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Programmbuch 1999 "Oper für alle" - "Regen für alle"
Eindrücke von den Münchner Opernfestspielen 1999

Text und Fotos von Gerhard Menzel


München 1999: Nationaltheater

Das diesjährige Münchner Opernfestspielprogramm begann am 27.6.99 mit der Einführungsmatinee zur Festspielpremiere von Verdis Otello (Premiere: 1.7.1999) und ging mit einer Aufführung von Wagners Die Meistersinger von Nürnberg am 31. Juli zu Ende. In dieser Zeit fanden nicht nur zahlreiche Opernaufführungen aus dem grossen Repertoire der Bayerischen Staatsoper statt, sondern auch ein umfangreiches "Beiprogramm" unter dem Motto "Festspiel +". Neben einem Internet-Chat mit Staatsopernintendant Peter Jonas gab es unter anderem Ausstellungen, Filmvorführungen und Konzerte, alles unter dem übergeordeten Thema "Heimat - (n)irgendwo".




München 1999: 'Aida' auf dem Max-Joseph-Platz München 1999: Maria Guleghina als Aida in der Übertragung auf den Max-Joseph-Platz Unter dem Motto "Oper für alle" hatte das Leitungsteam der Festspiele zwei Veranstaltungen bei freiem Eintritt auf dem Max-Joseph-Platz angesetzt: eine audiovisuelle Live-Übertragung auf Gross-Videowand von Verdis Aida aus dem Nationaltheater und ein exclusives Live-Konzert auf der eigens dafür errichteten Bühne vor dem Theater mit Mahlers 2. Sinfonie ("Auferstehungssinfonie"), mit Solisten, Chor und dem Staatsorchester unter der Leitung von Zubin Metha. Staatsintendant Peter Jonas war sichtlich - und zu Recht - stolz auf diese beiden "Volksfest-Veranstaltungen" und dankte der BMW Niederlassung München ausgiebigst dafür, dass deren Führungsspitze diese Veranstaltungen möglich gemacht hatte.

München: Programmheft/Aida

Die Übertragung von Verdis "Erfolgsoper" Aida auf den Max-Joseph-Platz bescherte der - trotz der nicht gerade sommerlichen Wetterbedingungen - fröhlich gestimmten Menge leider keinen künstlerischen Hochgenuss. Etwas Regen zu Beginn der Aufführung und eine insgesamt feuchtkalte Witterung liessen trotz der zum Teil feurigen Musik (musikalische Leitung: Zubin Metah) keine Hochstimmung aufkommen.

Für diese sorgte allerdings -jedenfalls kurzzeitig - Maria Guleghina als Aida. Ihre Szenen bildeten, sowohl sängerisch als auch darstellerisch, die uneingeschränkten Höhepunkte des Abends.

Bis auf den völlig "fehlbesetzten" Radamis mit Giuseppe Giacomini (der seine Glanzzeiten schon lange hinter sich zu haben scheint) liessen Dolora Zajick (Amneris) und Paata Burchuladze zumindest mächtige Stimmen ertönen. Einzig Franz Grundheber als Aidas mitfühlender und -leidender Vater und König von Äthiopien (Amonasro) vermochte es noch, einer immensen sängerischen Komponente, auch noch eine gestalterische hinzuzufügen. Ihm gelang damit ein ausserordentlich bewegendes Rollenportrait.

Ausser dem ständigen hin- und hergeschiebe der Kulissenwände war von einer Inszenierung (David Pountney), geschweige denn von einer Personenführung, nichts (mehr?) zu sehen (Premiere: 19.1.1996).

Die Übertragungstechnik im Theater und auf dem Platz tat dagegen ihr äusserstes, die Tonqualität der Musik, die über zwei riesige Lautsprechertürme den Platz erreichte, so gut es ging zu optimieren (akustische Probleme wird es halt immer bei solchen Freiluftveranstaltungen geben).

Im Anschluss an die Aufführung bereitete das Publikum auf dem Max-Joseph-Platz den Künstlern, die sich nach ihren "Vorhängen" im Theater auch dem "Platzpublikum" unter dem nochmaligen Schmettern der "originalen" Aida-Trompeten zeigten, einen stürmischen Abgang.



Nach der "Oper für alle" gab es am folgenden Tag "Regen für alle", so der abschliessende Kommentar von Zubin Mehta nach einer unvergesslichen 2. Sinonie von Gustav Mahler.

Bei diesem Live-Konzert auf dem Max-Joseph-Platz mit technischer Verstärkung über die Lautsprechertürme war es klar, dass dieses keine klanglich herausragende Interpretation von Mahlers "Auferstehungssinfonie" werden würde. Trotzdem taten Zubin Mehta und alle beteiligten Musiker, Amanda Roocroft (Sopran), Michelle DeYoung (Alt), der Chor der Bayerischen Staatsoper und das Bayerische Staatsorchester alles, um diese Aufführung zu einem Erlebnis werden zu lassen. Das tat das Wetter allerdings auch: nachdem die ersten vier Sätzen der Sinfonie verklungen waren, öffnete der Himmel über München seine Pforten und wollte anscheinend alle sich im freien befindlichen Lebewesen hinwegschwemmen. Solche "Sturzbäche" vom Himmel erlebt man wirklich nicht alle Tage.

München 1999: Mahlers 2. Sinfonie auf dem Max-Joseph-Platz München 1999: 'Regen für alle' auf dem Max-Joseph-Platz Bedauernswerter Weise war das Dach der Bühne vorne nicht gross genug, und so mussten die Violinen so schnell es ging ein trockenes Plätzchen aufsuchen. Nach einer ersten Unterbrechung von 45 Minuten wurde der Versuch, die Sinfonie zu Ende zu bringen, erneut von einer 15 Minütigen Schauerpause unterbrochen. Dem Staatsintendanten gelang es aber mit vereinter Hilfe zahlreicher Beschirmter, die Streicherfront vor dem feuchten Nass zu schützen und allen widrigen Umständen zum Trotz, das triumphale Schlussfinale der "Auferstehungssinfonie" doch noch erklingen zu lassen (Foto links).

Das standhaft dem Wetter trotzende Publikum feierte die unverzagten Musiker mit wohlverdienten Ovationen. Peter Jonas und Zubin Mehta verabschiedeten sich mit der Zusage, dass es trotz dieser nassen Erfahrungen, im kommenden Jahr wieder Regen, pardon, "Oper für alle" geben werde. Zurück blieb ein völlig verwässerter Max-Joseph-Platz (Foto rechts).



München: Programmheft/Katja Kabanova

Im Gegensatz zur Aida aus dem Jahre 1996 wirkte Janáceks Katja Kabanova - ebenfalls eine Inszenierung von David Pountney (Premiere: 5.3.1999) - wesentlich frischer. Das aufwendige Bühnenbild von Stefanos Lazaridis, der übrigens auch das Bühnenbild zur diesjährigen Neuinszenierung des Lohengrin in Bayreuth schuf, die Kostüme von Marie-Jeanne Lecca und die Beleuchtung von Davy Cunningham sorgten für eine starke und bunte optische Komponente der Inszenierung, ohne allerdings den Aufwand für die Darstellung der Handlung wirklich rechtfertigen zu können.

Im Zentrum des Dramas stand (natürlich) die kongeniale Catherine Malfitano als Katerina. Ihre Persönlichkeit und Ausdruckskraft fesselte vor allem zum Ende hin und liess damit Janáceks Drama zu einem erschütternden Erlebnis werden.

Neben ihr hatten es die übrigen Protagonisten nicht einfach, sich zu profilieren. Neben Peter Straka als Boris gelang das vor allem noch dem sypmatischen Paar Nadja Michael (Varvara) und Raymond Very (Vanja Kudrjasch).

Paul Daniel holte zwar nicht das Äusserste aus Janaceks phantastischen Partitur, aber das Staatsorchester brachte die unzähligen Farben der Musik trotzdem zum leuchten.



München: Programmheft/Titus

Ganz anders konzipiert ist dagegen Mozarts Titus in der Inszenierung von Martin Duncan (Premiere: 29.5.1999). Praktisch auf leerer, schwarzer Bühne, die Personen in - ebenfalls schwarze - "Einheitstogas" gewandet und nur mit einigen Requisiten (Bühne, Kostüme und Bildregie: Ultz, Licht: Stan Pressner) wird hier auf - fast alles - "dekoratives" verzichtet. Einzig die Personen - und dabei vor allem die Gesichter - stehen im Mittelpunkt der Inszenierung.

Diese heftig umstrittene Produktion verlegt die Handlung zum grössten Teil auf eine riesige Leinwand, die das dominierende szenische Objekt der Bühne darstellt. Von zahlreichen (schwarz getarnten) Kameramännern werden so die Gesichter der Akteure nicht nur ins überdimensionale projeziert, sondern auch optische "Zutaten" mit in das Geschehen eingebunden (z.B. wird oft der letzte gesungene Ton einer Person als Standbild eingefroren und ragt so "drohend" über der folgenden Szene, an dem die betreffende Person schon gar nicht mehr anwesend ist).

Unumstritten war der musikalische Teil dieser Produktion. Unter der zupackenden Leitung von Ivor Bolton schaffte das Bayerisches Staatsorchester die instrumentale Grundlage für einen sängerischen Ohrenschmaus. Philip Langridge in der Titelpartie wurde "umrahmt" von einem vorzüglichen Ensemble: Hillevi Martinpelto (Vitellia), Rebecca Evans (Servilia), Katarina Karnéus (Annio) und Maurizio Muraro (Publio). Der eigentliche "Star" des Abends aber war Vesselina Kasarova in der Partie des Sesto. Mit ihrer technisch perfekten und unglaublich flexiblen Stimme kann sie durch verschiedenste klanglichen Nuancen wohl alle nur erdenklichen Gefühle zum Ausdruck bringen. Da sie auch über vorzügliche gestalterische bzw. darstellerische Fähigkeiten verfügt - in diesem Falle konnte man für die Leinwandprojektion dankbar sein - ist sie in der Tat eine der besten Sängerdarstellerinnen unserer Zeit!



München: Programmheft/Simone Boccanegra

Die älteste von mir besuchte Produktion während der Festspiele war Verdis Simone Boccanegra (Premiere: 30.4.1995, Inszenierung Tim Albery). In den grossen, kunstvoll absrakten Räumen (Bühne: Hildegard Bechtler, Kostüme: Nicky Gillibrand, Licht: Peter Mumford) dominierte vor allem Franz Grundheber als grandioser Simone Boccanegra. Aber auch die übrigen Protagonisten - Miriam Gauci (Maria Boccanegra), Dennis O'Neill (Gabriele Adorno), Roberto Scandiuzzi (Jacpop Fiesco) und Alan Opie (Paolo Albani) - sorgten mit hervorragenden - vorwiegend sängerischen - Leistungen für ein hohes musikalisches Niveau.

Der temperamentvolle Dirigent Fabio Luisi liess nicht nur das Bayerisches Staatsorchester in klanglicher Hochform aufspielen, sondern hatte auch die zahlreichen Chormassen (Einstudierung: Eduard Asimont) vorzüglich im Griff.

So dominierte auch bei dieser Aufführung eindeutig die Musik, was natürlich mit der gesamten Konzeption der Festspiele zu tun hat. Neben zahlreichen Sängerpersönlichkeiten war aber vor allem das ausserordentlich strapazierte Bayerisches Staatsorchester der "Star" der Festspiele. Es gehört in der Tat zu den besten Orchestern der Welt!



Da capo al Fine

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