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Musikfestspiele
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Die römisch Unruhe oder
Die edelmütige Octavia

Oper in drei Akten
Text von Barthold Feind
Musik von Reinhard Keiser

In italienischer und deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3 Std. 45' (zwei Pausen)

Premiere am 21. Februar 2004
im Großen Haus des Badischen Staatstheaters Karlsruhe
Rezensierte Aufführung: 28. Februar 2004


Homepage des Badischen Staatstheaters Karlsruhe

Badisches Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)

Eine Frau geht ihren Weg

Von Gerhard Menzel / Fotos von Jochen Klenk

Erneut kommt den Händel-Festspielen in Karlsruhe das Verdienst zu, eine unbekannte Oper aus den Archiven herausgeholt und sie wieder auf die Bühne gebracht zu haben. In diesem Fall handelt es sich sogar um ein ganz besonders interessantes Werk der Musikgeschichte: Reinhard Keisers Oper Octavia.

Uraufgeführt wurde Octavia am 5. August 1705 an der Hamburger Oper am Gänsemarkt, übrigens ein halbes Jahr nach Händels verschollenem Opernerstling auf den gleichen Stoff am selben Ort. Erzählt wird die Geschichte der Kaisergemahlin Octavia, die von ihrem Gatten Nero, einer anderen Frau halber, zum Selbstmord gezwungen wird. Dank Eingreifens anderer überlebt sie und macht sich zu der Schrift "Anleitung zum Glücklichsein" des Gelehrten Seneca so ihre eigenen Gedanken.

Octavia ist nicht nur ein Meisterwerk von Keiser, sondern wurde auch vom zeitgleich an der Oper arbeitenden Händel, der kurz darauf nach Italien ging, in den folgenden Jahren derart "ausgeschlachtet", das es selbst für damalige Verhältnisse weit über das "normale" Maß hinausging. Alleine 10 Arien übernahm Händel notengetreu oder abgewandelt in seine Werke (6 davon in seine 1709 in Venedig uraufgeführte Oper Agrippina).

Klangbeispiel Klangbeispiel "Wo süße Lippen scherzen",
Claudia Barainsky (Octavia) und Stephan Genz (Nero).

(MP3-Datei)


Vergrößerung in neuem Fenster Claudia Barainsky (Octavia),
Stephan Genz (Nero),
Ina Schlingensiepen (Ormoena),
Patrick Henckens (Fabius),
Hans-Jörg Weinschenk (Davus) und
Susanne Cornelius (Livia).

Im Gegensatz zu der im letzten Jahr weniger gelungenen Inszenierung des Lucio Cornelio Silla, gelang Ulrich Peters mit der Octavia von Reinhard Keiser ein pracht- und farbenfrohes, opulentes "Barockspektakel". Mit viel Gespür für das Wesentliche sorgte Ulrich Peters für das geordnete Chaos, führte die Personen klar und pointiert, gab den einzelnen Figuren charakteristische Eigenarten und sorgte dafür, das der Zuschauer trotz der vielen Beteiligten nicht den Überblick verlor. Das historisch geforderte lieto fine verwehrte Peters allerdings, indem er die sich gar nicht als edelmütig erweisende Octavia sich mit einer gediegenen Ohrfeige von ihrem Gatten verabschieden und sie als "emanzipierte" Frau in kurzem Rock und Pumps durch den Zuschauerraum entschwinden lässt, worauf die versammelte Gesellschaft sichtlich betroffen zurückbleibt.


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Claudia Barainsky (Octavia)
und Stephan Genz (Nero).

Zur Personencharakterisierung trugen auch die prachtvollen Kostüme von Christof Cremer bei. Sie verdeutlichten farblich die Personenkonstellationen und sorgten damit für die optische Übersicht der sich oft rasch wieder anders formierenden Pärchen. Zudem beteiligten sich die Kostüme auch selbst an der Erzählung, indem sie sich ständig veränderten, den barocken Gestus zeitweise ablegten und zur gehobenen Alltagskleidung unserer Tage mutierten.

Der Bühnenraum von Christian Floeren war großzügig dimensioniert und schaffte durch seine Größe einen Ersatz für die fehlenden, verschiedenen Szenenbilder. Die ganze Geschichte spielte in oder vor einem riesigen Palast. Rechts und links führten Treppen bis unter die Decke und auf einer erhöhten Terrasse, bzw. Bühne saßen die eigentlichen Protagonisten der Aufführung, die Deutschen Händel-Solisten. Eine Festtafel, Kerzenleuchter, Stoffbahnen, Fische und zahlreiche andere Requisiten sorgten für abwechslungsreiche Gesellschaftsspiele. Für gediegenen Glanz und festliche Atmosphäre sorgten auch vier Tänzerinnen und zwei Tänzer.


Vergrößerung in neuem Fenster Claudia Barainsky (Octavia) und
Ina Schlingensiepen (Ormoena).

Klangbeispiel Klangbeispiel "Non mi negate",
Ina Schlingensiepen (Ormoena).

(MP3-Datei)

Unter der Leitung von Andreas Spering waren die Deutschen Händel-Solisten fabelhafte Anwälte für die Musik Reinhard Keisers. Gerade die Octavia, ein Werk aus der frühen Schaffenszeit Keisers und der Hamburger Oper am Gänsemarkt, bietet einen Reichtum an formaler Disposition und an farbenreicher Instrumentation. Neben den Streichern und dem Continuo weist die Orchesterbesetzung 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Hörner und vor allem 5 Fagotte auf! Unter der engagierten Leitung von Andreas Spering musizierte das Orchester mit viel Schwung und Temperament, spielte aber auch die dramatischen und sehr gefühlsstarken Momenten mit großer Intensität aus. Ein einzigartiger Geniestreich Keisers ist Octavias c-Moll-Arie "Geloso sospetto", die nur mit 5 obligaten Fagotten und Continuo besetzt ist. Dieser wehmütige Klang - gerade auf "historischen" Instrumenten - gehört zu den ganz großen Augenblicken in der Operngeschichte (leider konnte das Badische Staatstheater davon keinen Mitschnitt zur Verfügung stellen)!


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Edward Gauntt (Lepidus) und
Claudia Barainsky (Octavia)

Hans-Jörg Weinschenk als Davus (eine für diese Zeit der Hamburger Oper typische, komische Figur) führte in das Stück ein und durch alle Höhen und Tiefen hindurch. Er kommentierte das Geschehen und half dem einen oder anderen auf den rechten Weg. Hans-Jörg Weinschenk, ein Komiker von Gottes Gnaden, bewies wieder einmal alle seine stimmlichen und darstellerischen Meriten.

Claudia Barainsky in der Titelpartie hat zwar keine größeren Erfahrung im Barockbereich aufzuweisen, aber ihre Fähigkeit, sich in die Musik Keisers hineinzufühlen und dank ihrer vorzüglichen Technik, gelang ihr ein phantastisches Portrait der sich in ihr Schicksal fügenden der Kaiserin Octavia. Ihr Leid und bedingungsloser Gehorsam ihrem Gatten und Kaiser gegenüber, nahm vor allem in der großen, dramatisch zugespitzten "Selbstmordszene" wahrhaft tragödienhafte Größe an. Die Basis dafür bilden allerdings das geschickt gearbeitete Libretto von Barthold Feind und die ausdrucksstarke Musik von Reinhard Keiser.


Vergrößerung in neuem Fenster Christof Fischesser (Seneca)
und Claudia Barainsky (Octavia).

Auch dem Kaiser Nero ist so eine große Szene gegeben, in der er nach der "römischen Unruhe" über sich und seine Taten reflektiert. Stephan Genz blieb dabei leider etwas blass, obwohl er ansonsten eine gute Figur als Vorläufer des Don Giovanni abgab.

Seine neueste "Flamme" ist Ormoena, die Frau des armenischen Königs Tiridates und damit Gegenspielerin bzw. Konkurrentin von Octavia. Ina Schlingensiepens geschmeidige und sehr wendige Stimme besitzt viele Nuancen, die sie sowohl für ihr aggressives Machtstreben, als auch für ihre leidenschaftlichen Verführungskünste gewinnbringend einzusetzen weiß.

Christof Fischesser erwies sich als stimmlich vorzüglich gestaltender, weiser Lehrer Seneca, dessen Versuche, Octavia zu einer edelmütigen Gattin zu erziehen, jedoch - zumindest in dieser Inszenierung - scheiterten.

Die vielen weiteren Partien gestalteten Susanne Cornelius als ständig in Ohnmacht fallende Livia, Klaus Schneider als - die im Titel genannte - Unruhe stiftender Piso, Patrick Henckens als etwas leichtgewichtiger Fabius, sowie Edward Gauntt als Lepidus und Klemens Geyrhofer als König Tiridates.


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Schlußszene.

Wie schon die ersten vier Aufführungen, konnte auch die fünfte und letzte Vorstellung nicht in der vorgesehenen Besetzung über die Bühne gehen. Die immer noch nicht wieder genesende Marianne Kienbaum-Nasrawi, die als Clelia vorgesehen war, musste erneut ersetzt werden. So übernahm Soojin Moon den musikalischen Teil der Partie und Regieassistentin Annette Weber den szenischen Part, was ganz passabel gelang und musikalisch keinerlei Einbußen mit sich brachte. Die kurzen Beiträge der Hofgesellschaft wurden von zwölf Mitgliedern des Badischen Staatsopernchores problemlos gemeistert.


FAZIT

Ein üppiges Opernfest für Ohr und Auge als Höhepunkt der 27. Händel-Festspiele in Karlsruhe. Schade, dass der Vergleich mit Händels Almira nicht gelang. Hoffentlich stehen sich nächstes Jahr die beiden "Konkurrenten" direkt gegenüber..




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Andreas Spering

Regie
Ulrich Peters

Bühne
Christian Floeren

Kostüme
Christof Cremer

Choreographie

Chor
Michael Vogel



Badischer Staatsopernchor
Deutsche Händel-Solisten


Solisten

Octavia
Claudia Barainsky

Nero
Stephan Genz

Fabius
Patrick Henckens

Piso
Klaus Schneider

Lepidus
Edward Gauntt

Seneca
Christof Fischesser

Davus
Ks. Hans-Jörg Weinschenk

König Tiridates
Klemens Geyrhofer

Ormoena
Ina Schlingensiepen

Livia
Susanne Cornelius

Clelia
Soojin Moon (Sopran)
Annette Weber (Szene)


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Badischen Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)




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