|
Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
|
|
|
Die Wiederbelebung der Operette aus dem Geist gehobenen UnsinnsText von Stefan Schmöe / Fotos von Ursula Kaufmann
Seit 1932 gibt es im 1. Wiener Bezirk, ein paar Schritte von der Musikhochschule entfernt, das Gasthaus Josef Mnozil. Da Blechbläser als besonders trinkfest verrufen sind, wundert es nicht, dass man dort (also im Gasthaus) gelegentlich welche findet. 1993 formierte sich eben dort eine Gruppe offenbar gut gelaunter Bläser und begann, unter der Bezeichnung Mnozil Brass fortan angewandte Blechmusik für alle Lebenslagen zu spielen. Gute Voraussetzung, so muss Ruhrtriennale-Intendant Jürgen Flimm gedacht haben, um die erste Operette des 21. Jahrhunderts zu erarbeiten. Und so hat Mnozil Brass sich selbst ein Werk auf den Leib geschrieben, bei dem die sieben Blechbläser nicht nur mit ihren Instrumenten gewohnt virtuos umgehen, sondern auch singen und spielen, kurz: Das sie ganz allein aufführen können.
Da ist es, das trojanische Boot
Den Text haben sie sich von Bernd Jeschek, der bereits mehrere Bühnenshows von Mnozil Brass inszeniert hat, schreiben lassen. Darin geht es um zwei entlegene Inseln, die eine bewohnt von kriegslüsternen Athleten, die andere von pazifistischen Lyrikern. Als ein Boot mit einer geheimnisvollen Frau zwischen den Inseln aufkreuzt, bricht beinahe ein Krieg aus doch die Schöne verlangt, dass man sich in künstlerischem Wettstreit zu messen habe. Der Text lebt vor allem von der Fallhöhe zwischen antikisierender Hochsprache und den trivialen Niederungen deutscher Schlagertexterei. Die Musik dazu ist ein wildes Durcheinander aller denkbaren Stilrichtungen, ohne deshalb auch nur ansatzweise unorganisiert zu wirken. Mnozil Brass kombiniert Blässertoccaten im altvenezianischen Gabrieli-Habitus mit fröhlich-bayrischen Ländlern, Schlagerschnulzenseligkeit mit avantgardistischem Geräuschstrukturen, mischt Bigband-Sound unter Anleihen aus der Oper, und das alles oft in rasantestem Wechsel. Hin und wieder fällt 'mal ein kleines Zitat, aber es geht nicht (nur) darum, etablierte Musik zu parodieren, sondern es entsteht in dieser anarchischen Mischung etwas ganz Neues, das sich flexibel wie eine Filmmusik dem rasanten Bühnengeschehen (dessen Teil es ist) anschmiegt.
Die schöne Fremde (rechts) mit Verehrer
Dass die Sieben exzellente Blechbläser sind, durfte man erwarten; dass sie passabel singen, angesichts ihrer Musikalität vielleicht auch (die Stimmen sind nicht ausgebildet, was aber nur unterstreicht, dass das Genre Operette hier boshaft unterlaufen wird). Aber auch ohne Instrument sind sie unter der Regie von Jeschek hinreißend komisch. Sie finden sich in postantikem Chor zusammen, um die Handlungsfäden zu erzählen, deuten dann die einzelnen Szenen pantomimisch an. Wie Posaunist Leonhard Paul sein schulterlanges Haar löst, um die schöne Fremde zu markieren, oder wie Trompeter Robert Rother sich als kraftstrotzender Jüngling trockenschwimmend nähert, wie überhaupt mit kleinen Gesten zwerchfelerschütternde Wirkung erzeugt wird, das ist schlicht unwiderstehlich.
Mnozil Brass, komprimiert
Der Höhepunkt ist, natürlich, der musikalische Wettstreit um die Gunst der verlockenden Dame. Was die sechs Herren aus dem Anzug zaubern, soll hier nicht verraten werden das muss man schon selbst erleben. Sie entfesseln um ein winziges Papierboot herum mehr Bühnenbild gibt es nicht - ein wahres Pandämonium des Blechbläsertums und verwandter Spieltechniken. Dabei sitzt in der Choreographie von Alexandra Frankmann-Koepp jede Bewegung, und nicht zuletzt an dieser Perfektion liegt es, dass der Abend nie ins banale oder klamaukhafte abrutscht. So gelingt es, dem Festivalbetrieb, der die Operette längst ihrer ursprünglichen zersetzenden Kraft beraubt hat, ein trojanisches Boot unterzuschieben, dass die Gattung in ganz neuer Weise wiederbelebt. FAZIT Unbeschreiblich - man muss Mnozil Brass selbst erlebt haben. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Regie
Choreographie Musiker und DarstellerMnozil Brass:Wilfried Brandstötter Gerhard Füssl Thomas Gansch Zoltan Kiss Leonhard Paul Roman Rindberger Robert Rother ![]() (Gestaltung: Karl-Ernst Herrmann) Homepage der Ruhrtriennale weitere Berichte von der Ruhrtriennale 2005 - 2007 Berichte von der Ruhrtriennale 2002 - 2004 (Intendant: Gerald Mortier) |
- Fine -