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Schwetzinger Festspiele

28. April bis 8. Juni 2004

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Schwetzinger Festspiele
(Homepage)
Theaterschmaus zur Spargelzeit

Von Christoph Wurzel

In der sandigen Rheinebene zwischen Mannheim und Heidelberg gedeiht seit eh und je der beste Spargel und zwar schon seit den Zeiten, als dieses Gemüse noch wahrhaft das königliche war. Ob die kurpfälzischen Regenten sich aus diesem Grunde gerade in Schwetzingen eine Sommerresidenz errichteten, ist ungewiss. Sicher ist, dass dieses kleine Städtchen, das heute zum Badischen gehört, unter dem Kurfürsten Carl-Theodor (1742-99), der in Mannheim seine Haupt-Residenz hatte, zu einem bedeutenden Mittelpunkt des kulturellen Lebens der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts aufblühte. Musikalisch entwickelte sich der kurpfälzische Hof zu einem Magneten der damals innovativsten Musiker und Mannheim wurde wie Wien oder manche italienische Stadt zum Namensgeber einer ganzen musikalischen "Schule".

Mit sieben Jahren hatte Leopold Mozart den kleinen Wolfgang auf den Reisen durch halb Europa schon nach Schwetzingen geschleppt, wo dieser wie überall so auch im 1752 erbauten Rokokotheater Aufsehen erregte. Später, sein Leben lang auf Stellungssuche, machte er sich im Jahre 1777 Hoffnungen, in Mannheim beruflich Fuß zu fassen, doch der Kurfürst beschied ihm: "Ja das nutzt alles nicht. es ist keine vakatur da". Mozarts erneuter Besuch in der Kurpfalz wird trotzdem entscheidend für sein weiteres Leben: künstlerisch, weil er in Mannheim mit den Ideen der damaligen musikalischen Avantgarde bekannt wird. So hört er zum ersten Mal das neue Instrument der Klarinette und wird - wohl auch wieder im Schwetzinger Theater - die Anfänge der deutschen Oper kennen gelernt haben. Und persönlich hinterlässt dieser Besuch seine Spuren, weil er in Mannheim beim Besuch der Familie Weber sich flugs unsterblich in Stimme wie Gestalt der älteren der beiden Töchter Aloyisia verliebt. (Daraus ist zwar nichts geworden, aber später hat Mozart bekanntlich immerhin die Schwester Konstanze abbekommen).

Dies alles macht den genius loci aus, der einen begleitet, wenn man das kleine Rokokotheater im Schwetzinger Schloss über den knarrenden Holzboden betritt, denn es ist mit seinem reichen Stuckmarmor noch völlig im Originalzustand erhalten. Mit den gut ein Dutzend Reihen unbequemer Sesselchen im Parkett, den klitzekleinen Logen und den zwei aufsteigenden Rängen, das heißt rund 500 Sitzplätzen, wirkt es wie eine Theaterpuppenstube. Die Bühne ist entsprechend klein und putzig der Orchestergraben. Allerdings wurde die Bühnentechnik 1974 erneuert und erlaubt durchaus auch moderne Bühneneffekte. Die Akustik ist hervorragend, das Ambiente angenehm intim, nichts für Leute mit Berührungsangst, was auch für die Künstler gilt, die hier wirklich Aug' in Aug' mit dem Publikum zu Werke gehen. Dieses kleine Theaterchen, ein Juwel unter den Bühnenhäusern, ist der Haupt- Schauplatz der Schwetzinger Festspiele, die nunmehr seit 52 Jahren alljährlich zur Spargelzeit vom zuerst Süddeutschen nunmehr Südwest-Rundfunk veranstaltet werden.

In jedem Festspieljahr stehen neben vielen Orchester- und Kammerkonzerten meist drei Opernproduktionen auf dem Programm, und zwar in einer interessanten Mischung immer ein altes Werk (meist unbekannt) und mindestens ein ganz neues (oftmals eine Uraufführung), das dritte hat nicht selten experimentellen Charakter. In diesem Jahr gibt es als Ausgrabung die Oper Il Re Teodoro in Venezia von Paisiello in der Neubearbeitung von Henze, die Uraufführung eines neuen Musiktheaterstücks von Adriana Hölszky (Der gute Gott von Manhatten) und als spannendes Experiment eine szenische Aufführung der lettera amorosa ("Liebesbrief"), bestehend aus Madrigalen von Claudio Monteverdi und Carlo Gesualdo. Alle drei musikdramatischen Werke verbindet das Thema der Liebe.

Auch die Kammermusikreihen verraten programmdramaturgisches Geschick. In diesem Jahr werden alle 32 Beethoven - Sonaten zu hören sein, gespielt von sieben verschiedenen Künstlern von Pierre-Laurent Aimard bis Lilya Zilberstein. An einem Wochenende im September (4./5.) werden sie alle im Programm SWR2 präsentiert. Die Künsterriege, die sich alljährlich in Schwetzingen versammelt, weist neben sehr arrivierten Namen ( in diesem Jahr z.B. Alfred Brendel, Thomas Quasthoff oder Heinrich Schiff ) auch noch weniger bekannte auf, denen nicht selten von diesem Ort aus ein Sprung in ihrer Karriereleiter gelingt. So sind in diesem Jahr einige junge Klaviertrios geladen, die darauf zu prüfen sind, was ihre Programme versprechen.

Eine schöne Hommage an den 65 Jahre alt gewordenen Solisten, Komponisten und Dirigenten Heinz Holliger waren die 3 Konzerte mit einigen seiner Werke, die in Beziehung zu seinem musikalisch bevorzugten Kosmos zwischen Zelenka, Schumann, Mahler, Webern und Boulez gesetzt wurden.

3 Opernproduktionen und fast 40 Konzerte in 6 Wochen: wahrlich ein Festival von großen künstlerischen Ausmaßen. Dass es aber im kleinen, fast intimen Rahmen bleibt, verdankt es den überschaubaren Schwetzinger Schlossräumen. Wie deren Architektur so gehört auch dieses frühsommerliche Festival zu den eher versteckten Kleinodien, die sich auch gar nicht aufdringlich zur Schau stellen müssen.


FAZIT

Gut, dass die Schwetzinger Festspiele ein sehr demokratisches Festival sind: Alle Aufführungen werden für den Rundfunk mitgeschnitten. Zahlreiche Radiostationen werden eine Aufzeichnung dieses Abends im Laufe des Sommers übertragen. Es empfiehlt sich, auf die Termine zu achten.

Foto
Schloss Schwetzingen
Foto: Christoph Wurzel






Foto
Schloss Schwetzingen - Zirkelgebäude
mit Eingang zum Rokokotheater
Foto: Christoph Wurzel




Lettera amorosa
Musiktheater nach Madrigalen von
Claudio Monteverdi und Carlo Gesualdo di Venosa



Der gute Gott von Manhatten
Musiktheater von Adriana Hölszky
Libretto von Yona Kim
nach dem Hörspiel von Ingeborg Bachmann



Il Re Teodoro in Venezia
Dramma eroicomico in due atti
Musik von Giovanni Paisiello
Neu orchestriert und mit neuen Rezitativen versehen
von Hans Werner Henze




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