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Musikfestspiele
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Alcina
(HWV 34)
Text nach Silvio Stampiglia
Musik von Georg Friedrich Händel

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere am 16. Mai 2002
im Deutschen Theater Göttingen
Weitere Aufführungen: 18., 20., 21. Mai 2002


Göttinger Händel Festspiele

Alles fauler Zauber ?

Von Gerhard Menzel / Fotos von Dorothea Heise

ALCINA ist nach Giulio Cesare, Serse und Rodelinda weltweit die meistgespielte Oper Händels. Erstaunlicher Weise gab es zu den diesjährigen Festspielen in Göttingen die erste eigene Inszenierung (1981 wurde sie lediglich als Gastspiel der Landesoper Hannover gezeigt). ALCINA stellt sowohl technisch als auch sängerisch sehr hohe Anforderungen an die Ausführenden, was aber gerade dadurch auch einen besonderen Reiz darstellt. In sofern konnte man noch mehr als sonst auf diese Göttinger Neuproduktion gespannt sein.

Händels Zauber- und Ballettoper erregte seiner Zeit besonderes Aufsehen, da Marie Sallé und ihre französische Ballettkompanie ein wesentlicher Bestandteil dieses neuen Werkes war. Ihr Engagement war der Versuch, gegen die konkurrierende Opera of Nobility neben Chorszenen, Maschineneffekten und Ausstattungspomp eine neue Attraktion zu bieten. Marie Sallé war allerdings in London sehr umstritten. Ihr Auftreten in aufreizend karger Bekleidung und die französische Tanzkultur als solche wurden von vielen als Provokation aufgefasst und führte zu massive Protesten. So reiste Marie Sallé schließlich nach der letzten Alcina-Aufführung nach Frankreich zurück und trat nie wieder in England auf.



Vergrößerung Iain Paton (Oronte), Wilke te Brummelstroete (Ruggiero) und Susanne Rydén (Oberto),

Der Reiz der Göttinger Aufführung lag nun darin, dass Catherine Turocy, die Mitbegründerin und künstlerische Leiterin der New York Baroque Dance Company, die Regie (und Choreographie) der Oper anvertraut war. Leider konnte sie die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen. Die Integration des Balletts in das Stück gelang nur ansatzweise. Es war zwar hübsch anzusehen, blieb aber oft nur dekoratives Beiwerk.

Die Inszenierung von Catherine Turocy wirkte auf einzelne Szenen konzentriert, die auch zum Teil sehr schön gelangen, wobei die offensichtlich angestrebte "historische" Gestik von den Solisten nur vereinzelt umgesetzt wurde. Da hat man in früheren Jahren schon wesentlich "authentischere" Versuche erleben können. Wahrscheinlich war die dazu benötigte Probenzeit einfach nicht vorhanden. Außerdem konnte das wiederum neu zusammengestellte Solistenensemble nicht auf gemeinsam erarbeitete Erfahrungen aus vergangenen Jahren zurückgreifen, wie es das in Göttingen schon einmal gab.

So fehlte es dem gesamten Stück an Stringenz, gerade was die Entwicklung der Figur der Alcina betrifft. Die, die ihre abgelegten Liebhaber in Tiere, Steine und Bäume verwandelte, wird durch die Liebe zu Ruggiero so in ihrem Innersten bewegt, dass sie, zwischen Liebe und Hass hin- und hergerissen, gerade in ihren tiefempfundenen Liebesarien eine in dieser Form bis dahin noch nie erreichte Individualisierung und Metamorphose der Figur ereicht. Die Zeichnung ihres durch ausdrucksstarke Darstellung der Emotionen tatsächlich entstehenden Charakters entwickelt sich von Szene zu Szene, weit entfernt von den anderen Opera-seria typischen schematischen Darstellungsmustern und Affekten. Ihre Verzweiflung und ihr Schmerz erregen am Ende schließlich eher Mitgefühl anstatt Triumph über ihren Untergang. Von alledem ist in der Inszenierung so gut wie nichts zu sehen. Am Ende verschwindet Alcina fast ebenso unbemerkt von der Bühne, wie das kleine "Zauberschloss" am Horizont im Meer versinkt.

Auch eine der bedeutendsten Szenen des Werkes, in der Melisso (als Ruggieros Lehrer Atlante verkleidet) Ruggiero mit Hilfe eines Zauberrings die Scheinwelt Alcinas vorführt und ihn damit von ihrem Bann löst, schien widrigen Umständen zum Opfer gefallen zu sein. Da konnten auch die Beschwörung der Geister der Unterwelt, einige Lichtblitze, etwas Gedonner, ein fliegender Zauberstab und ein lustiger, weißer Riesenaffe nicht viel retten.



Vergrößerung Wilke te Brummelstroete (Ruggiero)

Die sorgsam gestalteten Bühnenbilder von Scott Blake, die Beleuchtung von Pierre Dupouey und die wirklich prunkvollen und exquisiten Kostüme von Bonnie Kruger, die einer barocken Modeschau wert wären, bedeuteten Lichtblicke, die allerdings die Möglichkeiten einer effektvollen Szenengestaltung dieser "Zauberoper" dann dennoch nicht nutzten. Die Szenenwechsel, die schon aus so vielen Göttinger Inszenierungen bekannt waren, wurden noch dadurch "gewöhnlich", dass schwarz gekleidete Bühnenarbeiter, die Versatzstücke herein- und heraustrugen. Selbst für die Verhältnisse, die Händel damals am neu eröffneten und technisch auf der Höhe der Zeit stehenden Opernhauses Covent Garden vorfand, wären diese bühnentechnischen Abläufe wohl als rückständig angesehen worden.



Vergrößerung Yvonne Kenny (Alcina)

Auch die musikalische Interpretation konnte in diesem Jahr den selbst erarbeiteten hohen Ansprüchen nicht genügen. Nicholas McGegan und das Philharmonia Baroque Orchestra (San Francisco), die noch im letzten Jahr mit der fulminanten Partenope auftrumpften, boten ein recht zwiespältiges Ergebnis ihrer Arbeit. Neben schön ausgestalteten Partien wirkten manche Szenen unfertig und zum Teil gehetzt und ohne treffendes Timing.

Der Erfolg einer ALCINA-Produktion ist aber in erster Linie mit der Besetzung der Titelpartie und des Ruggiero verknüpft, da diese beiden Rollen zu Händels musikalisch anspruchsvollsten Partien gehören.



Vergrößerung Yvonne Kenny (Alcina) und Wilke te Brummelstroete (Ruggiero)

So scheute man in Göttingen auch keine Kosten und verpflichtete die hochdotierte Yvonne Kenny als Alcina. Bedauerlicher Weise wurde sie in keiner Weise den Anforderungen der Partie gerecht. Ihr durchsetzungsstarker Sopran mit seiner metallenen Härte passt zwar zu der mächtigen und skrupellosen Zauberin, doch die ständige, sich durch das Stück ziehende Wandlung zur verzweifelt Liebenden und schließlich tragisch endenden Figur konnte sie weder stimmlich noch darstellerisch vollziehen. Was für atemberaubende Portraits einer bis zur Selbstaufgabe Liebenden stellten doch Katharina Warken in der Potsdamer Inszenierung von Paul Stern (die auch zu den Händel-Festspielen in Halle 1999 zu erleben war) und noch vor kurzem Alexandra von der Weth in der Inszenierung von Herbert Wernicke in Düsseldorf/Duisburg und Véronique Gens in der Inszenierung von Christof Loy in Hamburg dar.

Nicht nur in Beziehung auf vokale Farben und darstellerische Präsenz war ihr Wilke te Brummelstroete (in Göttingen 1999 als fabelhafter Teseo in Arianna in Creta gefeiert) als Ruggiero überlegen. Besonders beeindruckend gerieten die Augenblicke der leisen Töne, in denen auch Nicholas McGegan und das Philharmonia Baroque Orchestra zu eindringlichem und gefühlvollem Spiel fanden. Im Gegensatz dazu wirkten die erregten und dramatischen Partien oft nur gehetzt und übermotiviert.



Vergrößerung Ewa Wolak (Bradamante) und Cyndia Sieden (Morgana)

Leidtragende davon war vor allem Ewa Wolak als Bradamante. Noch im März 2002 bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe in dem Händel-Pasticcio Die Plagen von Syen Sverin als fulminanter König Erode zu erleben, kam sie hier nur sehr selten zur vollen Entfaltung ihrer herrlichen, tief samtigen und dunkel timbrierten (dabei keineswegs schwerfälligen) Alt-Stimme.

Auch Cyndia Sieden als Morgana schien einige Zeit zu brauchen, um sich frei entfalten zu können. Doch schließlich knüpfte sie doch noch an ihre fantastische Rodelinda (während der Händel-Festspiele 1996 in Halle im Goethe-Theater Bad Lauchstädt und an ihre sensationelle Königin der Nacht unter John Elliot Gardiner) an.



Vergrößerung Susanne Rydén (Oberto), Andrew Foster-Williams (Melisso) und Ewa Wolak (Bradamante)

Sicherlich dankbar waren die Solisten, die nur mit kleineren Partien betraut waren. So begeisterte in der Partie des Melisso Andrew Foster-Williams mit seinem wohltönenden und gestaltungsfähigen Bassbariton und Iain Paton als Alcinas Diener Oronte war dieser an Ausdruckskraft und Farben weit überlegen. Mit Susanne Rydén ebenfalls prächtig besetzt, war der seinen Vater suchende Oberto. Auch der Opernkammerchor der Hochschule für Musik und Theater Hannover gab bei seinen wenigen Auftritten eine gute Visitenkarte ab.


FAZIT

Mit einer farblosen Alcina und scheinbar zu kurzen Probenzeit war dieses für die Händel-Festspiele in Göttingen 2002 zu wenig.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Nicholas McGegan

Inszenierung
Catherine Turocy

Bühnenbild
Scott Blake

Kostüme
Bonnie Kruger

Beleuchtung
Pierre Dupouey



New York Baroque Dance Company

Philharmonia Baroque Orchestra
(San Francisco)


Solisten

Alcina
Yvonne Kenny

Morgana
Cyndia Sieden

Ruggiero
Wilke te Brummelstroete

Bradamante
Ewa Wolak

Oronte
Iain Paton

Melisso
Andrew Foster-Williams

Oberto
Susanne Rydén


Weitere Informationen
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