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Festspiele
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Programmbuch 1999

Bayreuther Festspiele 1999

Die Wiederaufnahmen


Bayreuther Festspiele (II) 1. August 1999

Foto: Bayreuth /'Der fliegende Holländer' 3. Aufzug
Der "Matrosenchor" mit Frauen
Foto: © Bayreuther Festspiele GmbH

Nach seiner Wiederaufnahme im vergangenen Jahr wurde Der Holländer in der Inszenierung von Dieter Dorn dieses Jahr noch ein letztes Mal auf den Festspielplan gesetzt, und er präsentierte sich als vorzüglich einstudierte Produktion von höchster musikalischer Qualität.

In seiner Inszenierung setzt Dorn auf einfache, klare Formen und läßt diese von Bühnenbildner Jürgen Rose in leuchtenden Farben vor dem Bühnenschwarz gestalten. Die Farben bezeichnen dabei die verschiedenen Sphären der Fabel: gelb ist das Haus des Dalands, das Schiff des Holländers erscheint in rot, Daland mit seiner Mannschaft, sein Schiff und der Hafen sind von blauer Farbe. Die Bühne bleibt die ganze Zeit über beweglich, ja regelrecht aktiv, das schlichte gelbe Haus beispielsweise dreht sich schwebend um sich selbst vor dunklem, sternenübersäten Himmel. Dorn entwickelte hier im wahrsten Sinne des Wortes eine Erzähl-Technik, die recht ansprechend und kurzweilig gemacht ist, sich einer besonderen eigenen Deutung jedoch enthält, denn die Figuren bleiben bei ihm schablonenhaft charakterisiert. Gezeigt wird eine konventionelle Personenführung, die Gesten der Solisten sowie des Chores sind bieder-burlesk und dürfen wohl als Standardformeln einer Holländeraufführung gelten. Das ist etwas überraschend in Verbindung mit dem um moderne, klare Formensprache bemühten Bühnenbild. Die Ausführung dieser Personendarstellung zeigt sich allerdings aufs beste eingespielt, mit perfektem Timing und absolut sicheren Auftritten können die Mitwirkenden aufwarten.

Durchaus beeindruckend ist die Sängerleistung, die in diesem Holländer geboten wird. Alan Titus glänzte wie schon im letzten Jahr in der Titelpartie mit kraftvollem, sicherem Gesang bei würdiger Bühnenpräsenz. Torsten Kerl konnte der Partie des Steuermanns viel abgewinnen mit seiner gut gebündelten Stimme. Mit wohlgeführtem Tenor fügte sich Jorma Silvasti als Erik erstmals in diesem Jahr sehr gut in das Ensemble ein. Abgerundet wurde die ausgezeichnete Männerriege durch Hans Sotin, der wiederum als Daland überzeugte und mit Freude seine Rolle gestaltete. Cheryl Studer als Senta setzte in ihrer Arie direkt mit großer Stimmkraft ein, zeigte aber auch Schwächen bei den leisen Tönen und der Intonation einer bestimmten sich leider wiederholenden Sequenz. Doch waren diese Unstimmigkeiten bald überwunden, und Studer konnte im weiteren Verlauf der Vorstellung ihr enormes Stimmpotential gerade auch durch glänzende Töne in der hohen Lage unter Beweis stellen. Auch Marga Schiml als Mary überzeugte und rundete das hervorragende Sängerensemble ab. Ein besonderes Lob verdienen unbedingt der von Norbert Balatsch geleitete Chor und Sonderchor, sie ließen gemeinsam allerfeinste Klangkraft hören.

Wird der Holländer in Bayreuth traditionsgemäß ohne Unterbrechung durchgespielt, so gab dies vor allem dem Orchester unter der Leitung von Peter Schneider die Gelegenheit, die ganze Oper aus einem Guß, aus einem Atem sozusagen zu entwickeln. Vom glänzenden Vorspiel an bis zum letzten Klang des Werkes wurde spannungsreiches, punktgenaues Spiel geboten, von Schneider mit temperamentvollem Zug geführt. Durch die hohe Leistung aller beteiligten Musiker gelang mit der Vorstellung ein hochkarätiges musikalisches Ereignis.


Bayreuther Festspiele (II) 2. August 1999

Foto: Bayreuth /'Die Meistersinger von Nürnberg' 3. Aufzug
Die Festwiese
Foto: © Bayreuther Festspiele GmbH

Hinter der musikalisch exzellenten Aufführung des Holländers blieben Die Meistersinger etwas zurück. Die bereits bekannte Inszenierung von Wolfgang Wagner präsentierte sich allerdings ebenfalls bestens einstudiert. Sie zeigt vor stilisierten, den Hintergrund der Bühne füllenden Lichtbildern eine leicht reduzierte Bühnensprache, läßt jedoch nur wenig Bewegung auf der Bühne zu.

Insgesamt gab es ein verläßliches, solides Sängerteam zu hören, anzumerken wäre allerdings, daß die Textverständlichkeit nicht zufriedenstellen konnte. Robert Holl bot als Hans Sachs sehr bedachten, wohlgestalteten Gesang, es fehlte ihm für die Festwiese aber entscheidend an Durchhaltevermögen. Auch Matthias Hölle als Pogner wirkte etwas angestrengt. Herausragend aus dem Ensemble war Andreas Schmidt als Beckmesser, der mit beweglicher Stimme seine Partie brillant entfaltete und die von der Regie vorgegebenen Personengestaltung lebendig umzusetzen wußte. Die Frauenstimmen, Emily Magee als Eva und Birgitta Svenden als Magdalene erklangen gut und verläßlich, ebenso Endrik Wottrich als Lehrbube David. Gemeinsam mit Robert Dean Smith als Stolzing entwickelte sich ein schönes Quintett in Sachsens Haus. Dean Smith verfügt als Stolzing über den gewünschten wohltönenden tenoralen Klang und eine fließende Tonführung. Im dritten Akt waren dem Potential seiner vergleichsweise kleinen Stimme aber doch Grenzen gesetzt.

Außergewöhnliche Klangpracht, vor allem auf der Festwiese, bewiesen wiederum der von Norbert Balatsch in diesem Jahr zum letzten Mal geleitete Chor und Sonderchor. Das Orchester begann sein Spiel voller Energie. Die Partitur wurde unter der Führung von Daniel Barenboim genau und klar entwickelt, nicht immer konnte aber der Spannungsbogen auf gleichem hohen Niveau gehalten werden. Zusammenfassend läßt sich daher sagen, daß Die Meistersinger in diesem Jahr wiederum eine solide aber nicht immer mitreißende Aufführung erlebten.

(Meike Nordmeyer)



Bayreuther Festspiele (II) 3. August 1999

Foto: Bayreuth /'Parsifal' 1. Aufzug
Parsifal demonstriert vor den empörten Gralsrittern seine Schießkünste.
Foto: © Bayreuther Festspiele GmbH

Der Parsifal konnte - zumindest in der II. Aufführung - die hohe musikalische Qualität aus dem Vorjahr leider nicht ganz erreichen. Für Poul Elming als Parsifal wird es hörbar schwieriger, den "neuen (Tenor-)Helden" - z.B. Roland Wagenführer (z.Z. Lohengrin) und Robert Dean Smith (z.Z. Walther von Stolzing) - Paroli zu bieten. Sein rauhes Timbre macht er allerdings durch seine optische Ideentifikation mit der Rolle wieder wett. Auch die Blumenmädchen waren dieses Jahr (stimmlich) nicht merklich verführerischer als im Vorjahr, aber Violeta Urmana gelang als Kundry ein vielversprechender Einstieg. Ihre ausdrucksvolle Stimme ist sicher geführt und hat eine breitgefächerte Palette an klanglichen Farben.

Ebenfalls "neu" besetzt war der Klingsor mit dem energiegeladenen Günter von Kannen und der Amfortas mit Andreas Schmidt, der mit einer der schönsten Baritonstimmen gesegnet ist (im Wechsel mit Falk Struckmann).

Zuverlässig - und immer alle Wege wert - präsentierten sich wieder die vorzüglich von Norbert Balatsch einstudierten Festspielchöre, deren Klangpracht und differenziertes Musizieren ihre Einzigartigkeit immer wieder bestätigen können.

Auch Hans Sotin als Gurnemanz, die zahlreichen kleineren Partien und das Festspielorchester unter der - leider nicht durchgehend den großen Spannungsbogen haltenden - musikalischen Leitung von Giuseppe Sinopoli wurden den hohen Ansprüchen durchaus gerecht.




Bayreuther Festspiele (II) 4. August 1999

Foto: Bayreuth /'Tristan und Isolde' 1. Aufzug
Bei der Ankunft in Cornwall liegen sich Tristan und Isolde in den Armen, während im Hintergrund schon der Schatten von König Marke sichtbar wird.
Foto: © Bayreuther Festspiele GmbH

Die definitiv letzte Wiederbegegnung mit Tristan und Isolde in der ursprünglich kompromißlosen, ästhetisch ungeheuer packenden Inszenierung von Heiner Müller, der 1995 verstarb, hinterließ leider einen sehr zweifelhaften Eindruck. Während Daniel Barenboim mit dem fabelhaft aufspielenden Festspielorchester zu fast unerreichbaren Höhen gelangte, denen Waltraud Meier als Isolde und Falk Struckmann als Kurwenal mit allen Kräften folgte, zerfiel der optische Teil der Produktion in völlig divergierende Extreme.

Die unverändert atmosphärischen und durch seine Konzentration auf rechteckige Räume und Lichtprojektionen - phantastisch realisiert durch die Beleuchtungskünste von Manfred Voss und seinem Team - gestalteten Bühnenräume von Erich Wonder und die stilisierten, vozüglich charakterisierenden Kostüme von Yohji Yamamoto bestimmen noch immer das Aussehen der ursprünglichen Konzeption Heiner Müllers. Die Personenführung, seit Müllers Tod durch Stephan Suschke betreut, bricht dagegen völlig daraus aus! Hatten sich Tristan und Isolde im Premierenjahr 1993 nicht ein einziges Mal berührt, liegen sie sich jetzt schon unmittelbar nach der Einnahme des Trankes im 1. Aufzug in den Armen, was in diesen Räumen - zumindest wenn man das "Original" von Heiner Müller aus dem Jahr 1993 kennt - völlig absurd, befremdend und widersinnig wirkt. Die ungemeine Spannung zwischen den Beiden wird so schon gleich am Anfang des Stückes zerstört. Das Konzept ist hin, und was übrigbleibt, paßt einfach nicht mehr zusammen. Ein Armutszeugnis von künstlerischer Kompetenz an einer der konsequentesten, ästhetischsten und spannungsvollsten Produktionen, die Bayreuth wohl je erleben durfte!

Tapfer, aber mit seinen stimmlichen Mitteln hörbar kämpfend, schlug sich Siegfried Jerusalem durch die Partie des Tristan. Dank seiner Routine und seinen darstellerischen Fähigkeiten blieb ein Debakel, wie in der letztjährigen Kölner Premiere von Tristan und Isolde glücklicherweise aus.

Die übrigen Partien waren immerhin so besetzt, daß der musikalische "Höhenflug" Daniel Barenboims mit dem Festspielorchester alles andere überstrahlte und der Partitur nichts schuldig blieb. Das Publikum feierte Barenboim, Waltraud Meier, Falk Struckmann und auch (noch) Siegfried Jerusalem zu Recht!

(Gerhard Menzel)


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