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Musikfestspiele
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29. TAGE ALTER MUSIK IN HERNE
vom 11. bis 14. November 2004

Festspielbericht

Von Gerhard Menzel

Mit den 28. TAGEN ALTER MUSIK IN HERNE 2003 ging im vergangenen Jahr eine große Ära zu Ende. Zusammen mit Barbara Schwendowius, der verantwortlichen Redakteurin des WDR und ihrem Kollegen von der Alten Musik, Klaus L. Neumann, nahm auch Joachim Hengelhaupt, der langjährige "Kulturförderer" der Stadt Herne, der Initiator und allgegenwärtige "gute Geist" dieses Festivals, Abschied als "Führungsteam".

Die TAGE ALTER MUSIK IN HERNE - eines der ältesten Festivals seiner Art - haben sich in dieser Zeit nicht nur als ein fester Bestandteil der (internationalen) Festival-Szene etabliert und in mannigfaltiger Hinsicht gefestigt, sondern haben sich auch immer wieder etwas gewandelt. Auf jeden Fall ist dieses Festival langsam und "gesund" gewachsen, genau wie sein breit gefächertes und treues Publikum.

Mit Richard Lorber hat nun jemand die künstlerische Leitung der WDR-Konzertreihe übernommen, der bewußt neue Wege beschreiten möchte und das Festival über die Alte Musik hinaus "öffnen" möchte. Neben dem Einbeziehen von "Neuer Musik" soll auch das Hörspielstudio mehr mit in die Konzeption einbezogen werden. In wieweit das nur persönliche Profilierungswünsche sind und ob sich das sicherlich nicht riesige Publikum der inzwischen weltweit verbreiteten Alte-Musik-Szene darauf einlassen wird, muss sich aber erst im Laufe der nächsten Jahre erweisen.

Eine erste, für jeden greifbare "Großtat" war die völlige Neugestaltung des Programmheftes der WDR-Konzertreihe. Begrüßenswert ist dabei, dass erstmals alle gesungenen Texte (inklusive deutscher Übersetzung) bereits darin abgedruckt waren und das Blättergerausche - der bis dahin immer nur als Kopien ausgeteilten Textblätter - während der Konzerte daher entfiel. Unter "normalen" Umständen wäre man auch gerne bereit gewesen, im Gegensatz zu den in allen vergangenen Jahren kostenlos zur Verfügung gestellten Programmen, 2,- € für dieses durchaus ausführliche und inhaltsreiche Programmbuch zu zahlen. Dass es trotzdem als kompletter Fehlgriff gewertet werden muss, liegt nicht nur an dem generell überflüssigen, neu gewählten, rechteckigen Format (das sich bewußt von dem bisher einheitlich benutzten quadratischen Format distanziert), sondern vor allem an der "Praxisferne" und Unbrauchbarkeit während der Konzerte. Da waren wohl wieder einmal hochbezahlte Designer am Werk, die an ihren Bildschirmen und in hell erleuchteten Büros optische Konzepte entwickeln, ohne auch nur die leiseste Ahnung davon zu haben, welchem Zweck die Produkte letztlich dienen sollen. Für die nur sehr dürftig ausgeleuchteten Konzerträume in Herne ist ein Programmbuch mit einer so kleinen und engen Schrift jedenfalls völlig untauglich und damit eine komplette und - in Zeiten nicht mehr so üppig gefüllter Kassen - überflüssige Fehlinvestition! Das ist um so ärgerlicher, da es der von der Stadt Herne herausgegebene Katalog zur Musikinstrumenten-Messe und zum Symposium wieder eindrucksvoll belegte, dass es besser und publikumsfreundlicher geht!

Programmbbuch der WDR-Konzertreihe
  Das "neue" Programmbbuch
  der WDR-Konzertreihe


Programmbbuch der WDR-Konzertreihe
  Der Katalog zur
  Musikinstrumenten-Messe
  und zum Symposium

Eine positive Neuerung war dagegen, dass das Symposium - im Gegensatz zu den Vorjahren - nicht wieder zeitlich vorgezogen wurde, sondern integrierter Bestandteil der vier Festivaltage war. Die dadurch entstandenen Überschneidungen - vor allem mit Workshops oder Instrumentenvorführungen einzelner Werkstätten - waren bedauerlich und hätten mit etwas mehr Dispositionsgeschick vermieden werden können.

In diesem Jahr ebenfalls neu war das Einbeziehen des Kulturpolitischen Forums des WDR, das sich mit der Frage der Rolle der sogenannten "Alten" Musik im heutigen Kulturleben beschäftigte. Als wie relevant sich diese Veranstaltung erweist, wird sich heraus stellen müssen.

Ansonsten konnte man sich zum Glück auf die altbewährte Kombination konzentrieren, die seit vielen Jahren die Unverwechselbarkeit der TAGE ALTER MUSIK IN HERNE - auch im internationalen Festspielgeschehen - ausmacht und Musikliebhaber, Wissenschaftler und Instrumentenbauer aus dem In- und Ausland nach Herne zieht: Konzerte besuchen, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse im Symposium sammeln und austauschen, die Entwicklungen im handwerklichen Instrumentenbau begutachten und auch das eine oder andere Instrument zu kaufen bzw. zu verkaufen.

Die Musikinstrumenten-Messe der Stadt Herne stand in diesem Jahr ganz im Zeichen "Von dem Clavicymbel, Clavicytherio, Spinet, Instrument ...". Die Kielinstrumente der 19 Instrumentenbauer konnten an allen drei Veranstaltungstagen im Rahmen der Musikinstrumenten-Messe im Kulturzentrum Herne kostenlos begutachtet, ausprobiert und gekauft werden.

- Eindrücke von der Musikinstrumenten-Messe

Symposium der Stadt Herne
"… con Cembalo e l'Organo …"
Das Cembalo als Generalbassinstrument

Korrespondierend zur Musikinstrumenten-Messe beschäftigte sich das in Verbindung mit der Ruhr-Universität Bochum veranstaltete Symposium der Stadt Herne mit dem Cembalo als Generalbassinstrument. Neben Prof. Dr. Christian Ahrens (Ruhr-Universität Bochum), dem Initiator und Leiter des Symposiums, nahmen auch Jesper Christensen (Basel), Wolf Dieter Neupert (Bamberg), Antoinette Hermert-Grün (Berlin), Prof. Siegbert Rampe (Köln), Dr. Reinmar Emans (Bochum), Ella Sevskaya (Pfitsch/Bozen), Ibo Ortgies (Göteborg), Dr. Klaus Lamgrock (Istanbul), Thérèse de Goede (Amsterdam), Denzil Wraight (Schönstadt) und Dr. Thomas Synofzik (Köln) als Referenten und Diskussionspartner teil. Ob Musikwissenschaftler, Interpret oder Instrumentenbauer, es trafen die unterschiedlichsten Ansichten und Standpunkte aufeinander, was die Rolle des Cembalo in der Kirchenmusik angeht. Zahlreiche neue Quellenfunde scheinen zu belegen, dass das Cembalo entgegen aller bisherigen Vorstellungen auch bei geistlicher Musik als Generalbassinstrument eingesetzt wurde. Vor allem das Thema, welche Funktion im Falle des Doppelaccompagnements Orgel und Cembalo erfüllten, welche Cembalomodelle bei der Ausführung des Generalbasses eingesetzt wurden, welche Bedeutung zweimanualigen Cembali zukam und ob das Fortepiano als "natürlicher" Nachfolger des Cembalos tatsächlich in nennenswertem Umfang als Generalbassinstrument eingesetzt worden ist, bildeten immer wieder Ansätze zu Widerspruch und unterschiedlichen Schlußfolgerungen.

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Prof. Dr. Christian Ahrens  
bei der Eröffnung des Symposiums  
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  Werkstatt-Konzert mit
  Siegbert Rampe

Die Bücke vom Symposium zu der Konzertreihe des WDR schlug Siegbert Rampe in einem Werkstatt-Konzert, das - ebenfalls neu in diesem Jahr - im großen Konzertsaal des Kulturzentrums und bei freiem Eintritt stattfand. Quasi programmatisch spielte Siegbert Rampe ein Programm, das Beispiele fast sämtlicher wichtiger Stilrichtungen der Cembalomusik aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts enthielt: Von Richard Strauss (Spätromantik) über Duke Ellington (Jazz), György Ligeti (ostinate Klangflächen), Luciano Berio (Cluster), Earle Brown (Aleatorik) bis hin zu Arvo Pärt und Violeta Dinescu. Kontrastierend dazu spielte Siegbert Rampe - den historischen Ursprung der Cembalomusik aufsuchend - Kompositionen von Louis Couperin (1626-1661) und François Couperin (1668-1733), unter anderem auch diejenigen Stücke, die dem Capriccio op. 85 und dem Divertimento op. 86 von Richard Strauss zu Grunde liegen; eine wirklich gelungene Kombination von Alt und Neu!

Dieses Konzert als "Werkstatt-Konzert", und zudem noch als ein "Portrait des Cembalobaus im 20. Jahrhundert" zu titulieren, war allerdings reiner Etikettenschwindel. Zum einen war die Auswahl von nur drei Instrumenten nicht gerade umfassend, und zum anderen wurde mit keinem einzigen Wort zum Beispiel auf die Gegenüberstellung unterschiedlicher Konstruktionstypen oder instrumentenspezifischer Eigenarten eingegangen. Auch zu den einzelnen Kompositionen gab es keinerlei Erklärungen, von welchen Vorstellungen die betreffenden Komponisten sich leiten ließen bzw. welche Auswirkungen die unterschiedlichen Klangspezifika der Cembali auf ihre Musik hatten. Stattdessen folgte völlig unkommentiert eine Komposition der anderen. Gerade bei so einer - auch noch "Werkstattkonzert" betitelten - Veranstaltung hätte man die sich bietenden Möglichkeiten nutzen sollen. Schade!

Vivo o deliro
Wahn, Vision und Wirklichkeit in der Musik
vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert


Die neun Konzerte des Westdeutschen Rundfunks Köln standen in diesem Jahr unter dem programmatischen Motto Vivo o deliro - "Lebe ich oder bin ich schon im Wahn", das auf einen Ausspruch des Dichters Pietro Metastasio zurückgeht, der mit seinen Werken die Epoche der Barockoper wie kein anderer prägte. In seinem Sonett Sogni e favole schrieb Metastasio: «Träume und Geschichten erfinde ich; und während ich Geschichten und Träume dann auf dem Papier zeichne und verziere, nehme ich Narr solchen Anteil daran, dass über von mir erdachtes Leid ich weine und mich empöre».

"Wahn, Vision und Wirklichkeit" ist Stoff der Barockoper, die sich auf ihrer Suche nach Illusion, Zauber und Passion immer wieder auf das wohl bedeutendste Epos der Renaissance bezog, dem 1516 von Ariost veröffentlichten Ritterepos Orlando furioso - ein scheinbar unerschöpflicher Quell so vieler phantastischer Geschichten.

Dem entsprechend bildete der Opern-Hörspiel-Abend unter dem Titel "DI DONNE E CAVALLIER" den thematischen Schwerpunkt des diesjahrigen Festivals. In Form eines Pasticcios kamen Szenen aus fünf Orlando-Opern von Händel (Orlando, Alcina, Ariodante), Vivaldi (Orlando furioso) und Hasse (Ruggiero) zur Aufführung, die mit Ausschnitten aus einer WDR-Hörspielbearbeitung des Orlando furioso von Margereth Obexer kombiniert wurden. Neben diesen Auszügen aus der Hörspielbearbeitung nach Ludovico Ariosts Versepos Orlando furioso erklangen auch noch Lieder von Detlev Glanert (Kompositionen unter Verwendung einer Propriumsmesse von Heinrich Isaac, 1450-1517), mit klarer Stimme und angenehmen Timbre textverständlich und einfühlsam interpretiert von Yosemeh Adjei (Countertenor) und Axel Wolf (Gitarre), die das Thema sowohl inhaltlich wie musikalisch erweiterten.

»Frauen und Ritter, Waffen und Leidenschaften« verheißt Ludovico Ariost zu Beginn seines Versepos Orlando furioso - und die gab es in Herne auch zu sehen. In Kostümen und mit Requisiten (z.B. Schwertern) ausgestattet, versuchte man diese "versunkene" Welt - auch mit Beleuchtungseffekten - ein wenig sichtbar zu machen. Den optischen "Höhepunkt" bildete der große "Märchenstuhl", von dem aus Paul Faßnacht als Dichter Ariost äußerst pathetisch "seine" Geschichte erzählte.

Diese Mischung von Opernausschnitten und Hörspiel konnte aber - auch den Publikumsreaktionen nach zu urteilen - anscheinend niemanden so richtig überzeugen. Das überwiegend musikinteressierte Publikum fand die Texte zu lang, während die Hörspielfreunde wahrscheinlich gerne auf die Musik verzichtet hätten. Diese war zudem nicht besonders erquickend, da weder das Orchestra Barocca Modo Antiquo - unter der immerhin engagierten Leitung von Federico Maria Sardelli - dem bei Festspielen zu erwartenden Niveau genügte, noch Lucia Sciannimanico (Mezzosopran) als Titelheld die nötige Persönlichkeit und Durchschlagskraft mitbrachte, um diesem Projekt Format zu verleihen. Neben Marina de Liso (Mezzosopran) und Luca Dordolo (Tenor) war es vor allem Elisabeth Scholl (Sopran), die mit ihrer herrlichen und ausdrucksvollen Stimme für vokale Höhepunkte sorgte. Das war aber bei weitem zu wenig für einen Abend, der weder "Fisch noch Fleisch" präsentierte.

Dieser neuartige Zugang zur Alten Musik, bzw. zu anderen Genres und Kunstbereichen wie dem Hörspiel und der Literatur stellte sich - zumindest in dieser Qualität - als eine äußerst unbefriedigende Veranstaltung und damit als fehlgeschlagenes Experiment heraus.

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"DI DONNE E CAVALLIER"  
Szenen aus fünf Orlando-Opern  
 
Elisabeth Scholl (Sopran)  
Lucia Sciannimanico (Mezzosopran)  
Marina de Liso (Mezzosopran)  
Luca Dordolo (Tenor)  
 
Orchestra Barocca Modo Antiquo  
Leitung: Federico Maria Sardelli  
 
Yosemeh Adjei (Countertenor)  
Axel Wolf (Gitarre)  
 
Paul Faßnacht (Sprecher)  
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  HABSBURGS SPIEGEL, HABSBURGS TRAUM
  Julo Ascanio, Re d'Alba
  Oper in einem Akt
  (konzertante Aufführung)
  Emilia (Schwester des Euandro): Radu Marian (Sopran)
  Carmenta (deren Mutter): María Cristina Kiehr (Sopran)
  Ascanio (erster König von Alba): Markus Forster (Altus)
  Teucro (Vertrauter Ascanios): Daniel Johannsen (Tenor)
  Euandro (Fürst von Arkadien): Andreas Lebeda (Bass)

Einen wesentlich besseren Eindruck hinterließ die für Kaiser Josef I. von Österreich komponierte Oper Julo Ascanio, Re d'Alba von Johann Joseph Fux (entstanden zum Namenstag des Kaisers Josef I. am 19. März 1708), in deren Text von Pietro Antonio Bernardoni mehr oder weniger verhüllt militärpolitische Begebenheiten im Habsburger Reich reflektiert werden. Die Handlung von Julo Ascanio ist zwar frei erfunden, spiegelt jedoch die aktuellen Situationen und Begebenheiten am Wiener Kaiserhof wider. Diese höfische und politische Wirklichkeit konnte natürlich nicht den offensichtlichen Handlungsrahmen einer Oper abgeben, und so wurde die ganze Geschichte in das phantastische Land Alba verlegt:

Nach einem blutigen Krieg stehen sich Sieger (Ascanio, Markus Forster, mit kraftvollem und markig timbrierten Altus) und Besiegte (Emilia, Radu Marian, mit sehr mädchenhaften Sopran) in Gestalt von zwei verliebten jungen Menschen gegenüber. Erst die Überwindung der Wahnideen von Hass, verletztem Stolz und Rache ermöglicht deren Lebensglück und das ihrer Völker.

Während Daniel Johannsen (mit klarem und gut geführten Tenor) als Teucro (Vertrauter Ascanios) und María Cristina Kiehr (ein Sopran wie ein Edelstein) als Emilias Mutter Carmenta für vokale Glanzlichter sorgten, erwies sich Andreas Lebeda (Bass) in der Partie des Euandro (Fürst von Arkadien) - entsprechend seiner Rolle - als Verlierer und hoffnungslos überfordert.

Das Ensemble Ars Antiqua Austria unter der Leitung des Soloviolinisten Gunar Letzbor sorgte für eine engagierte, differenzierte und lebhafte Interpretation dieses durchaus interessanten Einakters von Johann Joseph Fux.

Auch hierbei handelte es sich um eine "halbszenische", konzertante Aufführung (mit Kostümen, Requisiten und Lichteffekten), die allerdings konzentriert und mit gehobenem Niveau für einen positiven Eindruck sorgte.

Das Eröffnungskonzert bildete einen Höhepunkt der ganz besonderen Art. Unter dem Motto AGUIRRE - »GOTTES ZORN« UND LEBENSLUST spielte das Ensemble Los Otros Instrumentalmusik, deren Wurzeln in Mexiko, der Karibik, Mittelamerika und Spanien lagen.

Auf der Suche nach dem phantastischen Land El Dorado zettelte der spanische Eroberer Don Lope de Aguirre um die Mitte des 16. Jahrhunderts im gesamten Amazonasgebiet eine Revolte gegen die spanische Obrigkeit an. Er bezeichnete sich dabei selbst als »Gottes Zorn« und verkündete kurzerhand das »Freie Königreich Peru«. Rund 200 Jahre später legte ein Namensvetter, aber nicht mit diesem verwandter, Sebastián de Aguirre, in Mexiko eine Sammlung anonymer mittel- und südamerikanischer Instrumentalwerke an, die heute als wichtigstes Zeugnis einer blühenden, eigenständigen südamerikanischen Musikkultur im 18. Jahrhundert gilt.

Durch diese Namensgleichheit zu einem spektakulären Konzerttitel gelangt, präsentierte das Ensemble Los Otros in seiner überaus lebendigen und mitreissenden Art, experimentell und individuell geprägte Interpretationen dieser meist nur fragmentarisch überlieferten Musik, die im Prinzip den Techniken des Jazz entsprechen. Zu Lee Santana (Cister Mejicana, Xaranas, Chitarrone), Hille Perl (Viola da gamba, Diskantgambe, Xaranas) und Steve Player (Tanzpercussion, Xaranas, Barockgitarre), der durch seine Tanzeinlagen und das gleichzeitige Spiel auf zwei Gitarren dem Ganzen noch eine ganz besondere Note verlieh, hatte sich noch Pedro Estevan (Percussion) gesellt, dessen rhythmisch ausgeprägte Begleitung - inklusive ausgiebiger Soli - für zusätzliche Würze und Drive sorgte. Hier begegneten sich nun "Alt" und "Neu" so ungezwungen und unbelastet, dass es die reinste Freude war.

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  AGUIRRE- »GOTTES ZORN« UND LEBENSLUST
  Los Otros:
  Lee Santana (Cister Mejicana, Xaranas, Chitarrone)
  Hille Perl (Viola da gamba, Diskantgambe, Xaranas)
  Steve Player (Tanzpercussion, Xaranas, Barockgitarre)
  Pedro Estevan (Percussion)  

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  LE GRAND ENTHOUSIASME -
  MUSIK FÜR NAPOLEON

  Die Cappella Coloniensis unter der
  musikalischen Leitung von Bruno Weil

Eine andere Form des politisch inspirierten Wahns bescherte das Konzert LE GRAND ENTHOUSIASME - MUSIK FÜR NAPOLEON mit der Cappella Coloniensis unter der musikalischen Leitung von Bruno Weil. Um die Wende zum 19. Jahrhundert erfasste der "grand enthousiasme" - die große Begeisterung für Napoleon Bonaparte und seine politischen Visionen einer erlösten und zur Humanität und Selbstbestimmung erzogenen Menschheit - ganz Europa, unter anderem auch so manchen Komponisten. Etienne Nicolas Méhul (1763-1817) gehörte damals zu den bedeutendsten Komponisten in Frankreich und komponierte neben spezieller "Revolutionsmusik" auch durchaus inspirierte und effektvoll instrumentierte Musik. Seine Sinfonie Nr. 1 g-moll lieferte da einen hörbaren Berweis.

Auch Ludwig van Beethovens hatte seine dritte Sinfonie Es-dur op. 55 ("Eroica") ursprünglich zu Ehren Napoelons komponiert, zerriss jedoch die Widmungsschrift bei der Nachricht von dessen Kaiserkrönung.

Bruno Weil und die Cappella Coloniensis musizierten dieses heroisch geprägte Programm mit gewohnter Spielfreude und transparentem Klang.

Mit VIRTUOSENWAHN - VIRTUOSENSINN war das Konzert von Gottfried von der Goltz (Violine), Thorsten Johann (Cembalo und Orgel) und Lee Santana (Theorbe) überschrieben, die mit einer konzentrierten Packung Violinsonaten von Francesco Maria Veracini, Giuseppe Tartini und Pietro Antonio Locatelli aufwarteten. Dieser Titel war durchaus treffend, wurde doch Francesco Maria Veracini von Zeitgenossen aufgrund seiner Extravaganzen und unkontrollierten Zornausbrüchen mit dem Beinamen »der Wahnsinnige« bedacht. Der Teufelstriller-Geiger Giuseppe Tartini feilte dagegen Zeit seines Lebens an musikalisch-esoterischen Visionen und unterlegte viele seiner Werke mit geheimen Programmen. Der geschäftstüchtige Tourneegeiger Pietro Antonio Locatelli schließlich war nicht nur für seine unglaubliche Arroganz berühmt, sondern auch für sein gezielt provokantes Spiel. Einen kleinen Eindruck dieser verschiedenen Formen des Wahns, zumindest des instrumentalen, konnten die drei Interpreten - mit engagiertem und virtuos ausgerichteten Musizieren - durchaus vermittelten.

Neben dem Kulturzentrum der Stadt Herne war auch die benachbarte Kreuzkiche wieder Veranstaltungsort für zahlreiche Konzerte. Gerade bei Programmen mit religiös ausgerichteten Werken wirkt sich die Akustik und die Athmosphäre in der Kreuzkiche eher positiv auf die Musik und die Interpretationen aus.

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VIRTUOSENWAHN - VIRTUOSENSINN  
Gottfried von der Goltz (Violine)  
Thorsten Johann (Cembalo und Orgel)  
Lee Santana (Theorbe)  
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  VISIONES KAROLI ODER DER KRIEG DER SÄNGER
  Benjamin Bagby und die Ensembles
  Sequentia und Dialogos

Zum Festiv-Motto "Wahn, Vision und Wirklichkeit in der Musik" hatten sich Benjamin Bagby, mit seinem Ensemble Sequentia, und Katarina Livljanic, mit ihrem Ensembl Dialogos, für ein gemeinsam gestaltetes Konzert zusammengefunden. Die beiden Spezialisten auf diesem Gebiet - sowohl was die musikwissenschaftliche Forschungsarbeit, als auch die praktische Ausführung betrifft - stellten unter dem Titel VISIONES KAROLI ODER DER KRIEG DER SÄNGER Werke vor, die aus römischen, gallischen, karolingischen und deutschen Choraltraditionen im Zeitalter Karls des Großen stammten.

Die auch politisch motivierte Vision Karl des Großen, den römischen Choral als alleinige Quelle der liturgischen Musik zu installieren, scheiterte unter anderem auch an der fränkisch-karolingischen Realität. Die höchst unterschiedlichen lokalen Vokaltraditionen wehrten sich vehement gegen eine solche aufoktroierte künstlerische Bevormundung, was zu einer Art der »Krieg der Sänger« führte. Die Beweggründe für diesen spektakulär klingenden Titel und die so große Angriffspunkte liefernden Traditionen, der über Hunderte von Jahren nur mündlich überlieferten Musik, werden sich allerdings nur den wirklich "Eingeweihten" erschließen.

Die musikalische Ausführung durch die beiden Ensembles, die sich vielfach mischten und immer wieder zu neuen Kombinationen zusammenfügten, war jedenfalls sehr beeindruckend und ließ die zum Teil weniger nachvollziehbaren Theorien in den Hintergrund treten. Besonders bewegend waren die sehr lebhaft und ausdrucksvoll gestalteten Gesänge von Benjamin Bagby.

Ganz andere musikalische Welten erschlossen sich einem im Konzert mit dem Ensemble 'La Colombina'. Unter dem Titel ¡ESCORIAL! erklangen vierstimmige Vokalkompositionen und liturgische Gesänge aus dem spanischen Königspalast im 16. Jahrhundert. 'El Escorial', das Schloss des spanischen Königs Philipp II. (1527-1598) war Königspalast, Kloster und Mausoleum in einem, in seinen riesigen Dimensionen und seiner düsteren Gestalt für viele ein zu Granit gewordener Alptraum der Renaissance. Als enger Vertrauter von Philipp II. schuf Fray Martín de Villanueva, der erste namentlich bekannte Komponist in 'El Escorial', vor allem Werke, die sehr genau mit den Vorstellungen des Königs von monarchischem Ritus und sakraler Weltflucht übereinstimmten. Seine Misa de Nuestra Señora, die die äußerst strengen liturgischen Konventionen des Palastes manifestiert, wurde im Programm von 'La Colombina' mit Werken - u.a. von Christóbal de Morales, Tomás Luis de Victoria und Francisco Guerrero - umrahmt, die auch den hohen Rang der polyphonen Kompositionen aus dem Spanien des 16. Jahrunderts hören ließen. Die exquisiten und wohltönenden Stimmen von Raquel Andueza (Sopran), José Hernández Pastor (Altus), Josep Benet (Tenor) und Josep Cabré (Bariton und Leitung) fügten sich wunderbar und harmonisch zusammen und zeugten somit nicht nur von großen und bedeutenden Kompositionen, sondern auch von der hörenswerten Stimmkultur des Ensembles 'La Colombina'.

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¡ESCORIAL!  
Das Ensemble La Colombina  
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  HISTOIRES SACRÉES -
  PROPHETINNEN DER ALTEN SCHRIFT

  Céline Ricci (Sopran) und das
  Ensemble Le Parlement de Musique

Auch im Konzert HISTOIRES SACRÉES - PROPHETINNEN DER ALTEN SCHRIFT mit Kantaten und Sonaten von Elisabeth Jacquet de la Guerre und François Couperin stand eine Singstimme im Mittelpunkt, und zwar in den beiden Cantates françoises von Elisabeth Jacquet de la Guerre - deren Todestag sich 2004 zum 275. Mal jährte - und die von den visionären biblischen Befreiungsheldinnen Esther und Judith handeln. Céline Ricci (Sopran), die ihre herrliche und farbenreiche Stimme zu großem und bewegendem Ausdruck bündeln kann, ließ die Kantaten zu regelrechten musikalischen Dramen werden, die einen wirklich fesseln und berühren konnten. Begleitet wurde sie vom Ensemble 'Le Parlement de Musique', mit Stephanie Pfister (Violine), Roberto Crisafulli (Violine), Martin Bauer (Viola da gamba), Yasunori Imamura (Theorbe) und Aline Zylberajch (Cembalo). Leider stimmte die Ballance zwischen der sehr dominanten 1. Violine und der viel zu zurückhaltenden 2. Violine nicht recht, was vor allem die Sonaten für zwei Violinen und Basso continuo doch nachhaltig beeinträchtigte. Dabei waren die Sonaten von Elisabeth Jacquet de la Guerre wegweisend für die Rezeption des italienischen Stils in Frankreich und können sich im Vergleich zu den fast gleichzeitig komponierten frühen Werken von François Couperin durchaus hören lassen.

Für den absoluten Höhepunkt der diesjährigen TAGE ALTER MUSIK IN HERNE sorgte dagegen ein einzelner Sänger, Kai Wessel, und ein einfühlsam begleitender Cembalist, Egon Mihajlovic. Im einzigen Nachtkonzert des Festivals sorgten diese beiden Künstler in der Solokantate Cassandra (per alto solo) für eine Sternstunde ausdrucksstarker Werkinterpretation. In dem gut einstündigen Werk des venezianischen Komponisten Benedetto Marcello geht es um die trojanische Seherin und Königstochter Kassandra, deren Schicksal es war, dass ihre Prophezeiungen nicht ernst genommen wurden. Diese kompositorisch äußerst außergewöhnlich gestaltete Solokantate erfordert einen Sänger mit einem Stimmumfang von drei Oktaven! Kai Wessel erwies sich hier nicht nur als Stimmakrobat, der scheinbar mühelos aus der Altus-Lage auch die tiefsten Bass-Regionen erreichte, sondern auch als sensibler und anrührender Interpret (was er als "normaler" Altus ja schon immer wieder bewiesen hat (u.a. als Händels Giustino bei den Festspielen 2003 und 204 in Karlsruhe).

Der Text von Antonio Conti, bei dem die 328 Verszeilen in sehr unterschiedlichen Strophenlängen von 2 bis 40 Zeilen aufgeteilt sind und sich nur selten reimen, wurde von Benedetto Marcello ebenso frei in Töne gefasst und sorgt - entgegen der Konvention einer regelmäßigen Abfolge von Rezitativ und Arie - über weite Strecken für einen stetigen Wechsel von rezitativischen und ariosen Abschnitten. Nur ganze 5 Arien sind auch als solche aus der Komposition herausgehoben.

Dieses riesige und ungeheure Emotionen transportierende Werk fordert einem Sänger nicht nur physisch, sondern auch psychisch ein Höchstmaß an Kondition und Gestaltungskraft ab. Kai Wessel war allen Anforderungen vollauf gewachsen und ließ dadurch dieses - zwar klein besetzte, aber an Ausdrucksstärke überwältigende - Werk zu einem einzigartigen dramatischen Erlebnis werden.



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CASSANDRA 
Kai Wessel (Altus und Bass)  
und Egon Mihajlovic (Cembalo)  
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  Kreuzkirche  
Ausblick auf die TAGE ALTER MUSIK IN HERNE 2005

Für die 30. TAGE ALTER MUSIK IN HERNE, die vom 10. bis 13. November 2005 stattfinden werden lautet das Motto der Konzertreihe des WDR "Grenzgänge, Grenzüberschreitungen". Da diese bereits in diesem Jahr ausgiebig stattgefunden haben, darf man gespannt sein, welche Überraschungen Richard Lorber und sein Team dann präsentieren werden. Die Hauptsache ist, dass die alljährlichen großen Anstrengungen seitens der Stadt Herne, ein interessantes und immer sehr spezielles Festival zu präsentieren, nicht durch all zu großen "Öffnungswahn" zunichte gemacht werden und das Festival dadurch sein ausgeprägtes Gesicht - und damit unter Umständen gar seine Daseinsberechtigung - verliert.

Im Zentrum der Musikinstrumenten-Messe der Stadt Herne werden Holz- und Blechblasinstrumente stehen. Das Symposium der Stadt Herne wird sich einem ganz besonderen Instrument der Holzblasinstrumente widmen: "In Liebe zerflossenes Gefühl - Die Klarinette".


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