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The woman who walked into doors

Oper für Sopran, Schauspielerin und Videoleinwand
Text von Guy Cassiers und Kris Defoort
nach dem gleichnamigen Roman von Roddy Doyle
Musik von Kris Defoort


In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Premiere in der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord
am 6. September 2003

Logo: RUHRtriennale

RUHRtriennale
(Homepage)

Multimediale Innenansichten

Von Stefan Schmöe / Fotos von Hermann Sorgeloos (Farbe) und Patrick De Spiegelaere (sw)


Der Landschaftspark Duisburg-Nord ist inszenierte Hässlichkeit. Andere Industriedenkmäler der Region sind von Überwältigt in Essen-Zollverein die strenge Schönheit der Architektur oder im Inneren des Gasometers Oberhausen die beinahe kathedralenartige Atmosphäre, so ragen im Duisburger Norden die verbliebenen Hochöfen wie riesige Monster aus der verbrauchten Landschaft heraus. Nachts, zumindest an Wochenenden, werden sie in poppigen Farben angestrahlt, um postmodern den Strukturwandel zu feiern. Kommt man als Tagestourist hierhin, so erscheint diese gigantische Industrieruine surreal fremd, wie ein Relikt aus lange vergangenen Zeiten. Von der obersten Plattform des Hochofen 5 sieht man das Ausmaß der Zerstörung, die die Montanindustrie dieser Landschaft angetan hat.

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Paula ist Alkoholikerin, ...

Es liegt nahe, in diesem Ambiente bei einer Oper über eine Frau aus den Arbeitervierteln von Dublin eine Parallele zur Industriestadt Duisburg, seit den Schimanski-Krimis so etwas wie die sympathische Schmuddelecke des Ruhrpotts, zu ziehen. The woman who walkes into doors ist die Selbstreflexion einer Frau, die bei der Nachricht vom Tod ihres Mannes die Gewalttätigkeiten und Misshandlungen reflektiert, die sie in 18 Jahren Ehe ertragen hat; eine Geschichte vom unteren Ende der sozialen Skala. Auf die Frage, wie es zu ihren Verletzungen gekommen sei, antwortet sie: I walked into doors - ich bin gegen Türen gelaufen. Vielleicht hätte sich das so ähnlich auch in einem Duisburger Vorort zutragen können, aber zum Glück drängt sich diese Assoziation, die den Stoff wohl unweigerlich verkitscht hätte, nicht auf. Der Aufführungsort, die zum Konzertsaal umfunktionierte Gebläsehalle des ehemaligen Hüttenwerks, ist zu unwirklich, und das Ambiente, in dem man zwischen kühlen Stahl-Glas-Konstruktionen und marodem Mauerwerk bei durchdesignter Beleuchtung Sekt schlürft, erweist sich aus einem ganz anderen Grund als geeigneter Aufführungsort: Weit ab des normalen Theaterbetriebs ist hier die Umsetzung einer Multi-Media-Oper „für Sopran, Schauspielerin und Videoleinwand“ ideal möglich.

The woman who walkes into doors ist nach einem Roman des irischen Schriftstellers Roddy Doyle entstanden. Einzige Akteurin auf der Bühne ist die Frau, Paula Spencer, diese wird allerdings gedoppelt durch eine Schauspielerin (Jacqueline Blom) und eine Sängerin (Claron McFadden) dargestellt. Alle anderen Personen erscheinen nicht real, sondern angedeutet über die Videoleinwand, oft nur als Namenszug, dem der Text wie Sprechblasen entspringt. Die Bilder dazu sind meist unscharf oder bewusst uneindeutig; von Paulas Geschwistern etwa werden lediglich Kinderaufnahmen in der Badewanne gezeigt. Die Videosequenzen haben dadurch etwas Comichaftes, was den tragischen Grundkonflikt (und jeden Anflug von Pathos) bricht. Gleichzeitig wird durch den Verzicht auf weitere Personen die Perspektive untermauert; der subjektiven Blickwinkel Paulas klar gegen die Außenwelt abgegrenzt. Im Gegensatz zu anderen Ein-Personen-Stücken sind mit der Videowand aber durchaus Dialoge möglich, wenn auch gesprochener bzw. gesungener Text gegen geschriebenen steht. Die Leinwand mit der Videoprojektion ist somit nicht nur (das einzige) Bühnenbildelement, sondern auch Akteur.

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... wurde von ihrem Mann Charles, genannt Charlo, 17 Jahre lang misshandelt, ...

Die Dopplung der Paula macht das Gebrochene der Figur deutlich, nicht im Sinne von Schizophrenie, sondern um die unterschiedlichen Facetten, das Nebeneinander verschiedener emotionaler Zustände hervorzuheben. Phasenweise sind der Schauspielerin die rational-berechnenden, Fakten aufzählenden Momente zugeordnet, der Sängerin die Gefühle und Emotionen. Beide Ebenen vermischen sich aber, verschmelzen zeitweise sogar (auf der Leinwand durch Überblendung der beiden Darstellerinnen visualisiert). Während der Gesang den Stoff operntheatralisch erhöht, holen die nüchtern gesprochenen Passagen ihn auf den Boden der banalen Tatsachen zurück, und in Verbindung mit den nur geschriebenen, auf die Leinwand projizierten Passagen entsteht ein spannender Schwebezustand. Die Vielzahl der Mittel wird wirkt nie beliebig oder als Selbstzweck, sondern wie ein Puzzle, das hochkonzentriert in 90 Minuten ein keineswegs widerspruchsfreies, aber eben deshalb glaubwürdiges Bild zeichnet. Die Inszenierung ist dabei stärker als bei anderen Opern Teil des Kunstwerks; mag man den Tristan als autonomes Kunstwerk gelöst von der Bühne auf einer CD genießen können (oder im Extremfall allein anhand der Partitur entschlüsseln), so benötigt The woman who walkes into doors die Bühnenpräsenz, die Leinwand als zusätzliche Dimension, um existieren zu können Romantisch gesprochen ist hier ein "Gesamtkunstwerk" entstanden, das weitaus schlüssiger erscheint als die meisten anderen Produkte des zeitgenössischen Musiktheaters. (Um eine Uraufführung, wie auf dem Programmheft aufgedruckt, handelt es sich allerdings nicht: Das Stück wurde bereits vor zwei Jahren in Belgien aufgeführt.)

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... den sie einst heiratete, weil er so cool war und sie nicht länger als slut, als Schlampe gelten wollte.

Der 1959 geborene Komponist Kris Defoort hat eine Musik geschrieben, die sich zwischen scharf dissonanten Klangflächen und sehr frei gehaltenen Jazz-Passagen bewegt. Äußerlich zeigt sich das in der Gegenüberstellung eines Jazz-Ensembles und eines klein besetzten Symphonieorchesters, aber auch hier verschmelzen die Sphären. Die Übergänge sind fließend, und ist der improvisatorisch freie Jazz Ausdruck des Vergänglichen, kaum des Notierens würdigen, so manifestiert sich in den symphonischen Abschnitten der Anspruch der großen Oper. Defoort passt seinen Stil biegsam dem Text an, aber die Musik entwickelt in dieser stilistischen Vielfalt durchaus Eigenständigkeit. Dabei greift die Musik auch auf den gesprochenen Text über, und selbst die (tonlosen) Videobilder wirken rhythmisiert und spiegeln sozusagen die Klänge zurück. Diese Vielschichtigkeit entspricht der Auffächerung des Charakters der Frau.

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Irgendwann hat sie Charlo rausgeschmissen. Ein Jahr später hat er eine Frau ermordet und wurde anschließend von der Polizei erschossen: Anlass für Paula, sich eine Oper lang an ihre Vergangenheit zu erinnern.

Exzellent geht die Sängerin Claron McFadden mit diesen enormen Anforderungen um. Die Jazz-Abschnitte bewältigt sie ebenso sicher wie perfekt intonierte, zerklüftete und expressive Gesangslinien. Nicht minder eindrucksvoll agiert die Schauspielerin Jacqueline Blom (die englischen Texte werden per Übertitel übersetzt). Die Beethoven Academie Antwerpen und das Ensemble Dreamtime (das 1998 von Defoort gegründet wurde) leuchten unter der souveränen Leitung von Patrick Davin das ganze Spektrum von scharfen Klangballungen bis zum sanften Saxophonsound aus, sind trotz der unterschiedlichen Aufgaben bestens aufeinander abgestimmt. Die Perfektion, mit der das ja auch bühnentechnisch schwierige Werk aufgeführt wird, dämpft keineswegs die Expressivität der Musik.


FAZIT

Zum Glück kein Sozialdrama mit Lokalbezug: Exzellente Aufführung eines starken Stückes in für Opernbesucher ungewohntem, in seiner Fremdartigkeit aber bestens geeigneten Ambiente. Damit setzt die Ruhrtriennale einen markanten Akzent für das zeitgenössische Musiktheater.

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Patrick Davin

Inszenierung
Guy Cassiers

Bühne und Konzept
Marc Warning

Video
Peter Missotten
Kurt D`Haeseleer
(De Filmfabriek)

Textgrafiken
Wies Hermans
(De Filmfabriek)

Kostüme
Valentine Kempynck

Licht
Enrico Bagnoli



Beethoven Academie, Antwerpen
Ensemble Dreamtime


Solisten

Gesang
Claron McFadden

Schauspiel
Jacqueline Blom


In Zusammenarbeit mit:
Het muziek Lod, Gent
ro theater, Rotterdam

Ko-Produktion der RuhrTriennale mit:
de Singel, Antwerpen
de Rotterdamse Schouwburg
La Monnaie / De Munt, Brüssel
Beethoven Academie, Antwerpen


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
RuhrTriennale
(Homepage)




Da capo al Fine

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