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Musikfestspiele
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Rodrigo
Dramma per musica in drei Akten
Nach einem Libretto von Francesco Silvani
Rekonstruierte Fassung von Rainer Heyink
Musik von Georg Friedrich Händel
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere am 9. Juni 2001
im Opernhaus Halle

Eine Gemeinschaftsproduktion des Opernhauses Halle
und der Direktion der Händel-Festspiele Halle


Logo: Opernhaus Halle

Opernhaus Halle
(Homepage)

Tyrannen und starke Frauen
in moderner witziger Inszenierung
von souveränem Orchester geführt

Von Annette van Dyck-Hemming / Fotos von Gert Kiermeyer

Die Aufführung und Inszenierung von Händels Oper Rodrigo war erst denkbar, nachdem Anfang der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts in England endlich eine komplette Fassung des dritten Aktes gefunden wurde. In langwieriger musikwissenschaftlicher Kleinarbeit, die auch die Neukomposition von einigen wenigen Rezitativen umfasste, wurde die Oper nach den neuesten wissenschaftlichen Erkennntnissen rekonstruiert, dann im Opernhaus Halle aufgeführt, und sie wird als wissenschaftliche Neuedition in der Neuen Händel-Gesamtausgabe erscheinen.

Szenenfoto Foto 1: Florinda (Romelia Lichtenstein), Geliebte Rodrigos und Schwester seines Feldherren Giuliano, konfrontiert Rodrigo (Robert Crowe) mit ihrer Schwangerschaft und seinen Versprechungen ihr gegenüber, die er nicht mehr einhalten will.
Szenenfoto
Foto 2: Auf dem Höhepunkt seiner Macht ist Rodrigo, als er den Sieg über die Söhne Vitizzas feiert, den er Giuliano verdankt.
Inhaltlich erscheint Rodrigo als eine Oper der starken Frauencharaktere: dem mit Willkür launenhaft handelnden Charakterschwächling Rodrigo (Robert Crowe) steht die weise Königin Esilena (Janet Williams) zur Seite. Seine Macht verdankt Rodrigo ihren Ratschlägen und wohl auch seinem mit typisch männlich selbstgefälligem Selbstbewußtsein agierenden Feldherrn Giuliano (Kobie van Rensburg). Letzterer unterwirft für Rodrigo die Söhne des Vitizza, darunter Evanco (Lynda Lee), ein alter schmachtender Bewunderer der anderen starken Frau in dieser Oper: Florinda (Romelia Lichtenstein), die Schwester Giulianos. Florinda nämlich ist die Geliebte Rodrigos geworden und sogar schwanger von ihm; sie nimmt Rodrigos Versprechungen ernst und glaubt, sie werde bald an Stelle Esilenas neben Rodrigo auf dem Thron sitzen. - Soweit die Ausgangslage.

Szenenfoto Foto 3: Von Fernando (Alejandro Garri) unterstützt, der Giuliano gefangen nehmen kann, scheint sich Rodrigo Florindas Partei zunächst erwehren zu können.
Kompliziert wird alles, weil Rodrigo Florindas Wut herausfordert, als er ihr klarmacht, dass sie nur eine unter vielen war. Florinda findet sofort in ihrem Bruder Giuliano und ihrem alten Bewunderer Evanco Verbündete. Zwar bleiben seine Frau Esilena und ein Feldherr namens Fernando auf Rodrigos Seite - Fernando kann sogar zeitweise Giuliano gefangen nehmen -, doch Giuliano und Evanco fliehen. Es kommt zur Schlacht, Florindas Leute siegen. Wegen ihrem Kind läßt sich Florinda aber von der persönlichen Rache an Rodrigo abbringen, alles endet in einem typischen lieto fine: Florinda kriegt Evanco und den Thron, Rodrigo dankt ab und bleibt bei Esilena, Giuliano wird Statthalter des Kindes.



Szenenfoto Foto 4: Geschickt mahnt Königin Esilena die Konkurrentin an ihr Kind, als diese eben an Rodrigo Rache nehmen will.
Die Inszenierung (Axel Köhler) war konzeptuell auf Spaß abgestellt. Am überzeugendsten wirkte die Regiearbeit aber, wenn es bei Witz und Ironie blieb. So schienen die überzogenen Heldenposen Giulianos sehr zu seinen überaus kunstvollen Koloraturarien zu passen. Der rythmische Hüftschwung von Kobie van Rensburg verlieh sowohl der Figur wie auch der musikalischen Darbietung Leichtigkeit und "Schmiss". Die Rolle der weisen Königin Esilena wurde an keiner Stelle ins Lächerliche gezogen, sondern ihre charakterlichen Nuancen behutsam mit Kostümwechseln in Szene gesetzt. Dass dies gelang, ist auch vor allem der starken darstellerischen Leistung von Janet Williams zu verdanken. Im wahrsten Sinne kraftvoll erschien auch die schauspielerische Umsetzung der Florinda-Figur durch Romelia Lichtenstein. Die Männerrollen wurden passend klischeehafter gezeichnet: Rodrigo (Robert Crowe) als unreifer Charakterschwächling, Evanco (Lynda Lee) als schwärmerischer, unreflektierter Draufgänger, Fernando (Alejandro Garri) als gesichtsloser Befehlsausführer.

Szenenfoto Foto 5: Florinda sichert in der Schlacht die Rückfront und bringt jeden um, der fliehen will. Manchmal denkt man sogar, sie habe die Feinde 'totgesungen'.
Die Regie zeigte eine glückliche Hand bei der Besetzung und konnte sich jederzeit auf das darstellerische Potential der Akteusen und Akteure verlassen. Einige regietechnische Schwachpunkte wie ein wenig übertriebene Lichtarbeit, die die minimalistisch-großflächigen Bühnenbilder gar nicht nötig hatten, wie die eher kitschig-überflüssige choreographische Einlage zum Thema 'Kampf zwischen Gut und Böse' und wie hin und wieder ein paar Grade 'Spaß' zuviel (dramaturgischer Blödsinn: fleischfressende Pflanzen, die Babies verschlingen; bisschen viel Blut in der Schlacht; merkwürdige Kostüm-Diskrepanzen zwischen Samt/Seide und Fell/Nacktheit) konnten aber den Gesamteindruck, dass hier eine durchdachte sorgfältige Spielleitung am Werk war, nicht verwischen.

Szenenfoto Foto 6: Tyrann Rodrigo, von allen verlassen, übt sich in ängstlichen Ahnungen und Selbstzweifeln.
Musikalisch gab es keine Ausfälle, wenn man sich nicht daran störte, dass die historischen Instrumente eher wie moderne klangen und die Gesangstechnik der Sängerinnen und Sänger auch eher auf heutige Gepflogenheiten zurückgriff. Exotisch anmutend wie immer in Händels Opern: die Männerstimmen in Frauenregistern bzw. die Männerrollen von Frauen gespielt. Letzteres wurde mit pointierter Darstellung und ihrem schönen knabenhaften Sopran von der händel-erfahrenen Lynda Lee in der Rolle des Evanco bewältigt.

Szenenfoto Foto 7: Sie muss ihn wohl wirklich lieben: Esilena berät Rodrigo, rettet sein Leben und verzichtet sogar auf den Thron.
Robert Crowes Männersopran dagegen wirkte zwar sicher, doch schienen seine Parts etwas unter gestalterischer Schwäche zu leiden, besonders wenn man die dynamische Gestaltung betrachtete. Die hohen Töne fielen häufig dynamisch aus dem Rahmen, in den tieferen Registern gelangen Crowe bessere Linien, doch vor allem im Duett mit der absolut interpretationssicheren Janet Williams (wunderschön in der Verbindung von lyrischen und koloraturhaften Passagen: Mio Constanza) fiel seine Schwäche auf, die allerdings irgendwie zu der Figur des launischen Tyrannen passte. Außer Williams, die gegen Schluß etwas abgesungen wirkte, fesselten uns auch Romelia Lichtenstein und Kobie van Rensburg mit ihrer traumwandlerisch sicheren, stimmlich schönen Darbietung. Die etwas enge Stimme von Alejandro Garri fiel dagegen ab, doch wie alle stand er wie ein Fels in der Brandung des hohen Tempos, das Andreas Spering dem abgestimmten und flexiblen Orchester vorgab: so machen Koloraturarien Spaß. Szenenfoto
Foto 8: Die Macht ist wie die Mauern zerbrochen, doch Esilena ist eine treue Seele und tröstet Rodrigo.



FAZIT
Unterhaltsam, durchaus lebensnah inszenierte Geschichte von zwei Frauen und der Macht. Ein Muß für Händelfreunde und ein Höhepunkt der Händel-Festspiele in Halle 2001.

Szenenfoto
Foto 9: Alle Beziehungen geklärt, die Ordnung ist wiederherstellt, wenn auch eine etwas andere als am Anfang. Und wenn sie nicht gestorben sind...

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Andreas Spering

Inszenierung
Axel Köhler

Bühnenbild
Heinz Balthes

Choreographie
Helmut Neumann

Kostüme
José-Manuel Vazquez

Dramaturgie
Susanne Range



Händel-Festspielorchester
des Opernhauses Halle

Statisterie des Opernhauses Halle


Solisten

Rodrigo
Robert Crowe

Esilena
Janet Williams

Florinda
Romelia Lichtenstein

Giuliano
Kobie van Rensburg

Evanco
Lynda Lee

Fernando
Alejandro Garri


Weitere Informationen
erhalten Sie von den Seiten des
Opernhauses Halle
(Homepage)




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