudia Barainsky)

Was sich im Vorfeld wie nach einem spektakulären event anhörte, entfaltet in der Aufführung frappierende Wirkung. Wenn der gesamte Publikumsblock die Halle entlang gefahren wird, gehen räumliche und zeitliche Fixpunkte verloren. Der Effekt ist ähnlich wie in einem Bahnhof, wenn nicht auszumachen ist, ob sich der eigene Zug oder der am Nachbargleis bewegt. Auf dem Bühnensteg selbst sind durch unterschiedliche Bodenbeläge verschiedene „Räume“ angedeutet, sodass in der Bewegung tatsächlich eine unmittelbare Gleichzeitigkeit mehrerer Szenen direkt vor dem Auge des Zuschauers (die ersten Reihen sind gerade einmal einen Meter von der Bühne entfernt) entsteht – damit ist die für ein Theater denkbar ungewöhnliche Architektur der historischen Fabrikhalle sinnstiftend ausgenutzt, zumal der Bühnensteg im Gusseisen-Design die Eisenkonstruktion des Raumes aufgreift.


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Auf dem Laufsteg durch die Geschichte: Die Soldaten

Kostüme und Requisiten stammen aus verschiedenen Epochen zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert, ohne sich immer eindeutig zuordnen zu lassen, was ebenfalls die Überzeitlichkeit des Stückes unterstreicht. Mit sehr genauer Personenregie verliert Pountney dabei nicht die Geschichte aus den Augen, die es zu erzählen gilt: Vom Bürgermädchen Marie, das sich in der Liaison mit einem adeligen Soldaten den sozialen Aufstieg verspricht, aber von einem zum nächsten weitergereicht und letztendlich von der Gesellschaft ausgestoßen wird. Getragen wird die Inszenierung daher wesentlich auch durch die exzellenten schauspielerischen Leistungen des Ensembles (die gesanglichen stehen, dazu unten mehr, diesen nicht nach), allen voran Claudia Barainsky als Marie. Deren Wandlung vom verspielten und leicht verführbaren Kind zur verzweifelten Frau wird mit einer Wucht gezeigt, die einem den Atem verschlägt und ein Maß an Glaubwürdigkeit erhält, das einen um die Unversehrtheit der Sängerschauspielerin, die sich auch mit hohem körperlichen Einsatz in die Rolle stürzt, fürchten lässt.


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Szenenbild

Bei aller Dramatik, und das ist ein weiterer Kunstgriff der Inszenierung, behält die Personenregie ein choreographisches Moment, das vor einem überdeutlichen Realismus bewahrt. So werden in den sehr streng arrangierten Soldaten-Szenen oft Bilder „eingefroren“. Grandios gelöst ist die Simultanszene des vierten Akts, die Schlüsselszene der Oper, in der das Geschehen endgültig kippt und sich in einem gewaltigen Zeitraffer Maries Absturz vollzieht. Pountney lässt Marie, durch zwei Doubles noch verfielfacht, gegen die Bewegungsrichtung der Soldaten anlaufen, und aus einem fast tänzerischen Bewegungsablauf formt sich mehr und mehr die Aggression bis hin zur brutalen Vergewaltigung. Die Szene entwickelt eine schier unglaubliche Sogwirkung, auch weil kein Punkt, an dem die Katastrophe (die sich zur apokalyptischen Vision der Menschheit weitet) zu stoppen wäre, auszumachen wäre.


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Alle Männer sind Schweine: Auftakt zur Simultanszene, in der sich Maries Absturz vollziehen wird

Klangbeispiel Klangbeispiel: 1. Akt, 3.Szene: "Meine göttliche Mademoiselle" - Peter Hoare (Desportes) und Claudia Barainsky (Marie)
(MP3-Datei)


Klangbeispiel Klangbeispiel: 4. Akt. 2. Szene: Stolzius vergiftet Desportes - Robert Bork (Hauptmann Mary), Peter Hoare (Desportes), Claudio Otelli (Stolzius)
(MP3-Datei)


Trotz der immensen szenischen Anforderungen singt Claudia Barainsky die mörderische Partie der Marie, ein hochdramatischer Koloratursopran, scheinbar unangestrengt und mühelos, virtuos beweglich und lyrisch in den vertrackten Koloraturen und doch mit dem notwendigen dramatischen Zugriff. Sie hat die Rolle auch schon in Amsterdam gestaltet (unsere Rezension), die Interpretation wirkt aber im Vergleich zu der (schon dort imponierenden) Leistung jetzt um einiges geschärfter – da mag auch die pointierte Regie Pountneys zu beigetragen haben. Katharine Peetz verleiht Maries unterwürfiger (aber im Sinne des Standesdenkens „vernünftiger“) Schwester Charlotte mit klangschönem und tragfähigem Mezzosopran auch musikalisch mehr Gewicht als in anderen Inszenierungen und wird zum Gegenpol. Frode Olson, stimmlich wie körperlich eine imposante Erscheinung, ist ein sonorer und würdevoller, dabei keineswegs naiver Vater Wesener. Beeindruckend auch die Riege von Maries Verehrern: Claudio Otelli mit klangvollem, durchsetzungsfähigem und deutlich konturiertem (aber nicht scharfem) hohem Bariton gibt einen zerrissenen Stolzius, zu sehr noch Muttersöhnchen, um ernsthaft mit den Soldaten um Maries Gunst konkurrieren zu können, aber von Beginn an mit der notwendigen Energie, die das tragische Ende (er wird sich selbst und seinen Rivalen Desportes umbringen) vorausahnen lassen. Peter Hoare als Desportes ist in seinen aberwitzigen Koloraturen ebenso souverän wie im jugendlich-dramatischen Impetus- ein unbekümmerter, auch gedankenloser Draufgänger. Damit sind nur die tragenden Rollen in einem durchweg exzellenten Ensemble genannt.


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Im Taumel der Katastrophe: Maries Vergewaltigung

Das riesige Orchester befindet sich hinter dem Publikum (ein Teil der umfangreichen Schlagzeugbatterie sitzt auf der anderen Seite, sodass Publikum und Bühne zwischen zwei Klangkörpern platziert sind). Akustisch ist die große Halle nicht unproblematisch, der Klang ist in den massigen Tutti-Ausbrüchen oft verwaschen. Durch die sehr stark unterschiedliche Distanz der Sänger zum Publikum – während der eine nur ein paar Meter entfernt steht, spielt sich mitunter eine Simultanszene rund 50 Meter entfernt am anderen Ende des Laufstegs ab – ist eine elektronische Verstärkung der Sänger unverzichtbar. Insgesamt gelingt den Tontechnikern die permanente Anpassung an die aktuelle Situation bewundernswert; ganz vermeiden lassen sich klangliche Brüche und ein „Weichzeichner-Effekt“ aber nicht. Hier und da könnten die ansonsten sehr guten Bochumer Symphoniker der Musik mehr Härte und noch prägnantere rhythmische Konturen verleihen, um dem etwas unbestimmten Raumklang entgegen zu wirken. Dirigent Steven Sloane ist ein jederzeit souveräner Leiter, der die Musik von den leisen Stellen her aufbaut und die verschiedenen Klangblöcke sensibel aufschichtet. Es entsteht eine sehr expressive Interpretation, die an die Tradition der klassischen Moderne, insbesondere den Wozzeck, anzuknüpfen scheint. Da erweisen sich die Soldaten einmal mehr als eines der ganz großen Werke in der Geschichte des Musiktheaters überhaupt.


FAZIT

Musikalisch wie szenisch eine Großtat von allererstem Festspielrang.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Steven Sloane

Regie
David Pountney

Bühne
Robert Innes Hopkins

Kostüme
Marie-Jeanne Lecca

Choreographie
Beate Vollack

Licht
Wolfgang Göbbel

Ton
Holger Schwark
Sandro Grizzo
Stefan Holtz



Bochumer Symphoniker

Eine Jazz-Combo
Martin Reuthner
Christoph Dömötör
Dietmar Fuhr
Ulrich Steier
Nicholas Bardach


Statisterie


Solisten

Wesener
Frode Olsen

Marie, Weseners Tochter
Claudia Barainsky

Charlotte, Tochter Weseners
Katharina Peetz

Weseners alte Mutter
Hanna Schwarz

Stolzius
Claudio Otelli

Stolzius' Mutter
Kathryn Harris

Obrist, Graf von Spannheim
Andreas Becker

Desportes
Peter Hoare

Pirzel
Robert Wörle

Eisenhardt
Jochen Schmeckenbecher

Haudy
Adrian Clarke

Mary
Robert Bork

Drei junge Offiziere
Michael Smallwood
Christopher Lemmings
Bernhard Berchtold

Gräfin de la Roche
Helen Field

Der junge Graf
Adrian Thompson

Andalusierin
Beate Vollack

Drei Fähnriche
Patrick Entat
Harald Wink
David Laera

Der Bediente der Gräfin
Ernst Dieter Suttheimer

Der betrunkene Offizier
Pablo Bottinelli

Drei Hauptleute
Arno Bovensmann
Kersten Hanke
Thomas Stenzel



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