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Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
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Die unerträglich schöne Gegenwart des GöttlichenVon Stefan Schmöe / vom Fotografen haben wir bisher leider kein Einverständnis zur Veröffentlichung von Bildern erhalten
Gott blendet uns durch die Überfülle an Wahrheit. Die Musik trägt uns zu Gott durch den Mangel an Wahrheit. Du sprichst durch die Musik zu Gott: Er wird dir durch die Musik antworten. (Der Engel, Saint Francois d'Assise, 5. Bild) In Saint Francois d'Assise ist Olivier Messiaens Lebenswerk zusammengefasst, der Gedanke, sich mit Musik der Idee des Göttlichen anzunähern, in einem mehr als vierstündigen Werk konzentriert. Mehr und mehr verfestigt sich der Eindruck, dass dieses riesige, nicht eben leicht zugängliche Werk zu den ganz großen Wundern der Musikgeschichte gehört. Aufführungen in Salzburg, Leipzig, Berlin und jetzt in Bochum unterstreichen dies, auch wenn der exorbitant hohen Anforderungen der Partitur jede Aufführung zum Kraftakt machen. Jetzt ist der volkstümliche Heilige also in der Bochumer Jahrhunderthalle angekommen, einem riesigen Industriesaal vom Beginn des 20. Jahrhunderts, der Kirchenarchitektur aufgreift: Eine Kathedrale des Industriezeitalters. Aufgegriffen und verstärkt wird dieser Aspekt, indem an den Pulten von Chor und Orchester sowie längs der umlaufenden Galerie (elektrische) Kerzen angebracht sind, die den Saal in eine sakrale Atmosphäre tauchen. Der Raum wird Teil der Inszenierung, selbst die äußere Umgebung spielt mit: Scheint zu Beginn der Aufführung noch die langsam nieder steigende Sonne in den Saal, so gewinnt in reziproker Bewegung mehr und mehr die innere Beleuchtung die Oberhand, parallel zur Entwicklung des Franziskus, dessen äußerlicher Abstieg zum Tod hin entgegen dem innerlichen schrittweisen Gewinn göttlicher Gnade verläuft. Selten hat ein Spielraum derart suggestive Bedeutung gewonnen wie in dieser Produktion, die gemäß ihrem Thema in großen Bildern auf die mehr oratorisch als dramatisch angelegte Musik reagiert. Beherrschendes Bühnenelement ist eine schräg gestellte Kuppel, konzipiert von Ilya Kabakov. Die gewaltige Konstruktion greift in ihrer angedeuteten Glas-Stahl-Konstruktion wiederum profane (Industrie-)Architektur auf. Wirkt sie bei Tageslicht wuchtig und schwer, so scheint sie bei zunehmender Dunkelheit zu schweben. Von hinten beleuchtet greift sie die Farbvorstellungen auf, die Messiaen mit Klängen und Akkorden verband, leuchtet wie die Rosette einer Kathedrale, wie eine Sonne. Die Farben werden langsam, fast unmerklich verändert: Zu Franziskus' Tod strahlt sie weiß, Vereinigung aller Farben und Symbol der göttlichen Gnade. Gegenüber diesem vieldeutigen Symbol sind alle anderen Elemente zurückgenommen. Statt auf einer Bühne agieren die Personen auf einem schmalen Steg, der erhöht um Orchester und Chor herumläuft. Requisiten gibt es kaum, ein paar Bücher nur. Eine riesige Volière mit weißen Tauben (die an leisen Stellen gerne gurren) vervollständigt die Bühne. Francois und die Mönche sind in Kutten gehüllt, der Engel erscheint in leicht cremfarbenem Kleid mit hohen Flügeln. Der Aussätzige, ebenfalls in (leicht schmutzigem Weiß), zieht als Zeichen seiner Krankheit ein in schwarze Tücher gehüllte Person hinter sich her (die sich nach der Heilung von ihm löst). Die ohnehin spärlichen szenischen Vorgänge sind zurückhaltend inszeniert (szenische Gestaltung: Giuseppe Frigini), fast nebensächlich: Die entscheidenden Dinge verlaufen auf anderer Ebene. So ist die Bebilderung knapp, aber sehr konzentriert. Die vorrangige Rolle gehört der Musik. Bewundernswert ist der Farbreichtum, den das Orchester des SWR entwickelt. Nie dick oder massiv lebt der Klang. Cambreling betont das Flächige der Partitur, in der die Leitmotive oft wie Farbnuancen erscheinen. Auch mit dem exzellenten Chor (ein Zusammenschluss von WDR Rundfunkchor und Danish National Choir) vermag er zu zaubern, die Mittelstimmen hervorzuheben, ohne an Brillanz in der Höhe einzubüßen. José van Dam hat 1982 die Uraufführung des St. Francois gesungen und auch 1992 in Salzburg die Titelfigur verkörpert, ist also der Franziskus schlechthin. Mit seiner sonoren Stimme gestaltet er die Rolle sehr ruhig, fast meditativ. Mit berückendem Pianissimo singt Heidi Grant Murphy den Engel, perfekt in der Intonation auch in den heiklen, von den synthetischen Klängen der Ondes Martinot begleiteten Passagen. Dramatische Akzente setzt der kernige Kenneth Riegel als Aussätziger. Ohne Fehl und Tadel singen auch die Brüder und Gefährten des Franziskus. Von einer Sternstunde des Musiktheaters zu sprechen ist dem besonderen Charakter des Werkes vielleicht nicht angemessen; die musikalische Wahrhaftigkeit, die der Engel (im Anfangs aufgeführten Zitat) abstreitet, sie nimmt hier in überwältigender Form Gestalt an. Nicht erst im weißen Rauschen des Schlussklangs vermittelt die Aufführung eine Idee von Musik, die, ob man sie theologisch interpretiert oder nicht, jeden herkömmlichen Kunstbegriff sprengt.
Ganz im Geiste Messiaens: Eine Aufführung von schier unerträglicher Schönheit. |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Installation
Szenische Gestaltung
Kostüme
Licht
Solisten Saint Francois
L'Ange (Engel)
La Lepreux (Der Aussätzige)
Frère Léon
Frère Massée
Frère Elie
Frère Bernhard
Frère Sylvestre
Frère Rufin
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- Fine -