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Chanson-Varietäten plus X

Perspectives Nouvelles Saarbrücken / Moselle 2003 (II)

6.-14.6.2003

Von Angela Mense



Was hierzulande gemeinhin als Chanson verstanden wird, läuft in Frankreichs Musikbranche längst unter "Variété française". Diesen Begriff ganz plump mit "Unterhaltungsmusik" zu übersetzen, würde der äußerst aktiven französischen Chanson-Szene nicht gerecht. "Vielfalt" und "Mannigfaltigkeit" sind da schon eher angebracht. Diese Vielfalt zu demonstrieren war auch dieses Jahr wieder Ziel der "Perspectives Nouvelles". Sechs Nächte waren Festival-Cracks und –Künstler zum Chill-Out mit französischen Chansonniers und DJs in die Diskothek "Garage" und in die Kongresshalle geladen. Nichts fällt mal wieder schwerer, als das Gehörte in Schubladen zu stecken, es sei denn, man erklärt die Vermischung populärer Musikstile als eine solche. Dennoch boten die sechs Gruppen alles andere als ein immergleiches Einerlei. Schrill und skurill war das Motto, und jeder auf seine Weise abgefahren.

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Las Patatas Espantadas - allzu lustige Mäuse aus Mexiko.

"Las Patadas Espantadas" machen das nicht nur an ihrem Namen fest. "Die erschrockenen Kartoffeln" sind fünf unerschrockene Musiker, deren Konzert eine einzige Fiesta ist. Mit Gitarre, Kontrabass, Akkordeon, Trompete und Schlagzeug spielen sie mal polnische Tanzmusik, mal französische Musette und propfen der Stilmischung höchst eigenartige Arrangements auf. So besteht "Roule" ganz aus Reggae-Rhythmen, während der Lead-Sänger in "L’ascenseur social" zu den gleichen Rhythmen sozialkritische Texte rappt, inklusive Akkzent der arabisch-französischen Vorstadt-Kids. Würde man nicht denken von einer Band, die sich mit Sombreros ablichten lässt und auf ihrer Homepage Kartoffel-Kochbücher empfiehlt.

Vergrößerung Maximum Kouette - ehrliche Rockerladies.

Stilistisches und politisches Aus-der-Reihe-tanzen konnte man auch bei "Le Maximum Kouette" erleben. Mit drei Gitarristinnen und einer körperlich wie künstlerisch sehr präsenten Lead-Sängerin mit dem lyrischen Namen Sister-Moon war Frauenpower angesagt. Die beherrschten mit rockiger Performance die Bühne, während drei Jungs im Hintergrund mit Trompete, Saxophon und Schlagzeug für den richtigen Groove sorgten. Reggae und Ska kamen hauptsächlich dabei heraus. Sister-Moons Stimme schreit mal metallisch – so beim Pausen ankündigenden Dschingel "Maximum Kouette" – mal ist sie zartes, kopfstimmiges Flirren, wie man es vom französischen Independent-Rocker "M" gewohnt ist. Politische Texte klagen die uniformisierende Gesellschaft an ("Machine World"), karrikieren eine liebesunfähige Jet-Set-Bourgeoise aus dem Pariser 7. Arrondissement ("Moi je t’aime pas") und plädieren für freie Liebe ("Oui c’est vrai").

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Le P'tit Jézu - Könige des Rhythmus.

Ein bißchen gemütlicher ging es bei "Le p’tit Jézu" zu, die auch schon letztes Jahr bei Perspectives Nouvelles dabei waren. Samtig haucht Lead-Sänger Piero Moioli nicht weniger politisierende Verse aus. Gesellschaftliche Anforderung bei gleichzeitiger Ausgrenzung werden rebellisch verpackt ("Tourner") oder auch hinter niedlichen Symbolen versteckt: Bei "Les Parasites" gröhlt der Zuhörer den eingängigen Refrain über saugende Flöhe mit, ohne sich bewusst zu werden, dass es um Sozialhilfeempfänger geht. Vielleicht liegt es auch an dem interessanten Eigenleben der Musik: In plüschige Gemütlichkeit verpackter Folk-Pop ruft ein Das-Leben-ist-schön-Gefühl hervor. Den Schlager-Grundsatz "Je einfacher, desto eingängiger" wirft Le P’tit Jézu dabei schlicht über den Haufen. Gleich zwei Percussionisten (Hervé Rouyer und Alex "Petit Scarabée" an den Bongos) bauen komplexe Rhythmik-Gerüste auf. Elektronenorgel, Harmonika (Gaël le Billan) Querflöte und Sopran-Saxophon (Sacha Meintzner) verbinden das Ganze zu einer Sinfonie aus Reggae, Swing, Dixie, Blues, Rock und Bossa Nova.

Vergrößerung Les Martine - im Eimer steckt immer ein kluger Chansonnier.

Dem guten, alten Chanson kommen gleich zwei Bands erheblich nahe: Les Martine und Les Blaireaux. Bei Les Martine dient alles einem Text, der dem Motto "L’homme est un etre fantastique" nachkommt: Kleine, nette Geschichten, die die Banalität des Alltags mit Poesie und Wortspiel in den Mittelpunkt kurzer Balladen rückt. Lead-Sänger und Autor Jean-Michel Taliercio trägt sie mit Thomas-Fersen-Bass vor. Dabei tritt er – ganz Chanson-Entertainer à la Montand – mit ausladend-expressiver Rampen-Gestik auf, die nie aufdringlich wirkt. Michel Taiebs Kompositionen und Arrangements richten sich ganz nach der Dramaturgie der Texte, so dass Wort- und Musikvortrag zu einer einzigen Rezitation verschmelzen. Dazu reichen Akkustik-Gitarre oder E-Bass (Michel Taieb), Schlagzeug (Gonzola Campo) und das unerlässliche Knopf-Akkordeon (wunderbar expressiv: Alexandre Leitao). Puristisch aber dennoch nicht altbacken, was nicht zuletzt der Einsatz einer "Multimedia-Show" bewies. Die Band ließ sich per Videoübertragung von 50 Frauen ankündigen; der skurille Kurzfilm "Otototéyo" à la "Delicatessen" lockerte die Atmosphäre mit einer Liebesgeschichte, die im Supermarkt beginnt und im Supermarkt endet.

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Mes souliers sont rouges - Folk bis zum Hals.

Die vier Bandmitglieder von "Les Blaireaux" – französisches Schimpfwort, mit dem die Jungs sich schon in der Schule liebkost haben – können nicht nur singen; sie machen eine regelrechte kabarettistische Performance. Unterstützt von drei Gitarren, einem Schlagzeug mit Trommelklöppeln, Kastagnetten, Fingerhut, Waschbrett – und perfekten Deutsch-Kenntnissen. Musikalisch pures Chanson, sind die Texte mit deutschen Vokabeln durchsetzt, wie z.B. das Lied "Berlin", in dem der Erzähler sich eine Liebesgeschichte mit der Nachwende-Hauptstadt imaginiert. "Les souffrances du jeune Günther" beschreibt die Schwäche eines Ost-Berliners für südländische Schönheiten, der immer nur Berlinerinnen trifft. Nach "Marienbad" und "Göttingen" der melancholischen Diva Barbara das unbefangene Geständnis einer neuen Germanophilen-Generation, die ihre Erasmus-Erfahrungen lyrisch verbrät.

Allzu Folk-lastige Nummern brachte "Mes souliers sont rouges" mit in die Kongresshalle. Dennoch ein interessantes Konzept, québecische Volksmusik mit neuen französischen Sounds zu verbinden. So gehören Banjo, Mandoline, Fidel, Kontrabass und die Füße Francois Boros’ zum unerlässlichen Instrumentarium. Boros hat in Québec die sogenannte Podorhythmie gelernt: Jetzt schlägt er mit seinen rotbeschuhten Füßen auf hölzernem Untergrund Galopp-Rhythmen, dem nord-amerikanischen Holzschuh-Tanz nachempfunden. Tanzen ist denn auch die einzige Möglichkeit, das wenig variierende, aber bewegungsfreundliche Gedudel zwei Stunden am Stück auszuhalten. Darüber hinaus war die Gruppe sehr darum bemüht, die träge an den Bistrotischen sitzende Menge mit endlosen Unterhaltungsspielchen wachzuküssen. Vielleicht mutete ihre Mission – "Steh auf und tanze!" – auch deswegen leicht überheblich an, als die Musiker ihr Publikum zu Anfang mit dramatisch aufgeblasenen Arrangements auf die mystische Dimension ihrer Musik einstimmen wollten. Die Bühne versank im steten Nebel, die Stimmen im Hall der Mikros. Schade um die ohne Zweifel hochbegabten Musiker, die ihr Können in souverän intonierten A-Cappella-Trinkliedern bewiesen. Für den treuen Festival-Club-Besucher müsste dieser letzte Abend jedoch zu verschmerzen gewesen sein.



Einen weitere OMM-Besprechung
zum Festival Perspectives Nouvelles 2003
finden Sie hier:
Mehr als "einfach nur Ballett" -
Perspectives Nouvelles Saarbrücken / Moselle 2003 (I)




Da capo al Fine

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