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Schmerzlich schöne Abgesänge
Von Christoph Wurzel Die Lettera amorosa sind ein wunderbar gelungenes Experiment geworden. Thomas Hengelbrock hat offensichtlich eine Vorliebe für die Komposition von Programmen aus Musik, Handlung und künstlerischer Bewegung, die deutlich ihre artifizielle Qualität bewahren, statt eine künstliche Bühnenrealität zu behaupten. Eine derartige Produktion war vor zwei Jahren Monteverdis Orfeo, die in Baden-Baden zu erleben war oder im vergangenen Jahr die halbszenische Aufführung von Purcells King Arthur bei der RuhrTriennale, die nochmals im Herbst ebenfalls in Baden-Baden zu sehen sein wird. Hengelbrocks eigene Musikauffassung betont deutlich den agogischen Gestus der Werke und übersetzt mit vitalem Temperament und zugleich sensibler Empfindsamkeit die Noten in klingende Rede. Dies fordert geradezu auch bei eigentlich nicht theatralischen Werken deren verborgenes dramatisches Wesen heraus. Nur auf den ersten Blick scheint daher die szenische Darbietung von Madrigalen ein seltsames Unterfangen und Hengelbrock beruft sich dabei auch auf eine entsprechende zeitgenössische Aufführungspraxis. Bei genauerem Hinsehen - in die metaphernreichen und hochexpressiven Texte - und bei intensivem Hinhören - auf die nicht selten explosiv affektive Tonsprache - offenbart die von ihm ausgewählte Sammlung dieser gesungenen "Liebesbriefe" in der Tat hochdramatische Eigenschaften. Die darunter liegenden Seelenzustände von wahrhaft erotomaner Größe werden in dieser Aufführung zu musikdramatischem Ausdruck gebracht. Zuerst ist da also die faszinierend präsentierte Musik: das höchst sensibel gestaltendende Sängersextett und die instrumentale Begleitung. Perfekt auf einander abgestimmt verfügen die Sängerinnen und Sänger über eine breite Ausdruckspalette und enorme Bühnenpräsenz. Präzise in der Tongebung, lebendig und flexibel in der Phrasierung erfüllen sie bestens Monteverdis Forderung nach ausdrucksintensivem Gesang, der bei noch mehr bei Gesualdo ganz ohne Kompromisse in harmonische Welten führt, die allein dem Gefühlsausdruck Vorrang geben. Die herben, schneidenden Reibungen in Gesualdos Harmonik lassen die Solisten im a-capella-Gesang auf so irritierende Weise zu Ohren kommen, dass Schmerz durch Musik hier buchstäblich erfahrbar wird. Die eher spielerisch bewegten Stücke Monteverdis gewinnen Leichtigkeit, wo es angebracht ist und Gefühlstiefe, wo es der Text verlangt. Das kleine Instrumentalensemble begleitet musikantisch beschwingt, mit virtuosen Verzierungen nicht geizend und in einem Gestus, der das dramatische Geschehen unterstreicht. Es ist schon eine Lust, allein nur zu hören. Ein paar kurze Interludien mit rein instrumentaler frühbarocker Musik komplettieren das Programm und schaffen Raum zwischen den intensiv affektgeladenen Gesangsnummern. Zu den Madrigalen hat Matthias Schönfeldt eine Handlung erfunden, aber nicht in Sinne einer dramatischen Entwicklung und Verwicklung von personalen Rollen, sondern es sind choreographierte Assoziationen zu den Texten zu sehen, was gleichwohl eine gewisse Stringenz, einen roten Faden ergibt. Es beginnt mit einem solistischen Madrigal von Monteverdi, wodurch das Thema vorgegeben wird: die Sängerin betritt durch den kleinen Zuschauerraum die Bühne, nur mit einem Bademantel bekleidet, reißt aus einer alten Schreibmaschine den Brief, in dem ein imaginärer Liebhaber von der blendenden Schönheit der Angebeteten, von seinen heißen Sehnsüchten und zugleich zweifelnden Ahnungen schreibt. Die Protagonistin liest den Brief, doch dann lässt sie mit lautem Knall die Maschine zu Boden fallen und nach einer Schrecksekunde macht sich Ernüchterung breit. Schnitt - nächste Szene: Das Madrigal "Ecco morirò dunque" von Gesualdo stimmt das nun den Abend bestimmende Grundthema an: "Schau nicht nochmals, wie ich sterbe, du, die du mit Blicken verwundest." Es werden dann die Gesänge Gesualdos bleiben, die diesen Liebeslitaneien die Stimmung einer extensiv manischen Verzweiflung verleihen, bis hin zur völligen Finsternis im gesamten Theatersaal zu dem Text "Wenn ich nicht schaue, sterbe ich nicht, nicht schauend lebe ich nicht". Die Stücke Monteverdis hingegen lassen das kämpferische Element der Liebe ("Es umkreist der Feind, der tückische Amor, die Festung meines Herzens" aus den Canti guerrieri) oder auch deren tragikomisches aufscheinen. So im frivol-ironischen Bild zu Monteverdis "Chiome d' oro, bel tesor", in dem es heißt "Haar aus Gold, schöner Schatz, du fesselst mich tausendfach, wenn du dich lösest". Die beiden Sängerinnen dieses Madrigals werden hier in einer nostalgischen Badewanne sitzend auf die Bühne gezogen, während im Hintergrund als Videoprojektion der berühmte Autocrash von Brigitte Bardot und Michel Piccoli aus dem Film Le mépris (1963) von Jean-Luc Godard zu sehen ist: vorne die trällernden Blondinen im Wellnesslook und im Hintergrund der Unfalltod des sich entfremdeten Paares im Cabriolet. Dieser Film bildet zu Musik und szenischem Spiel eine dritte Dimension. Ausschnitte aus dessen Dialogen als Textprojektionen beleuchten das Thema der Einsamkeit in der Liebe aus dem Blickwinkel der Kunstart Film, so wie auch die Erzählung der Bühnenhandlung in ihren montierten Tableaus filmischen Mitteln folgt. Hier wurde die Gattung Musiktheater wirklich sinnstiftend durch das Medium Film bereichert. Nur ein Manko muss man den Machern vorhalten: die Texte sind während der Aufführung kaum nachzuvollziehen, da sie nicht als Übertitel erscheinen, in diesem Falle ein besonderer Verlust, da sie so inhalts- und bedeutungsschwer sind. Dennoch vermittelt sich deutlich, was sich an Aktion zu den einzelnen Madrigalen vollzieht: Die fünf Sänger - Protagonisten kleiden sich im weiteren Verlauf in Abendgarderobe, nehmen einen Drink und gruppieren sich zu diversen Liaisons. Dreiecksbeziehungen ergeben sich und lösen sich durch neue wieder auf. Liebkosungen werden ausgetauscht und Eifersuchtsblicke blitzen hin- und herüber. Nach einer zumindest versuchten Vergewaltigung artet die bürgerliche Idylle in einen blutigen Liebesrausch aus, bis zum vorläufigen Schluss Schüsse fallen und fast alle einen schönen Liebestod sterben. Den Übergang zum zweiten Teil, in dem dann vor allem das Liebensleid weidlich ausgekostet wird, bildet die in großer theatralischer Pose von Benoit Haller wunderbar gestaltete partenza amorosa aus Monteverdis 7. Madrigalbuch. Zum Schlussgesang sind alle an der Vorderbühne versammelt und beklagen nach dem von Monteverdi vertonten Text von Petrarcas Sonett "Hor che'l ciel e la terra e'l vento tace" den ewig alten neuen Kreislauf von Liebeslust und Liebesleid: "Und damit findet meine Qual niemals ein Ende. Tausendmal am Tag sterbe ich und werde tausendmal geboren; wie ist meine Rettung so fern." Und jeder bleibt einsam für sich.
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ProduktionsteamMusikalische LeitungThomas Hengelbrock
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Video
Violine
Violine
Gambe / Violone
Theorbe / Gitarre
Cembalo / Orgel
Harfe
Solisten
Sandmann, Sopran
Sopran
Alt
Tenor
Tenor
Bass
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