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Bayreuther Barock 2006vom 15. September bis 24. SeptemberJahrhunderte alt und doch brandneu
Von Artie Heinrich
Kleine, spezialisierte Musik-Festspiele müssen, um ein eigenes Profil zu schärfen, mit Besonderheiten aufwarten. Das Festival "Bayreuther Barock" erreicht dies durch eine zunehmende Konzentration in der Stückauswahl auf selten gespielte Werke bzw. heute weitgehend unbekannte Komponisten. Dieser Weg ist gut und richtig: er verhindert auf der einen Seite, dass man sich mit der x-ten Inszenierung der Zauberflöte oder Julius Cäsars zwangsläufig mit großen Opernhäusern und prestigeträchtigen Festspielen vergleichen lassen muss und verschafft andererseits die Möglichkeit, mit einem Angebot ins Gespräch zu kommen, das in dieser Form niemand sonst bietet. In dieser Hinsicht kann das Bayreuther Barock 2006 als Musterbeispiel dienen. Bei Händels Opernpasticcio "Giove in Argo" kann man an einer Hand abzählen, wieviele Wiederaufführungen dieses Stück seit 1739 erfahren hat und mit Baldassare Galuppis "Le nozze di Dorina" kommt ein zu Unrecht vergessener Komponist wieder auf die Opernbühne, der als musikalisch-kompositorisches Bindeglied zwischen Barock und Klassik wirkte. Und auch wenn die Kompositionsdaten von 1739 (Händel) und 1755 (Galuppi) uns heute als aus der selben Zeit erscheinen mögen, könnten die Unterschiede in den Stücken auffälliger nicht sein. Sujet, Kompositionsgattung, Besetzung, Musik - nicht nur dem eingefleischten Alte-Musik-Fan scheinen die Eigenheiten auffällig in Aug und Ohr. Giove in ArgoHändels pastorales Opernspiel bietet in der Rahmenhandlung um Jupiters Schäferstündchen - und dies ist ganz wörtlich zu nehmen, da sich der Göttervater hier als Hirte verkleidet - alle Zutaten, die ein barockes Musikdrama so braucht: hohe Herrschaften, verkleidet als Schäfer in pastoraler Kulisse, was Grund genug bietet für allerlei Verwicklungen, Nicht- und Wiedererkennen, und daraus entstehend ein Kaleidoskop an Affekten, die wiederum eine musikalische Einkleidung in die Form der dacapo-Arie nach sich ziehen. So bietet sich den Sängern ein ums andere Mal die Gelegenheit, ihr (und Händels) Können ins rechte Licht zu rücken und am Ende gibt's ein lieto fine und alles lobsingt Jupiter und Amor.
Giove in Argo
Doch ganz so einfach ist's nicht, denn "Giove in Argo" enthält auch genug Eigenheiten, die so gar nicht in das Grundmodell Händelscher opere serie passen wollen. Da ist zum einen der Chor, reich bedacht mit Akteingängen und -schlüssen, der dieses Stück schon fast wie einen Zwitter zum Oratorium hin wirken lässt. Dann fällt die Besetzung der Solisten auf: bedingt durch die Zusammensetzung von Händels Operntruppe im Jahr 1739 gibt es keine Kastratenpartie - die Verteilung auf drei Frauen und drei Männer (darunter zwei Bässe) wirkt naturalistisch modern und dezidiert unhändelsch. Und schließlich geht dem liebes-tändelnden, fast operettenhaften Libretto all die große Dramatik der Historien- und mythologischen Opern ab, für die Händel so berühmt ist. Der Musik allerdings merkt man das nicht an und diese eigenwillige Konstellation macht "Giove in Argo" für das heutige Publikum sicher leichter zugänglich als so manches typische dramma per musica des barocken Meisters. Die Umsetzung für das diesjährige Bayreuther Barock machte aus der in Wissenschaftskreisen vergangener Tage oft als unkünstlerisch verschrieenen "Opern-Pastete" ein leicht verdauliches, hübsch anzusehendes Stück angenehmer Barock-Unterhaltung. Die Inszenierung blieb dem pastoralen Sujet mit allerlei Naturdarstellung in Bühnenbild und Kostümen genauso verpflichtet wie der barocken Herkunft - stimmig umgesetzt etwa in den Kostümen der Diana und ihrer Jägerinnen. Trotzdem blieb Raum für Brechungen und Anspielungen und nicht störend modernisierte Versatzstücke. In der Regie Igor Folwills wurden die nicht immer einfachen Personenkonstellationen klar herausgearbeitet - zumeist mit einem zwinkernden Auge, doch auch mit Raum für Drama und große Geste wo nötig und angemessen.
Giove in Argo
Das Concert Royal unter Thomas Gebhardt wirkte teilweise etwas unorganisiert und rhythmisch unsauber und bei Hinzutreten der beiden Barockhörner dominierten diese den Gesamtklang auf unangenehme Weise. Der Dirigent selbst nahm allen mittig sitzenden Zuschauern aufgrund seiner herausgehobenen Position die Sicht auf das Bühnengeschehen. Ein untragbarer Zustand, dem mit der Absenkung des Orchestergrabens oder einem Dirigat sitzend (etwa vom Cembalo aus) hätte abgeholfen werden können. Die Sänger boten eine solide, wenn auch unspektakuläre Leistung; lediglich von Harry van der Kamp hätte man sich mehr erwartet. Mit der voluminösesten Stimme im ganzen Ensemble geriet seine einzige Arie zu einer Zitterpartie mit Abweichungen von bis zu einem Vierteltakt zum Orchester. Im Solistenensemble zu "Viver' ,e non amar" konnte er dann zwar mit stimmlichem Wohlklang aufwarten, doch hinterließ er einen mehr als zwiespältigen Eindruck. Das Collegium Cantorum Köln interpretierte die Chorpartien angenehm homogen und ohne die Aufdringlichkeit so mancher Opernchöre, doch verschmolz sein Klang manchmal derart mit dem Orchester, dass ein Heraushören kaum mehr möglich war. Nichtsdestrotz ließ die gute Gesamtleistung des Ensembles den "Giove in Argo" zu einem netten Opernabend werden - und der lange Schlussapplaus zeigte deutlich, dass es dem Publikum durchaus gefallen hatte. Le nozze di DorinaFür die zweite Festspielproduktion des Bayreuther Barock 2006 gibt es indes nur eine treffende Beschreibung: überragend! Hier passte einfach alles zusammen und "Le nozze di Dorina" wurde zu einer Darbietung ohne Fehl und Tadel, zu einem Feuerwerk der guten Laune.
Le nozze di Dorina
Zwar birgt die Geschichte um die Heirat des Dienstmädchens Dorina, die von ihren Arbeitgebern Graf und Gräfin an einen jeweils anderen Auserwählten vergeben werden soll und am Ende schließlich beim lachenden Dritten, dem Gutsverwalter landet, noch weniger dramatische Substanz als die Eskapaden Jupiters. Doch eingebettet in die Form der opera buffa mit der tändelnden Musik der galanten Vorklassik gebar es an diesem Abend ein Stück(chen) zauberhafter Unterhaltung - easy listening und watching im positivsten Sinn. Und alles arbeitete als bestes Beispiel für die Konzeption eines Gesamtkunstwerks zusammen: die Inszenierung von Hinrich Horstkotte, die nur so sprühte vor witzigen Ideen und wohlüberlegten Einfällen, in der Zeitlosigkeit der einfach passenden Kostüme gepaart mit der Funktionalität des beeindruckenden Bühnenbilds von Christiane Reikow.
Le nozze di Dorina
Und schließlich der musikalische Nährboden, den die Kammerakademie Potsdam unter Leitung des Fagottisten Sergio Azzolini herbeizauberte. Hier klang alles leicht, mühe- und schwerelos - die Musik perlte wie selbstverständlich durch den Raum und strotzte doch zugleich vor überschäumender Musizierfreude und verbreitete allüberall "good vibrations". Die Sänger fühlten sich sichtlich wohl und spielten und sangen voll Herzenslust. Und nach allerlei Streiten und Gurren, Liebesfreud und Liebesleid, und viel viel musikalischem Genuss fanden dann auch hier diejenigen zueinander, die zusammen gehörten und das Happy-End war perfekt. Nur der Gärtner ging leer aus, was vielleicht erklärt, warum er Jahrhunderte später zum Mörder wird.
Will man nun die beiden Opernproduktionen miteinander vergleichen, was natürlich nicht primärer Zweck eines solchen Festivals ist, so kann man sagen: unterhaltsam waren beide, die reichere Musik gab es bei Händel, während Galuppi mehr komödiantischen Spaß bieten konnte. Ende gut - alles gut. Vorhang - bis zum nächsten Jahr. Ihre Meinung ?Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Homepage Bayreuther Barock Giove in Argo (Jupiter in Argos) (HWV A14) Opernpasticcio in drei Akten von Georg Friedrich Händel unter Verwendung von Arien Francesco Arajas Libretto anonym, nach Antonio Maria Lucchini (Dresden 1717) UA: 1. Mai 1739 im King's Theatre am Haymarket, London
Licaone
Diana
Iside
Arete
Calisto
Erasto
Conte di Belfiore
Contessa
Dorina
Masotto
Livietta
Titta
Mingone
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