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Musikfestspiele
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Eröffnungsfest

am 20.08.2005 auf dem Gelände der Jahrhunderthalle Bochum

Logo: RUHRtriennale 2005

Auf der Suche nach dem Glück

Text und Fotos von Stefan Schmöe

Foto

Roter Teppich für die Besucher der Ruhrtriennale: Eröffnungsfest an der Jahrhunderthalle

„Die romantische Idee“ hat Intendant Jürgen Flimm zum künstlerischen Programm der Ruhrtriennale erhoben. Die „Gleichzeitigkeit von romantischer Innerlichkeit und beginnendem Industriezeitalter“ ist aber nur auf den oberflächlichsten Blick eine museale Verklärung der imposanten, in den Augen des (aus blühenden deutschen Landschaften weit jenseits der Ruhr angereisten) Beobachters „romantischen“ Fabrikanlagen, in denen das Festival im Wesentlichen stattfindet. Sollte das Eröffnungsfest programmatisch für die gesamte Triennale sein, darf man auf Sinnsuche in die Gegenwart gehen – und die „romantische Idee“ gleichermaßen als Metapher für ganz heutige Sehnsüchte auffassen.


Vergrößerung in neuem Fenster Da hat man etwas Eigenes: Bei Hans im Ruhr kann das Jodeldiplom erworben werden.

Wird in Salzburg zur Eröffnung der dortigen Festspiele im feinen Zwirn Champagner und Lachs degustiert, so beginnt die Ruhrtriennale rund um die Bochumer Jahrhunderthalle als buntes Volksfest mit Pils und Currywurst. Flimms Programmfolge für sein erstes Triennale-Jahr dagegen kann erscheint erst einmal wenig volkstümlich. Titel, die man schon einmal gehört hat, sucht man weitgehend vergebens. Flimm setzt, dem Programmheft nach zu urteilen, auf neue Stücke und ungewöhnliche Formen: „Ein Singspiel“, „eine Operette“, „ein Melodram“, „ein Fußballoratorium“, „Szenische Installation“, „Kollektives Lesen“, „Oper mit Klavier“ oder ganz einfach „ein Abend“ sind die teilweise schon provokativ unverdächtigen Bezeichnungen der hier uraufgeführten Stücke. Dass Regisseurin Andrea Breth ihre Maria Stuart und Emilia Galotti aus dem Wiener Burgtheater mitgebracht hat, bildet die konventionelle Ausnahme im ansonsten ganz anders als anderswo konzipierten Programm – Flimm fasst das Ruhr-Festival offenbar noch deutlicher als sein Vorgänger Mortier als Gegensatz zu etablierten Festspielevents auf.

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Im Dienste der "Church of Stop Shopping" predigt Reverend Billy Konsumverzicht

Unkonventionell war auch das Programm des Eröffnungsfests. „Glücklich durch Radiowellen!“ versprach das Radioballett LIGNA und rüstete mehrere hundert Besucher mit Rundfunkempfängern aus, die anschließend damit in die Umgebung der Jahrhunderthalle geschickt wurden, um das Glück zwischen Kultur, Religion und Natur zu suchen. Dass man dabei wiederholt hüpfen, anderen Teilnehmern tief in die Augen schauen, sich auf den Boden legen (Unterlage wurde ausgeteilt), Pflanzen küssen, Blüten essen, summen und Glückspfennige (heißen die jetzt Glückscent?) ins Gelände werfen sollte, war immerhin für alle, die nicht am Ballett teilnahmen, amüsant. Zu den Kuriositäten zählt sicher auch der Auftritt von Reverend Billy and The Church of Stop Shopping. Der amerikanische Aktionskünstler, der in einer bewegungsreich durchchoreographierten Predigtshow Konsumverzicht propagiert, bildete einen hübschen Kontrast zum Weltjugendtag, dessen Teilnehmer zeitgleich im gar nicht so weit entfernten Köln zum Marienfeld pilgerten. Von der Performance her ist Billy dem Papst zweifellos überlegen, und mit einer guten Show kann man so ziemlich alles predigen, so die Erkenntnis angesichts der in eine amerikanisch geprägte Gegenwart transformierten Idee von romantischer Religiösität.


Vergrößerung in neuem Fenster Open-Air-Vorlesung über den "Aufschwung West": Bazon Brock ortet die Nibelungen unweit der Jahrhunderthalle und möchte aus Nordrhein-Westfalen zum Wohle der Zivilisation ein großes Freilichtmuseum machen

Amerikanischem Kulturimperialismus sieht Bazon Brock, Professor für Ästhetik und notorischer Kreuz-und-Querdenker, unsere Gesellschaft ausgeliefert – so wie einst die Germanen sich dem römischen Imperialismus mit straffer Militärverwaltung unterworfen sahen. Weil römische Organisation (bzw. amerikanische Popkultur) aber nicht mit germanischen (respektive ruhrgebietlerischen) Familienstrukturen und keltischer (römisch-katholischer? esoterischer?) Spiritualität vereinbart werden konnte, brach die Ordnung im Herzen Nordrhein-Wetsfalens zusammen, nachzulesen im Nibelungenlied. Denn, so Brocks historische Feststellung, nur durch geographische Wissenslücken der Mönche, die das Nibelungenlied einst fehlerhaft abschrieben, wurde die Sage irrtümlich in Süddeutschland und nicht (was laut Brock historisch korrekt wäre) an der Dhünn, einem Nebenflüsschen der Wupper nahe Köln, angesiedelt. Den Menschen in Nordrhein-Westfalen komme folglich die historische Aufgabe zu, die noch ausstehende Versöhnung von Römer-, Kelten- und Germanentum zu erfüllen, um den Zusammenbruch aufzuhalten. Auch so kann man Flimms romantisches Triennale-Programm interpretieren.


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Vorhang auf für die Ruhrtriennale!

Die romantische Idee wurde dann kurz übertönt von Altrock-Lady Patti Smith, mit deren Konzert die unter Mortier erfolgreiche Reihe „Century of Songs“ fortgesetzt wurde. Über die Bühne torkelnd beschwört Patti Smith die Zeiten der Hippie-Generation, und wollte man in dieser Reminiszenz an Sex, Drugs and Rock'n Roll ein postromantisches Glücksversprechen im Sinne von Flimms Programmidee verstehen, müsste man den kultigen Auftritt der Diva schon sehr ironisch auffassen. Patti Smith zieht ihr Publikum, darunter viele ausgewiesene Fans, schnell in den Bann, woran Schlagzeuger Jay Dee Daugherty als eigentliches Kraftzentrum wesentlichen Anteil hat. Wem musikalische Virtuosität mehr am Herzen liegt als pure Lautstärke, der war dagegen nach dem mitternächtlichen Feuerwerk bei Thomas Gansch und seinem vorzüglichen Jazz-Ensemble „Gansch and Roses“ besser aufgehoben.


FAZIT

Schillernd bunter Beginn der Intendanz von Jürgen Flimm als verheißungsvoller Start in eine "romantische" Triennale.




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Intendant: Jürgen Flimm

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am 20. 08.2005
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