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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Schachspiel mit nettem FrauenheldVon Stefan Schmöe / Fotos von Ruth Walz
Zur höheren kulturellen Weihe des Ruhrgebiets gibt es ein neues Festival: Die Ruhr-Triennale. Nicht, dass es an Ruhr und Emscher bisher an Kultur gefehlt hätte; im täglichen Überlebenskampf gegen Bürokratie, Sparzwänge und abstruse Entscheidungen der Lokalpolitiker (und meist unter Missachtung jeglicher denkbarer Synergieeffekkte) behaupten sich Theater und Orchester der Region durchaus beachtlich, und hin und wieder, etwa an guten Tagen in der Aalto-Oper, gibt es sogar Spitzenleistungen von mindestens deutschlandweitem Rang. Allein, um den internationalen Ruf des Ruhrgebiets als musikalische Kulturoase steht es ungeachtet dieser Leistungen vergleichsweise bescheiden, und da soll die Ruhr-Triennale für Besserung sorgen mit dem Intendanten Gerard Mortier als Hoffnungsträger und einem überaus ambitionierten und Gattungsgrenzen überschreitendem Programm aus Schauspiel, Tanz, Konzert und Oper, gespielt meist in umgenutzten Industriehallen. Mozarts Don Giovanni, als einzige echte Oper der Herbstsaison 2002 (es gibt szenische Einrichtungen etwa der Winterreise,, aber keine andere Opernproduktion) nimmt in diesem Programm eine inmitten weitaus gewagterer Zusammenstellung auch konservative - Schlüsselposition ein und ging im Beisein der Politprominenz im edlen Ambiente des Ruhrfestspielhauses Recklinghausen über die Bühne. Gleich drei Häuser, zwar nicht im Ruhrgebiet, aber in der unmittelbaren Umgebung, haben Mozarts Meisterwerk n der vorigen Saison neuinszeniert: Wuppertal und Mönchengladbach mit eher mäßigem Erfolg, Köln zuletzt streitbar spektakulär. Dagegen muss sich eine Festspielinszenierung, wenn sie sich nicht ausschließlich an weitgereiste Festspieltouristen wendet, erst einmal behaupten. Zumindest gegen die musikalisch grandiose Kölner Aufführung kann sie das nicht: Das gute und in sich homogene, aber keineswegs überragende junge Sängerensemble schlägt sich wacker, kann aber ganz große Erwartungen (noch) nicht erfüllen. Beachtlich singt vor allem Maria Bayo als Donna Anna, mit vollem und expressivem, dabei aber immer beweglichem Ton, und auch der schlanke und unprätentiös geführte Tenor von Toby Spence (Ottavio) zeigt enormes Entwicklungspotenzial. José Fardilha ist ein (stimmlich) sauberer und eleganter Leporello, dem aber die dunklen Seiten fehlen was noch stärker auf den Don Giovanni von Stéphane Degout zutrifft. Der Masetto ist mit Markus Butter eine Spur zu leicht besetzt; Catherine Naglestad (Donna Elvira) und Maria Fontosh (Zerlina) singen akzeptabel, ohne dass man sich ihrer lange erinnern würde. Dass der Commendatore von Anatolij Kotscherga recht blass blieb, mag an der akustisch ungünstigen Position des Sängers gelegen haben. Vielleicht liegt es aber auch am Dirigat von Hans Zender, dass dieser Don Giovanni trotz der bei aller Einzelkritik beachtlichen Ensembleleistung nicht recht voran kommt. Zwar hat Zender gründlich mit dem Mahler Chamber Orchestra gearbeitet, und jede Phrase ist sorgfältig durchgestaltet; es gelingen sogar Momente von berückender Schönheit. Aber in der Summe liegt eine etwas unterkühlte Perfektion über der Interpretation, die oft einstudiert, aber nicht dramatisch nachempfunden klingt und den Notentext geradezu, wenn auch auf hohem Niveau, buchstabiert. Im Detail ist schwer etwas auszusetzen, aber im Gesamteindruck fehlt ein Moment der Unbestimmtheit, den diese Musik zur vollen Entfaltung benötigt. Dem gegenüber steht allerdings ein transparenter, (manchmal auch zu) leichter und die Sänger nie zudeckender Orchesterklang. Glänzend sind die jungen und spielfreudigen Sänger im Hinblick auf die szenische Realisation ausgewählt. Regisseur Klaus Michael Grüber deutet die Geschichte nur vage an, legt sich nicht eindeutig auf eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Ort fest. Bühnenbildner Eduardo Arroyo bebildert die ansonsten leere Bühne mit in jeder Szene wechselnden überdimensionalen, zur Abstraktion neigenden Symbolen für das alte und neue Spanien (wo die Oper spielt): Ein riesiges Wappen, ein Löwenkopf, ein Flutlichtmast hinter einer brüchigen Mauer, ein riesiger Tisch mit ebenso riesigem Stuhl (auf dem Don Giovanni geradezu zum Zwerg wird). Der Titelheld, Typ "netter Schwiegersohn", erscheint als spanischer Edelmann der alten Schule (Kostüme: Rudy Sabounghi), Ottavio mit Halskrause als Verkörperung der traditionellen Moral; Leporello dagegen ist ein sehr heutiger Hilfsarbeiter. Anna und Elvira wechseln gelegentlich die Positionen: mal dem Alten verbunden, mal dem Neuen zugetan. So entwickelt sich ein zeitloses, in der Interpretation relativ offenes Spiel mit Beobachter: Ein älterer Herr schleicht rätselhaft im Bühnenhintergrund herum und setzt das mozartsche Personal beständig seinem voyeuristischen Blick aus. Nach Giovannis Höllenfahrt mit viel Bühnenfeuerzauber öffnet Leporello eine Flasche Champagner: Verführer tot, alles gut. Am Ende wird der anti-illusionistische Zug von Grübers Inszenierung noch einmal besonders deutlich, wenn alle Requisiten der letzten drei Stunden munter über die Bühne geschoben werden. Don Giovanni wird hier zur streng analytischen, antiromantischen Studie über Verführung. Wie Schachfiguren werden die Protagonisten auf der Bühne verschoben, ohne dass sie Eigenleben entfalten können, und werden zwischen den Bühnenelementen beinahe zermalmt. In der unterkühlten Perfektion der Personenregie, durchaus ein Pendant zu Zenders Dirigat und insofern stimmig, drückt sich der betont artifizielle und beinahe choreographische Gestaltungswille Grübers aus, am schönsten wohl in der Eingangsszene zwischen Giovanni und Anna, ein Pas de deux mit Zweikampfcharakter. Die Akzentverschiebung hin zur ästhetischen Dimension verhindert eine falsche Eindeutigkeit und überlässt dem Betrachter die Interpretation. Aber mit der großen Geste, mit der Grüber das Werk dem Triennalepublikum hinwirft, verwischt er auch die Konturen. Gewollte Unbestimmtheit tendiert da bedenklich zur Austauschbarkeit und Beliebigkeit. Ein paar kurze, aber heftige Buhs wie auf Bestellung und deutlich überwiegende Zustimmung mögen zwar ein akzeptabler Ertrag sein, täuschen aber nicht darüber hinweg, dass David Aldens Kölner Inszenierung (gegen die sich zweifelsohne sehr viel mehr einwenden lässt) die ungleich aufregendere ist.
Grübers Inszenierung ist hinreichend feierlich, rätselhaft und offen, intellektuell wie ästhetisch anspruchsvoll, maßvoll provokativ und bei alledem handwerklich souverän, kurz: eine geradezu ideale Festspielinszenierung, die für jeden etwas bereit hält und dadurch recht glatt und austauschbar erscheint. Musikalisch unaufregend solide. |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Choreinstudierung
Bühne
Kostüme
Licht
SolistenDon GiovanniStéphane Degout
Donna Anna
Don Ottavio
Komtur
Donna Elvira
Leporello
Masetto
Zerlina
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- Fine -