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Schreckensvisionen ohne Ende
Von Gerhard Menzel
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Fotos von Jochen Klenk
Nach dem großen Erfolg mit dem Pasticcio von Jean-Claude Malgoire (musikalische Leitung) und Jean Louis Martinoty (Regie) im Händel-Jahr 1985, brachte das Badische Staatstheater Karlsruhe zu den diesjährigen Händel-Festspielen mit Die Plagen zum zweiten Mal ein Werk heraus, das auf dem reichhaltigen Schaffen Georg Friedrich Händels basiert und von Sven Severin - dessen Inszenierung von Alessandro Scarlattis "komische" Oper Il trionfo dell`onore" / Triumph der Ehre die letzen drei Jahre das Publikum der Händel-Festspiele zu Begeisterungsstürmen hinriss - zu einem neuen Stück mit neuer, "nichtbarocker" Handlung zusammengestellt wurde.
Foto links:Die Sklavin Miriam (Romelia Lichtenstein), drängt sich in die Rolle der verstorbenen Königin Alceste und treibt auch mit dem Tod (Charlotte Bell, Aki Kato, Katelijne Philips-Lebon, Jean-Marc Lebon) ihr Spiel.
König Erode ist krank und wähnt sich dem Tod nahe. Retten könne ihn nur ein naher Verwandter, der für ihn zu sterben bereit sei. Seine Gemahlin Alceste opfert sich für ihn aus Liebe. Sie trinkt einen Giftbecher und macht sich auf den Weg in die Unterwelt.
In der realen Welt erscheint Alceste ihrem Gatten Erode und warnt ihn vor der furchtbaren Zukunft. Dieser, in seinem Wahn, hält sie aber für ein irritierendes Trugbild. Miriam lässt ihre Nebenbuhlerin durch die Kleriker augenblicklich als Hexe verurteilen und verbrennen. Damit ist ihre Mission gescheitert, und der zuvor geschaute Weg in die Zukunft wird wohl oder übel stattfinden...
Für diese düstere Drama wählte Sven Severin Rezitative, Arien und Chöre aus 12 selten zu hörenden Werken Händels (Opern, Oratorien, Kantaten) aus, wobei er die Texte der Stücke weitgehend beibehielt. Nur an einigen Stellen wurde der Text aus dramaturgischen Gründen verändert oder angepasst (z. B. wurde im Chor des Dixit Dominus das "Dixit" auch zu "Hexe"). Das dadurch resultierende ungeheure Sprachengemisch, das ständig zwischen italienischer, deutscher, englischer und lateinischer Sprache wechselt, knüpft allerdings an eine Tradition an, die zur Zeit der Hamburger Gänsemarktoper (um 1700) en vouge war. Zudem waren die Stücke so montiert, dass die Rezitative meist deutsch, die "höfischen" bzw. "königlichen" Passagen italienisch, die "kriegerischen" und "höllischen" Stücke englisch, und die "klerikalen" Verlautbarungen lateinisch gesungen wurden. Wenn man bereit war, sich auf dieses Pasticcio-Abenteuer einzulassen, konnte man einen durchaus spannenden Opernabend erleben. Dabei erwies sich die Auswahl von meist unbekannten Stücken als äußerst geschickt. So wurde der Wiedererkennungseffekt und die dann damit verknüpften Konnotationen an ein Werk weitestgehend vermieden, sodass man von der Handlung nicht abgelenkt wurde.
Foto links:Miriam (Romelia Lichtenstein) geht über Leichen und triumphiert über Leben und Tod
Die Inszenierung von Sven Severin in den dunklen, "schaurig-atmosphärischen" Bühnenbildern von Helmut Stürmer und mit den ebenfalls Zeitlosigkeit anmahnenden (da durch alle geschichtlichen Epochen reichenden) Kostüme von Götz Lanzelot Fischer steuerte zielstrebig auf ein resignierendes Finale hin, das durch das von Netta Or (Alceste) und Romelia Lichtenstein (Miriam) berückend schön gesungene Duett "De torrente in via bibet, propterea exaltabit caput" (Am Weg, aus dem Wildbach, stillt Er den Durst und erhebt aufs neue Sein Haupt) aus dem Dixit Dominus seinen "stillen" Höhepunkt hatte. Eine beeindruckende Schlussszene mit der Diskrepanz zwischen Bild und Ton: Alceste wird durch das aufgehetzte Volk zum Scheiterhaufen geschleift, während die "himmlische", Hoffnung verheißende Musik leise verklingt.
Foto rechts:Alceste (Netta Or) wird von Miriam (Romelia Lichtenstein) und den aufgehetzten Klerikern zum Tod verurteilt.
Musikalisch profitierte diese Produktion vor allem von Andreas Spering, der die Badische Staatskapelle zu inspirierendem und differenzierten Spiel animierte. Außerdem nahm er sich neben Carl Robert Helg auch der Einstudierung der Chöre an, die sich in ihren umfangreichen Partien in guter Verfassung präsentierten. Hervorragendes war auch von den Solisten zu hören: die dunkel-samtige und raumgreifende Stimme von Ewa Wolak als kranker und charakterschwacher König Erode (sie hatte sich zu Beginn der Proben tatsächlich das Bein gebrochen und musste mit einer Krücke spielen), Netta Or mit leuchtend strahlendem Sopran als liebende und aufopferungsvolle Königin Alceste und vor allem Romelia Lichtenstein als größenwahnsinnige Sklavin Miriam, die zu einem kriegslüsternden Monster mutierte und dazu ihre stupende Technik und alle Farben ihrer nuancenreichen Stimme einsetzte. Edward Gauntt (Luzifer) und Klaus Schneider (Azariel) als Unheil heraufbeschwörende Engel komplettierten das auch darstellerisch überzeugende Ensemble. Eine lautlose Bereicherung der Szene und handlungstragendes Element war der allgegenwärtige Tod, der in der Choreographie von Olaf Schmidt von fünf Tänzern bzw. Tänzerinnen (Charlotte Bell, Aki Kato, Katelijne Philips-Lebon, Jean-Marc Lebon und Olaf Schmidt) dargestellt wurde.
Dieses düstere "Zwitterstück" ist zwar nicht jedermanns Geschmack, aber beim aufnahmebereiten Publikum wurde es begeistert aufgenommen und bildete somit eine willkommene Bereicherung der 25. Händel-Festspiele in Karlsruhe. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
ProduktionsteamMusikalische LeitungAndreas Spering
Inszenierung
Bühnenbild
Kostüme
Choreographie
Choreinstudierung
Dramaturgie
Solisten
Erode, König
Alceste, Königin
Miriam, Sklavin
Luzifer
Azariel
Ein Priester
Krieger
Kwan-Hee-Choi Jeong-Gil Kim Wolfram Krohn
Tod
Aki Kato Katelijne Philips-Lebon Jean-Marc Lebon Olaf Schmidt
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- Fine -