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Das trojanische Boot

Operette in zwei Akten von Mnozil Brass und Bernd Jeschek
Ein Auftragswerk der RuhrTriennale

Aufführungsdauer: ca. 2h (eine Pause)

Uraufführung in der Jahrhunderthalle Bochum am 29. August 2005
(rezensierte Aufführung: 31.08.2005)

Logo: RUHRtriennale 2005

Die Wiederbelebung der Operette aus dem Geist gehobenen Unsinns

Text von Stefan Schmöe / Fotos von Ursula Kaufmann


Szenenfoto Antikisierender Chor, Erhabenes verkündend

Seit 1932 gibt es im 1. Wiener Bezirk, ein paar Schritte von der Musikhochschule entfernt, das Gasthaus Josef Mnozil. Da Blechbläser als besonders trinkfest verrufen sind, wundert es nicht, dass man dort (also im Gasthaus) gelegentlich welche findet. 1993 formierte sich eben dort eine Gruppe offenbar gut gelaunter Bläser und begann, unter der Bezeichnung Mnozil Brass fortan „angewandte Blechmusik für alle Lebenslagen“ zu spielen. Gute Voraussetzung, so muss Ruhrtriennale-Intendant Jürgen Flimm gedacht haben, um die „erste Operette des 21. Jahrhunderts“ zu erarbeiten. Und so hat Mnozil Brass sich selbst ein Werk auf den Leib geschrieben, bei dem die sieben Blechbläser nicht nur mit ihren Instrumenten gewohnt virtuos umgehen, sondern auch singen und spielen, kurz: Das sie ganz allein aufführen können.


Szenenfoto

Da ist es, das trojanische Boot

Den Text haben sie sich von Bernd Jeschek, der bereits mehrere Bühnenshows von Mnozil Brass inszeniert hat, schreiben lassen. Darin geht es um zwei entlegene Inseln, die eine bewohnt von kriegslüsternen Athleten, die andere von pazifistischen Lyrikern. Als ein Boot mit einer geheimnisvollen Frau zwischen den Inseln aufkreuzt, bricht beinahe ein Krieg aus – doch die Schöne verlangt, dass man sich in künstlerischem Wettstreit zu messen habe. Der Text lebt vor allem von der Fallhöhe zwischen antikisierender Hochsprache und den trivialen Niederungen deutscher Schlagertexterei. Die Musik dazu ist ein wildes Durcheinander aller denkbaren Stilrichtungen, ohne deshalb auch nur ansatzweise unorganisiert zu wirken. Mnozil Brass kombiniert Blässertoccaten im altvenezianischen Gabrieli-Habitus mit fröhlich-bayrischen Ländlern, Schlagerschnulzenseligkeit mit avantgardistischem Geräuschstrukturen, mischt Bigband-Sound unter Anleihen aus der Oper, und das alles oft in rasantestem Wechsel. Hin und wieder fällt 'mal ein kleines Zitat, aber es geht nicht (nur) darum, etablierte Musik zu parodieren, sondern es entsteht in dieser anarchischen Mischung etwas ganz Neues, das sich flexibel wie eine Filmmusik dem rasanten Bühnengeschehen (dessen Teil es ist) anschmiegt.


Szenenfoto Die schöne Fremde (rechts) mit Verehrer

Dass die Sieben exzellente Blechbläser sind, durfte man erwarten; dass sie passabel singen, angesichts ihrer Musikalität vielleicht auch (die Stimmen sind nicht ausgebildet, was aber nur unterstreicht, dass das Genre „Operette“ hier boshaft unterlaufen wird). Aber auch ohne Instrument sind sie unter der Regie von Jeschek hinreißend komisch. Sie finden sich in postantikem Chor zusammen, um die Handlungsfäden zu erzählen, deuten dann die einzelnen Szenen“ pantomimisch an. Wie Posaunist Leonhard Paul sein schulterlanges Haar löst, um die schöne Fremde zu markieren, oder wie Trompeter Robert Rother sich als kraftstrotzender Jüngling trockenschwimmend nähert, wie überhaupt mit kleinen Gesten zwerchfelerschütternde Wirkung erzeugt wird, das ist schlicht unwiderstehlich.


Szenenfoto

Mnozil Brass, komprimiert

Der Höhepunkt ist, natürlich, der musikalische Wettstreit um die Gunst der verlockenden Dame. Was die sechs Herren aus dem Anzug zaubern, soll hier nicht verraten werden – das muss man schon selbst erleben. Sie entfesseln um ein winziges Papierboot herum – mehr Bühnenbild gibt es nicht - ein wahres Pandämonium des Blechbläsertums und verwandter Spieltechniken. Dabei „sitzt“ in der Choreographie von Alexandra Frankmann-Koepp jede Bewegung, und nicht zuletzt an dieser Perfektion liegt es, dass der Abend nie ins banale oder klamaukhafte abrutscht. So gelingt es, dem Festivalbetrieb, der die Operette längst ihrer ursprünglichen zersetzenden Kraft beraubt hat, ein „trojanisches Boot“ unterzuschieben, dass die Gattung in ganz neuer Weise wiederbelebt.


FAZIT
Unbeschreiblich - man muss Mnozil Brass selbst erlebt haben.



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Produktionsteam

Regie
Bernd Jeschek

Choreographie
Alexandra Frankmann-Koepp


Musiker und Darsteller

Mnozil Brass:
Wilfried Brandstötter
Gerhard Füssl
Thomas Gansch
Zoltan Kiss
Leonhard Paul
Roman Rindberger
Robert Rother


Programmheft
Programmheft
(Gestaltung: Karl-Ernst Herrmann)



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