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Bayreuther-Festspiele 2005

25. Juli - 28. August 2005


Schluss mit Aktentaschen und Blümchentapeten auf Wagnerbühnen!

Es ist ruhig in Bayreuth. Nach dem bombastischen Medienrummel um Christoph Schlingensief im Vorjahr ist der Boulevard, soweit musikinteressiert, weiter gezogen, denn in Salzburg gibt es schließlich die telegene Anna Netrebko zu bewundern – da kann Christoph Marthalers neuer Bayreuther Tristan an Medienwirksamkeit nicht mithalten. War bei Schlingensiefs Parsifal nicht nur die Arbeit auf der Bühne, sondern der Prozess des Regie-Führens (mit allerlei Abreise-Drohungen) Teil der Inszenierung des „Gesamtkunstwerks Schlingensief“, so konzentrierte sich Marthaler vergleichsweise öffentlichkeitsscheu auf seine eigentliche Aufgabe und stellte sein Ergebnis, nicht sich selbst, zur Diskussion.

Foto (Jochen Viehoff)

Ein paar Jahre früher hätte dieser Tristan im Wartesaal die Gemüter der Wagnerianer erhitzt; dass er es jetzt nur in sehr begrenztem Umfang tat, lag wohl am noch vom Vorjahr Parsifal-erschöpften Publikum, aber auch am Dirigenten. Der weithin unbekannte Eiji Oue genießt als Bayreuth-Debutant einen gewissen Bonus; dass er sich eifrig als „erster asiatischer Dirigent bei den Bayreuther Festspielen“ titulieren ließ, mag das noch unterstützt haben. Die Art und Weise, in der dieses Debüt scheiterte (unsere Rezension), sollte der Festspielleitung aber zu denken geben: So löblich der Gedanke ist, die Bayreuther Festspiele mit unverbrauchten Künstlern zu profilieren und vom routinierten Opernbetrieb abzugrenzen, so notwendig ist auch das Gespür für die richtigen Personen und eine glückliche Hand bei der Auswahl. Nachhaltig überzeugen konnte von den „Neuentdeckungen“ der letzten Dekade nur Christian Thielemann, auf den sich viele Bayreuther Hoffnungen für die Zukunft stützen (und der hatte sich zuvor bereits als Wagner-Dirigent etabliert). Und auch die Sängerauswahl wirkt an vielen Stellen beliebig, nicht genau genug auf die Inszenierung abgestimmt.

Foto (Jochen Viehoff)

Auch wenn keine wirklich geniale Inszenierung auf dem Programm steht (die man auch nicht erzwingen kann), darf sich Festspielleiter Wolfgang Wagner zugute halten, das Gesicht der Festspiele modernisiert zu haben. Schlingensiefs Parsifal zeigt trotz mancher Banalität radikal neue Momente, und Christoph Marthalers Ausdruckspalette (und damit ein wichtiger Standard der aktuellen Regie-Kultur) ist mit diesem Tristan in, man möchte fast sagen: bewährter Marthaler-Manier, in Bayreuth angekommen. Claus Guths tiefenpsychologischer Holländer unterläuft immer noch eindrucksvoll die Erwartungen an eine vertonte Seefahrerlegende, und nimmt man Keith Warners vordergründig romantischen, diese Romantik aber sofort hinterfragenden Lohengrin dazu, so haben die „intellektuellen“ Inszenierungen ein klares Übergewicht. Der naiv-farbenfrohe Tannhäuser von Philipp Arlaud hat als Zugeständnis an ästhetische Bedürfnisse unerwartete Legitimation bekommen.

Foto (Jochen Viehoff)

Die Frist ist um, und abermals vergangen sind sieben Jahr'… Nein, hier soll es nicht um den fliegenden Holländer gehen, sondern um die unmittelbare Zukunft der Festspiele. Einen „Wotan ohne Aktentasche“ wünscht sich Christian Thielemann, der im kommenden Jahr die Neuproduktion des Ring des Nibelungen dirigieren wird. Wolfgang Wagner spricht er dabei offenbar aus dem Herzen, denn der Festspielchef ließ gleich ein nachgedrucktes Interview unter den Journalisten verteilen, in dem er die Forderung nach einem „zeitlosen“ Ring artikuliert. Zugegeben: Einen gewissen Überdruss an Aktentaschen und auch Blümchentapeten kann man inzwischen niemandem mehr verübeln. Und gerade der Ring ist auf alle denkbaren Bedeutungsinhalte hoch- und herunterdekliniert worden, dass man Thielemann recht geben möchte. Allerdings ist es gerade einmal, genau: sieben Jahre her, dass der letzte aktentaschenfreie Ring in Bayreuth gespielt wurde. Von 1994 bis 1998 konnte man Alfred Kirchners Inszenierung mit Rosalies neckischen Phantasie-Kostümen sehen, und in Erinnerung davon bleibt viel ödes Herumgestehe in unförmigen Korsetten. Der Dramatiker Tankred Dorst, der demnächst seinen 80. Geburtstag feiert und noch nie eine bei einer Oper Regie geführt hat, steht vor der schwierigen Aufgabe, den vierteiligen Zyklus zeitlos und aktentaschenfrei und dennoch nicht neoromantisch verbrämt zu inszenieren.

Die Fotos sind dem Bildband Rheingold. Wortlaut der Partitur. von Jochen Viehoff entnommen.

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Bayreuther Festspiele 2005 / Übersicht


unsere Rezensionen:



Tristan-Kritik
(Tristan und Isolde)

Parsifal-Kritik
(Parsifal)

Holländer-Kritik

(Der fliegende Holländer)

Tannhäuser-Kritik
(Tannhäuser)


Lohengrin-Kritik
(Lohengrin)


Benefizkonzert-Kritik
(Benefizkonzert)



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